Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 473 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 49 Kattowitzer Brief Zentralvereinsversammlung mit Vortrag von Geheimrat Fuchs Am Bußtage hielt der Zentrnlverei» liier einen Bezirkstag nb, woran sich abends eine Propaganda* Versammlung anscliloß. Hierzu war (ich. Justizrat Eugen Fuchs aus Berlin cingetroffcn, und seine Voilragsnnkündigung über ״Die Zukunft der dcut* sehen Juden“, prangte seit länger als einer Woche an den Litfaßsäulen des Industriebezirks. Der Besuch der Versammlung war ein ganz gewaltiger. Mit den Nachmittags• und Abcitdziigcn waren unsere Gäste aus allen Nnchbargemeimlen in Kattowitz cingetroffcn, und lange vor der fcstgcsctz■ teil Stunde, war der grolle Saal der ״Rcichshallc“ im Parterre und Galerien dicht gefüllt. Die Gesamtheit der Teilnehmer dürfte die Anzahl von 120« Personen noch wesentlich überschritten haben, darunter inustertcu wir reichlich 200 oberschlesischc Zionisten. Der Zufall hatte es gefügt, daß wir zwei hochgeschätzte Gesinnungsgenossen von auswärts unter uns hatten, Herrn D?. Adolf Fr jede man 11 aus Wiesbaden und Dr. Aron Sandler aus Charlottenburg, Den erstcrcn hatten geschäftliche Angelegenheiten für einige Tage hierhergeführt, während Dr. Sandler in mehreren oberschlesischen Ortsgruppen Referate er* stattete und Lichlhildcrvnrtrügc ubhiclt. Auch der Aufmarsch seitens des Zentratvereius ließ ahnen, daß es hier vielleicht einen prinzipiellen Meinungsaustausch geben würde, denn in der Stuhl• reihe der Vertrauensmänner erblickten wir den he• kannten Vorkämpfer für liberales Judentum, Herrn Rabbiner Dr. Ooldina 11 u (Oppeln), dessen Name all oberschlesischer ״Schmied von Gretna-Gicen" zur• zeit in aller Mumie lebt, und ferner Herrn Dr. med, G o I d s c h m i d t aus Königslüitte, den neugewählten Großsekretär des Bne-Brith-Ordcns, welcher als gewaltiger Rufer im Streit auf antizionistischem Fccht* boden gut gekannt ist. Trotzdem war die Luft noch frei von jeglicher Kampfstimmung. Im Gegenteil, das Gemütliche überwog. Hat man doch in der Provinz selten Gelegen• heit, so grolle jüdische Versammlungen mitzumachen, und als guter Jude hat mau seine Freude;111 dein gewaltigen Zusammenstrom und ist auch iokalpatrio* tisch angeregt. Ja, der Unterton war ein geradezu familiärer. Wollte doch das oberschlesische Juden• tum Herrn Geheimrat Fuchs, einem seiner besten Söhne, eine Huldigung bereiten und ihm dafür danken, daß er im Beruf und öffentlichen Leben, in der Rechtswissenschaft und dem Judentum seiner Ge* Imrtsstadt Taritowltz. und damit auch der weiteren oberschksischen Heimat zu Uhren und Ansehen verhilft. Der Vortrag des Herrn Fuchs ist durch die Veröffcntlichung im ״Deutschen Reich“ bereits in allen Teilen bekannt geworden. Von seiner eigenen Ansicht über die Zukunft der deutsche» Juden erführt man so gut wie nichts, vielmehr mir, daß er die Ansicht des Herrn Sombart über diesen Gegenstand nicht teilt. Neu war eine kurze Uinschaltung über Goldsteins ״Deutsch-Jüdischen Parnaß“, doch auch diese nicht sonderlich aufsehenerregend. Was aber den Vortrag trotzdem sympathisch machte, das war der darin kundgegebene Wille, so• lange es irgend angeht, sich im Zentralverein eine Grundlage zu ,bewahren, auf welcher sich das deutsche IllffiSiLlFiJL.. L-.-.l iJ-- ■ ״?י" יי .. .י י’ ל* steht einsam mitten im Felde und sagt sein stilles Gehet. Ihr Felder, in Tau und Nacht getaucht, erzählet mir! Und du einsamer Baum im Felde, ich will mich unter dich hinsetzen, und deine rauschenden Blätter sollen mir von den Zeiten und Dingen erzählen, die über diesen Weg kamen . . . damals, als Israe «och ein Volk war, mul das Land Israel sein Land. Der Araber treibt den Esel an und singt ein Lied. Schweig״, arabischer Knecht, schweig'! Stör' mit deinem eintönig sehnsüchtigen Liede meine Träume nicht . . .! Siehst du den schwarzen Schatten nicht, der sich dort hinter den Oclbaumcn verbirgt? Ein Mann ist’s. Sich sein Gesicht, wenn er es den Sternen zuwendet! Sich, wie bleich die Stirn sein Antlitz krönt! Silberweiß leuchtet der Bart im Stcrncnlichtc. Sein ganzes königliches Gesicht leuchtet im Stcrncnlichtc. Weißt du nicht, wer es ist? Sich doch, was er im Reisesack trägt! Ein Oclkrüglein, einen goldenen Spieß und eine Posaune. ״Wohin gehst du, Alter, mit deinem Oelkrüg* lein, mit deinem Spieße und deiner Posaune?" ״Ich gehe, einen König über Israel krönen." ״Wer ist dein König, Alter, den du krönen willst, in dunkler Nacht, in Verborgenheit und Einsamkeit?" ״Er ist nicht höher als alles Volk, Ein Knabe ist״s, ein kleiner Knabe, aus dem Hause Isuis, kraus und schwarz sind seine Haare, schwarz blitzen seine Augen. Und die Schafe hütet er.“ ' Und dort Irn Felde ist Üibeath Schau! (Sauls• hügcl). Dort ruhen ein Heer und sein König, aus der Judentum bei allen seinen Verschiedenheiten noch zusammenfinüen könnte, Nach der Ansicht des Red• ners, und jeder Hörer mußte von der Redlichkeit seiner Ueberzeuguitg durchdrungen sein, könne und werde der Zentralverein ein weites Stück mit dem Zionismus Zusammengehen. In der Diskussion erhält der Vorsitzende der Zio• nistischen Ortsgruppe Kattowitz,'Herr Arnold Wiener, zunächst das Wort, und dieser nahm für seine Organisation von den Fuehssclum Erklärungen Akt, er ließ jedoch durdthlicken, daß bei den lokalen In• stanzen des Zentralvcrcins die Interessengemeinschaft mit dem Zionismus bisher nicht gar zu gut verstanden orden sei. Der zionistische Redner sucht alsdann zu der wirklichen Schicksalsfrage des Judentums vor• »!dringen• die er dahin zusammcnfalit: ״Wer den ewigen Zusammenhang des Juden• iums mit Ere/.-lsrael bejaht, entscheidet sich für das Leben, wer ihn verneint, für den Tod und Untergang des Judentums. Wir aber wählen, wie uns geboten ward, das Leben.“ Nim lösten Zionisten und Aiitizionistcn einander auf der Rcdncrbülutc ab. Zuerst sprach Dr. med. Goldschmidt (Königs• hiittc) über die jüdische Weltanschauung vom Zen• tralvcrcius-Standpunkte, Der Zionismus aber treffe sich in seinen ücdankciigüngcn zu häufig mit dem Antisemitismus, darum lehnt Redner ihn ah. Audi wird er von der Besorgnis beherrscht, daß Palästina nicht Raum für alle Juden habe, und dann, wird denn die türkische Regierung wollen?! Worauf l)r. F r i e d e m a 11 n antwortet, und Palästina mit bcgeisternden Worten als Zufluchtsort für die Ostjudenlieit und als seelischen Jungbrunnen für die Westjudenlieit würdigt. Danach erhebt sich der Herr Dr. Go Id man 11, und tralverein als die wahrhafte Judentums, seine Welt;u1schauung vertrete gen Werte des Judentums, der Zionismus aber nur die zeitlichen Interesse» der Judenlieit. Herr I )r. S a 11 d I e r (Cluirlottenlnirg) seiner Entgegnung treffende Worte, um ״Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ zu be leuchten. Wenn die strenge Orthodoxie das bloße Natioiialjiulcntinii ablelmc und ein Volljudcntum nach ihrem Sinne fordert, so empfinde er für diesen Stand• pnnkt ein gewisses Verständnis, wenn auch keine Billigung.• Peinlich aber müsse es wirken, wenn deutsche Staatsbürger jüdischen Unglaubens mit uns unter dem Visier des Kcligionsjudcntums fechten wollen. Die Diskussion hatte die Zeitdauer von zwei Stun den bereits stark ühcrschriitci! und neigte sich jetzt sichtlich ihrem Ende zu. Der Beifall, welcher unsere Redner bei ihrem Auf• und Abtretern begrüßte, klang■ immer heller und zukmiftslreiidiger. Das Zahlcnverhälbiis im Saale hatte sieh mittlerweile zu unserem Vorteile verändert. Viele ״Anhänger der Ordnung und des Bestellenden“ hatten schon die Versammlung verlassen, um die wohlver• diente Nachtruhe aufzusuchen, mul unter den Zurück bleibenden schienen die Sympathien für uns im Wachsen begriffen. Auf beiden Seiten übte jedoch das eigenartige Rededuell einen starken Reiz aus, und man konnte sich der Hoffnung hingchen, daß, wenn auch keine Verständigung, so doch wenigstens eine fruchtbare Aussprache als Ergebnis des Kraft Rabbiner von Oppeln, dieser feiert den Zen• Fortsetzung des alten die ewifindet in den Typ aufwandes zu buchen sei. Da trat ein Zwischenfall ein, auf den niemand mehr gerechnet liattc. Von seiten des Zentralvcrcins wurde Herr Rabhin er Dr. Gold Schmidt (Königshütte) als letzter Rainer ins Treffen geschickt. Wenn seine Vorgänger bei aller Entschiedenheit doch die Möglichkeit eine» Zusammengehens mit uns in gewissem Umfange nicht gänzlich ausschließcn wollte», so zeigte sich dieser Rainer von jeglicher Sentimentalität frei. Mit einer Schroffheit, welche uns das Blut in# Gesicht trieb, rückte er vom Zionismus ab. Er ver* meide es überhaupt, mit Zionisten zu diskutieren. Das sei ganz zwecklos, sic tragen nur den Unfrieden in die Gemeinden. Audi ihre vaterländische Gesinnung sei ihm verdächtig. Dr. Fricdcmann habe zwar Versicherungen in dieser Beziehung abgegeben, doch finden sic bd ihm wenig Glauben. Da die Zionisten nach Palästina wollten, so sei das ein Patriotismus auf Kündigung. Mit der jüdischen Religion hätten die Zionisten schon gar nichts gemein. In ihren Reihen überwiegen die• jenigen, welche mit der Religion gänzlich gebrochen hätten, ja sogar Getaufte werden als Nationaljuden von ihnen anerkannt, was ein Versaiiiinhmgsbcricht aus Köln beweise. Die njühsani zurückgchaltcnc Em• pönmg machte sich jetzt in elementaren Zwischen• rufen Balm, welche wiederum von den anderen niedergezischt wurden, so daß eine betäubende Unruhe ent• Stand, welche jedes Wort von der Rednerbuhne ver* schlang. Länger als zehn Minuten blich die Versammlung völlig dircktioiislos. Der Vorsitzende, Herr San.tütsrat Dr. Ologaticr, versagte dem zionistischen Ver• traucnsinann, Herrn Wiener, das Wort zu einer tatsächlichen Richtigstellung. l:r konnte aber auch Herrn Fuchs keine Ruhe für Sein Schlußwort ver■ schaffen. Die Versammlung hätte mit einem schrillen Mißakkord enden müssen, wenn nicht Herr Dr. Ehrenfried (Kattowitz.) die Situation gerettet und uns Rulie zu einer kurzen aber scharfen Zurück* Weisung des ״Israclits" und seines Verkündigers verschafft hätte. Alsdann gelaugte endlich der Redner des Abends dazu, das Schlußwort an die Versamm* lung »1 richten. Herr Ocheimrat Fuchs zeigte sich ehrlich bo trübt über die Szene, welcher er eben beigewohnt hatte. Er sei doch gekommen, um dem Frieden zu dienen. IXr Abstand von den Zionisten sei gar nicht so groß, wie man aimohrnc, er besteht mehr in der Verschiedenheit des Temperaments, als in der Grundanschamuig. ״Ich bin,“ so schließt der Redner, ״ein Anhänger der öffentlich-rechtlich-gesicherten Heimstätte in Pa׳• liistina - - für d i c O s t j u d c n.“ Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß die inneren Kämpfe im deutschen Judentum gerade in Kattowitz geschlagen werden. Im Frühjahr dieses Jahres war es Dr. Breuer (Frankfurt a. M.), welcher von der Kattowitzer ״Kcichshallc“ aus den Zionismus beschimpfte, und jetzt stand genau an derselben Stelle Rabbiner Dr. (1 <>Idsc h m i d t (Königslüitte). Der zweite Fall wirkt noch peinlicher, als der ihm vorangegangene. Es ist in der ganzen jüdischen Welt noch ohne Beispiel und Vorgang, daß ein konservativer Rabbiner Zionisten um ihrer Palästinaziele willen als Patrioten auf Kündigung tituliert. Der Mann betet dreimal täglich um Zion, weil es ein• mal im Siddur stellt, aber der seelische Zusammenhang ist gänzlich verloren gegangen. Schlacht geflüchtet, halb tot und vom Geiste Gottes verlassen. Der Prophet hat Gottes Herrlichkeit vom Berge genommen und trägt sie in seinem Mantel nach Bethlehem, sie auf den Kopf des Knaben zu legen, des schwarzäugigen, .schwarzhaarigen Schafhirten. Auf, Bethlehem, stoß in die Posaunen! Auf, zum Stadttor! Ein Prophet kommt in deine Mauern, utn einen deiner Knaben zum König über das Haus Israels zu salben! Schweig״, schweig’, arabischer Knecht! Hör* auf mit deinem langweiligen, eintönigen Liale! Verwirre mir meine Gedanken nicht! Wir sind doch auf dem Wege nach Bethlehem. Jedes Sternchen wird dir bezeugen, wer ich bin, und woher ich stamme. Ein Königssolut wallt aus, der Gefangenschaft an das Grab der Mutter . . . Und mm sind wir am Grabe Raitels. Klein und bescheiden ist das Bethaus, das Montcfiorc über ihm errichtet hat. Seine Kuppel erhöht es über den Friedhof, auf dem es steht. Die eiserne Tür geht auf. Wir treten ein. Die Wände sind mit kleinen Dcckchcn aus Atlas und Samt behängen, — fromme Geschenke, die die Kinder der Mutter brachten. Keine Getneinde, kein Verein fehlt. Weder in! Lande Israels, noch in den Ländern des Golus. Und ich lese den Vorwurf von den Wänden: Und du?,Warum hast du nicht also getan? Und hell ist’s in dem kleinen Bethaus der Mutter. Denn Freitag abends vor dem ״Liclitzünden" Nvciht ihr jede jüdische Frau ein Lämpchen. Und da hängen die Lämpchen lind brennen tagein, tagaus zwischen den Decken, Lichtühcrgossai ist das Grab. Hoch und rund ist der Stein, den unser Vater Jakob auf Raitels Grab gesetzt hat. Sicht ans wie ein Sarg, ans Stein gehauen. Und unzählige Seelen umschweben ihn. Jedes der Kinder, das liier hei seiner Mutter war, hat seinen Namen in den Stein geritzt, hat sein Briefchen in die Fugen und Löcher des Steines gesteckt. Und kühl und still ist’s in dem kleinen Hause. Mau hört das Knistern der Lichter und das Atmen der Seelen. Und jede Nacht, genau um die zwölfte Stunde, steht die Mutter Raitel aus ihrem Grabe auf. ln ihren Totengewändern, die Sabbathaube auf dem Kopfe, geht sie hinaus auf den Weg von Bethlehem, sicht die Leiden, die Ncbusaradan über die Juden bringt, wie er sie in den Golus treibt, und liebt die Hände zum Himmel empor. Ein Gedanke durchzuckt mich: Wie spät? . . . Vielleicht . . . ״Guten Abend, mein Kim*. Woher kommst du?" Ich sch’ mich um. Eine königliche Frau steht vor mir. Eine königliche Stirn strahlt unter der tiefsitzenden Spitzcnhnubc hervor. In den Falten ihres schwarzen Seidenkleides ruht das Geheimnis der Nacht. Sie hat die Hände erhoben, mich zu segnen. Habt keine Angst! Es war nicht die Mutter Rahcl. Es war die Lowitschcr Rcbbczin, die ihr hier im tkthausc dient, ihr die Oeliämpchcn anz&ndct, die Dcckchcn mißlängt ... Sie gibt mir ein Gebetbuch in die Hand: ״Da, sag’ Psalmen I"