Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651815-2651818--08744-2666015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 2 dem“, die den Eindruck erwecken• soll, als seien die Ausländer beim Studium bevorzugt, zeigt also bei näherem Zusehen den Pferdefuß sehr deutlich. Diese ״Gleichstellung“ wäre eine ga»2 ungerechtfertigte Neubelastimg der ausländischen Studenten, die ohnehin schon dadurch stärker belastet sind, daß sie liier ein Doktorexamen ablegcn müssen, das sachlich dein deutschen Staatsexamen gleichkommt — während es für die deutschen Mediziner, die es jetzt erst nach dem Staatsexamen ablegcn können, fast nur eine ^־Formalität ist - und die dann in der Heimat nochmals ein vollständiges Staatsexamen machen müssen. Trotzdem könnte man sich mit dieser, wie nochmals hcrvorgchobeii werden muß, ganz und gar unberechtigten Forderung cinverstanden erklären, weil schließlich praktisch kaum ein Student an diese!» Vorexamen schcitern wird, wenn cs nicht etwa den Ausländern gegenüber als ״Ausscheiduiigsprüfuitg“ gchandhabt werden sollte. Aber das scheint mm am Formalismus und am Antisemitismus der Behörden zu scheitern. Denn nach einer Meldung des ״B. T.“ hat die Pro f cs so ren k o 11 f crenz, die Anfang dieser Woche in Halle tagte, beschlossen, bei der russischen (!) Regierung dahin vorstellig zu werden, sie möge ״die antisemitische U n i v c r s i t ä t s p o l i ־ tik fallen lassen, uni so mehr, als in Deutschland in Zukunft voraussichtlich strengere Maliregeln für die russischen Studierend( n Platz greifen würden, die die Zulassung der russischen Studenten zu den klinischen Uebungen in Deutschland in Zukunft von der Ablegung c i 11 c r d c m deutschen Physikum g I e i c 11 s t e h c 11 - denPrüfunga 11 einerrussischen Hochschule abhängig sein werde“, Sehen wir von der humoristischen Seite dieser Pctitionskomödic, die deutsche Professoren auffüliren wollen, einmal ab — ״wie der kleine Moritz sich das vorstellt!“ würde Karldien Mießnick sagen. Falls diese ans deutsdiem Antisemitismus geborene Petition an den russischen Judenhaß wirklich erfolgte, was würde denn der Effekt dieser Groteske sein? Die russische Regierung würde antworten, daß cs eine solche Prüfung an den russische» Universitäten nicht gibt. Und wenn es sie gäbe, oder wenn sie gar eingeführt würde, oder wenn man etwa die zweite der russischen Jahresprüfungen bei den Medizinern als dein Physikum gleichwertig erklären wollte — die russischen Juden, die Medizin studieren, müßten von den deutschen Universitäten verschwinden, weil man sie ja eben in Rußland zu den Universitäten nicht z u I ä ß t. Oder glauben deutsche Professoren, die ja ein traditionelles Vorrecht auf eine gewisse Weltfremdheit haben, wirklich, daß sie mit ihrer ״Drohung“, die russische Universitätspolitik auch in Deutschland für Ausländer einzuführeu, das russische antisemitische Regierungssystem, von dem diese Politik ein integrierender Teil ist, ins Wanken bringen können. Ein Holmlächeln des russischen ״Ministers für Volksaufklärung“ würde den Professoren, wenn sie cs •־־zu deuten verstünden, sagen: ״Nur so weiter, das ist ganz in unserem Sinne, daß den Juden die Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten genoinmen werden!“ — Was man da tun will, ist also nicht nur eine lächerliche Farce, es ist im Erfolg die Uebcrtragung russischer Praxis gegenüber den Juden auf deutschem Boden. So ein ähnliches Stück wie damals, als Bismarck als Antwort auf die Ausweisung deutscher Juden aus Rußland die russischen Juden aus Deutschland auswies und vielleicht wirklich vermeinte, der russischen Regierung damit einen Trotz anzutun. Die Professoren mögen es ja gewiß nicht sehr gern sehen, wenn sie auf diese Weise die Hälfte ihrer Hörer verlieren werden. Die deutsehen Studenten aber werden die bevorstehenden Maßnahmen als einen Sieg feiern, und aus dem Siegesjubel wird man deutlicher noch als aus dem Kampfgeschrei die Note heraushören, die das leitende Motiv war: der deutsche bodaiHlän־ dlge Antliieinltisimis. Und die deutschen jüdischen Mediziner mögen sich einstweilen in dem Gedanken trösten, daß man siel! an sie ja erst hcranwagt, wenn s au das ״praktische Jahr“ gellt und an die amtliehen Stellen. Oder könnte das vielleicht auch einmal anders werden? Zum Beispiel hei einer vielleicht gar nicht so fernen Verstaatlichung des gesamten Hcilwcscns ־• was blüht uns dann von den Machern des Hallenser Studenten- Streiks? - 1'^• "Begriff und Prof ramm einer jüdischen Nationalliteratur“ Von Meir ben Elleser, München. II. Ich habe im Vorhergehenden den Inhalt der Goldstcinschen Broschüre in seinen allgemeinen Zügen mitgcteilt und bereits einen ihrer Hauptmängel: die völlige Ignorierung der bereits vorhandenen Anfänge einer jüdischen Nationalliteratur im Osten, aufgezeigt. Ich sage nicht, daß Goldstein von der Existenz dieser Literatur nichts wisse: mehr als eine Stelle finden wir in seinem Schriftchen, die zeigen, daß er im Gegenteil von dieser Kultur eine ziemlich hohe Meimmg hat. Ich zitiere nur, was er von dem Wert des jüdischen Esperanto, des Hebräischen, sagt: ״Der Segen einer Weltsprache für alle Juden — wenn es nämlicli wieder dahin gekommen ist, daß jeder Jude selbstverständlich das Hebräische beherrscht -- wäre allerdings außerordentlich. Was jetzt nicht möglich ist: ein Kon/ensus der jüdischen Meinung, überhaupt eine gesamtjüdische Od(entliehLeit — wäre dann möglieh. Und daraus könnte und müßte etwas entstellen, was es jetzt ebenfalls nicht gibt: eine jüdische Bildüng — (weiches etwas anderes Ist als Wissen von jüdischen Dingen). Mit einer solchen hebräischen Litcratursprnche und in ihr wird ohne Zweifel ein hebräisches, daher jüdisches Schrifttum entstehen können, und zwar — im Gegensatz zum früheren — ein national-weltliches, wie es ja tatsächlich schon entstanden ist. Es werden große Leistungen möglieh sein, namentlich historischer und philosophischer Art. Es wird sogar — was siel» aus dem Lateinischen abiesen läßt — ncuhebräischc Dichtung geben können.“ Und weiter machen dem Verfasser die wirklich verständnisvollcn Worte, die er der jüdischen Volksspräche widmet, alle Ehre: ״Das Jüdisch-Deutsche ist in zwiefachem Sinne eine jüdische Volkssprache: erstens, insofern es vom ״Volke“, von den unteren Schichten der Judcnhcit gesprochen wird; zweitens, insofern es die verbreitetste jüdische Sprache ist: keine wird von so viel Juden zugleich gesprochen und verstanden. Daß in ihm eine echte, hohe Literatur gedeihen kann, ist durch Uebersetzungen und Neusciiöpfuugcn bewiesen. Was aber wichtiger ist: durch das Jüdisch-Deutsche fließt jener’unterirdische Strom volkstümlicher Poesie, der im Märchen, in der Sage, im Volkslied zutage tritt, und dessen Fehlen das llcbraisclie so starr macht. Wahrscheinlich birgt das Jüdisch-Deutsche noch viel mehr solcher ungehobeuer Schätze, als wir — hei eben erst gewecktem Interesse — bis jetzt ahnen. Vielleicht dürfen wir uns Hoffnung machen, daß glückliche Sammler »ms einmal Gaben bescheren, die etwa den Grimmschen Marcheiisammlungen oder des Knaben Wunderhorn entsprechen . . .“ Es ist einigermaßen verwumlerlieh zu sehen, wie Goldstehl nach solchen Urteilen und freudigen Zukuiiftspcrspckfiven siel» im gleichen Atemzuge von diesen beiden Kulturen wegwendet, um von nun an sie gänzlich aus dein Uesich tsk reis seiner Erwägungen auszu sch alt en. Plötzlich stellt vor ilun der deutsche Dichter jüdischer Nation und dessen unvermeidliche Zugehörigkeit zur deutschen Literatur, Und plötzlich wirkt dieses anscheinend großartig gedachte P111111tasiebild eines ״deutschen Dichters jüdischer Nation“ suggestiv auf unseren Autor. Er ״reißt sich blutend los“ von der jüdischen Wirklichkeit, die vielleicht in der Tat nicht viel Verlockendes an sich hat und deren Vorzug eben in erster Reihe der ist, daß wir es mit etwas Bestellendem, in der Welt der greifbaren Dinge Vorhandenem zu tun haben, und verliert sich in eine Welt des Unersdiaffcnen, erst zu Erzeugenden, welche das erregte Gehirn zwar bis zur Lustempfindüng zu reizen imstande ist, auf deren unausbleibliebes Bersten aber ohne Zweifel ein chaotischer Zustand von Apathie und unauslöschlicher Ekel vor der Schwäche des menschlichen Vermögens folgen wird. Damit bin ich zu einem neuen Grundinangcl des Goldsteinseben Programms gekommen: daß es gewisse jüdische Kräfte voraugsetzt, die nun einmal in Westeuropa nicht Vorhände sind und auch nie perennierend handen sein werden. Ich versuche im Folgenden meine Behauptung zu 11 uml gelte dabei von den drei .Stufen der aus, die Doldxtcln den Priestern seine« I.lteraturtempel» zuweist. Die erste Klasse von Heiligen sieht er in Menschen, die zeuchst gar keine Heiligen sein wollen oder wollten, in Priestern wider Willen. n vorbeweisen Weilte Aber man darf siel; die Vergewaltigung dieser Priest« des Vorlage* nicht allzu grausam vorstellen. In Wirl Iicl1ki.it sind diese Heiligen nämlich nur präpariert Leichen, die eine jüdische Anatomie•, nämlich die zu! Zwecke der Klark-jping des Begriffes ״jüdirch“ z gründende Zeitschrift, für eine öffentliche Schau Stellung gutigst liergerichtct hat. Also gesetzt, A! thur Schnitzler wollte in seinen Werken nicht al spezifisch jüdischer Künstler gelten, so würde de« Toten und vielleicht sogar schon den Lebendige» das zukünftige Institut trotzdem zur Nierenprüfling au den Seziertiscli legen lind an ilun hcrummeistcni. Naci diesem ästhetisch wie ethisch gleich unhaltbaren Prozeß wird 111.111 die sterbliche (lies: germanische) Hülle allen ״Ucbeltäteru“ zum warnenden Beispiel ins äußere Lager zurückwerfen, den ewigen (judisehen) Kern aber zur Nachahmung dem Museum de! Tcmpelvorhofes ein verleiben. Man wird den ״(/n. Sterblichkeiten“ Heines sogar einen ansehnlichen Glaskasten zur Verfügung stellen und bewundernd wird das gaffende Publikum rufen: Seht, wie vieles an ihm, obwohl er cs־ nicht wußte, echt und ewig war. Vielleicht erhalten hier auch unsere Reinhardt und Harden ihre Plätze. Mit anderen Worten: dieses Museum ״jüdischer Altertümer“ soll tiach der Metliodc Cliambcrlainsclier Gennancnschiiuffelei errichtet werden. Wir sollen einerseits um die Uebcrreste unserer Toten mit den gegenwärtigen ' Besitzern ihrer Grabstätten markten und andererseits den von einem gerechten Weltgericht für ihre Kurzsichtigkeit Bestraften (ich meine die von ihren Wirtsvölkern nicht oder schlecht geehrten jüdischen Großen) allicbende* Erbarmen angedeihen lassen. Ich glaube, daß wir damit diesen Männern einen schlechten Dienst erweisen. Dieser Leiclienvorhof wird nicht nur an sich äußerst ärmlich und erbärmlich ausfallen, ich bchaupte, daß er sogar einer zukünftigen Entwicklung, wenn cs eine solche gäbe, sehr schädlich wäre, da seine Einrichtung ein Zurückgreifen in eine für uns unrühmliche Vergangenheit notwendig machte und unbedingt den Eiudrack einer gewaltsamen Annektion, die es übrigens nach meinem Gefühl in der Tat ist, hervorriefe. Ich sage also: um die Entwicklung einer jüdischen Nationalliteratur zu fördern, d. h. um für die jüdische Literatur Künstler, Kunstbeflissene und Leser zu gewinnen, dürfen wir nicht mit Präparaten auf warten. Einen durch und durch jüdischen Künstler aber, einen, den wir ungeteilt, in allen seinen Lehcnsüuflcmngen unbesclinitten als den Unseren für uns in Anspruch nehmen könnten, werden wir naturgemäß nicht unter solchen tinden, die bewußt oder unbewußt jede nichtreligiöse und häufig überhaupt jede Gemeinschaft und Solidarität mit ihrem Volke ablehnten. Wir gelangen in den heiligen Raum. Die hier amtierenden Priester nennt Goldstein: Künstler, die ״als Juden“ schaffen. ״Weder daß wir für Juden, noch daß wir über Juden schreiben ist nötig, nur daß wir es als Juden tun.“ Hiernach erkennt man sofort, wer mit dein Ausdruck: ״als Juden“ gemeint ist: die jüdischen produktiven ״Bekenner“; Menschen, die, obwohl sie vielleicht ihr Leben lang nie etwa* von jüdischer Kultur kennen gelernt, um wieviel weniger sieh mit ihr ernsthaft beschäftigt, geschweige an ihr mitgearbeitet haben, trotzdem in ihrer Naiviiät oder Schamlosigkeit bekennen: seht, ich bin ein Jude) Und diese 8altmul kraftlosen Herren, deren Bckeiiiienuut ja 111 Wirklichkeit nur eine Verlegenheit*- phrasc ist, oder die sieh durch ihr Bekenntnis nur gewisse Effekte nicht entgehen lassen wollen, deren Gedanke während ihrer ״Beichte“ ein doppelter ist! den f.liristeu gegenüber: seht, obwohl ich ein Jude von Geburt hin — Und das werde ich mich (erstarret!) nie offen zu sagen schämen —, vermag ich doch manches, was ihr von einem Juden nie und nimmer erwartet hättet; und seinen Glaubensgenossen gegenüber: seht, was für ein treuer Jude ich bin! Obwohl ich der tiefen Verehrung seitens eines allgemeinen Publikums genieße und in ״ihren Reihen mein Leben und meinen Tod hätte finden können, vergesse ich doch nicht, mich als den Euren zu bekennen; diese unglückseligen Zwittergestalten sollen demnächst im heiligen Raum unseres Literaturteaipels als ״Koryphäcu“ glänzen! Nein, nein, meine Herren, diese Ehre erkauft man sich nicht so billig. Möglich, daß wir in unseren Reihen keine so allgemein anerkannten Talente besitzen, möglich, daß wir wirklich mit euch, wenigstens nach außen, glänzen könnten, aber wir besitzen, was ihr längst verloren habt: den jüdischen Stolz, einen unbeugsamen Fanatismus für unsere Sache. Und dieser verbietet uns schlechtweg, mit euch Halben, die zwei Herren dienen wollen, zu paktieren. Diese ״Anfreundung“ ist übrigens aJbgesehen von dem gefühlsmäßigen Widerwillen auch objektiv unserer Sache schädlich und sogar gefährlich. Wir betrügen un» nämlich da* durch selber. Wenn wir gewisse antlscmlUsclM» Angriffe auf utisrre künstlerischen Fähigkeiten dadurch zurückweisen, daß wir uns mit Namen wie Heine, Mendclssolm-Bartholdy, Auerbach, Schnitzler usw. schmücken, so ist das vom Standpunkt eines un* von unseren Feinden aufgezwungenen sophistischen