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Jüdische Rundschau · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · p. Seite 22

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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Seite 22 Nr. 3 ״Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur“ י Von Mci'r b c n EI i c s c r, München. HI. (Schluß.) Wenn heute ein Philologe Prulegomcna zu einer ״(jeschichte der jüdischen Nationalliicratur“ schriebe und die Frage der bei Abfassung dieser Geschichte anzuwendenden Methode aufwürfe, so zweifle ich nicht, daß er alle Literaturwerke, die in irgendeiner Sprache von Juden verfallt wurden, mehr oder weniger in den Hereich seiner Behandlung ziehen würde, Sicherlich würde er mit der Literatur der Bibel, der Misclma und des Talmuds beginnen und von da an alle Länder, in denen Juden gewohnt und alle Sprachen, deren •sich Juden bedient haben, absuchen, um für seine Zwecke Material zu sammeln, das er dann nach irgendwelchen, am besten wohl historiseh-geographischen Gesichtspunkten ordnen und gruppieren würde. Ich zweifle auch nicht, dal) seine Ernte, wenn nicht reich, so doch mannigfaltig und interessant sein w'ürde. Er konnte vor allem das Vorurteil gegen unsere sogenannte religiöse Literatur, dem übrigens auch Goldstein gänzlich zum Opfer gefallen ist, vernichtcn, indem er durch ein durchschlagendes Tatsaeheniuaterial bewiese, daß unter der Flagge Religion im Altertum und Mittelalter manches Scliifflein gesegelt ist, das man heute nichts weniger als zur Religion rechnen würde. Die Erkenntnis, zu der wir allmählich in bezug auf die profanen Einschläge der Bibel gelangt sind, würde wahrscheinlich in einem gewissen Maße auch hinsichtlich der gesamten rabhinisehen Literatur Platz greifen. Kurz mul gut: eine Geschichte der jüdischen Natioualliieratur, die natürlieh das Profane in den Vordergrund rücken (nullte (und dadurch etwas anderes darslellen wurde als die Geschichte der jüdischen Literatur von Gustav Karpeles), wäre von unabsehbarem Wert. Aber in unserem Falle handelt es sich nicht um die Prolegonieiia zu einem litcraturgcschichtliclien Werk und daher kommen solche vom Standpunkt philologischer Methode freilich unangreifbaren Ueberlegungen von vornherein nicht in Betracht. Für uns ist die Frage nach einer jüdischen Nalionailiteratur kein objektives, sondern unser persönlichstes Leben betreffendes Problem und wir müssen endlich einsehen, daß 1ms aus dem Morast, in den wir geraten sind, keine Philo• logie der Welt reiten kann. Von den drei großen Sprachgruppcn, die in unserer Gegenwart unbedingt als ,,jüdisch“ anerkannt werden müssen, scheidet bei einer Frage nach dem Verhältnis der abendländischen Judenbeit zu ihnen die Sprache, welche die Nachkommen tler ״spanischen Juden“ noch heute als ihre und nur ihre Mutterspräche sprechen, das Spagniolischc, beinahe aus. Weder sind bedeutende spagniolischc Literaturwerkc bekannt geworden, noch auch machen die Träger dieser Sprache selbst irgendwelchen Anspruch auf Anerkennung ihres Dialekts als jüdische Nationalspräche. Es herrscht dort die UubewuUtheit des Sprechens, wie mau si<• noch vor 100 Jahren auch im ״jüdisch-deutschen“ Sprachgebiet antreffen konnte. Es ist jedoch nicht völlig ausgeschlossen, daß auch im spagniolischen Sprachgebiet eines Tages, ahnlieh wie in Rußland und Galizien schon heute, eine Bewegung für das Spagniolischc und seine Literatur einsetzen wird. Aber jedenfalls wird diese Bewegung nicht so Bedeutendes hervorbringen, wie die jüdisch JUEDISCHE RUNDSCHAU deutsche Schule Osteuropas, da bei der Verhältnismäßig kleinen Zahl der Spagniolcn und ihrer vornussichllidi hebräisch - palästinensischen Nachbarschaff die Aussichten nicht besonders günstig sind. Für die Innigkeit unseres Verhältnisses zu einer jiidisehen Sprache aber kann nur die Bedeutung der in ihr iiieilcrgclcgtcn Literatur und ihre Zukunftsmögliehkciten maßgebend sein. Die Nichtigkeit dieser These kann durch nichts deutlicher demonstriert werden als .durch unser Verhältnis /.um Jüdisch-Deutschen. An sich ein uns zwar zum größten Teil sofort verständlicher, aber trotzdem beim ersten Hören und Lesen ästhetisch fremdartig berührender Dialekt, hat sich das Jiddisclie durch die (Qualitäten seiner jungen Literatur ein Ansehen verschafft, über das noch unsere Groß- Väter ließ aufgelaeht hätten. Fleute dringt in die weitesten Kreise der westeuropäischen Natioiialjuden die Erkenntnis: die jüdische Literatur und Sprache ehren, heißt uns selbst ehren; denn sie ist Bein von unscrcMi Beine. Das Jiddische läßt uns tiefere Einblicke in die Seele eines grollen Teils unseres Volkes tim als gelehrte Aufsätze mul Bücher. Und sollte die Zeit kommen, wo auf irgendeinem Fleckchen nichteuropiiiseher Erde sieh Juden ansiedeltcn, um nach dem Vorbild des hebräisch-palästinensischen Ideals ein jiildiseli-xisclies Gemeinwesen zu gründen, so wäie damit die Zukunft des Jiddischen und seiner Literatur so gut gesichert, wie die des Hebräischen und seiner Literatur, während wir an ein mutterlandsloses Fortbestehen des Jargonismus auf Grund der gleichen unwiderleglichen Verfallserscheinungen, die wir gegenwärtig auch am ilebraisimis der Diaspora beobachten, nicht glauben können. Das eben ist schließlich die Haupt- und Kernfrage: ob einer jüdischen Sprache die Zukunft ihrer lebendigen Existenz gesichert ist oder nicht. Die Jargonisten erklären das Jiddische für die jüdiseiie Volkssprache und gestehen dem I lebräischen den Wert einer Literaturspraelie für die Intelligenz zu. Für sic ist das Lehen der hebräischen Sprache eine historische Kuriosität, mit der man sich irgendwie abfinden muß. Umgekehrt haben sieb manche Hebraisten durch da• grundsätzliche Verachtung der jiddischen Sprache, die sie als ״Magd“ bezeielineten, eine starke liebertreibung zuschulden kommen lassen. Jedenfalls ist gegenwärtig an eine Verständigung beider Riclitungen nicht zu denken, und das beste, was zurzeit erreicht werden kann, ist eine gegenseitige halb ignoriereude, halb verbitterte Toleranz. Dieser Kampf, der hauptsächlich tlas jüdisch-deutsche Sprachgebiet zum Schauplatz hat, wo ihm in der Tat eine gewisse praktische Hedeutiing zukommt, ist für uns West• etiropäer belanglos. Soweit wir Zionisten sind, werden wir Vorkämpfer für die Verbreitung der hebräischen Sprache sein und je gebildetere Zionisten wir sind, desto mehr wird für uns der Grundsatz gelten, daß nichts Jüdisches unserem Herzen fremd sein darf. Ich fasse zusammen: unsere berechtigte Liebe und Vorliebe für die hebräische Sprache darf unseren jüdischen Horizont nicht verkleinern. Solange das Jiddische ein so bedeutender Faktor im Leben der jüdischen Masse ist wie bisher lind in dieser Zeit, )iahen wir kein Recht, es mehr oder weniger zu ignorisieren. Im Gegenteil sollten wir überall da, wo das Jiddische mul seine Literatur sich in einem wenn auch aussichtslosen Konkurrenzkampf mit niehtjüdischeii Sprachen befindet, für es cintrctcn und im allgemeinen für die Verbreitung seiner Kulturwerte, die unsere jüdische Seele bereichern, Sorge! tragen. Die f rage, ob wir int Westen außer diese! j Intercssebckiindung und diesen mehr forinal-propa• 1 gaullistischen Beziehungen noch innere Anknüpfung«»• j punkte zum Jargonismus haben können, besonders] ob sieh die westeuropäischen Schriftsteller in den jiddischen Litcratur/usammenhang direkt einstellen können, muß für die nächste Zukunft unbeantwortet bleiben. Nach meiner Meinung wird dies davon abhängen, ob es einstmals ein jiddisches Mutterland gehen wird oder nicht. Was für das Jiddische noch eine offene Frage ist, das ist, wenn nicht alles trügt, für das tlebräiselie keine Frage mehr. Das Hebräische ist diejenige jadischc Sprache, 111 der unsere bedeutendsten nationalen Literaturwerkc niedergelegt sind. Sie hat nie aufgehört, die Sprache des historischen Judentums zu sein, ln der Gegenwart ist sie eine lebendige Sprache im Munde derer, auf die es ankommt, d. 11 der einzigen, die das Fortbestehen eines jüdischen Volke! und damit einer jüdischen Literatur garantieren: der Juden Palästinas, Diese beiden Vollkommenheiten, welche die hebräische Sprache auszeidmen: der unstreitig hohe Kultnrwert ihrer Literatur und ihr I ebendigsein auf dem Boden, auf dem in Zukunft die Schicksale unseres Volkes entschieden werden, niacficn sie unserem I lerzen so unendlich liebenswert. Wer heute über die Frage, was uns Ju ten der Diaspora die hebräische Sprache ist oiei sein kann, irgend etwas Sachliches sagen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich mit den von . Achail-Iu Am schon vor ungefähr '25 Jahren veröffentlichten prophetischcn Hochsprachen auseinander/usetzen. Achadha-Am, der sich durch die Klarheit seines durch• dringenden Verstandes ebenso viele glühende Verelircr wie abgesagte Feinde erworben hat, entwarf damals ein an Wahrheit und Durchführbarkeit geradezu unübertreffliches Bild der Rückwirkung des zukünftigen hebräisch-palästinensischen (ietneinWesens auf die Judenheit des gesamten Erdballs, Er verspricht sich als Wirkung einer kräftigen jüdischen Kultur in Palästina eine allmähliche Regeneration des seinem Verfall entgcgciigehendcii Judentums der Diaspora. Diese Aehad-ha-Ainistische Idee ist seitdem zum Gemeingut der offiziell-zionistischen Gedaukengünge geworden. Sie setzt einerseits bereits den vollständigen Verfall einer originellen Goluskulfur voraus und sieht andererseits in Palästina den Lichlhcrd jüdischen Lebens, dessen Ausstrahlungen die Judenheit der ganzen Erde zu neuem Leben erwecken sollen. Nim ist klar, daß wir heute diesen Zeitpunkt noch nicht erreicht haben. Noch ist Palästina erst in den Anfängen, jenes Kulturzentrum zu werden, das Achad-ha-Am vor seinem geistigen Auge erstehen sah, und es gibt auch noch eine von Palästina gänzlich unabhängige, in sich selbst ruhende Goluskuliur. Aber ein großer Teil der osteuropäischen Kulturbestrebungen stellen bereits unter der Suggestion eines dcrcinstigcn jüdischen Mutterlandes, welches allein einer jüdischen Kultur den inneren Halt und die Hoffnung auf Unsterblichkeit zu geben vermag. Und so ist das Unglaubliche zur Wirklichkeit geworden: der Hoffnungsstrahl der Erlösung hat einen Teil der Wirkungen ausgeübt, die man nur von einer w i r k I i e 11 e 11 Erlösung hätte er* warten dürfen! Die meisten der zeitgenössischen hebräischen Dichter und Schriftsteller schöpfen die ungeheure Energie ihres Schaffens ausschließlich an der (Quelle dieser Unsterblielikcitshoffnung, und Abraham Neummann Ausstellung bei Keller & Reiner Das rege Interesse, das das ״jüdische Berlin“ augenblicklich allem, was jüdisch ist, entgegenbringt, veranlaßt mich heute, folgende Zeilen zu schreiben. Ich will mich hier nicht über die Frage ausiassvn, ob wir überhaupt eine jüdische Kunst haben. Das hätte gar keinen Zweck. Ich will ganz einfach die jüdischen Leser auf etwas aufmerksam machen, was ihnen wahrscheinlich nicht bekannt ist. Ich meine die Kollektiv-Ausstellung bei Keller und Reiner von Abraham Neuinaim, dessen Namen wohl auch dem deutschen Publikum geläufig ist. Die Abbildungen, die man da und dort schon gesehen hat, erinnern au das'gesunde Schaffen des Meisters. Um einen Künstler kennen zu lernen, um über ihn urteilen zu körnten, muß man unbedingt die Originale von ihm sehen׳, und wir haben in der Tat jetzt Gelegenheit, uns mit dem jüdischen Künstler Abraham Ncnmaitn ver- »־׳aut zu machen. Etwa 40 Arbeiten sind ausgestellt, die für uns einen ganz, besonderen Wert haben. Der Selmeelandscbaftlcr Neuntann stellt sieb uns jetzt auch mit Arbeiten anderen Genres vor. Es ist Sommer, wir sehen Blumen, sehen sonnige Straßen; und darin eme ganz, eigenartige Stimmung. Alle Bilder Neumanns verbreiten Ruhe, weil sie Ruhe in sieb tragen. Die stumme Natur, die er uns schauen läßt, gibt uns Frieden und entrückt uns aus dem Geräusch «cs Tages. Es ist die Natur, besser: das Wesen der rsattir, uie uir uns jiu״ ״״., .... ... tut ... Der Künstler versetzt uns au einen Op wie wir ihn wohl in schweren Tagen suchen, abe nicht finden: Man will oft,' von schwerem, leider vollem Lebe« getrieben, weg in eine stille Wel׳ wo cs keine Menschen gibt, um da allein zu bleibe und still zu sitzen, und schweigend zu warten, hi der Kummer vergeht. Neuntann sucht für uns, will un beruhigen mul findet so einen stillen, stillen Winke Ich stelle mir ihn vor, wie er im kalten, wintei liehen Walde sitzt, beim gefrorenen Teich, mit den selben tiefen Kummer, der uns alle bedrückt, un für uns malt. Er vermeidet die Menschen, fliel vor ihnen; sie stören ihn beim Schaffen und trübe seine Ruhe, Deshalb sind seine Bilder so still, scltwe mutig still wie mir ein Jude es sein kann; und ic erinnere mich des großen russischen Lyrikers Naclsoi der auch ein Jude war, Neumann ist Jude durc und durch, ob er nun eine polnische Lamlscha malt, oder eine japanische Vase — man fülilt's i der Auffassung, in den Farben, in der Kompositio! Irgend etwas tief Verwandtes spricht daraus 1 unserer Seele. Nur allein bleiben! Nur keine Mei sehen! Wenn Böcklin die Stille des Waldes gestalte wi l so setzt er einen Jüngling auf ein geheimni volles Tier, das durch die Stämme schreitet Nei mmni laßt alle Staffage aus seinen Bilder״ fort, ur gibt die reine Natur. Und wie gibt er sie! Meiste liaft nut eindringlicher Kraft, in eigentümlich l> sceltcn Farben - und auf einmal blickt sie uns » wie cm tiefes, ruhiges Auge, — Ich muß an Hirsze; herg denken, der uns auf der Wanderschaft zeigt, mit gebeugtem Rücken, mit gequälten Augen; ein Meister auch er. Aher Neuntann erlöst uns für einen Moment von der Wanderschaft . . . Neuntann malt die Natur an sich: aber es ist jüdisches Gemüt, das in dem kalten Schnee lebt, in dem gefrorenen Teich, in den steifen Zweigen, die zum Himmel ausgestreckt sind, als wollten sie Gott um ״Racltmones" bitten. Und etwas wie Hei- Itmg weht dureli die wunde Seele, wir ahnen den Frieden der Natur, von der wir Juden 80 wenig — viel zu wenig -- wissen . . Ncumann ist der einzige jüdische Maler, der ganz auf dem Lande lebt. Das Mensdieiigctüinmel der Stadt stört ihn beim Schaffen, und er flüchtet sieh in die Stille; bis* weilen verläßt er gar die immer noch zu grobe Erde und gibt in einem stimmungsvollen Bildchen nur Baumwipfel und ziehende Wolken, als wollte er unsere Bitterkeit dem Himmel ausgießen. Ein andermal sieht man weit hingedehntes Land mit keimendem Frühjahrsgetreide, und in der Weite ganz allein zwei blülrnde Bäume. Niemand beachtet sie, und sie blühen loch . . . Plötzlich taucht in der Ferne etwas .Bewegliches auf - die Zauberhafte Stille ist zerrissen — und in diesem Augenblick verschwindet Ncumann und mag flicht mehr malen. Mit einem klaren Strich und weitem Horizont schließt er die Landschaft ab, die uns Juden viel zu sagen hat . . . Da steht tief im Schnee ein einsames Bauern• haus in der Dämmerung, in Schatten gehüllt. Hinter

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