Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r Abonnements I I I I I I I I I I I •ul 4t« wedtrnUkh •m Fttlllf «• ■dinMiul« ״Jadlach• RundiuMii" kotlnt bei a»f Kipetlilien u&d bei allen l'aatimlern vierteljähtlkit l.SOM, ■utethalb Deulxblamü und Oetler• reirb'Ungatn« 2,— M.! für Mitglieder jüdiachrr Verein» im SammeTbetug dureh den Verein I,— M, Varlag JUdlicha RuniUchau E. O. m. h. H, BERUH W.!5, Sichtliche Straft• I. Telephon! Amt Uhland &4S. Grachäfltitunden! 9— l und 4—7 Uhr, auler Sunnabend und Sonntag. lataaaaaiaimaimBiaiaaaaiaJ 0 \ ( ,J / ע: jü U'vb ר׳ע, n nnn v_y Li U J י ד־" lJ rvn r~> *׳ L'Ju nSGSu־uG f־־־*־-ך■—.——״ I Anzeigen I I hotten (Sr di« »«•*•f.tjetpalten« Petit- I I!eil» o«l»r deren Kaum 40 1*1.| Stelle*■ J “ '־'־־־'* י' ־ ’ ־ י' י ־ י *» I0n nur 30 l'ltiinif. 0 O J | Manutkript-wrrden, «renn Porto beillegt, | | •tet« auru1kgrtjn<lt. Kr.laktionaadilultl | | Millwuth voruuttaga, j ן Radaktion JOtllaclta nundaciiaa I I MERLIN W. 15, Sfl<A«t.che Straft• ft. 1 | Ttlephoai Amt Uhland Mi. | a Spredutumien Dienatag und Doaaaratag | 5—ft Uhr nadmittafa. mJ ׳c-~2־‘r\ n ףח LJ L4 «11 Nummer 47 Berlin, den 22. November 1912— 12. Kislew5673 XVII. Jahrgang Ausweis Sclickd. Regensburg 45,—, Merlin 5,-, I ler/l• Klub, Mi'rlin, 5,—, ״Hebrouia", Berlin, •I, , I litniburg M. Landcsorganisationsbcitriigc: 1. Ortsgruppen: Glittst.*ult '3, ־ M. 2. Einzelpersonen: ״Hclirnitia", Merlin, V־, Her/l-Klul), Merlin, 3,• M. Eingang vom 11.—'20. November: Schekel: 60,-- M., L n tu! e s o r g a n i s a t»o n s b e i t r ü g e: 10,-- M. Gesnmtoinßang: Schekel: 7I2<),50 M״ En 11• de s o rgn 11 i sa t i o» s b e i t ז ii g c: lä Ob 1,31 M. Adresse für Geldsendungen! Zionistische Vor- •Inigung (tlr Deutschland, Merlin W. 15, Sächsische Straüe 8. Postscheckkonto: Ucrlln 8091, Dank• kontot A. H. Heymann & Co., Merlin, Unter den Unden 59. Das Judentum der Abwehr Von l)r. Julius R o s e 11 (e I tl. Der ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, dessen ausführlicher 0cncra!vcrs.tmmlungslH7icl1t vor uns liegt, hat den Kampf gegen den Zionismus pro• klai.ucrt. Der Vorsitzende, Rciiiistagsabgcordmter ü<■111 ein, kommt praktisch gar schnell über den deutschen Zionismus hinweg, indem er dessen Anltängcr als ein ״kleines Häuflein" bezeichnet, «Ins in uci ivteiirzanl aus Ausländern besiehe. Etwas genauere Informationen über Zahl und Zusammensetzung der deutschen Zionisten wurde genügt haltet!, um ihn eines besseren zu belehren. Die theoretiselu* Aus■ ein.mdcrsctzung mit dem Zionismus hat (iotl'vili einem Juden überlassen, dem netten Reiehstagsahge• ordneten Dr. Ludwig!1 a a s - Karlsruhe. Dieser hal mm in einem Referat ״Deutschtum und Judentum“ dargelegt, wie für ihn als Juden sieh das in diesem Thema liegende Problem löst, und seine Gegnerschaft gegen den Zionismus begründet. Es kamt mit einer gewissen Genugtuung konsta* tfert werden, daß die Rede einen Gegensatz, /u der geringschätzigen Stellungnahme zum Zionismus bildet, welche Männer wie Haas in früheren Zeilen uns gegenüber eingenommen halten. Daß der Ziouis• mus noch immer lebt, und geratle in Deulselilnud in einer für alle!,aiieien beneidenswerten Entwicklung zur inneren Konsolidierung begriffen ist, hat gewiß zu dieser Wandlung Itcigclragcn. Hauptsächlich alter hat man sieh nach langem Widerstreben gezwungen gesellen, in einer Fragestellung der Argiiuicnlic* rmtg des Zimiismus endlich Eolge zu leisten. Mail kamt sielt jetzt der Erkenntnis nicht mehr verschließen: ״Die deutschen Juden sind nicht nur eine religiöse Gemeinschaft." Haas nennt sie statt dessen: ״bist״- risch gewordener besonderer Mcstnudtcil des dentsehen Volkes". Dieses Zugeständnis freilich bindert ihn nicht, au späterer Stelle die alte logische htkoitsetpteitz zu begehen, die rein konfessionelle Gegensätzlichkeit zwiidtcn Protestantismus und Katholizismus in Par.1I• lelc ztim Verhältnis der Nichtjiulcn zu den Juden zu setzen. Diese Inkonsequenz ist bezeichnend. Mau weiß nämlich — und das wird jedem Historiker als seihstverständlich erscheinen — für die Rolle, welche die Juden in der Geschichte spielen, eine Parallele gar nicht zu finden. Es stellt historisch nur fest, daß sielt der Antisemitismus in wechselnden Formen und in wechselnder Intensität durch die Jahrhunderte hindurch erhalten hat, und daß überall da, wo die Juden in gewisser Zahl und unter AiifreelitcrlialUmg ihrer Art sich aufgehaltcn Italien, der Antisemitismus sich eingestellt hat. Irrig ist es M., wenn Got 11 ei 11 mit Herttfung auf Theodor M a r t11 und 11 u n s in Anknüpfung an eine Rede Roosevclts dem ״gesunden" Volke der Vereinigten Staaten, dem herühmten ״Schmelzticgcl“, die Einheitlichkeit und Un- Abhängigkeit vom Ursprung des Einzelnen nachrühmt. Denn cs ist eine Tatsache, daß gerade in Nordamerika ״Der Ztonismua erstrebt für das jüdische! Volle dla Schaffung einer üffent* ilch«rccl1U!cU jfcaicliortoa Ilolrastütto ln Palüetina•“ Baeclor Programm• der gesellschaftliche Ausschluß der Jiulcn, und nicht etwa mir der russischen Juden, sondern auch der im Gcscliüftslchcn angesehensten deutsch-jüdischen Amerikaner, in voller Schärfe besteht und noch immer im Wachsen begriffen ist. Alter darauf ist das Hauptgewicht zu legen — der Zionismus ist seinem Wesen nach unabliängig von der Frage nach dem Mestand des Anliscniitisums. Mögen Haas und Gotlicin an ihren Kampf der Abwehr und an seinen Erfolg glauben: wir wollen mit ihnen hierüber nicht streiten. Haas hat jedoch ״oft das Gefühl gehabt, die große Grundlage des Zionismus ist die Verzweifhing darüber, «lall in unserer angeblich so aufgeklärten Zeit noch ein so weitgehender Antisemitismus möglieh ist". Dieses Gefühl hat sieh in ihm zur Heber• Zeugung ausgchildet, ist für Um eigentlich die alleinige Grundlage seines neuesten Angriffes auf den Zionismus gewesen. Er konstruiert sich einen Z.ionisums als bloße Reaktimiserscheiniing gegenüber dem Antisemitismus. Dieses Argument allein gibt er uns als Waffe in die llaml. Dann schlagt er auf diese Waffe los, schleudert sie aus unserer Faust und — der Zionismus ist für ihn so gut wie erledigt. Darum muß es ihm mul denen, die seine Aeullermigen als ein befreiendes Wort aiifnelmieii, gesagt werden, daß tler Zionismus nicht eine Erscheinung der bloßen Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit der Abwehr, daß er vielmehr im Grunde etwas anderes iiihI unendlich viel Tieferes ist. Haas hat sieh die Anregung zu seinem Referat offensichtlich nur aus der ״Kunstwart"•! )isktission geholt und anderes zionistisches Material nicht benutzt. Weil iluu mm Golds teilt ein durch den Antisemilisiims verheizter mul zum Zionismus gescheuchter Jude scheint, ist iluu der Antisemitismus Ursache, alleinige Ursache, des Zionismus. Er Verwechselt hier wie viele andere Veranlassung und Ursache. Es sieht fest, <1.111 viele Juden lange Zeit hindurch, den Zionismus als vorübergehende Erscheinung betrachtend, dem Judentum seihst völlig ahgewamlt gelebt halten, und «lall sie dann durch irgendein Ereigitis, sei es in der Geschichte der Allgemeinheit, sei es int eigenen Schicksal, infolge der Erkenntnis von der Wucht des Antisemitismus auf ihr Judentum zurückgeworfen und so /.11m Zionismus geführt worden sind. Alter dem, der das Erwachen des judi• selten Nationalismus im Herzen vieler Juden zu heobaclilen Gelegenheit gehabt hat, dem vor allem, der sich selbst unbeeinflußt vom Antisemitismus, aus rein jüdischen Gründen, ans Gründen der eigenen Seele zum Zionismus gefunden hat, dem ist es eine Gewißheit, daß der Antisemitismus für viele zwar ein Anlaß, nicht aber die Ursache zum zionistisehen Mckcnntnis sein kann. Man würde sonst alter auch keiner politischen Partei gerecht werden. Sollte man etwa sagen dürfen, daß ein Mekcnnen zum politischen Liberalismus 11 u r eine Reaktionsersclieimnig auf die herrschende Unfreiheit wäre, und sollte man leugnen dürfen, daß viele aus der ungebundenen Entschließung ihres Innern heraus zum Liberalismus gelangten, ohne daß sie als Einzelne unter Unfreiheit zu leiden hätten, ja wenn sie selbst durch die Unfreiheit anderer gerade eine besonders vorteilhafte Stellung innerhalb der (icsamihcit cinneltiiieit I Nein, die Ucbcrzeugung von der Gebundenheit des Eortscliritts an die Freiheit der Persönlichkeit wurzelt tiefer als in der Not des Tages. Und der Zionismus steht mit seiner Argumentation unabhängig von der Frage nach der Zukunft des Antiscinitismus da. Theoretisch darf man sagen: Wenn selbst der Antisemitismus!licht mehr da wäre, brauchten wir den Zionismus tint so notwendiger: denn dann würde einmal für viele der äußere Anlaß fehlen, sieh mit dem Judentum Zu beschäftigen; vor allem wäre dann aber ersl die rechte Zeit gekommen, die für die Pflege des Volkstums, für einen geläuterten unverhetzten Nationalismus Verständnis hätte. Der Zionismus ist Nationalismus, wie Haas richtig erkannt hat. Ware es nicht so, so würde II aas sieh nach seinem eigenen Ikkcimttiis ja auch dem Zionismus anschheßen, insoweit es die Lago der materiell notleidenden Juden erheischte. An diesem Nationalismus aber streift Maas schnell und flüchtig vorüber, teils weil er mit der Argumentation von •den Aussichten der Abwcltrhcwcgting die Zionisten schon ziemlich zum Schweigen gebracht zu haben vermeint, teils aber weit er für diese Seite des Jiulenproblcms kein Verstamlnis und kein Gefühl mifzubringcn vermag. Die Rassenthcorieu tut er mit ein paar witzigen tk> incrkungen ab: in tlieser Hinsicht wollen wir mit ihm nicht rechten, weil die Zionisten als Gesamtheit sieh mit keiner der Theorien zu identifizieren hrauelieii, mul we*l ja auch für Haas der blutsmäßige Zusammenhang der Juden feststellt. Auch daß wir deutsch erzogen sind, deutsche Sprache, .deutsche Kultur in uns aiifgenomnien haben, halten wir noch nie in Abrede gestellt, und es kehrt doch immer wieder, weil es den Reden gegen uns wohl einen gewissen Schwung verleiht. Aber da, wo H a as mit einem leichten Satze uns altziiimi glaubt, setzen wir ein. Er sagt: Der Wille zur Nation sei nieiit vorhanden, man könne üurcli Reden kein Nation,ilgcfulil schaffen. Um den leidigen lind verwirrenden Kampf lim Begriffsahgrenzüngelt zu vermeiden, der ja stets tlartus entspringt, daß jeder unter Nation, Nationalismus, Nation,!Igcfühl usw. ger.uk• das versteht, was er, und der Gegner gerade nicht, darunter verstellen will, spreche Ich hier von jüdischem Volksbewiilltsciii. Das jüdische Volkshewußtsein wollen wir Zionisten nicht durch Reden schaffen. Sondern «las ist überall vorhanden, vut das Judentum im llvr/cn lebendig ist, mul wartet nur auf das richtige Eosmtgswort. ,,Ikvor die Zionisten kamen, hat kein Jude in Deutschland daran gedacht, «lall er ein amlcrcs Natioualgefuhl haben konnte wie das deutsche," Dieser Satz könnte doch wohl nur mit der Einschränkung gelten, daß man *Eis Schicksal der deutschen Juden erst mit der Emanzipation beginnen ließe. Daß es vorher ein jüdisches Volkslmwiißtseiii unter ilmcii gegeben bat, kann niemand verneinen, vor allem keiner, der die jüdische Religion kennt und daher weiß, daß in ihr die Zusammenhänge zwischen Volkstum, zwischen *lern jüdischen Land in Vergaiigcnlieit mul Zukunft und zwischen dem religiösen Inhalt selbst je mul je bestanden haben. Das erkennt man deutlich gerade daran, wie seit der Lin.uizipation ein GcIcgcnhcitsjudciUum tles Liberalismus und der Reform damit beschäftig gewesen ist, alle nationaleii Momente aus der überkommenen Religion zu vertfeiben. Aber auch in der Zeit seit der Finanz!- pation hat das jüdische Volkshewußtsein seine Wirkuug nicht verloren. Man denke an das vidgeruhmtc Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden', welches z. B. zur Mihltiiig der Alliance geführt hat. Ferner ist es eine durch den Augenschein beweisliche T atsache, daß in unseren Tagen urwüchsige Ecbeiisäiillerimgen rein jüdischer Art in Palästina, alter auch in den Ländern der Zerstreuung zu finden sind. Wer selten will, der sicht, wie heute mit der hebräischen Sprache eine Literatur, ein geistiges l.ebcu und mit den Gcdankengangen des Zionismus eine jüdische Jugend heranwachst. Solcher Art '1ml unsere beweise vom Lehen des jüdischen VolLsbewußtseins: sie finden Aufnähme und Verständnis hei Juden in aller Welt, auch in ganz iiiinntiscmitischcn Gegenden, wenn man hier etwa an die überaus große Zahl von Zionüten in Südafrika erinnern darf. * Dieses Volkshewußtsein muli sich natürlich in anderer Form mit seiner Umwelt auscinandcrsctzcn