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Jüdische Rundschau · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Ist, verlassen haben. So merkwürdige Artikel seilte sich sonst doch ein Blatt mit der Tradition eines Bruhn, der bei allen sonstigen ״Vorzügen“ doch immerhin noch der deutschen Sprache mächtig war, nicht leisten. * Der antisemitische Abgeordnete von Gießen hat im Reichstag einige ״kurze Anfragen“ eingebracht. U. a. eine solche bezüglich des Schächte«« und eine hinsichtlich des Verbotes der Verteilung antisemiti• scher Flugblätter auf den Bahnhöfen. England ln London hat sich ein ״Albanisches Komitee" gebildet. In der ersten Resolution, die diese Korporation verschickt, wird u. a. für die ״Muselmanen und Juden“ der Bdkanländer Schutz und Anerkennung Bircr Rechte gefordert. * Rabbi Abraham Werner, das geistliche Oberhaupt der orthodoxen Judenheit Wliitegliaples, ist im Alter von 75 Jahren gestorben, Werner war aus Tclsi (Gouvernement Kowno) gebürtig und erlangte mit neunzehn Jahren das Rabbincrdiploin. Seine Friedensliebe, Toleranz und strenge Rechtlichkeit sicherten ihm allgemeine Achtung und Verehrung. Seine Wohltätigkeit war unter den Juden im Eastend Londons sprichwörtlich. Mußte er einer armen Frau ein Huhn für treife erklären, so kam es oftmals vor, daß er den Geldwert aus seiner Tasche spendete. Für Theodor Herzl empfand er tiefe Verehrung und sprach stets mit besonderem Stolz, von dem Besuche, den ihm unser Führer in den Anfängen der zionistisehen Bewegung abgestattet hat. * Im Parlament ereignete sich bei der Homcnile- (Autonomie Irlands-! Debatte ein interessanter Zwi- Klient all. Nach der glänzenden Rede eines bisher unbekannten Konservativen erhob siel! der Irländer Mackwcv und sagte, die Rede sei das Werk eines jungen Journalisten S. Rosenbau m, der noch anderen Konservativen die Reden gegen Homerule liefere. Rosenbaum ist der Sohn eines jüdischen Ein- Wanderers aus Rußland und vollendete mehrere Pakultäten. In London wurde dieser Tage eine Ausstellung der Bilder des hervorragenden japanischen Malers und Schriftstellers Yosliio M a r k i n o eröffnet. An der Eröffnungsfeier haben auch zahlreiche jüdische Künstler und Schriftsteller, u. ,1. auch Israel Zangwill und Frau, tcilgenommcn. Eines der besten Bilder des japanischen Künstlers ist das Ghettobild ״Whitechapel London“. In einen! Gespräch mit einem Journalisten teilte Markino mit, daß er eben darangehe, eine ganze Serie von Bildern aus dem Londoncr East End, das ihn so sehr interessiere, zu schaffen. Yosli» Markino hat auch in seinen schritt• stellcrischen Arbeiten wiederholt jüdisches Leben be schrieben und stets lebhafte Sympathien für die Juden bekundet. Italien mcimie von Venedig mit dieser Kundgebung nicht ellein da, denn kiir/iich 11a« auch die Turlncr Geiiicimle einen Beitrag von 1000 Fres. zugunsten der ycmoiitischcn Kolonisation in Palästina gezeidinct. Vorige Woche (22. bis 25. Dezember) fand in Turin der zweite Kongreß der jüdischen Jugend in Italien statt. Die T.v?u!1g gestaltete sich zu einem wahren Triumph des national-jüdi: chen Gedankens. Hatte man während des ersten Jugendkongresses vorsichtig alle ״zionistische" Diskussion verhindert, so war doch schon damals der Boden für eine offene Aussprache über die Rennissancebestrebungen des modernen Judentums auf kulturellem und kolonisatorischem Gebiet vorbereitet worden. Jules Lax, der Erbauer der Pyrinäen-Bahn, wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. ]Russland Sch 01e m A1 e che m ist nach einem langen Aufenthalt Im Ausland nach Rußland zurückgekehrt. * Der Zar hat die Erlaubnis zum Bau einer Synagoge für jüdische Soldaten in Odessa erteilt. in Znamenka wurde eine Synagoge aufgehoben, weil sie der Kirche zu nahe gelegen war. י Der politische Gefangene Prodsky soll Infolge einer Prügelstrafe, die über ihn verhängt worden war, wahnsinnig geworden sein. * Das Polen tum, da» bis vor wenigen Jahren gegcnülicr dein Judentum ^jie Ideen der Toleranz nochhielt, ist jetzt fanatisch antisemitisch geworden. Diese Erscheinung ist natürlich nicht, wie viele Polen versichern, eine Folge der letzten Warschauer Wald• katnpagne. Schon seit Jahren besteht ein scharfer Antagonismus seitens der Polen gegen die Juden, der nicht zum wenigsten auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen ist. Allein noch nie hat der Haß seitens der Polen solch häßliche Formen wie jetzt angenommen. Was sich momentan in Warschau und in den anderen russisch-polnischen Städten abspielt, erinnert lebhaft an tl!e Pogromatmosphäre, lkr Boykott der Juden nimmt ungeheuerliche Fennen an und ist ein neues Kapitel terroristischer Vergewaltigungen. Oesterreith Signor Erncsto Nathan wurde zum sechstenmal zum Bürgermeister von Rom gewühlt. Auf ihn fielen 59 von 70 abgegebenen Stimmen. * Die jüdische Gemeinde Venedig hat in einer ihrer letzten Sitzungen beschlossen, für den Jüdischen Nationalfonds einen Beitrag von 300 Fres. zur Verfflgung zu stellen. Wenn auch diese Summe nicht sehr bedeutend ist, so ist dieser Beitrag doch als Manifestation einer italienische« Kultiisgemcimle nicht hoch genug einzuschätzen! Uebrigens stellt die Geschätzt. Es liegt auch wirklich Adel in einem Mentäten, wie es Sarah, die Apfcljüdin, ist. Die Fäden, die dann zu den Enkeln Sarahs und ihren Schicksalen ziehen, sind aus wirklich objektivem Nachdenken gewonnen. Das verraten Satze, wie: ״Man hat Israel gelehrt, klug, heimatlos und beweglieh zu sein". Oder: ״Eine Rasse, die mit einer Re* ligion identisch ist, wie kein anderes Volk, sollte wohl befähigt sein, Selbstzucht unter sich zu halten“. Jenes mystische Element, das Raphael aus der Kabbala zum Christentum zwingt (wer denkt nicht an Frank und seine Lehre?), das eben auflösend und wcttidcensdiaffend wirkt, das sich dann in dem Christentum Josephs, des Priester*, widcrspiegelt, der die Auscrwähltheit des Judentums als den Ansporn zur weltlösenden sozialen Anschauung von einem großen Christentum betrachtet — all das sind Gedanken, die viel mit den psychischen Tendenzen gemein haben, die den Begriff Judentum umfassen. Und ich fand in diesem Roman sogar in dem Ge• danken, daß die ewige Sehnsucht nach der Erde Israel größten Segen und ärgsten Fluch schaffe, den Versuch der Ergründung des Wesens Judentum. Freilich — mir erscheint das, was der Autor aus dem objektiven Denken erfaßte, in der künstlerischen Gestaltung zu schwach geraten zu sein. Die Bilder, die da erstehen, sind verschwommen. Wohl zu sehr beschwert mit dem Denkhaften, den Begründungen, die ich anführte, und die eben den Verfasser zu stark Die erste zionistische Studentenverbindung ״Kadimah“ in Wien feiert im Januar 1913 den Ablauf ihres 60. Semesters. Eine recht interessante Form der Friedcnskuntlgebung haben die Cliassidim von Lemberg gewählt. Als in den Zeitungen die Nachricht erschienen war, daß die Friedensverhandlungcn zwischen der Türkei und den Balkanstaatcn in London eröffnet werden sollen, haben die Rabbiner sämtlicher chassidischer Bethäuser von Lemberg den Tag als Fasttag prokla* miert. Tatsächlich haben zahlreiche Juden in *Lernherg an jenem Tage gefastet und in den Bethäusern Spivialgebete um das Zustandekommen des Friedens, von welchem auch die Ruhe in Europa abhängt, verrichtet, * im Schuljahre 1910/11 gab es in Niederösterreich 22 Gymnasien mit 8560 Schülern. Der Konfession nach waren die Schüler: römisch-katholisch 71,60״( evangelisch 6,95 ״«, jüdisch 20,68 ״׳״ (im Vorjahre 19,51 ״<>), andere Konfessionen 0,73 konfessionslos 0,04״״. Rumänien Die Vereinigung der bodenständigen Israeliten Rumäniens hat den־ gesetzgebenden Körperschaften eine Petition behufs Erlangung der Staatsbürgerliehen Rechte für ihre Mitglieder überreicht. Wenn es auch wahrscheinlich scheint, daß diesem Qesuch das negative Ergebnis aller früherer beschießen sein wird, so muß man zugeben״ daß der Zeitpunkt für | eine derartige Aktion recht günstig gewählt ist. Denn es wäre immerhin möglich, daß die Regierung selbst I den Wunsch hegt, Ihren Verpflichtungen aus dem | Berliner Vertrag nachzukommen, bevor sie die europäische Konferenz, die uns anscheinend bcversteht, beschickt und ihre neuen Forderungen erhebt. Im I Artikel 44 des genannten Vertrages heißt es ausj drücklich: ״In Rumänien darf der Unterschied der | Religionen und Bekenntnisse niemand als Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit entgegengestellt werden in bezug auf den Oenuß der bürgerlichen! und politischen Rechte, die Zulassung zu den öffentlichen Acmtern, Funktionen und Ehrenstellen oder die Au»־ Übung der verschiedenen Gewerbe und Industrien, an welchem Orte es auch sei." Wie wenig diesen Forderungen bisher nachgekomtnen Ist, ist unseren Lesern zur Oentige Lekannt. * Rumänien befürchtet, wie es scheint, früher oder später auch in einen Krieg verwickelt zu werden. Kriegführen aber kostet Oeia und benötigt auch Soldaten. Darum schlägt die rumänische Presse in der letzten Zeit den Juden gegenüber freundlichere Töne an. Wie lange dies anhalten wird, vermag freilich niemand zu wissen, Türkei Die jüdische Ocmeinde ip Saloniki ist wiederum in schwere Trauer versetzt worden. Ermutigt | durch die Straflosigkeit der verschiedenen IJebergriffe gegen die Juden in der letzten Zeit, halsen die Griechen weitere schwere Exzesse sich zuschulden kommen lassen. Am 21. Dezember, gegen 5 Uhr abends, sind zwei jüdische Kaufleutc auf offener I Straße durch Griechen ermordet worden. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht große Aufregung und Bestürzung. Zahlreiche Familien rüsten sich zur Auaw'andcrimg, da sic an einer Besserung der Lage ver-1 zweifeln. Als vor einigen Tagen hellenische Soidateh, die aus Monastir zurückkamen, hörten, daß Angehörige anderer Truppenteile straflos jüdische Häuser ge* plündert hatten, begannen auch sie Plünderungen | vorzunehmen. Die griechische Regierung beeilte sich, das Vorkonminis als einen Racheakt von nichtgricchlscher Seite | hinzustcllen. Dem steht die folgende Darstellung entgegen, die wir dem ״Berliner Tageblatt“ entnehmen:! ״In der Sachri-Pascha-Straße haben der Geldwechsler Isak Francis und sein Sohn einen Laden zusammen mit einem jüdischen Fcsmacher. Gestern, 24. Dezember, abends, brachte der junge Francis sein Oeldl vom Geschäft nach Hause, wobei er sich zum Schutz! gegen Räuber von dem jüdischen Fesmacher begleiten ließ. Um 5 Uhr nachmittags kamen sie zu I ihrem Hause am Loubetplatz. Hier wurden sie von zwei Griechen angegriffen, die ihnen die Börse rauben | wollten, und als sie Widerstand leisteten, mit Revolverschüssen getötet. Das Geld wurde auf der] Straße liegend gefunden, die Mörder entkamen. Die griechischen Blätter entblöden sich nicht, zu behaupten, die beiden Männer seien von jüdischen Räubern getötet worden. Die Situation ist hier für gefangen nehmen. Das bluthafte, lebensvolle Kunstlergestaltcn ist hier fast nirgends zu finden. Es sei denn in der starken Erzählung vom Sterben de» jungen Jonathan, dessen letztes Olück das glaubenspendende Wunder des Christentums ist. Aber die gute unberührte Ehrlichkeit des Buches — das übrigens von einer Art wohlwollender Tendenz nicht frei ist, die aber nicht störend, sondern taktvoll auflritt — ist das Wertvolle dieses Romans; das sei gedankt! Manches, was das Denken hier ersann, das ist gut und wahr. Und wird bald wieder in reinem starkem Künstlertum auferstehen, bis — das glaubcnsvolle Wunder des Judentums so stark ist, daß die unendlichen Ideen — die jetzt auflösen — sich im Volkstum verwurzelt als schöpferische Kräfte auch den Mcnschhcitsziclen nicht versagen. Siegfried Schmitz. * Das ״Neue Wiener Journal" hat zum Beginn des neuen Jahres eine Umfrage an eine Reihe hervorragender Künstler gerichtet und sie gebeten, ihnen über Ihre nächsten künstlerischen Pläne zu berichten. Hier interessiert die Antwort der Herren Mix Liebermann und Lcsscr Ury: ״Licbcrmann ist nur mit Porträts beschäftigt und nennt die folgenden: das Porträt des öeheimrats Felix Klein für das mathematische Institut der Universität Oöttingen; des Stridtdirektors Tramm für das neue Rathaus in Han nover; des Geheimrats Professor Cohen für das Se minar für die Wissenschaften des Judentums; Exzcllenz Ehrlich für seine Tochter Frau Professor Landau; öerhart Hauptmann für die Kunsthalle in Hamburg. Lcsscr Ury schreibt: Ich bin vor etwa acht Wochen aus Holland zurückgekehrt, wo ich mich hauptsächlich auf der Insel Walchcrcn längere Zeit aufgehalten habe. Holland beschäftig» mich nun vo#■ ständig. Ich führe die Skizzen und Studien aus, die ich während meiner Reise gemalt habe. — Und dann ist noch eine zweite Arbeit im Entstehen. Ich habe eine alte Studie von Otto Brahm, mit dem ich befreundet war, hervorgeholt, um sie so weit als möglich zum Ende zu bringen. Es ist das dritte Bildnis, das ich von Brahm gemalt habe. Die beiden anderen sind im Besitz von Oerhart Hauptmsnn und Max Reinhardt." Der allgemeine Anklang, den das neue Werk von Schalom Asch ״Im Lande der Väter", das im Jüdischen Verlag, Berlin W,, Sächsische Str. 8, soeben erschienen ist und von dem wir in einer früheren Nummer ein Kapitel brachten, gefunden Hat, äußert sieh auch darin, daß die ״Vossische Zeitung", die ״Frankfurter Zeitung" und die ״Zukunft" Ab* schnitte daraus abdrucken; auch mm dem Gorelik• sehen Buch ״Die Hebe Provinz" erschienen Vor■ abdrudee in vieigeletenen Tageszeitungen.

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