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Jüdische Rundschau · 1912-12-20 · Heft 51 (20.12.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I ■ Spraehatuadra Dienatag und Dooaaratag I 5 5—6 Uhr nachmittag•. S c~y /ר״׳ I 1 111^ CT~3 * 1 u Nummer 51 Berlin, den 20. Dezember 1912— lO.Tebetli 5673 XVII. Jahrgang Ausweis Schekel: Berlin I,—, Stuttgart 2.־~, Chemnitz 9, — M. Für 1913: Manuiieim TS,—, Kadimali-Berliii 25,— M. Landesorganbationsbeitrllge: 1. Ortsgruppen: Chemnitz 5,—, Mainz (Einzelbeitrag) J, ii. V. 38,״, Krotoschin I I, •*, Mannheim 1,50, Berlin I M. 2. Einzelpersonen: Apotheker Albert Bern• stein, Königsberg (2. Uate) 5, , I)r. Salli Hirsch, Berlin 5,—, Rechtsanwalt l)r. Martin Meyer, I.übeck 10, —, Eduard Joel, Lübeck I(),—, Referendar Dr. Max Netheim, Duisburg (3. Uate) 5,—, Dr. Rau, Essen 10,-־, W. Schenker, Dresden 5.־ , R. Reichmann, Strattbmg 5, ־, Dr. Rtilf, Köln 10, ■ Dr. S. Ililtlcshcimcr, Berlin 12, •, Professor Dr. Otto Opet, Kiel (I. Rate) l,~, aus Chemnitz: I. Rate: N. Aspis 1,—, J. Pfeffer —.50, J. (ioldhaher 2,50, K. Geller —,50, Frau Dr. (iöt/ 2,50 M.!!.Verschieden e׳S p e n d e n: Kattowitz '51,— Mark. Eingang vom 12. bis 18. Dezember 1 Schekel: Für 1012: 12 M״ für 101'J: 105 M., t. a ntl e s o rg a - n i s a t i o n s b c i t r ii g e: 181,50 M. Gesamteingangs S c It e k e 1: 1012: 7228,25 M., 1913: UW M., L a nd e sorga 11 i s a t i o 11 s be i träge: 18 060,8(» M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W, 15, Such- •Ische Str. 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin NW., Unter den Linden 59. ״Vae victis ‘ Ein jüdischer Beitrag zur deutschen P o l c n f r a g e. Die Anwendung des Enteigmmgsgesot/cs hat einen schweren wirtschaftlichen Kampf in der deutschen Ostmark entfesselt. ״Der Seine zum Seinen“ ruft der Pole; und der Deutsche autwortet ihm mit der Parole: ״Der Deutsche zum Deutschen.“ Dem Juden klingt aus den beiden Schlachtrufen immer noch gar /.u deutlich das alte ״Kauft nicht bei Juden" heraus. Damit fing ja der wirtschaftliche Boykott an. Als der nationalc Kampf zuerst wirtschaftliche Formen annahm, ging das Polcntum noch nicht so weit, es den Deutschen zu verargen, daß sie deutsche Politik trieben. Das konnte man begreiflich finden und darum wollte mau die einzelnen Deutsehen nicht wirtschaftlich für die nationale Po* litik des Staates strafen. Aber den Juden nahm mau es auf polnischer Seite übel, dal! sie sich den Deutschen ntischlossen, von ihnen hatte das Polcntum Unterstützung oder wenigstens wohlwollende Neutralität erwartet. Als sie ausblieb, als die Freisinnigen unter jüdischer Führung seit 1893 ununterbrochen in allen politischen und kommmialen Waiden Kompromisse mit den Konser* vativen schlossen, und dadurch schon vor Bülow dessen Blockpolitik als ״Vereinigte deutsche Parteien“ in der Ostmark trieben, da wurde von den Kanzeln der polnischen Kirchen herab gepredigt und in den polnischen Volksversammlungen und in der polnischen Presse verkündet: Kauft nicht bei Juden. Die Deutschen hielten sich von diesem Schlachtruf wohl fern. Sie ließen ihn wenigstens nicht laut ertönen. Man brauchte die freisinnigen, d. h. die jüdischen Stimmen, um Mehrheiten bei Wahlen zu erlangen, mehr noch, um nadi außen und namentlich nach oben den Eindruck der geschlossenen Einheit des deutschen Bürgertums von Stadt und Land, von rechts und links hervorzurufen. So nahm inan Firmen jüdischer 1״Dor Zionismus erstrebt für das JtUlincho Volk dlo Schaffung einer üffent• iücXi-rccMnch gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm. Geschäfte in den vom Ostmarkcnverein heraus• gegebenen Kalender auf und verließ sich im übrigen wohl auf den ״Rasscuiiistinkt“ der deutsehen Volksgenossen. Mehr geschah freilich zur Förderung des jüdischen Wirtschaftslebens nicht. Von dein reichen Uoldregen, der sich aus amtlichen, halbamtlichen und dcutsch-ost• märkischen Kassen auf das deutsche Bürgertum ergießt, benetzt nur in ganz, vereinzelten Aus• nahmefällen ein spärlicher Tropfen jüdischen Boden. Wo deutsche Akademiker durch Ver• lcilumg amtlicher Charaktere unmittelbar und mittelbar wirtschaftlich gehoben werden, gehen die Juden leer aus. Das deutsche Genossen• scliaftsweseif, das dem Raiffeiseii-Verbande an• gehört hat, bis es glaubte, selbst stark genug zu sein, ist der schärfste üegner des freien jüdischen Handels geworden. Die Verbindung der Ansiedlungskotnmission mit diesen Genossen• schäften war die schwerste Schädigung des jüdi* scheu I iandcls. So waren durch den Kampf der National!• täten die Juden in der Ostmark aiu meisten geschädigt. Wenn die Polen den deutschen Handel ausscliallen wollten, gesellte sich zum Haß gegen das Deutschtum noch die Verachtung gegen das Judentum: die Juden wurden doppelt getroffen. Die Deutschen, die mm damit anfingen, im Wirtschaftsleben überhaupt erst nationale Unterscheidüngen zu machen, konnten die Juden nicht als vollwertige Deutsche mischen und wandten sich in der Regel erst an sie, wenn die deutschen Volks- und evangelischen Rcligioiisgcnosscu vor• sagten. Auf deutscher und polnischer Seite aber brachte der Ausschluß der anderen Nationalität wenigstens eine Förderung der eigenen mit sich, die Polen, die nicht mehr hei dem deutschen Kaufmanne ihr Geld ausgeben, nicht mehr bei dem deutschen Handwerker arbeiten lassen wollteil, schufen sich einen polnischen Handels- und Gcwerbestaiul, der in der eigenen nationalen Wirtschaft einen festen Halt finden konnte. Die Deutschen fanden in der Beamtenschaft, in den vielen Gaben des Staates, die ״zur Förderung des Deutschtums in der Ostmark“ gespendet wur• den, einen mehr als ausreichenden Ersatz für den Abgang von polnischer Seite. Dem jüdischen Kaufmann und Handwerker aber erstand kein Ersatz für den Ausfall, den ihm der National!- tätenkampf bereitet hat. So blieb ihm nur ein Ausweg, die Auswanderung. Es gingen die für ihren Unterhalt noch sorgen mußten, weil es immer schwerer wurde, ihn auf dein heißen Kampfesboden noch z.u erringen; es gingen die Reichen, weil ihre Freunde und Verwandten schon gegangen waren und weil auch die sozialen und politischen Zustände immer unerträglieber wurden. So ist der Jude im Kampfe zwischen dem Polen und dem Deutschen nicht der tertius gaudens geblieben, sondern hat die Zeche bezahlt. Deutschtum und Polcntum haben offensichtlich zugenommen; das Judentum allein wird in der Ostmark immer mehr zwischen beiden zerrieben. Da tritt die große Frage an uns heran, ob politische Fehler der Juden diese schwere Bedrängiiis herheigeführt haben. Die Antwort darauf zu erteilen, ist sehr schwer. Bis zum Jahre 1893 sahen die Juden unter freisinniger politischer Führung die Polen als ihre oppositionellen Bundesgenossen gegen die Kcgien1ngs|x>litik an. Seit IS9S bilden die Juden, wiederum unter freisinniger politischer Führung, einen Teil der vereinigten Deutschen, deren höchstes politisches Endziel in der Ostmark die Niederwerfung des Polcntüms ist. Daß diese Politik uns Wirtschaftlieh geschadet hat, ist eine Tatsache, die nicht aus der Welt zu schaffen ist. Wie es geworden wäre, wenn man die alte Politik von vor 1893 fortgesetzt hätte, wer will es sagen? Der Antisemitismiis auch auf polnischer Seite brauchte nicht erst auf äußere Anregungen zu warten, um auch auf wirtschaftlichem Gebiete auszubrechen. Im- Hierhin scheint so viel festzusteben, daß die Polen uns Juden jetzt als vollkommen festgelegt anselien, daß sie in uns die stetigen und getreuen Anhänger der Politik erblicken, die sie unterdrückt, und daß sie nach den Erfahrungen von fast 15 Jahren auf eine Wandlung der Anschaumig nicht mehr rechnen. Wir haben die Bo wegmigsfreilieit im politischen Kampfe aufgo geben, man rechnet mit uns nur noch als mit einem starren Faktor, den beide Parteien in ihre Kalkulationen cinslellen, ohne auf ihn irgend״ welche Rücksichten nehmen zu brauchen. Mehr Freiheit in der Möglichkeit der eigenen Enlschließimg wäre von Vorteil gewesen; dann hätten auch wir Juden gelegentlich einmal unsere Interesseu in die Wagschale werfen dürfen. Eine Aemlerting der Politik nach dieser Richtung wird immer schwerer, je mehr wir durch die Abwan־ deniugen ziffernmäßig in die Minderheit gedrängt werden mul je mehr wir zugleich auch an wirtschaftlichem Einfluß verlieren. Was früher unterlassen ist, läßt sich jetzt nicht mehr nachholeii. Im Grunde ist cs nichts weiter als das alte Schicksal des jüdischen Volkes, das sich auch hier in absoluter Folgerichtigkeit wieder zeigt. In alten Zeiten haben die Juden dem herrschenden Polenvolke das Wirtschaftsleben gebracht und ihm den fehlenden Mittelstand ersetzt. Unter preußischer Herrschaft waren die Juden die ersten Pioniere des Deutschtums. Als die Polen sich den Mittelstand geschaffen hatten, wandten sie sich mit aller Schärfe und Härte gegen ihre jüdischen Lehrmeister und boykottierten sic. Als die Deutschen eine Regierung hatten, die mit der Fürsorge für die Verbreitung deutscher Kultur auch die Vergebung wirtschaftlicher Stellen verband, glaubten sie die jüdische Hilfe entbehrew 7.« können. Die Juden aber, die seit Jahrhunderten gehofft hatten, hier in diesen Landen eine neue Heimat zu finden, müssen das Land verlassen. Die neueste Phase der Entwicklung, die an die Ausführung der Enteignung anknüpft, bietet keine prinzipiellen Besonderheiten. Nur wird der Kampfruf auf beiden Seiten lauter erhoben und zweifellos besser beachtet. Das polnische System der Kontrolle und Spionage ist vollkommen durchgeführt und keine polnische Hausfrau, die cs noch wagen sollte, in ein deutsches oder ja* disches Geschäft zu gehen, ist vor öffentlichen Angriffen in Versammlungen und Presse sicher. Die Entrüstung der Polen, der gerade das Weihnaclitsgcschäft noch eine besondere Anregung geben mag, ist mehr als je gegen die Juden gerichtet. Von jüdischer Seite soll ihnen dann auch

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