Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JUEDISCHE RUN DSCH A ü Nr. 1 durch grausamer Behandlung unterworfen waren,“ sagt Fishberg. Also mit den mazedonischen Christen? Die werden aber zum Beweis nicht erwähnt, sondern — die Armenier, die bekanntlieh'außer ihrem Schicksal mit den Juden die hethitische Abstammung teilen. Der Jude ist bekanntlich durchweg kein Freund des Alkohols, er erliegt schon der toxisehen Wirkung geringer Mengen. Warum Slaven und Germanen nur ihre Haare und Augen, nicht auch die Liebe zum Branntwein vererbt haben, muß Fishberg natürlich stutzig machen. W i r sagen, die 'Mäßigkeit ist eine Eigenschaft, die die Juden mit allen orientalischen Völkern, ja schon z. T. mit den südeuropäischen Völkern teilen. Diesen klaren einfachen Gedanken darf Fishberg aber, ohne seine Theorie selbst aufzuheben, nicht akzeptieren. Deshalb muß schnell die sog. Milieutheorie zu Hilfe kommen. ״So lange der Jude im Ghetto war, verabscheute er Trunkenheit als Schmach ... als ein spezifisches christliches Laster.“ Deshalb trinkt er auch heute nicht, trotzdem er längst aus dem Ghetto heraus ist. Schön. Aber warum trifft diese gesetzmäßige Wirkung des Milieus nicht auch für den Genuß von rohem wie gekochtem Schinken zu? Alkohol haben unsere!Väter ab und zu wenigstens am Sabbath und den Festtagen genossen, Schweinefleisch sicher nie. Trotzdem müssen unsere jungen Studenten in Nachahmung germanischer Trinksitten sich entsetzlich quälen, ohne ihr großes Vorbild auch nur im entferntesten zu erreichen, während der Genuß von Schinkenstullcn meines Wissens bei ihnen toxische Erscheinungen nicht auszulöscu pflegt. Was bedeutet für uns Zionisten und unsere Bewegung die neueste Tat Mauschcis? Sie kann uns herzlich gleichgültig sein. Selbst wenn jedes Wort wahr wäre, könnte es unsere Theorie nicht im geringsten erschüttern. Was geht uns im Grunde der Streit mn den Rassebegriff an? Ob wir durch das Blut oder das Milieu geworden sind, wir sind doch nun einmal auf der Welt und haben, wie jede Menschengruppe, den Instinkt, unsere Art zu erhalten. Wenn aber der Verfasser wähnt, es hätte Sch^.vnliaucr über die Religion der Juden anders gedacht, Wagner ihre kulturellen Leistungen anders beurteilt, Mommscn ihre Wirkung auf das politi sehe Leben der Völker anders gewertet, wenn ihnen das neue Buch über die Rassemcrkmale der Juden von Fishberg bekannt gewesen wäre, so möge ihm der holde Wahn noch lange erhalten bleiben. Es lohnt nicht, mit ihm darüber zu rechten. Wir wollen uns tmit der Feststellung begnügen, daß ein solches Buch, das keinem wissenscliaftlichen Bedürfnis, sondern den vermeintliehen Bedürfnissen praktischer Judenpolitik sein Dasein verdankt, ohne dem Antisemitismus auch nur den minimalsten Abbruch zu tun, nur dazu dienen wird, der .Taufe und Mischehe gewisser- Bücher und Zeitschriften Friedrich Fürst Wrede! ״Die Ooidschilds"; die Geschichte einer jüdischen Familie. Dritte Aufläge. Verlag Emst Hofmann & Co., Berlin. 1912. Dieses Buch erschien im Jahre 1900 zum ersten Male. Zu einer Zeit, als wir noch nicht mit den Judenromanen der artistischen Tagespsychologie und der scichtclnden Problemstellungen des Begriffs Judentum in so reichem Maße beschenkt waren, wie heute. Schon daraus gellt hervor, daß es dem Verfasscr nicht darum zu tun war, das Judentum — wie es jetzt häufig geschieht — literarisch auszumarkten, sondern cs durch eigene Kunst zu werten, als eine Erscheinung, die zu künstlerischer Gestaltung auffordert. Die gestaltende, schildernde Kunst des Verfassers ist mir in Novellen flüchtig ohne tieferes Intercsse begegnet. Sk ist mir nicht nähergekommen in diesem Roman, den ich jetzt zum ersten Male kennen lerne. Wenn ich dennoch von diesem Roman spreche, 80 geschieht es aus der innig dankbaren Achtung vor der künstlerischen Ehrlichkeit, vor der — sozusagen — objektiven Subjektivität, die icli hier fand. Sic ist beim künstlerischen Judcnproblcm selten geworden, sehr selten; denn sic hat der Modetendenz weichen müssen. Die Oeschichtc der Familie Goldschild ist kein Rothschild-Schlüsselroman, wie ein findiger Titclausmaßen die wissenschaftliche Sanktion zu geben. Was ja wohl auch der Zweck der Ucbung sein soll. Ein ::.•bf Herrn Rabbiner Dr. Vögelst ein, Königsberg i. Pr. I loch würden I Sie luilien einen Briefwechsel, den Sie mit dem Verein Jüdischer Studenten an der Universität Königsherg geführt haben, in der jüdischen Presse zum Abdruck gebracht. Danach hat der ״Verein Jüdischer Studenten“ eine mit einer versteckten Drohung Ihrerseits verbiimlcncn Einmischung in seine Geschäfte abgclchnt. Inwiefern die breitere ()Öffentlichkeit daran intenessiert sein soll, hiervon Kenntnis zu nehmen, ist nicht abzuseltcr. Es hat den Anschein, als ob Sie krall Ihrer Eigenschaft als Rabbiner eine autoritative Stellung gegenüber jüdischen Studentenvcreinen in Anspruch nehmen. Dieser Irrtum veranlaßt Sie auch jetzt wieder, mit dem Protestruf ״Niedriger hängen“ die Nichtanerkennung dieser Autorität zu beklagen. Da Sie die Oeffentlichkeit mit der Angelegenheit nun einmal befaßt haben, erscheint, um sie vor Miß- Verständnissen zu bewahren, folgende Aufklärung für geboten: Wenn jüdische Studenten in der Erkenntnis, daß Unterweisung in Schule und Haus fühlbare Lücken in ihrem Wissen um jüdische Dinge gelassen haben, sieh ihrer jungen Freunde annelunen, um sie der-!eiligen Oberflächlichkeit zu entreißen, die sie selbst beschämend an sich empfunden haben, der abzuhclfcn sic jetzt aber ihre freie Zeit und ihren Eifer widmen, so sollte man meinen, daß sie ganz besonders auf den Dank derer hierbei zu rechnen hätten, die mit in erster Linie ein Interesse daran haben sollten, daß die Jugend sich wieder mit etwas mehr Interesse und Temperament jüdischen Dingen zuwendet, als es Jahrzehnte hindurch der Fall gewesen ist. Zu diesem Zweck unterstützen ja auch jüdische Organisationen eine ganze grolle Jugendbewegung, bei der sich vornehmlich Studenten cinfinden, um sich in den Dienst der Sache zu stellen. Daß in ihr Schüler nicht ausgeschlossen werden, ist bekannt. Worin bestellt dann aber der große beargwöhnende Unterschied, ob Studenten junge Leute, die sich nach aller Voraussicht dem akademischen Studium zuwenden wollen oder die sic sonst dafür geeignet halten, zu sich cinladeu, uin mit ihnen jüdische Fragen zu erörtern, damit sie nicht, durch Sachkenntnis unbeschwert, den Weg aus dem Judentum heraus statt in das Judentum hinein finden, wie es eine Zeitlang als noblcssc ohlige der jüdischen jcunessc dorre galt, die in akademischen oder freien Berufen Unterkommen wollte, Der Religionsunterricht ist weder nach der in Schule und im Hause dafür verwendeten Zeit, noch mich seinem sonstigen Zuschnitt dazu angetan gewesen, sie zti packen und mit lebendigem Interesse für das Judentum zu erfüllen. — Kommen sie aber zu den Studenten, die die Pflege jüdischer Ideale auf ihre Fahne geschrieben haben, die ohne jeden Zwang, aus sich heraus, sich mit den Fragen beschädigen, so kommt Ihnen ganz von seihst die Lust, mitzutun und die Lücken zu ergänzen, die vordem bestanden haben und, wenn ihrer Erweiterung nicht Einhalt geboten worden wäre, immer größer hätten werden müssen. leger in einer Zeitung aus dem Titel iu schließen glaubte, und da der Inhalt des Romans der vorgefaßten Anschauung■ widersprach, wenigstens für einen Teil des Romans kurzerhand annahm. Es ist vielmehr die Geschichte des Zerschellens einer jüdischen Familie, die durch die neue Zeit aus dein festgefügten Sippencharakter 1'n die vcrschiedentlichstcn neuen Strömungen - ins Frcidenkcrtum, in den extremen Katholizismus als soziale Anschauung, ins kapita- ILstischc Weltreich hineinnivdliert wird und deren Sprossen eben in dem Räderwerk der weih umspannenden Ideen wirken. Die Familie geht zugründe. Natürlich — denn ihr ursprünglicher Cltarakter der Gemeinschaft ist dahin. Es ist gleichgiillig, ob von «Jen drei Vettern David, Raphael und Isak, welche ihr Weg in die Welt geführt iiat, David, der freidenkende liberale Arzt, ursprünglich Publizist, kinderlos dasteht, allein mit der wankenden Idee des weltumspannenden Menschentums, in die am Schlüsse des Lebens eine neue Anschauung vom Wiedercrwadicn des alten Judentums lösend und verklärend hiiieinieuchtet. Gleichgültig auch, ob Isak, der den unbedenklichen Weg des kapitalistischen Sinnes, der um jeden Preis ״hamsterartig*' wirken muß, seinen Sohn in Verblödung fallen sicht und seinen Enkel Jonathan in ein frühes Grab legen muß, da ihm sein Lebensende durch die Stärke des Glaubetts — des christlichen Glaubens — erleuchtet ist Gleichgültig auch, ob Raphaels mystisches Erleben Wie kleinlich mutet es demgegenüber an, wenn da sofort eine Bevormundung einsetzt, und zwar von jüdischer, ja sogar von rahbinisciier Seite. Statt sich der errungenen Erfolge zu freuen, und denen dankbar die I laml zu drucken, die die Gelegenheit ergriffen haben, das gut zu machen, w'as Generationen au der jüdischen Jugend gesündigt haben, lassen sich mehr oder minder versteckte unjudischc Drohungen hören. Seit über 10 Jahren vereinigen sich die jiidisehen (ivinnnsiastcu meiner Heimatstadt Lissa zur Vorbereitung eines Uhanukalt- oder Simchas-1 horafestes, in der sie zeigen, was sie angespornt durch die Aelteren an körperlicher Gewandtheit leisten können. Jährlich hat bei dieser Gelegenheit unser kürzlich verstorbener hoch verehrter Rabbiner, Ihr Kollege Dr. S. B a e c k, ihnen Worte der Aufmuntcmng gezollt. Niemals ist es ihm aber eingefallen, den den Betrieb leitenden Studenten Vorhaltung«{״ dicscrhalb zu machen und eine grölte Sache durch kleinliche Bedenken zu stören, — nicht einmal der christliche Schuldirektor, der hiervon unterrichtet war, und es stets blieb, der auch bereitwilligst die von der Schule sonst vorgeschriehcnc Aiisgdueit am Abend für diesen Zweck verlängert hat. Und ich nehme für beide in Anspruch, daß sie die Schulgesetze mit Respekt behandelt haben und behandeln. Sollten Sic die zwar bisher noch unausgesprochene Ansicht haben, mit der ich aber bei Ihrer bekannten Stellungnahme zu dieser Frage der Vollständigkeit halber rechne, daß auf die Jugend dort in zionistischein Sinne eingewirkt werden könne, so Würde Ihre Ansicht nur dann /utrclfcn, wenn Sie cinräumcn wollten, daß alles, was lebendige Arbeit für das Judentum heißt: Pflege der jüdischen Geschichte, Sprache und Literatur und Begeisterung für sie, Verständnis für die Fragen der Gegenwart, Stäuiung der Körperkraft usw. zionistische Arbeit sei. Da Sie das aber aller Voraussicht nach nicht werden tun wollen, kann ich von der Weiterverfolgung des Gedankens absehen. Wer ständig sorgt, daß er beim zweiten Schritt Vstolpcrn könne, wird sein Lebtag nicht über den ersten liinauskommen. Zwar unzufrieden mit sich seihst und ilcn bestellenden Verhältnissen, wird er immer abwarten, ob cs nicht ein anderer für ihn wagt. — Nun, Hochwürden! Wir wagens und werden es weiter wagen, wie wir es bisher gewagt haben, ohne große Beschwernis; denn wir sind gewohnt und bereit, nach der Väter Beispiel noch viel, viel mehr einzusetzen, wenn es die Erhaltung und der Ehre des Judentums gilt. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. jur. Königs berget, Rechtsanwalt. « AUS.AU.eR WELT ö Deutschland Die ״Staatsbürgcrzcitung" zeigt in ihrem Leitartikcl vom '2A. Dezember tur bald nach Neujahr das Erscheinen eines Buches an, das alle deutschen Juden und Judenstäiiindingc־, die in Kunst, Literatur und!1resse hervortrete״, enthalten soll. Aehnliche Werke sind für andere Gebiete des öffentlichen Lebens geplant. Die Ankündigung erfolgt in einer so unglaub-. lieh albernen und witzlosen Weise, daß es geschmacklos wäre hier weiter darauf em/ugeheii. Es scheint, daß alle halbwegs Gebildeten die kleinen Parteigebilde, deren Organ die ״Staatshürgerzeitmig“ heute noch י.. . ־' ......1'.JS■■■U das ihn dann zum Katholizismus treibt, in dem großartigen wcltenlösen wollenden urehristlichcn Sinn seines Sohnes Joseph (der Priester wird) seine Erfiilhmg findet. Das alles sind die gleichen Wege: die Wege zum Ende für das Judentum, das durch Jahr* hunderte war. Die Sippe Judentum ist tot. Eine Kraft ist entwurzelt. Die Erhaltung kann nur ein ganz neues Sein bringen. Die Schlußkapitel des Ramans, die vom Zionismus sprechen, deuten es an. ln diese Zersetzung eines Gemeinscliaftsseins, in ein Wcltideensein — nichts anderes ist diese Geschichte einer jüdischen Familie — ragen die starken Gestalten des alten judcngcschlcchtes hinein. Die Großmutter Sarah, welche das Erbe der Sippenüherliefeni 11g ist, die Frau, welche die Geschichte der Leiden — des Goluth — verkörpert und ihren Enkeln erzählt. Nathan, der Rabbi, der eine Gemeinde zerfallen sehen muß und im Schnee — mit seiner Mutter Sarah — den Heldentod für ein Wirken in der alten 'Judcngcnicinschnft stirbt. Und die zwei anderen Söhne Sarahs, die Typen des jüdischen Kleinhändlern m kleinem aber festen Gemcinschaftskreise. Diese Typen sind mit guter, geradezu liebevoller Art gezeichnet. Vielfach spricht unbewußt die Achtung und Ehrfurcht des Autors vor diesem Leben leise in seine Schilderung, Es ist die Ehrfurcht eines, der die Sippengenicmsdiaft, das Starke, Bindende — und Lösende zugleich — des enggegrenzten Sinne» emer Gemeinschaft, einer Gemeinde versteht und