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Jüdische Rundschau · 1912-12-20 · Heft 51 (20.12.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 495. Spanien und die Spaniolen Spanien für den Schutz der Juden. Her türkische 0 r o ß r a b b i n e r auf d c m spanischen Kriegsschiffe. Wie die ״Jüd. Orientskorrespoudciiz" von seiten der spanischen (icsnndtschaft erfahrt, hat der spa* nische bevollmächtigte Minister für die Türkei mul Orieehenlaml, Marquis de 1• nt du Nantouillet, energische Proteste, sowohl an die hellenische Re• gierung in Athen, wie an den in Saloniki weilenden griechischen Prinzen Nikolas gerichtet, wegen der in dieser Stadt an den Juden begangenen Aus• ichreituugen. Dieser Protest stutzt sich formell darauf, d a ß sämtliche spanisch sprechenden Juden des Orients e o ipso und von alters 11 c r Schutzbefohlene Seiner k a t h o I. M a j e s t ä t von Spanien seien und besteht mit großer Energie darauf, daß Spanien eine Schädigung und Gefährdung dieser seiner Angehörigen nicht zu* lassen werde. Der spanische Gesandte hat bei einem Besuche, den er dieser Tage dem Chachnntbnschi der Türkei Chaim Nahotun Effemli als Erwiderung auf den seinen abgestattet hat, von den von ihm für die Salouikier Juden unternommenen Schritte Mitteilung gemacht und hin/ugefügt, daß Spanien bei einer etwaigen Weigerung, den Protest in Betracht zu ziehen, Griechenland dazu zu bringen wissen werde. In gleichem Sinne äußerte sich Martinis von Pat de Nantouillet zum Redakteur der Koustautiuopeler Zeitung ״Aurore“, der von ihn» empfangen wurde. Er fügte hinzu, daß das Königreich Spanien bereit sei, die gesamte Judcnsehaft der Stadt Saloniki offi* zielt als seine Untertanen anzuerkennen, ohne daß eine Naturalisation derselben notwendig sei. Es handle sich nur um die formelle Bekräftigung eines historisch, also de fakto bestehenden Zustandes. Sollte bei einer etwaigen dauernden Einverleibung Salonikis in das griechische Königreich die hellenische Regierung dazu zwingen wollen, zwischen der osmani* nischcn und der griechischen Uutertauensehaft zu optieren und die türkisch gebliebenen Juden ausweisen wollen, so sei für die Gemeinde der Moment gekommen, das Anerbieten Spaniens ״ii/imehmeti. Seine Regierung verlange jedoch als Bedingung für die Erfüllung ihrer Zusage, daß die Gemeinde von Salt•־ niki als Gesamtheit und für alle Mitglieder ein ent• sprechendes Gesuch an die spanische Regierung richte. Dieses Verhalten Spaniens den Juden gegenüber Ist höchst interessant und merkwürdig. Es mutet an, wie eine Ironie der Geschichte. Oh die spaiiiolischen Juden sich nun auch beeilen werden, das plötzliche heiße Liebeswcrben des Landes der klassischen In• qtmilion und der Masseii-Jiidciiaustreihimg zu erhören, bleibt eine offene Präge. Der spanische Gesandte erschöpft sich geradezu (n Liebenswürdigkeiten gegenüber den Juden. Bei •einem Besuche lud er den üroßrahhiucr ein, das spanische Kriegsschiff, das sich gegenwärtig, gleich den Fahrzeugen anderer Mächte im Bosporus befindet, zu besichtigen. Der Gesandte geleitete Rabbi Naliotnn selbst in seiner Mouche au Bord, wo dieser mit Salut und Musik empfangen wurde. Die Kommandanten und der Schiffspater erwiesen ihm große Ehrerbietung, 1111 Gespräche äußerte der Gesandte, daß Spa• nie» selbst mehr als die Juden unter ihrer Austreibung gelitten habe, mul daß er andere Länder, wie Deutschfand z. B., um ihre Juden beneide, die sie zu einer solchen Blüte cmporgeliohen hätten, wahrend Spanien in der Zivilisation habe Zurückbleiben müssen. Die spanischen Herren sprachen spanisch, der Großrahluncr spaniolisch; trotzdem bot die Verstäiuligung nicht die geringsten Schwierigkeiten. e: AUS ALLER WELT ״ Deutsdtland ln der Dezember-Nummer der ״K o 11 s e r v a t i v c n Monatsheft c“ finden wir einen Artikel ״J u d e n f r a g e u 11 d A n t i s e m i t i s m 11 s", der auch dem Juden recht viel des Interessanten bietet. Denn es ist für jeden, der sich überhaupt mit der Judenfrage beschäftigt, von Wichtigkeit, die Gc־• t*’• dankengängc und Empfindungen derer kennen zu knien, die sich van der anderen Seite aus und mit anderen Anlagen um das gleiche Problem mühen, wie er selbst. Deshalb begrüßen wir es jedesmal, wenn uns solche Dinge mit dem Willen zur Sachlichkeit tmd in einem Tone vorgetragen werden, der uns ein Eingehen ermöglicht. Das ist fraglos hier der Fall, und deshalb registrieren wir diese Arbeit als bemerkenswert und hoffen, daß sie — trotz der abgelegenen Stelle, an der sic erschienen ist — auch von Juden gelesen wird. Diese Ausführungen werden keinen ״Fall" heraufbeschwören, und ihr Verfasser kann sicher sein, daß die ״Fchmc“ der jüdischen Abwehrbestrcbtm• gen ihn nicht trifft. Denn er verneint die Möglichkeit eines nationalen Judentums und seilte Forderung einer unbedingten Assimilation der Juden ans Deutschtum deckt sielt ja einigermaßen ׳mit den Anschauungen des heute noch offiziellen Judentums. Aber seine Darstellung des Judentums in seiner Wirkung nul das deutsche Kulturleben .ilinelt der, die Aveiiarius jüngst int ״Kunstwart•‘ gegeben. Da auch er jeden gcwalt• Samen Schritt zur Regelung des Verhältnisses von Deutschtum und Judentum ahlclmt und überdies mir wenig an die Möglichkeit der Lösung, die er vorschlägt, zu glauben scheint, so läßt er seinen Artikel recht resigniert ausklingen. Er ist ehrlich genug, auch dem Deutschtum einen Teil der Schuld, daß es soweit gekommen ist, zu• zitschreibcn und geißelt seine Schwäche, die so wichtige Positionen, wie die in Kunst und Literatur, dein Judentum kampflos ausgclicfcrt hat. Er schließt mit den Worten Lagardes: ״Sind die Juden in Deutsch• lautl zurzeit noch ein fremder Körper, so beweist dieser Umstand, daß das Leben Deutschlands nicht euergisch und nicht ernst genug ist: dann aber hat die Nation die Pflicht, diesem erheblichen Mangel abzu• helfen. Jeder uns lästige Jude ist ein schwerer Vor• wurf gegen die Echtheit und Wahrhaftigkcizt unseres IXiilsclittuns.“ Wenn in dem Artikel gesagt wird: ״Die Juden• frage verlangt nicht nur Erziehungsarbeit an den Juden, sie deutsch zu •machen, sondern gleiche Erz.ielumgsarheit an unseren Landsleuten, sie ihr Deutsch• tum erhalten tmd pflegen zu lehren,“ so zeigt sielt hier recht deutlich der unheilvolle ״circulus vitiosus“, in dem sich die •Entwicklung nach diesem Rezept bewegen muß. Denn mit Naturnotwendigkeit muß eine Belebung des nationalen Gewissens innerhalb des Deutschtums der Mehrheit der Juden, die nach der Ansicht des Verfassers international gerichtet sind und der staatscrlialtenden Fähigkeiten ermangeln (was wir in dieser allgemeinen Formulierung nicht kon• zedieren wollen) die Assimilation nur noch erschwert werden. Wir glauben vielmehr, daß mau dem Ziele weit naher käme, wenn die Juden zunächst einmal au eigenen pationaten Zielen und nationalem Wirken jene Eigenschaften schulten, die zum mindesten ein Nebeneinander auf der Basis gegenseitigen Verstehens ermöglichen .sollten. Denn das ist ja schließlich die Tragik aller Assiniilatioitsvcrsuchc: daß dein, der seine eigenen nationalen Güter leichtfertig aufgibt, auch die Achtling vor fremdem Volkstum mangeln muß. Andererseits hat cs auch schon mancher Nation,iljude au ,sieh erfahren, in wie ganz anderem Lichte ilun die Aciißeriuigen eines wirklichen nationalen Deutsch• ttiuis erscheinen, als seihst dem Juden, der stielt mit ehrlichem Willen müht, sich auf dem Wege der vorbehaltlosen Assimilation in das Deutschtum ein• zu leiten. . « Die Angelegenheit der Zurückweisung jüdischer MedizinalpraUtilcantcn in Britz tmd Lübeck hat jetzt ihren Abschluß gefunden. Danach soll in der Prüfungsordnung für Acrzle ein Passus atifgeiiominen werden: ״Die Ablehnung eines Kandidaten durch die Anstalt ,darf mir erfolgen, wenn ein wichtiger (!rund vorliegt, Die Ablehnung aus konfessionellen Grün• den ist mir seitens derjenigen Anstalt zulässig, die im Verzeichnis der ermächtigten Krankenhäuser als konfessionelle bezeichnet sind, Dem Kandidaten ist der Grund der Ablehnung schriftlich mit/uicilci». (iegen die Ablehnung steht dem Kandidaten He• schwcrde an die Zentralbehörde (J5 50 Ahs.it/ 2) zu, welche endgültig entscheidet.'* Dihiemurk Au der Kopciiliageuer Universität gab cs dieser läge einen Krawall, wie iltii die Geschichte dieser Hochschule ,noch nicht gekannt hat. Wie in den Itl Jahren, als es um die UiiisüirzvorScsiiiigen ging, war auch diesmal Georg Brandes der (iegen• stand der Demonstrationen. Der dänische Goethe• forscher Dr. pltii Simons e 11 begann vor einigen Wochen an der Universität Kopenhagen eine Vor• lesmigsreihe über das Thema Genie. Dr. Simonscn hat unter anderem auch über den ״jüdischen Geist in Da ne mark" gesprochen, und während seiner letzten Vorlesung über diesen Gegenstand richtete er die schärfsten Angriffe gegen Dr. Georg Brandes, Er stellte die Behauptung auf, daß man die Bedeutung des Dr. Brandes für das Geisteslehen in I )äiiemark pntsclücdcii viel zu hoch bewertet Italic. Er sprach Dr. Brandes die Glorienwürde ab und wollte ihn höchstens als ein Talent anerkennen. Er warf jltnt in heftigen Worten vor, daß er bei jeder p c | e g e n h c i t sich bestrebe, seine j ii di s clt c A b s t a m inu 11 g zu verdeck e 11; endlich ,äußerte sich Simonscn ironisch über die Nei• gung jles Dr. Brandes, so viel Glanz wie möglich um seittert eigenen Namen zu sammeln; während die wirkliche Bedeutung des Dr. Brandes nahezu auf den Nullpunkt zu reduzieren sei, habe dieser seine ״Berühmtheit“ in der Hauptsache einer sehr geschickten «,Reklame" seiner Freunde zu verdanken: auch der Umstand, daß Dr. Brandes dreist genug gewesen sei, einer großen Anzahl ausländischer ücriihiuthcitc» seine Bekanntschaft und seine Korrcspon• denz aufzudräiigcn, um nachträglich mit seinen inter• css.kiU'ii ״Freimdsehaflcii“ prunken zu können, habe zu seiner ״Berühmtheit“ beigetrugen. Die Haupt• werke von Dr. Brandes seien /um größten Teil nichts als — Plagiat! Diese Ausfälle vcrnnlaßten die radikalen Elemente der Studentenschaft, die nächste Vorlesung des Dr. Simonscn in Scharen zu besuchen und ihn von Anfang an durch liitonierimg einer kräftigen Katzenmusik an! Reden zu hindern. Russ/and Der durch seine Hetzreden gegen die Juden berüchtigte Mönch Iliodor, der vor mehreren Mo• naten auf Veranlassung des sonderbaren Heiligen Rasputin aus Zari/yn entfernt und strafversetzt worden war, wurde vom I!eiligen Synod seiner Münchswiirdc entkleidet, obgleich er zu der entscheidenden Sitzung einen laugen Widerruf eingesandt hatte, den er mit seinem Blut unterzeichnet hatte, um darzutun, daß der Widerruf ernst gemeint sei. Türkei Die lea soll beabsichtigen, in der Türkei Vor- •chußhankcn für jüdische Handwerker tmd kleine Knufleute zu begründen. Das Hauptgeschäft soll in Konstantinopel sein und allmählich auf Filialen in der Provinz ausgedehnt werden. Das Gründungskapital soll 230 000 Frs. betragen und bis auf 1 150 000 Frs. erhöht werden. PALACSTINA-'RUMOSCHAV I >ic Werkstatt für Perl m u 11 e r a r b c i * t e n, die in Jerusalem auf Rechnung des Herrn Nathan Straus gegründet wurde, entwickelt sich gut, tmd es ist zu Itoftett, daß sie einer Anzahl Fa* milien den Lebensunterhalt verschaffen wird. Die H c/. a I c 1 sc h u I c geht jetzt daran, in Jerusalem seihst eine Verkaufsstelle für ihre Produkte einzurichteii. Zu diesem Zwecke errichtet der Bczalcl am Jaffator, wo liier der größte Verkehr ist, einen Pavillon, in dent auch andere Arbeiten, wie beispielsweise die der PerhnuttcrwerkstaU und der Diam.iiiteitsilileiferei zum Verkaufe gelangen werden. Der Pavillon, auf dessen stattliche Ausführung hesolideres Gewicht gelegt wird, dürfte in einem Monate bereits vollendet sein. Dr. Br ii 1t 11, der l.eiter des hiesigen Gesundheit»- amtes, erhielt von Herrn Nathan Straus aus New York 10 000 Frs,, die als Unterstützung für die durch den Krieg in eine Notlage geratenen Familien dienen sollen. Aus Salcd wird gemeldet: Hier wurde ein S [1 i t z e 11 a t e I i e r eröffnet, mit dessen Leitung Frau Soff Ermann beauftragt wurde. Es meldeten sieb gleich 120 jüdische Mädchen, von denen vorläufig nur 50 aiifgciiommcn werden konnten. Die Judeninission, die liier viel energischer als in den anderen palästinensische» Si.ulten arbeitet, hat bereits he* gönnen, gegen das Atelier /n kämpfen, indem sie ebenfalls die Spitzcii.irbcit einitdtrle tmd für jede Arbeit, ohne Unterschied der (,hi.ilitat, einen über den Wert der Leistung weit liinausgehcnde» Lohn zahlt, da sic es ja mehr auf Scclcnfängcrci als auf Schaffung ehrlieber Arbeitsgelegenheit absicht. Uehcrhaupt bat die Mission in den vielen Jahren ihrer hiesigen Tätigkeit sehr viel zur Schwächung des jüdischen Ehrgefühl• beigetragen. Die Loge der B’ne llritli und die der ״Makkabäer“, die Schule des FÜlUvccins und da» neu errichtete Spitzcnatelicr sind nach Möglichkeit bemüht, dem Seelenfang der Mission entgegen- /»wirken, sie finde» aber darin hei der hiesigen Orthodoxie leider nur geringe Unterstützung. TURnen 5,sport Für den Organisationsfonds der Jüdischen Turnerschaft gingen seit dem V. Jüdischen Turntage ein: A. Fördererbeiträge (mindestens 20 Mark , jährlich): Dr. Ileymann 50,—, Julius Berger 20,—, Willy Grcifcnhageit 20,—, Henry Unna 20,—, Dr. Maart 20,-, Dr. R. Straus 20,-, Dr. Ilantkc 20,-, Dr. Ernst Wolff 20,-, Dr. E. Lcczynsky 20,-, R.-A. Gronemann 20,—, Dr. Klee 20,—, Richard Lichtheim

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