Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 452 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 47 •I» ein bloß auf Abwehr gerichtete«! Jiulentuni. Wie die Antwort ausfallt, gebürt nicht in den Kalmicn dieser Ausführungen. Wir haben es aber schon immer betont, daß uns das!•'esthalten au unserem Volks• tum nicht nur innerstes Bedürfnis, sondern, auch die allein mögliche (inuidlage einer wahrhaften Gleichbcrcchiigiing unter «len Völkern bedeutet. Auf dieses Gebiet der ,positiven Elemente »111• scres Nationalismus weilt »ms offenbar Haas nicht zu folgen. Wem wie ihm das!•'esthalten am Judentum tcdiglicli eine Sache des Charakters 11ml ein Stuck aristokratischer Empfindung ist, wem im Grunde die Betonung des Judentums eine Frage der Zeit, ah• hängig nur von der Existenz des Antisemitismus ist: den liegt es auch fern, die innere Notwendigkeit »1 verspüren, dall das Judentum als solches erhalten werden »misse, diese Notwendigkeit, «lie uns zum Zionismus als «ter ein/igen Möglichkeit «kr Erhaltufg zwingt. Nur so kann man es auch ver• stehen, wenn in vielen Juden und m» offenbar in Haas das Gefühl der besonderen Verantwort• liebkeit für leidende Juden nicht mehr zu leben scheint, wenn ־»r mit stolzer Sicherheit jeden deutschen Christen als ihm niiherstchend empfindet als irgcmleinen il'.chtdeutschcn Juden. wa aber können wir von einem Mann wie llaa* verlange 1? Es ist unsere Forderung an jeden Nullt• zionistei, «ler sich öffentlich mit uns auseinander• setzt, e möge Verständnis für die Tatsache l»e• weisen, :lall die Antwort auf die Juden frage anders ausfallcr iinill für die, denen der Fortbestand des Judentums Lebensfrage ist, anders für die, die im Judentum nichts mehr .als eine noch zu vorteidi• gaidc P ־.:iition erblicken. Den « dies ist ja heute die frage: Bcjaimg oder Verneint יו «Jer jiidisehen Zukunft, Zionismus «!der Assimila on. I Jüdischer Volksiieder-Abend in Berlin (Veranstaltet von der Redaktion von ״Ost und West“ am H>. November.) Man braucht kein ״Goh1s־R1״na11tikcr“ zu sein, um den eigentümlichen Reiz, des jüdischen Volksliedes ztt empfinden. Wold ist es in Wesen mul Form ein ״Golnsprodiikt‘-: schwermütig und mitunter naiv-m»• beholfen, ohne frische und Schwung. Man spin t darin nid ts von ״neuen Juden“. Allein man soll nicht immer ״tendenziös“ sein. Wir liehen die Ghettogestalten, ohne sie zu idealisieren; und in ihren Melodien und Liedern werden sie seihst verkörpert. Mit dem jüdischen Volkslied verknüpft unsere Vor- Stellung unwillkürlich ein bestimmtes Bild: das stille Olicttostädtclien. Vor den niedrigen, kleinen Holz• häuschen sitzen die müden Eltern und Kinder auf Erdbäjikeri an spütsomnicrlichcn Abenden ־ ־ mul irgendwo ertönt ein wehmütiges Liedchen, anfangs leise und zaghaft, dann lauter mul durchdringender, und crgiellt sich in die stille Dunkelheit. Die Er* wachsend» lauschen und seufzen kaum vernehmbar, drücken die Kleinen an sieh, die mit grollen fragen- «len Augen in die Nacht hiiieiiiblickeii , . . Und min sind uns jene Weisen und Lieder in einem herrlichen, elektrisch beleuchteten Saal in Berlin W. vorgetragen worden, in moderner, Ausstattung und künstlerischer Musikform. Lag darin nicht ein innerer Widerspruch? Mußte «la nicht die ,,Seele" des Liedes vor «len» ihm ungewohnten Gewände zurückschciiehen V Diese l'r.igeu weilten sicherlich auch die Initiatoren bcschuftig( haben. Trotz. der Erkenntnis von der inneren Schwierigkeit des Unternehmens sind sie doch au dessen Durchführung imifig lierangetreteii, Allerdings wurde ihnen die Aufgabe «lureli ihre hesontlere Vertrautheit mit dem Stoffe erleichtert. Sowohl Herr Winz, der Redakteur von ״Ost mul West“, wie auch die initwirkeuileii I Icrrcn Nadel und Magidsolui und die Duiihii Betty Tciinciih.iinu mul Hella I alk-Mietsdiin sind ausgezeichnete Kenner des jüdischen Volksliedes und seiner Eigenart. Und cs gelang ihnen mich, «liese Eigenart unverfälscht zum Ausdruck zu bringen und uns in jene stille Welt zu versetzen, die sieh seihst ein stummes Schick* salsrütsel bleibt. Berlin. Joseph Li n. s: AUS ALL6R WELT״ DeutacJifond Das Komitee ,,Konfessionslos'' bat am Bulltag in Berlin eine öffentliche Versammlung ahgehalten und bei Festsetzung der Themas, unseres Wissens zum erstenmal, «ler Parole ״Austritt aus der Landeskirche“ «!eit Zusatz ״und aus dem Judentum“ heigefügt. Als I liskussioiisrcdner war im Vorluueiii Herr WaUlcek-.Mauasse vorgemerkt. Die Be- Strebungen «lieses Komitees dürften an sielt in tutseren Kreisen wenig Sympathie begegnen. Aber mail wird der Argumentierung seiner Vorkämpfer eine gewisse allerdings sehr subjektive Berechtigung nicht ahsprecheii können. Sie sagen etwa folgendes: Viele, die heute der Landeskirche angeboren, haben innerlich seit langem mit ihren Ideen gebrochen, und nur fiedankeiiträgheit, gesellschaftliche Vorurteile oder Angst hindern sic, auch äiillerlidi den Schritt zu vollziehen, den sie innerlich längst getan liahen. Solch eine Ink1mse1|11111z iimli den Charakter schitli• gen und briiigt es dazu, ilalt mancher eine InslJ- Ultimi, der er langst entfremdet ist, materiell mul ideell stützt. Das sind so ungefähr die Gedankengätige, mit denen die Propaganda dieser Bewegung zu arbeiten pflegt. Eine Bewegung, die uns bisher nichts anging, an der aber leider Wohl auch einige geschmacklose Juden teilgenommen haben. Nun wollen die Herren wie uns dünkt, an recht ungeeigneter Stelle die Paritat durchführen, und da zeigt es sich, dall ihre Beweisführung, auf das Judentum angewandt, einen ganz, törichten Widersinn ergehen muH, Demi der Jude hat an änderen Einen nichts zu verlieren, wenn er seine Gemein• Schaft verlädt, und was dort bei der Landeskirche vielleicht mul unter Umständen als ein Akt aufrechter Ueberzeiigimg gelten darf, wird beim Judou zur feigen Fahnenflucht. Und ob man nun Ami Christentum Übertritt oder ob man sich als ״kon• fcssionslos" erklärt, ist doch schließlich nur eine Frage der Mode ’.1ml der Zweckmäßigkeit. Für Zwecke der Karriere wird iiian das Christentum!*vor- /ugeii, während ״Konfessionslos" in den Kreisen, die «len Abtrünnigen Aufnahme gewahren, in ge• sellsch.iftliche Hinsicht besser wirkt. Diese ganze Begriffsverwirrung und die neue Gefahr, die dem Bestand des Judentums droht, danken wir aber in erster Linie jenen jüdischen Kreisen, die ihre Aufgabe darin sehen, das Judentum immer wieder als eine lediglich konfessionelle Gemeinschaft liin/ustcllcii. Hier wird ihnen die Schwäche ihrer Position deutlich gezeigt, und mir der Zionismus mit seinem eindeutigen u.itioiialen Programm kann hier in die Bresche springen, tun den Schallen, den unsere ״konfessionellen" Fanatiker aiigcrichtet liatH'ii, wieder gtit/umaclieii. ♦ Frau Rabbiner Dr. Caro, Coln, die durch uuseren Artikel in ״Frauenstimmrecht und Schcchita" von der Münchener Resolution des bayrischen Vereins für Frauenstimmrecht Kenntnis erhielt, hat an den Verein das folgende Schreiben gerichtet: An den Verein für Eraiienstiiiuiirecht, München z. II. Erl. Liila Gustav» Ilex mann u, Erl. Dr. Anita Augspurg. Wir geben unserer Verwunderung darüber Aus• druck, ilall der l'ruucustüuiurcchtkougrclt zu München zur Frage des Schlichtens Stellung gr• nominell hat. Wir miuI der Ansicht, dall eine I rauemcreiiiigiuig, so lange noch wichtige Aufgaben der polnischen Gleichberechtigung, des Mutter- und Kimlcrscluit/cs «ler Lösung harren, nicht das Recht hat, sich mit einer Frage zu In•• fassen, die weitab von ihrem eigentlichen Inter• essengebiete liegt. Noch dazu, wenn es sich um eine Frage handelt, für die eine Versammlung von Niclitsaeliverstäniligen unzuständig ist. Selilielllidi sei auch noch darauf hingcwieseii, daß durch diese Stellungnahme gegen das Schächten eine Reihe von Anhängern der I 'raiiciistiimiireciitsbcxvegimg m ihrem religiösen Empfinden aufs tiefst«• verletzt vsor• den sind und uiilit versäumen werden, die Korneipieii/cti zu ziehen. I. A. einiger Mitglieder des prciill, f.aiidesvereiiu für Frauenstimmrecht, Ortsgruppe Cüln Frau Klara ( I a ro. Wir dürfen wohl amichiiuii, «lall noch eine ganze Anzahl aufrechter Jüdinnen ganz gleich welcher religiösen Anschauung die für sie einzig niögliehe Konsequenz .ms der Münchener Resolution ziehen werden. Der badisch e Verein für Franc«• s ־ ... s t;j״c |;rkl,;in1ng erlassen, derz ״ in ״aufs lebhafteste bedauert׳•. t Der ״Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ xverden aus Haifa recht iliteressaute Ausführungen über verdanken, lind er kann uns m unserem Ge• fühl, als einem berechtigten, bestärken. Wäre Joel im Grunde nicht selbst dieser Ansicht, daun hätte er sieh ja auch seine ganzen Beweisführungen er• sparen können und nur zu behaupten braüVhen, daß uns in unserem (jefühl die Gewähr für die Einheit des Lehens gegeben sei. Nun aber besitzt die Pyramide lies Lehens, in dem immer eine Einheit eine Vielheit umlallt, um dann 'ihrerseits wieder Teil einer höheren Einheit zu werden, eine Spitze, eine absolute Einheit, die nicht wieder Stoff für einen umfassenderen Geist werden kann, und diese absolute Lchcnsciuhvit ist Gott. Joi'l sträubt sieh dagegen, den Pantheisten zu• gerechnet zu werden. Sein Gott lallt ihm nicht mit der Welt zusammen, sondern sieht gerade so über «ler Welt, wie die Seele über «lern Körperlichen. ״Der Theismus als Trennung von Gott und Welt und «ler Pantheismus als ihre Einigung entsprechen beide nur einer Seite des Religiösen.“ -• Gott ist ihm das Erhebende in allem, was sich erlicht. Er hat - genau derselbe Prozeli wie bei «ler Scheidung v«»n Körper und (»eist die Natur ans dem liidiffereuleu von sieh »bgeset/t, aus den» Indifferenten, «las an sich tot, ja das einzig׳ Tote sei, er 11.1t sieh über sie erhoben. Und die Natur ist überhaupt erst dadurch, dall Gott sielt über sie erhol», sic in diesem Sinne schuf. Joel betont durchaus diesen Sciiöpfungsukt. Er sucht die Hypothesen von der Ewigkeit der Welt mit Argumenten aus der modernen Naturwissenschaft zuriickzuweiscii, «lie heute festgestellt habe, daß «he Materie nicht unzerstörbar sei. Was aber vergehen könne ■ so argumentiert Joel ,das müsse notwendig .,mell einmal entstehen können. Umi damit sei durch• aus nicht die Vorstellung einer langsamen EiUwiok• hing aufgehoben; «leim da die Zeil etwas völlig Ein jüdischer Philosoph der Jetztzeit (Karl Joel: Seele und Welt, Jena 1912.) Von Dr, K ä t c Friede nt a n n. (Schluß.) I liermit wären die wesentlichsten Gedanken Joels über das Verhältnis von Körper und Geist erschöpft. Sein zweites Problem heh.iiidclt 111111 dasjenige /.wischen «lein Ein/elieli und dem All. Zunächst sei hervor* ziiliebcn, daß für Joel das Ganze im Sinne des mittelalterlichen ״Realismus“ eine lebendige Realität, und nicht nur, wie die ״Nominalisteu" behaupten, die Summe eines Additionsexempels ist, das die allem als wirklich geglaubten Einzclpostcii unter einem gemeinsamen Namen, der besseren Ucbersicht wegen, zusnmineiifaßtc. Der Begriff ist ihm nicht das aus einer Unzahl von Exemplaren erst Abstrahierte, son* der» eine Realität über den einzelnen Exemplaren. Das Leben kommt nicht aus den Individuell, sondem die Ind uliicn aus «lein Leben. Und über den Individuen existiert ein Volksgeist und ein Zeitgeist. Nur wenn das Ganze zugleich im Teil wohnt, ist der Teil überhaupt fällig, das Ganze zu erkennen, (liier «web, wie schon /.u Anfang angedcutet, die Möglichkeit für die Erkenntnis der Welt.) Und deshalb trügen die Sinne, ״nicht weil sie au sich trügerisch sind, sondern weil sic das Einzelne geben und nicht das Ganze, das erst vom zentraleren, mehr der seelischen Einheit entsprechenden Denken erfaßt wird“. ~ Höhere Lcbciiscinhcit^n sind für Joel genau so real, wie das menschlich]* Ich real seinen Teilen gegen• über ist. Wie unser Geist die Einheit unseres Körpers bedeutet, «<» sind xvir wiederum die Teile einer höheren, über tun stellenden Einheit, zunächst einmal eines Volkes. Die Völker der Geschichte aber sind Stufen, Missionen, Berufe, die einander nhlüsen und damit wiederum Lelteusorganc der Menschheit, die mm ihrerseits wieder eine höhere Einheit über ihnen repräsentiert. Die Beweise aber für die Tatsache der Einheit alles Lebens entnimmt Joel dem Reiche der Natur. Er weist auf die Verschlingung der t.eheusgestalten im wörtlichsten «Sinne hin, die ״sich voneinander nähren und sich sh aneinander .iiiflt.itii'ii“. Er weist ן darauf hin, daß Blüten lind Insekten wie Teile eines Organismus aufeinander angewiesen seien, er deutet die /wcigcschR’chtlichc Fortpflanzung im Sinne der l.ebeiiseinheit, und er macht endlich auf das ״bingenetische Grundgesetz“ aufmerksam, demzufolge das neue Lebewesen in der Entwicklung seiner Formen die Geschichte .seiner Gattung rekapituliert. Und endlich zeigt er, wie im Tode da*־, Individuum wieder in seinen letzten Grund, in die Einheit des Lebens, zuruckkehrt. Nachdem sich »11m aber Joel lange bemüht hat, eine große Anzahl von Gründen (ür die Tatsache der großen t.eheusciuhcit aufztizeigeu, kommt er dann hinterher mit der Behauptung, «iäs Organ für die Erfassung dieser Einheit sei das Gefühl, Er bc* h.'iiiplct zwar ausdrücklich, daß er das Gefühl nicht in Gege11s.it/ /um Verstände sel/e, sondern zu «Ich Sinnen, die uns das Lein•״ in eine unendliche Vielheit spalten mochten. Es sei deshalb Wahnsinn, mit den Sinnen /u trauen, und nicht and! dein Erlebnis des Gefühls. Aber meines Erachtens hätte Verfasser au dieser Stelle entschiedener betonen sollen, daß in dem einen wie in dem anderen Falle es schließlich der Verstand ist, dem wir die Kontrolle in die Hand geben. Demi er nur kr.nii uns darüber ntilklärcii, oh unsere .Sinnes־ cmpfiudungen nicht Halluzinationen ihren Ursprung 42477