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Jüdische Rundschau · 1912-11-22 · Heft 47 (22.11.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 Seil« 453 JUED1SCHE RUNDSCHAU’ _ die jemenitische Einwanderung nach Palästina zu• gesandt. Der Korrespondent zeigt sich wohl informiert und berichtet u. a. auch über die Rolle, die der Jüdische Nationalfonds bei dieser Aktion zu spielen berufen ist. Die ״Kölnische Z c i t u n g“ sicht sich bcmüßigt, eine Zuschrift v׳on nationallibcrnlcr Seite wiedemtgeben, dem!folge cs in einer Posener Ver- Sammlung des dortigen freisinnigen Vereins, die die Kandidaturen für die Stadtvcrordnctcnwablcn auf• stellen sollte, zu erregten Szenen gekommen ist. Urheber dieser Szenen seien die Zionisten gewesen, die gegen die Kandidatur eines Mannes opponierten, dessen Sohn erst ganz kürzlich getauft worden ist. Bei dem jugendlichen Alter von 18 Jahren ist wohl anzunclimcn, daß die Taufe unter Billigung des Vaters erfolgt ist. Der Bericht der ״K.-Z.“ läßt das indessen offen. Die Herren scheinen nun einigermaßen verblufft zu sein darüber, daß die Juden, die im Posener Freisinn eine ihrer Zahl entsprechende führende Rolle spielen, einige Rücksicht auf ihr Empfinden ver• langen und die Zumutung ableimen, einem Manne mm Mandat zu verhelfen, der die jüdische Gemeinschaft anscheinend wenig schätzt. Wir können den Herren nun sagen, daß sic sich in Zukunft noch oftmals werden wundern müssen, wenn das Judentum nicht ohne weiteres nach der Pfeife der fortschriftlichen Volkspartci tanzt und seine eigene Würde auch da zu wahren weiß, wo fortschrittliche Mandatc auf dem Spiele stehen. Der Umgang mit Juden wird immer schwerer werden, je weiter die Fortschritte um sich greifen,־ die die zionistische Aufklärvngs- und Erziehungsarbeit in Deutschland macht. In der Sitzung des deutschen Landeskomitccs der Allgemeinen Israelitischen Allianz wurden die neuen Friedc»shedi»gtmgen der Pariser Herren mit überwältigender Majorität als vollkommen ungenügend zurückgewiesen. Herr lusti/rat Fuchs hat seinen Vorsitz nicdergclegt, unu an seine Stelle ist Geheimrat Landau getreten. Eine dreigliedrige Kommission soll die neuen Statuten beraten. Es wurde folgende Resolution gefaßt: ״Das Landcskomitcc erklärt, daß cs den durch Herrn Justi/rat Horovitz mit Paris geführten Verhamlluugeu (entsteht und die Ergebnisse dieser Verhandlungen als vollkommen ungenügend ablehnt." In einer Sitzung des Weiteren Vorstandes der deutsch-konservativen Partei wurde beschlossen, eine Aendenmg des Tivoli-Programms hinsichtlich des bekannten Passtis über die Juden frage unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht eintreten zu lassen. Griechenland Die offiziöse ״Estin" behandelt die Stellung der Juden In Saloniki zu dem neuen Regime. ״Es war begreiflich," schreibt das Blatt, ״daß die von den Jungtürkcii verhätschelten und begünstigten Juden der griechischen Okkupation unfreundlich gegenüberstanden. Die Spannung wurde erhöbt durch die im Voßa• umlaufenden und leider auch eine Zeitlang geglaubten Märchen, die Juden hätten griechische Soldaten vergiftet. Eine sofort cingeleitete Unter- Relatives sei, so könne unserem Atiffasstmgsvermögen dasjenige als Entwicklung erscheinen, was für Gott eine einmalige Tat Sei. Da mm aber Gott die Welt aus sich abgesetzt habe, so ist er nach Joel auch - ■ das ewige Problem der Thvodicce — nicht für ihre Mängel verantwortlich. Die Welt ist ״sein Korrelat aus dein Indifferenten lind damit schon ,als sein Gegensatz geboren". Und wie unser Stieben Uahingcht, uns immer höheren Einheiten als dessen Glieder allzuschließen, so bedeutet demnach Gott für uns den Gegenstand unserer größten Hingebung. leb will auf die Möglichkeit der Joclschcn Hypothesen an und für sich nicht näher ciiigehcii; denn hier bcschreitet er Wege, über die sich bekanntlich nicht streiten läßt. Gott als höchste, umfassendste Einheit des Lebens — dieser Gedanke leuchtet ohne weiteres auf den gegebenen Prämissen ein, aber bei der näheren Ausmalung des Schöpfungsaktes begibt sielt der Verfasser meines Erachtens auf ein 1111diskutierbares Gebiet. Was da geschehen ist, oder was da noch täglich geschieht, wer wollte das je ergründen! Nur eine Prüfung müssen seihst metnphysische Hypothesen auszuhaiten imstande sein, die, ob sie in sielt keinen logischen Widerspruch ent* halten. Und in dieser Beziehung scheint mir der Versuch Joels, der Welt einen persönlichen Gott zu erhalten, der gleichzeitig der Welt immanent sein soll, nicht ganz einwandfrei. Wohl ist cs verständlich, Körper und Geist als zwei Vcrhalttiiigswciseii zu betrachten, die aus dem Indifferenten herausschwingen. Damit wird aber der Geist nicht zum Schöpfer des Körpers. Das Indifferente bczcichnctc Joel selbst als das einzig Tote. Dies einzig Tote stand also am Anfang aller Entwicklung? Und aus ihm setzte Gott das Körpcrlidtc von sich ab? Ja, aber das Indifferente ist ja nadt Joel vor Gott, cs ist — er bedient sich da eines Ausdrucks Jacob Böhmes sucluing ergab die völlige Grundlosigkeit dieser törichten Beschuldigung. Die Stimmung des jüdischen Elements den Griechen gegenüber wurde auch abdurdi beeinflußt daß die Juden die Schwierigkeit erkannten, mit den Griechen finanziell und kaufmännisdi zu koukurricrcti. während sic zum Beispiel den Bulgaren weitaus überlegen sind. Seit aber König Georg den Juden Gleichberechtigung mit den Oriedten versprachen hat, ist die Spannung im Sdtwinden bcgriffen und die Juden werden mit den Griechen ihren Frieden schließen. Mittlerweile sandten die Israeliten Griechenlands an ihre Glaubensgenossen in Saloniki Depeschen, in denen sic zur Versöhnung mit den ,Oricchcn atmordern und auf Griechenlands Verdienste um die Emanzipation der Juden hinweisen.“ Türkei Für das Judentum der Türkei, daß in den letzten Monaten durch Erdbeben und Feuersbrünste besonders schwer hcimgcsucht wurde, bedeuten die kriegerischen Ereignisse eine neue schwere Prüfung. Ein Aufruf, den das Oroßrabhinat in Gemeinschaft mit den Vertretern der großen Organisationen an die Juden aller Länder richtet, gibt ein erschreckendes Bild der traurigen Lage, Wir zitieren die folgenden Stellen: ״Nach den mannigfachen und schweren Prüfungen, Masseuhrändc, Cholera und Erdbeben, die im Laufe der letzten Jahre das Judentum unseres Laudes hcimgcsucht haben, ist nun eine Katastrophe von unsagbarer Furchtbarkeit über cs hereingebrochen .... Zu Tode* erschreckt, halbnackt, enlfdößt von allem Notwendigsten, liinnusgchctzt in die furchtbare Oede «1er I lerbstnacht, die rauhe Stürme und Regengüsse durchtobtcu, haben unsere unglücklichen Brüder in wilder flucht ihr Leben zu beigen suchen müssen. Durchfroren, halbverhungert, verwundet und verstört, wie die Tiere verstaut in überfüllten, gefälirdeten Bahnzügen, zum Teil sich zu Fuß hinschleppend, sind sic endlich in der Hauptstadt angelangt: hilflose Mütter und bleiche Kinder, Greise am Bettelstab, verzweifelte miniertc Männer, eine Flut von Schrecken und Not in unsere ohnedies schon schwer lieimgcsuclitcn und verängstigten jtidiselten Stadtviertel ergießend. Die Gemeinden von Mustapha-Pacha, Kirk-Kiliss£, Bunar-Hissar, Viza, Lute-Burgas, Baba-Eski, Demotika, Silivrie, Tschorloti und in zahllosen Dörfern der Provinz existieren nicht mehr. Ihre Reste lagern in unseren Sygngogcn und Wohnhäusern, die sich barmherzig ihnen öffneten .... Einstmals, nach dem unglücklichen türkisch-mssisehen Kriege, war cs Baron Hirsch, der die ruinierten jüdischen Gemeinden rettete, indem er Millionen zu ihrer Verfügung stellte. Dieser hochherzige Beistand wird uns heute fehlen: sein nobles Herz schlägt nicht mehr unter uns. So muß denn «las Alijndentum heute verrichten, was dieser unsterbliche Wohltätcr dereinst allein tat . . . ." Die Geldsendungen sind zu richten an: Commerz- und Diseonto-Bank, Depositenkasse C, Berlin, Cltarlottenstr. •17, oder an den Vorsitzenden des Hilfs- •~ ■**■ ־.. ......-. 1. ״ ־die Natur in G«>U". Gott wird ja ein schöpferischer Geist, «las zentrale Ich der Welt erst, nachd c in er sich in Geist und Welt geschieden. Wie aber käme das an sich Tote dazu, diese Scheidung überhaupt vor/uneiuuen? Hier beruft sich Joel auf einen Akt der Freiheit - das sdicint mir aber doch nichts anderes, als die Bankrotterklärung für eine Erklärung. Wohl läßt sich der Standpunkt hören, «las Metaphysische übersteige unsere Fassungskraft, wir müssen es als Tatsache liinnchincn. Aber dann darf gar nidtt erst der Versuch unternommen werden, Vorgänge aus der vierten Dimension erklären zu wollen, um in dem Moment, wo sich unauflösliche Widersprüche ergeben, sich mit einem salto mortale in das Gebiet der ״Freiheit" als des Unerklärbaren zu (luchten. Ebensowenig stichhaltig wie die nähere Begründüng seiner Gottesliypothese scheint mir dann auch der Versuch des Verfassers, von seinen Voraussetzun* gen ausgehend, die persönlidte Unsterblichkeit der Seele zu retten. — Daß Körper und Seele nicht zwei Substanzen, sondern nur zwei Vcrhaltungswciscn sind, und daß dasjenige, was wir im einzelnen Falle als Körper und Geist bezeichnen, etwas durchaus Relatives je nach der Höhe des eingenommenen Standpunktes, ist, das hat der Verfasser immer wieder betont. Steht damit mm nicht im Widerspruch, wenn an anderer Stelle hervorgehoben wird, seit Rob. Mayer sterbe eine Kraft nicht, sondern wamllc sich nur; der gelöste Leihesstoff versinke in weitere Vielheit, während, die gelöste Seelenkraft in weitere Einheit aufgc* nommen werde? — Ganz recht, in weitere Einheit, die ihr, als dem Stoffe gegenüber, dann wiederum das geistige Prinzip vertreten würde. Nur als Stoff könnte nach allem, was Joel zuvor behauptet hat, unser Ich in einem höheren Ich weiterleben. Aber das gerade weist Joel zurück. Er will Vereins der Deutschen Juden, Herrn Dr. Janr; Simon, Berlin, Tiergartenstr. 15a, und au ckn Präsidenten der Großlog•: für Deutschland U. O. B, *Herrn Geheimrat Timendorfer, Taubemtr. 17/11. Die Spannung zwischen Griechen und Juden h: t sich in Saloniki bereits in Ausschreitungen von selten der Griechen Luft gemacht. Es sollen Läden demoliert und Synagogen geplündert worden seit. Wie uns das Bureau ues Hdfsvcrcins der «teutsclK!» Juden mittcilt, hofft man dort, daß es sich um ve•• cinzcftc Ausschreitungen handelt. S3«iJST25CK£ CfT££UflO Yctncnitcn-Broschöre Soeben ist im Verlage des Hauptbureaus de* J. N. F. eine stattliche Broschüre ״Die jemenitisehen Juden" von Jchoschuah Feld mann, Jaffa, erschienen, die mit ansprechenden Illustrationen versehen ist und folgende Kapitel enthält: .,Niste׳• risches", ״Die Loge der Juden im Jemen", ״Die Bedeutung der jemenitischen Juden für die Entwicklung Palästinas", ,״Wohnungsnot und Wohnungshilfe". Als Anhang ist der Broschüre eine Ucbcrsiclit über ״Organisation. Wachstum und Kolonisationstätigkcit des I. N. F." beigegeben. im Hinblick auf unsere früheren Comiminiqul.1 (״Zur jüdischen Arbeiterfrage in Palästina", ״Welt" Nr. 2ö, und ״Soziale Probleme", ״Welt" Nr. 38) erübrigt es sich, die Aktualität «lieser Broschüre, über die im allgemeinen Teil ilcr ״Rundschau“ noch referiert werden wird, und die große Bedeutung unserer lemeniten-Aktion in uatioualcr und so/ialökonoiiiisclier Beziehung an «lieser Stelle nochmals hervor/uhebert. Wir ricliti'n mm an alle Gcsjnnunsgcnosscn die dringende Aufforderung, unverzüglich eine energische und großzügige Propaganda für die Jeincnitcnansicdlung cinzulcitcn und insbesondere die bevorstehenden Chanukahtagc für diesen Zweck zu benutzen. Es bedarf einer außerordentlichen Kraftanstrengung unserer Freunde in aller Welt, wenn es uns gelingen soll, unseren nach Palästina cingewaiufcrtvn jemenitischen Brüdern eine dauernde Heimstätte zu begründen. Die Broschüre ist einstweilen in einer Auflage von 20 000 Exemplaren in deutscher Sprache er* schienen und seitens der Ortsgruppen bei der dculselten Landessaminelstellc zu beziehen. 9 Persönliches Am 20. November verschied in Berlin Herr Wolf Tauber, der Vater unserer beiden ergebenen Ciesinmmgsgenossitincn Frau Lina Wagner-Tauber und Cilly Tauber, im (16. Lebensjahre. Die Teilnahme weiter zionistischer Kreise an dem herben Verluste, der die Familie getroffen hat, ist eine aufrichtige und herzliche. Redaktion und Verlag der ,,Jüdischen Rundschau" drücken ihr Beileid aus. Wir weisen erneut auf die eben erschienene Schrift von Calvary ״Die Aufgabe des deutschen Zionismus" hin. Die Broschüre ist eine der wertvollsten Bereicherungen, die die zionistische Literatur in den letzten Jahren erfahren hat: sic ist zur Grundläge für Diskussionsahende und Kurse in den Ortsunser individuelles Ichbewußtsein auch in einem Lehen nach dem Toiic retten, und «las vermag er meines Erachtens nur dadurch, «laß er die Grund- Voraussetzungen seines eigenen Systems wieder zerstört. Ich kann mich bei dem Kampf des Verfassers um die Dogmen ״Persönlicher Schöpfergott" und ״Persönliche Unsterblichkeit" doch des Gedankens nicht ganz, erwehren, daß hier ein starkes religiöses Bedürfnis Wünsche zu Vätern des Gedankens machte, und daß, nach etwas scholastischem Vorbild, der Philosoph dann hinterher diese Wünsche zu sanktio* nieren berufen war. Sehr schön und folgerichtig ist indessen die Ethik, die Joel aus seiner Weltanschauung ableitet und «lic sielt kurz in die Forderung zusammenfassen läßt: ״organisch m leben". Denn in dieser Forderung sind sowohl die Pflichten gegen uns selbst, gegen unsere Mitmenschen und gegen höhere Lebens* einlieitcn beschlossen. Der Mensch, der sidt als Einheit seiner Erlebnisse und seiner Teile weiß, «lern ist sein eigenes leb heilig. Er betrachtet seine eigene Vergangenheit und seine eigene Zukunft genau wie andere Menschen, «lenen er Rücksicht schuldig ist. Und er muß andererseits darauf bedacht sein, die Einzelbeiten seines Lebens nicht Herr über sein zentrale* Ich werden zu lassen; denn ״in jedem Triebe lauert «lie Sunde. Denn jeder ist nur eine Richtung und führt in bloßer Konstanz und Konsequenz zur Ausartuitg, zur UchcrsciirciUmg des moralischen Lebenskreiscs, den der Wille abgrenzt". - Weil wir aber selber leben, darum fühlen wir nun auch mit allem, was lebt, mit allem, mit dem wir zusammen in dem gemeinsamen Strom des Lebens schwimmen. — Und zum dritten muß das Ich, indem cs zugleich den eigenen Lebenskreis abrundet, ihn in einen höherer( Lebenskreis einstcllcn. Hier findet sich also ein durchaus als gelungen zu bezeichnender Versuch, die

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