Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 jUEDISCÜE RUNDSCHAU Seite 13 Kampfes «ach außen immerhin begreiflich, vielleicht sogar zu billigen. Aber i n n er 11 a I b u n sc re r Pfähle sollte!! wir wissen und es fühlen, wie wenig Grund wir haben, das Lebenswerk dieser Männer als ein aus unserer Gemeinschaft Herausgeborenes und nur durch sic Verständliches zu betrachten. Wenn wir diese Minner In ihrer europäischen Bedeutung unserer l.heraturgeschichte cinmleibten, würden wir ein gänzlich falsche« und geradezu absiehtlleh gefälschten Bild unseres Geisteslebens erhalten. Ls bliche also nichts anderes über, als auch diese Grollen zu sezieren, sic nach ihrem jüdischen Gehalte umzuwerten und das ״Brauchbare‘' zu konservieren, welche Methode bereits ad absurdum geführt wurde. Wir haben den Kreis der ״Juden wider Willen“ und den der ״Juden als Bekenner“ durchschritten und gelangen zu den ״jüdischen Juden“, denen Goldstein den Dienst des Allcrlicihgstcn zuweist. Ich lasse cs auf sich beruhen, ob Goldsteins aphoristische Defiuitkm des jüdischen Geistes, der sich am Kunstwerk des Nationaldlehters zu offenbaren habe, zu beschränkt sei oder nicht, oh seine Befürwortung der jüdischen Satire Im Zusammenhang der Besprechung eines Progrannns der jüdischen Natioiiallitcratur eine so hedeutende Stelle einnelnnen darf, wie sie ihr liier eingeräumt wird — das alles scheint mir nicht besonders wichtig, und da ich Ocncralisntioncn in solchen Dingen überhaupt vermieden wissen will — ich erblicke in ihnen den Einfluß der Chambcrlainschcn Germauomanic —, so will ich mich aucl! nicht im einzelnen mit diesen Meinungen auscinandersct/.cn. Alle diese Urteile oder besser: Vorurteile sind nur solange gt'ltend, bis einer kommt oder entdeckt wird, der sieli unter diese Formeln nicht bringen läßt. Ich schätze zwar die Goluskunst, liege aber keine Hoffnungen für ihre Zukunft, und dies verhindert mich, eine Literatur, der die Zukunft gehören soll, aus den zufälligen Elementen unserer bisherigen Kunst aufzubauen. Daß übrigens aucl! Goldstein sich mit der Pflege dieses schmalen Zweiges menschlicher Produktion nicht zufrieden gibt, zeigt seine schon erwähnte Forderung, die er als höchste und letzte Aufgäbe einer jüdischen Nationalliteratur ausieht: die Schaffung eines jüdischen Hcldcnideals. Mit Recht verweigert Goldstein hier jede Prophetik über das Aussehen dieses Ideals. Simson, Moses, Jesaias, Juda Makkabi. Josephus, Hillel, Uricl Aeosta, Shvlcck, Her/J: alle diese sind ohne Zweifel jüdische Heldentypen. Aber wer kann Voraussagen, in welcher Mischung der Held der jüdischen Zukunft auftreten wird? Und ob nicht vielleicht noch ungeahnte Höhen und Tiefen in sein Bild angeführt werden können? Und ob es nicht, wie bei anderen Völkern, mehrere und vielleicht sogar entgegengesetzte Hcldcntvpen geben wird? Aber wie dies alles auch werden mag, eines ist mir klar: der Golusjudc ist und bleibt ein Zuschaucrdicscs literarischen Dramas. Voraussetzung für eine jüdische Nationalliteratur — das wird niemand bestreiten — ist die Existenz eines jüdischen Volkes. Das von uoldstein herangezogene Analogon der deutschen klassischen Lite* ratur, die den nationalen Aufschwung vorbereitet haben soll, ist insofern nicht passend, als cs, bevor es eine deutsche Nation gab, doch ein deutsches Volk vorhanden war. Zuerst das Volk, dann seine Dichter, dann die Nation. Zuerst ein Volksleben und daraus die für den Dichter unbedingt notwendige Atmosphäre. Nun sage ich: das Höchste, was die Juden im Golus zu leisten vermögen, ist bereits in Rußland und Galizien geleistet worden oder steht wenigstens unmittelbar vor seiner Erfüllung. Daß das von Goldstein geforderte Heldenideal dort nicht gcschaffen wurde und auch, wenn es echt sein soll, nicht geschaffen werden kann, das ist dem Kenner und Verstelier unserer Golustragödic ein Axiom. Was daraus folgt, ist klar: wenn sclion dort, wo jüdische Massen noch konzentriert beieinander wohnen, wo cs noch, wenigstens in der Gegenwart und in allernächster Zukunft, eine Art jüdischen Volkslebens gibt, das Heißersehnte sich nicht erfüllen konnte und können wird, um wieviel weniger bei uns im Westen, wo der Golus noch viel schrecklicher auf uns lastet, wo wir auf Schritt und Tritt unserem nichtjüdischen Nachbarn zahlen, was des Nachbarn ist. Und so behaupte ich denn: auf das Banner der jüdischen Nationalliteratur zu schreiben: ״Schafft den jüdischen Helden!“, ״Macht den Juden der Historie heroisch!“ und zugleich diese Aufgabe vom Oolusjudcntum direkt erfüllt wissen zu wollen, das ist der Fundamentalirrtum des Goldsteinschen Programms. Ich sage: der Golusjudc muß die Schöpfer einer jüdischen Nationalliteratur auf indirektem Wege erst schaffen, er hat die zum Ziel führende, aber nicht das Ziel bedeutende Aufgabe, eine neue jüdische Welt, ein von den jetzigen Formen gänzlich verschiedenes, von gewalt- *samen äußeren Einflüssen unabhängiges jüdisches volkileben zu schaffen, und in dieser natürhchen Welt, aus diesem freien Volksleben heraus wird es geben, was wir direkt zu scliaffen uns nicht vermesse״! dürfen: den jüdischen Normaldichter und sein Werk: den jüdischen Helden. So kehre ich denn den von Goldstern in seinem Kunstwartartikel ausgcsprochenen Satz geradezu um! es gilt den Juda, nicht der Literatur, sondern des Ltbens ne1׳ zu schaffen. Ich fasse also zusammen: Die von Goldstein zur Sammlung gerufenen toten und lebendigen Kra.'tc werden, soweit sie überhaupt vorhanden sind, nie und nimmer eine jüdische Nationalliteratur schaffen; die*!eiligen Kräfte aber, die sic zu schaffen inistniuk• wären, sind nicht einmal In Oilcunopa, wieviei weniger im Westen vorhanden und können naturgemäß nicht vorhanden sein. Ich will 1111 Folgenden darzustcllcn versuchen, wie ich mir das Verhältnis der westeuropäischen Jtuicnlieft zu den jüdischen Literaturen der Gegenwart, insbesondere zur iR-bräischcn denke, und welches nach meiner Meinung der ״Begriff und das Programm“ des zukünftigen westeuropäischen Dichters der Juden ist. (Schluß folgt.) ¥011 der ApdaMsrael Die jüngste Geschichte der Agndat-Israel zeigt, daß die Recht zu behalten scheinen, die dem Prinzip dieser Vereinigung von vornherein skeptisch gegeniihcrgcMnndcn haben. Die inneren Schwierigkeiten häufen sich immer mehr und es erscheint ausgeschlossen, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten möglich wird. Schon die erste Konferenz, die vor etwa dreivicrtcl Jahren in Kattowitz stattfand, brachte eine reichlich taktlose Attacke des Herrn Rabbiner Dr. Breuer gegen die Misrachisten. Die sich hieran knüpfende Polemik machte es notwendig, daß das Zentralkomitee des Misrachi den Beschluß faßte, daß man die Mitarbeit nicht empfehlen könne, solange nicht offiziell volle Genugtuung gegeben würde. Aber — man glaubte cs kaum — selbst außerhalb des Zionismus ist nicht alles nach den! Wunsche des Frankfurter Rabbiners und des mit ihm liierten Teiles der Ungarn. Und so erfolgt Woche um Woche eine hitzige und höchst unerquickliche Auseinandersetzung zwischen den feindliehen Gesinnungsgenossen. In neuester Zeit scheint der ״Israelit“, das Organ der Agudat, dem unsympathischsten Krachmachcr (es gibt keinen passeneieren Ausdruck) seine Spalten zu verschließen, und so verzapft die Regensburger ,Laubhütte“ seine Angriffe gegen das Komitee. Daraufhin hat in der ״Jüdischen Presse“ ein Anonymus (״Amittai“) die zum Teil recht persönlichen Hetzereien aufgedeckt, die in der ״Agudat“ wir und besonders hinter den Kulissen an der Tagesordnung sind. Diese Zänkereien sind leider das einzige, was sich bisher von der neuen ״Vereinigung“ berichten läßt, so große Mühe sich auch offenbar der Vorstand gibt, das Werk in Gang zu bringen. Die Geschichte der Agudat ist uns deshalb lehrreich, weil sie unsere These bestätigt, daß die religiöse Basis nicht geeignet zum Fundament einer jüdischen Oe- Samtorganisation ist. Gegenseitiges Mißtrauen und Verketzerungen sind die notwendigen Folgen des Irrtums in der Idee der Agudat Israel. Ebi. Ein Brief Dr. Max Nordaus an die ״Times“ Unser hervorragender Gesinnungsgenosse Dr. Max No rd au in Paris hat ein ausführliches Schreiben an die ״Times“ gerichtet, das diese in ihrer Ausgabe vom 30. Dezember v. J. brachten. Herr Dr. Nordau äußert ] sich in sehr bemerkenswerten Ausführungen über die Bedeutung der Regelung der Balkanfrage für die Juden. | Er spricht die Hoffnung aus, daß sie bei der Neuord- , nung der Verhältnisse in ihren Rechten nicht gekürzt werden und nicht das Schicksal der rumänischen Juden erleiden. Die Beratungen der Botschafterkonferenz) würden Gegenstände berühren, die auch für die Juden von höchstem Interesse sind, so z. B. das Schicksal Salonikis. Dr. Nordau geht dann auf die Lage der Türkei im allgemeinen ein und behandelt die Bedeutung des jüdischen Elements für die Entwicklung des türkischen Reiches,' Er legt die Absichten der zionistischen Bewegung dar und weist die Verdächtigung zurück, daß der Zionismus irgendeiner bestimmten Macht dienstbar sei. Was wir jetzt von der europäischen Diplomatie fordern, sei kein Eingriff zu unseren Gunsten zur Erreichung unserer Ziele in Palästina. Wir wünschen nur die Gelegenheit zu benutzen, um auch die politischen Kreise Europas über unsere Absichten aufzuklären und ihr Wohlwollen zu gewinnen. Unsere Leistungen in Palästina werden den Wert unserer Arbeit beweisen. * Hierzu schreibt die ״Welt“: Diese Ausführungen Dr. Nordaus, deren Oedankengang hier nur kurz angedeutet wurde, haben in verschiedenen Preßoifanen große Beachtung gefunden. Die ״Frankfurter Zeitung“ berichtete telegraphisch über den Inhalt dieses Artikels, den sie freilich nicht mit der nötigen Korrektheit wiedergab. Denn wenn das Blatt meldet, Dr. Nordau habe ״im Namen des zionistischen Vorstandes“ den Wunsch ausgesprochen, ״die Vertreter des Zionismus möchten von den Botschaftern in London zu den Besprechungen zugezogen werden, da die Judenfrage bei der Neuordmmg der türkischen Verhältnisse nicht übergangen werden könne“, so entstellt dies den Sinn des Artikcl« und widerspricht durchaus «len Intentionen un- **rer Leitung. Vielmehr weist Dr. Nordau ausdrück• lieh darauf hin, daß cs nicht im Sinne unserer Politik liegen könne, an die Großmächte heranzutreten, um eine! Druck auf die Türkei auszuüben. Wenn Dr. Nordau in seinem Briefe (der — entgegen der Meldung der ״Frankl. Ztg.“ und anderer Blätter — keine Kundgebung des Adions-Comitds darstcllt, son- ׳ dern seiner eigenen Initiative entsprungen ist) die Botsdiafterkonfcrcnz als eine geeignete Gelegenheit bezeichnet, um die Wünsche der Zionisten vorzutragen. so liegt das einfach im Rahmen der von unserer Orga* nisation stets angestrebten Aufklärungsarbeit zur Be- ,seitigung aller Mißverständnisse über unsere Be* wegung, Diese nufklärcmlc Tätigkeit kann gar nicht intensiv und vielseitig genug sein. Sic »oll nicht nur In diplomatischen, sondern auch in allen anderen Kreisen erfolgen, damit über den Charakter unserer Bestrebungen in der gesamten Öffentlichkeit voll* ständige Klarheit herrscht, und nur in diesem Sinne sind aucl! die vortrefflichen Ausführungen zu verstehen, die Herr Dr. Nordau in den ״Times“ veröffcntlicht hat. « flUS.ALLCR WilT ־־’ Deutschland Vor einiger Zeit wurde unter der Ueberschritt: ״Die Lage der israelitischen Religionslehrer in Baden“ ein Notschrei aus Baden veröffentlicht, der cs mit Recht beklagt, daß ein Beamter nach vierzigjähriger Dienstzeit nur etwa 500 bis 1000 M. Ruhegehalt bezieht. ״Noch viel schlimmer aber sind“, so schreibt die ״Frankfurter Zeitung“, ״die Verhältnisse der Religionslehrer im Königreich Preußen. Mit Ausnahme der Großgemeinden hat kein israelitischer Rcligionslehrer Anspruch auf einen Pfennig Ruhegehalt! Darunter sind nicht wenige Männer, die das Seminar absolviert haben und in den meisten Fällen auch als Prediger fungieren. Unsere Klcingemcinden, deren Mitglieder bis zu 300 Prozent Kultussteuern zahlen, sind mit dem besten Willen außerstande, auch nur die kleinste Pension zu bewilligen. Die preußische Regierung hat allerdings vor etwa vier Jahren einen sogenannten Resolutionsfonds von 40000 M. für die leistungsschwachen Synagogengemeinden geschaffen, aber an eine etwaige Subvention die Bedingung geknüpft, daß die betreffende Rcligkmsschule von zwölf Volksschülern besucht wird. Nur in ganz vereinzelten Fällen erhält eine wirklich leistungsschwache Oemeinde aus diesem Fonds eine Subvention, die aber sofort entzogen wird, wenn die Zahl der Schüler von 12 auf II sinkt. Zwölf jüdische Kinder können mit Hilfe einer solchen Subvention Religionsunterricht erhalten, bei elf aber wird die Beihilfe, wodurch es allein möglich Ist, einen Religionslehrer zu besolden, erbarmungslos entzogen! Von der preußischen Regierung habvn die Gemeinden und ihre Religionslehrer keine Hilfe zu erwarten, aber auch von den großen jüdischen Verbänden werden die notleidenden Kleingemeinden und ihre Religionsichrer nicht berücksichtigt. Die israelitischen Religionslehrer in Baden sind wenigstens vor grundloser Kündigung geschützt; die Rcligions• lehrer und Kultusbeamten in Preußen dagegen werden meist nur auf ein Jahr angestellt, höchster.» aber er* halten sic einen Kontrakt auf drei Jahre." * Nach einer Erklärung des bayerischen Kriegsminister» gehören, jetzt 88 Offiziere und 193 Sanitätsoffiziere des Beurlaubtenstandes dem Judentum an. Der Ruhm, der Frauenrechtlerinnen, die sich jüngst . im Kampfe gegen die Schechita hervortaten, scheint die Sozialdemokraten nicht ruhen zu lassen. Die ״Leipziger Volkszeitung“, die bekanntlich u. a. dem Einfluß Rosa Luxemburgs untersteht, bringt einen Artikel gegen da■ Schächten, wie man ihn sich in einem antisemitischen Organ nicht entschiedener und absprechender wünschen kann. Sollte dieser Artikel der Meinung einer Mehrheit innerhalb der Partei Auadruck geben, so wäre allerdings Oefahr im Verzüge und mancher Jude hatte Anlaß, ■eine Stellung zu dieser Partei zu revidieren. Oesterreich Die Prager Kultusgemeinde-Reprisentanz hat in I ihrer Sitzung vom 26. Dezember 1912 beschlossen, auf den seit dem Tode Dr. Nathan Ehrenfeldt vakanten Posten des Oberrabbiners von Prag den I bisherigen Oberrabbiner-Stellvertreter und Direktor der