Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 494 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 5 t gesagt sein, •daß die Juden gewiß jedes Volkes Rechte zu;teilten geneigt sind, und daß gerade die Juden Verständnis für das schwere Unrecht haben, das den Polen zugefiigt wird; daß es aber den Polen schlecht nnstcht, wenn sie uns gegcuül>er die Entrüsteten spielen. Das jüdische Volk weiß atis Galizien und Rußland, was es von den Polen zu erwarten hat, wo sie die Macht in den Hunden haben. A11 den Unterdrückungen und Entrechtungen gemessen, die den Juden von der polnischen Herrschaft in Galizien und Ruß-!and zugefügt sind, ist die gesamte Polcnpolitik Preußens eine milde Handhabung der Vcrwaltung. Wir lassen uns selbst durch diese Erkenntnis unser Urteil nicht trüben: Die preußische Gesetzgebung hat den Polen ein bitteres Uurecht zugefiigt, indem sie das Euteigmmgsgesct/ erließ, die preußische Verwaltung hat dem gesamten Wirtschaftsleben im Osten eine ungeheure Schädigung bereitet, indem sie die Eiilcigmmg praktisch ausführt. Die Juden .haben das Gesetz nicht gemacht, gegen die Juden war es »ich. gcrichtet. Polen und Deutsche kämpf, n um das Land -־ und die Juden müssen cs verlassen. Vae victis. Rechtsanwalt Dr. K o 11 e 11 s c 11 c r - Posen. An unsere Leser! I >ic vor! egende Nummer der ״J u d i s c 11 e n Rund seit an" ist die vorletzte des 17. Jahrganges. Wir bitten d« .halb alle unsere direkten Abonnenten, aut eine rechtzeitige Erneuerung ihres Abonnements- Verhältnisses bedacht zu sein. Die Schriftführer der Vereine und (uiippcn aber wollen uns - soweit das bisher etwa 1 och nicht geschehen ist ־ unver/üglieh die ertoi.!erlichen Acndcruitgen in den lieberweisungslisten bekanntgeben. Weiterhin bitten wir alle unseie Ereiindc dringend, wilirent' der wenigen Tage, die noch bis zum Quartalswechs« I verbleiben, eitrigst darum bemüht zu sein, dal! unserem Parteiblatt neue Leser ge- Wonnen werd.u. Das ist ir, *glich einmal, indem der einzelne versucht, der ״R. ndschau" nette Abonnenten in seinem Bekanntenkreis:׳ zu werben, dann aber auch, indem er in seiner Ortsgruppe seinen Einfluß dahin geltend macht, daß dei Beschluß unseres Posener Delegiertentages, der tut alle Gruppen ein Pilichtahonnemcut cintührtc, verwirklicht werde. Gerne sei anerkannt, daß die Zahl der Ortsgruppen, die auch hier ihren organisatorischen Verpflichtungen vollauf gerecht werden, in stetem Wachsen begriffen ist, und daß sich die günstigen Folgen dieser intensiveren Wirkung unserer Presse bereits in matte iglaclicf organisatorischer Hinsicht bemerkbar machen. Ist es uns doch beispielsweise bereits in mehrfachen Zuschriften aus der Provinz versichert worden, daß der ״erhöhte" Beitrag von jährlich 12 M. einschließlich des Rmulschatiabonncments pünktlicher und weit williger von den Mitgliedern entrichtet wird, als die früheren niedrigen Beträge. Die Parteipresse, die dem einzelnen Zionisten Woche für Woche ins Haus getragen wird, muß das Vercinslcbcn einer jeden Ortsgruppe beleben, denn sie stellt die geistige Fühlung her ׳/.wischen jedem einzelnen Mitglied und seiner lokalen Gruppe, sowie der Landes/eutrale. Die Partei ats solche aber tnuß um so aktionsfähiger sein, je schneller und gründlicher die Parolen der Leitung in ihren Reihen verbreitet werden. — Der deutsche Zionismus wird in den nächsten Monaten zahlreiche Angriffe ahwclircu müssen. Die Stärke unseres Ideals und die gute Sache, die wir verfechten, würden nicht genügen, uns den Sieg in jedem einzelnen Gefecht zu sichern, wenn nicht unscrc Organisation so straff und die Ergebenheit unscrcr Anliängcr sc vielfach bewährt wäre, wie nirgen d s sonst im Judentum. Für die Verbreitung der Parteipresse wirken heißt einen der wichtigsten Träger der Organisation stärken. Eine Arbeit, die jedem möglich, für' die niemand zu gering und keiner zu vornehm ist. Für die aber in erster Linie alle die ihre Kräfte cinsctzcn sollten, die das Vertrauen der Mitglieder in die Leitung einer Ortsgruppe berufen hat. In diesem Sinne bitten wir alle unsere Freunde und Mitarbeiter, dem Blatte auch in seinem IS. Jahre ihr Wohlwollen zu bewahren und ihre tätige Hilfe ztt leihen. Im liiii/eiabomieiuent beträgt der Preis der ״Jüdisclteii Rundschau" M. 1,59 pro Quartal. Wird die Verrechnung im Sammelabonnement durch die Vereine geführt, so wird für jedes Mitglied mir Tk #? *f berechnet. Verlag!!.Redaktion ״Jüd. Rundschau“ Berlin W. 15, CücanlscJzcotr. 8 Die hebräische Sprache und ihre Bedeutung für den Zionismus Von Israel R 0 g 0 w i n , Berlin. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man in ihnen Empfindungen erregt, die sie habe» wollen und nicht die sie haben sollen. Goethe. I. Es niiilt offen hcr.111sgcs.1gt werden, daß eine unserer wichtigsten Aufgaben bis jetzt unverzeihlich vernachlässigt worden und deren Losung uns nichts weniger als gegenwärtig ist. Ich neinc die so ernste mul bedeutsame Aufgabe der nationalen Erziehung unseres Volkes. Können wir denn eigentlich über* haupt mit reinem Gewissen sagen, daß diese hochwichtige Frage eon uns Zionisten ernst behandelt worden ist? Leider muß es gesagt werden, «laß wir sie bisher noch nie klar umj, deutlich ge* niig in unserer Presse formuliert haben. Es liegt auch einigermaßen in der Natur der Sache; denn nur zu schwierig und kompliziert ist das Problem, wie wir, die wir an die nationale Auferstehung glauben und diesem Ideale gänzlich ergehen sind, «lie wir die absolute Befreiung von jeglichem Druck im physischen wie im geistigen Lehen wünschen, wie wir, sage ich, zu der Erziehung unserer Kinder in der Diaspora uns verhalten sollen!׳ Was für Mittel gibt es denn eigentlich, um zu bewirken, daß die jüngere Generation wirklich jüdisch fühlen mul denken soll? Zweifellos jst das beste Gegengift gegen die brutale Assimilation und die abscheuliche Taufe, «las abseitige grumliichc Studium der hebräischen Sprache, Geschichte uml Literatur. Wenn wir aber unsere bisherige Tätigkeit auf diesem Gebiete resümieren, so finden wir leider mir traurige Resultate. Wenn wir uns die t rage stellen: Haben wir die hebräische Sprache und Literatur wirklich gefördert, so müssen wir notens volcns eine verneinende Antwort gehen. Die Folgen unserer Agitation zugunsten der iicbrüi• sehen Kultur sind leider, daß die hebräische Sprache im Go Ins' nach wie vor in Ver- ״css e n heit g e rät; ja sogar unsere Eltern, die in ihrer Jugend große Taliimdisteu waren, sind heute nicht imstande, eine hebräische Zeitung gehörig zu verstehen. Da sie sieh nämlich, von Geschähen in Anspruch genommen, zu sehr von unserer Sprache entfernt haben, so fallt es ihnen heute schwer, «lie neueren Aufdrucke sich an/tteignen, die in der nto* «lernen hebräischen Literatur gebraucht werden, um neue Begriffe deutlich und präzise fassen zu können. Die jüngere Generation vollends, die nicht mehr Cha* darim und Jesdiihotli besucht, sondern ihre Erziehung in modernen Gymnasien empfangen hat, weiß von der ganzen hebräischen Literatur nichts, und unsere geistigen Schatze, alte wie neue, sind ihr ein Brief mit sichen .Siegeln. Die geringe Kenntnis des Juden* trnas, die unsere Jugend tut (Men im besten Falte in drei oder vier Stunden wöchentlichen Unterrichts erhält, wird nicht genügend verdaut, und wie die Scluikr die trockenen Spraclircgcin allein, ohne Einj sicht in die Geschichte und die Entwicklung unseres Volkes, .־itifgcuoimucii haben, so verlieren sie sie dann gleich wieder, ohne daß etwas sich ihrem Ge• «lächtnis irgendwie eingepragt hatte. Es ist ja leicht einzusehen, daß man die hebräische Sprache nicht beherrschen wird durch ein solch oberflächliches Lernen und solche Lehrmethode, welche die Lernenden wie «bc Lehrer ermüde» muß. Ich will hier durchaus keinen Vorwurf gegen die Lehrer erheben, von denen vale sowohl in betreff ihrer Bildungsstufe wie auch durch ihr pädagogisches Wissen aut der Hohe ihres Berufs .stellen; aber die Umstände, der lndiffemiti'iniis der Litern und in noch größerem Maße der der Schüler, bringen es mit steh, daß die Arbeit erfolglos bleibt. Solche Schüler können aber unmöglich die Zahl der hebräischen Leser vergrößern, von ihnen hat unsere Literatur nichts zu hoffen. Und so stellt sich uns denn wieder die Frage Gordons: ״Für wen arbeiten wir?" Ja, in ihrer ganzen Fürchterlichkcit drängt sielt uns diese schreckliche Frage auf: Wird die midiste Generation im (lalut überhaupt noch hebräisch verstellen, und sind wir nicht vielmehr die letzten Mohikaner des Hebräischer! in der Diaspora? Ich zweifle keinen Augenblick, «laß unsere Sprache in Palästina zu einer Mutter* und Volkssprache werden wird; unsere Kultur winl sieh dort in chcmlcm Maße wie das Land entwickeln mul ausbilden, sie wird sich fest auf der ökonomisch-landwirtschaftlichen Grundlage erheben. Ich habe aber allen Grund, zu befürchten, daß diese Kultur von «len Dias!>orjj111lcn nidit mehr verstanden werden wird, weil sic 1111 s e r e S p r .1 che 11 i e 111 m ehr k e 1111 e 11 wer- «I e n. So st e 111 «I e 1111 «I i e g r o ß e G e f a 11 f I» e vor, «I a ß unser « 11 a t i o n a I e L i 1111 v i t gesprengt 1111 «I v c r n i e 111 c t wird, eben durch «lieses Aufblühen unserer Sprache mul Literatur in ihrer historischen Wiege, weil dir hier, in der Diaspora, zu gleicher Zeit die g ä n z.• liehe Vern a c 111ä s si g 1111 g,der IJ111 c rga 11 g droht. Das Band, welches uns heute, trotz «lern Mangel eines einheitlichen Territoriums, zu einem Ganzen Zusammenhalt, droht zu reißen, und die Macht, die lins durch die lichräüchc Sprache unbegrenztes geistiges Gebiet schafft, auf «fein alle Gegensätze Seilwinden und alle Anschauungen sieh vereinigen, wird vermeldet und aufgehoben werden. Wir pflegen uns aber seihst zu h« trugen und falschen Hoffnungen mul Illusionen hin/ugehen, ats oh die hebräische Sprache sich verbreite, als oh sie unter alle Schichten unseres Volkes dringe, wir lassen uns durch die nicht verstandene Tatsache irreführen, daß in letzterer Zeit neue hebräische Zeitschriften zu erscheinen begonnen haben, wir glauben hieraus Schlüsse auf die Verbreitung der Sprache ziehen zu dürfen. In Wahrheit aber ist die Zahl «ler hebräisehen Leser fast gar nicht gewachsen, und dieselben Leute die «len ״I J.isehüo uli" und den ״I laolain" lesen, lesen auch den .,I lasnian" und die ״Fläze• firah". Wir drehen uns also einfach in einem Circulus vdüisus herum. Noch mehr: Sogar «he hebräischen Schriftsteller sind fast dieselben in allen jenen Zeitungen, eine Erscheinung, «lie nirgends sonst ihresgleichen findet. Sie lehrt uns, daß in Wirklichkeit der Kreis unserer Leser lind Schöpfer aut dem Gebiete «ler jüdischen Literatur nicht großer wird, «laß also die Befürchtung nur zu berechtigt ist, «laß, wenn wir nicht unsere ganze Aufmerksamkeit diesem Zustande widmen und «lie nötigen Maßnahmen ergreifen werden, auch dieser Rest nach einer Generation spurlos verschwinden wird. — Und wenn wir doch dann und wann einen neueren Schriftsteller aiittrcten sehen, so gehört er seiner Erziehung und Bildung nach, den letzten CI1.1d.1rim• und Jeschiluhesucliern, und diese werden von Tag zu Tag seltener. Ls ist erwähnen*• wert, daß unsere gr«*ßen Literaten alle das Cliarak* tcristisclie an sich liabcii, «laß sie in kleinen Städtchen geboren und erzogen worden, wo sie sich erst ge* iliegcnc jüdische Bildung angccigiiet und nur spiiter auf diese die allgemeine Kultur auigepfropft haben, und daher beides beherrschen, während es heute leider ganz anders geworden ist. Der heutige trostlose Zustand muß uns um unser armes Judentum besorgt machen, und es ist unser aller Pflicht, ob Freidenker oder Orthodoxe, ob Zionisten oder Nicht* zioiiisten, uns ziis.iinmcnziiliiii und zu beratschlagen, wie diesem Ucbcl zu steuern, tu unserem Denken muß sich in bezug auf die hebräische Sprache eine große Umwandlung vollziehen, und auch unsere Anschauungen über die jüdische Frau müssen gleichzeitig radikal geämlcrt Wertteil. Wir müssen «I i c jüdische Frau auch wirklich zur Jüdin machen, mit anderen Worten: Unsere jüdischen Töchter, die Erzieherinnen unserer zukünftigen Gencration, müssen die hebräische Sprache und Kultur kennen und beherrschen. Wer unsere Schwestern in den Uiasporaländcrn kennt, der w e i ß w o hl, daß die meisten zur A s s i m i I a t i o n neig c n , w c n 11 sic nur überhaupt B i I d u n g genossen h a b e n, und das ist auch leicht erklärlich, da sic in Kulturen erzogen werden, die unserem Geiste, unseren nationalen Idealen fremd, ja feind sind, von unseren eigenen Kulturschützcn aber nichts wissen und verstehen. Und hierin sind sie natürlich viel schlimmer als «las männliche Geschlecht; die männliche Jugend, wenigstens bis unlängst, eignete sich in den östlichen Gegenden immerhin neben der allgemeinen Bildung auch mehr oder weniger jüdisches Wissen an, sic ist zum Teil־ noch imstande, die dichterische Schönheit und die erhabene Moral unserer unsterblichen Propheten, die ja in keiner anderen Mundart in ihrer ganzen Herrlichkeit wiedergegi iKrn werden können, in der schönen hebräischen Sprache zu genießen. (Fortsetzung folgt.)