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Jüdische Rundschau · 1912-11-08 · Heft 45 (8.11.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 430, JUEDISÖHE riUtoöriCHÄÜ Nr. 45 ... Das' Schckeljattr 1911112 (5672) hat mit dem 31. Oktober seinen Abschluss gefunden. Es sind aber noch längst nicht alle Sehekelgelder an vtis überwiesen worden, und wir ersuchen deshalb alle Ortsgruppen und Vertrauensleute noch einmal dringend, die gesammelten Gelder jetzt unverzüglich durch ihren Landesverband an uns zu überweisen. In allen, Oihgruppen, in welchen noch Schekel für das Jahr 5672 einkassiert werden, bitten wir dringend, diese Arbeit in den nächsten lagen mit allem Nachdruck Jortzusetzen und zu Ende zu führen. Jede Ortsgruppe 1miss er sich zu ihrer Ehrenpflicht machen, den Schekel auch in diesem kongresslosen Jahre wenigstens für 'alle die Gesinnungsgenossen abzuführen, die ihn im vorigen Jahre entrichtet haben. Wir machen auch heute wiederum darauf aufmerksam, dass die. diesjährigen Schekel nach dem neuen Statut Jur die Wahlen zum Xi. Kongress mitgerechnet werden, und dass der Landesverband nur für je 400 seit dem letzten Kongress an das A.-C abgcliefertc Schekel je einen Delegierten zum XL Kongress entsenden kann. Wir erwarten zuversichtlich, dass alle unsere Landes־ und Sonderverbünde ihre zionistische Ehrenpflicht erfüllen werden. Das Aktions komitee der Zionistischen Organisation. auf dem eigentlich historischen Gebiete, wo uns die Ocsehichtc des 19. Jahrhunderts vor allem interessiert. Aber durch äußere Mittel, durch Organisatlon, wird sich sehr viel erreichen lassen: ein geeignetes Diskussionsorgan, eine Verlagstätigkeit, die ihre vornehmste Aufgabe in der Anregung der Produktion sicht, können uns schnell weiterbelfen. Einzelcrörlcrung würde genüg Möglichkeiten zeigen. — Einer Vertiefung des Zionismus wird hier das Wort geredet. Mit Absicht ist dieser Ausdruck bisher vermieden worden; denn gedankenloser Spott auf der einen und verstiegene An- Sprüche auf der andern Seite, haben cs für unsere Ohren leider etwas diskreditiert. Aber wir wollen uns durch diese beiden anscheinend unvenncidliehen Zugaben zu jeder tüchtigen Entwicklung nicht beirren lassen, sondern das Vernünftige ruhig so lange fordern, bis cs da ist. Neue Bedingungen Der Zusammenbruch der türkischen Vorherrschaft auf dem Balkan, den wir in diesen Tage» eihbl haben, bedeutet für alle, die die Entwicklung •der konstitutionellen Türkei mit Sympathie verfolgt haben, eine große und schmerzliche Enttäuschung. Mochten auch manche Skeptiker von der traditionellen Vor* Stellung des ״kranken Mannes“ nicht freikommeu können und an der endgültigen Gesundung zweifeln, so war doch die allgemeine Ueberzettgtmg die, daß die Integrität des türkischen Besitzes in Europa einen Grundpfeiler aller diplomatischen Kombination in den Kabinetten der Großmächte bilde und der Türkei die nötige Zeit zur inneren Reorganisation und vor allem׳ zum Ausbau und zur Oesiuidung der Armee lassen würde. Man hat der Türkei diese Zelt nicht gelassen, und das tatkräftige militärische Vorgehen der ge* einten Balkanstaatcn hat anscheinend alle Wünsche und Erwägungen der Kabinette über den Haufen ge* worlcn. Mit jener Biegsamkeit, die ja nun einmal zum politischen Handwerk gehört,, haben sich die Groß* machte c; tschlosscn, mit der durch Waffengewalt geschaffenen Situation zu rechnen und das feierlich verkündete Programm des ״Status cpio“ atif dem Balkan ist mit souveräner Selbstverständlichkeit'fallen gelassen worden, tun einer neuen Formel Platz zu machen, die die Situation gerade so lange beherrschen Wird, wie sie hielt als tauglich erweist. Wie sich die Dinge weiter entwickeln, tmd ob der Türkt i die letzte Demüligtmg erspart bleiben wird, läßt sielt heute nicht Voraussagen. Die Ge* schichte des Osmaneiitums lehrt, daß die Türkei! schon oftmals jtaelt anfänglichem Zurückwcicheit in der Stunde der Not durch unvergleichlichen Opfer- Uiut das;Schlimmste verhütet!iahen. Ob eu gelingen wird, die Tschataldschalinie zu halten oder ob sich der stolze Tratuu des Bulgarenzars in cun Straßen Konstantiuopels verwirklichen wird; das eine ist sicher: Die Verhältnisse in der | europäisch :11 Türkei werden eine gruiulslürzciule Acnderung er ähren tmd die Rückwirkung auch auf| die nsiati.' ,:!teil Vilajels des Sultanats dürften nicht ftusbteiben Es ka! n ferner nicht ausbicUicn, daß auch unsere zionistisch Politik und unsere zionistische Arbeit durch die Neugestaltung der Dinge beeinflußt werden wird, und die zionistische Welt erwartet von unserer Leitung, daß sic die Entwicklung der Vcr- « hältnissc mit Aufmerksamkeit verfolgt und in einem jeden Stadium die geeigneten Schritte unternimmt. i Ob unsere Arbeit wesentliche Hemmungen erl fahren , wini oder ob etwa auf dem einen oder an- deren'Gebiete eine Förderung zu erwarten ist, kann zur Stunde, da In London, Paris, Wien tmd Peters- י bürg Unklarheit herrscht, natürlich auch von uns I nicht durchschaut werden. Ein unmittelbarer Orund zur Beunruhigung liegt jedenfalls nicht vor. Es ist nicht das erstemal, daß wir gezwungen sind, unsere Politik neu zu orientieren. Wir erinner» nur an den ersten Mißerfolg I lerzls in Konstautinopcl und den Umschwung der Dinge int Jahre 1903; und erst auf unserer letzten Jnhreskonfcrcnz halten wir erfahren, daß die Fühlung zu den politisehen Kreisen in den Großstaaten niemals ver• loren ging, so (laß es möglich sein wird, aus jeder Situation den Nutzen zu ziehen, der sich nach der Natur der Lage ziehen läßt. Für uns gibt es mir eine Aufgabe, die sieh unter allen Verhältnissen gleich bleibt und nicht unterblinden werden kann. Sie ist praktisch mul zugleich von eminent politischer Bedeutung: Eine numerische und wirtschaftliche Macht zu werden in dem Lande, auf das siel» all unser Wollen und Wirken konz.en- J triert. Kapital und Me »selten nach Palästina I zu schaffen, die die Voraussetzung aller weiteren Entwicklung in unserem Sinne sind. Gelingt uns das in immer steigendem Maße, dann körnten unsere liisloriscltc» Rechte nicht verjähren, ganz gleich welche Gestaltung die Land• karte auf dem Balkan oder auch in Vordernsicn nehmen mag. An dieser Politik aber kann und muß •׳meh der geringste unter (ihm Anteil neliinen, denn weder jetzt noch später wird uns das Land ats Ucschenk »ater durch ein Wunder Zufällen, Hilfe, Hilfe — derV.J.St. kommt! Die bissigen Bemerkungen, mit denen der ״Israelit“ die zionistische Bewegung seit Jahren zu ärgern versucht, halten sich — äluilielt wie die jattrelangen kleinen Scharmützel auf dem ltatkan — in den letzten Wochen zu einem gewaltigen lohen ausgewachsen, bei dem es, anders wie auf dem Balkan, Gott sei dank nur Tinte und Druckerschwärze ist, die in Strömen fließt. Den ersten Vorstoß unternahm der durch seine gespreizte Arroganz weitbekannte Vertreter der Trciinniigsorlliodoxie Frankfurts, Dr, lsak Breuer. Als noch die Verhandlungen, über die in Frankfurt zu begründende Uüiversität schwebten, konnte man den Unmut des ״Israelit“ über die beabsichtigte Neugründung aus gelegen!- liehen Bemerkungen heraushören. In der Tat mußte die Aussicht auf eine Universität in Frankfurts Mauern in den Kreisen der Frankfurter Trcnnungs- Orthodoxie unbehagliche Ideengängc auslösen, zumal ja auch der unvermeidliche V. J. St. bereits vor ihrem geistigen Auge mifziitauehen begann. Da mm die Neugründung für die nächste Zukunft gesielteft ist, ergreift der ״Israelit“ prophylaktische Maßnahmen. Er läßt durch Dr. Breuer vor unseren jüdischen Korporationell warnen und empfiehlt die Konkurrenz. Und trotz der Selbstüberhebung, die, wie immer aus Breuers /eilen spricht, erkennt man unschwer, daß die schlotternde Angst ihm die Feder führt. Ein junger /ionist, der anscheinend viel freie Zeit hat, erwidert Breuer in behaglichster Breite. Leider zu einseitig, überhaupt nictit sehr geschickt; vor allem aber (wie wir Zionisten uns auszudrückcn pßcgeuj nicht cndenvvotknd. Der ״Israelit“, ein gut redigiertes Blatt, dar. sielt sonst im allgemeinen nicht in Weitschweifigkeiten gefällt mul an Raum spart, öffnet dem jungen Zionisten bereitwilligst unzählige Spalten. Welch loyales Entgegenkommen I Dann sucht der angegriffene Dr. Breuer ganze Kübel voll Qcist auf den Kritiker atin/usciüitten. Ein Oentisclt von Ucbcrliehung,' Empfindlichkeit, Intoleranz, Unvcrfiorciihcit und Frömmigkeit, gut durchgerührt, daun Droit aufgcseluuiert und mit süßlicher Sauce umgossen. Eine reizende Unterhaltung! Paßt aber durchaus in den vornehmen Stil, der diesem• Blatt jedesmal erlaubt erscheint, wenn es gegen den Zionismus geht. Seihst dort, wo ein richtiger Kern in Breuers Ausführungen steckt, wird durch einseitige Ucbertreibung des Gedankens, durch' windschiefe Betrach- 11mg verwandter Gedaiikenrichiimgcii und höhnische Verneinung gegenüber jeder abweichenden Ansicht die ganze Diskussion zur Farce. Manchmal aber geht es nach dem Sltakcspearcschen Rezept: Die Torheit muß mit der Absicht auf die Wagschalc gelegt werden. Immerhin war die Schreibweise von geradezu engelhafter Milde, verglichen mit jener höh ui* selten Manier, in der derselbe Autor vor einiger Zeit in einem giftgeschwollenen Artikel gegen Sombarts zionistische Oedankrnrcilien polemisierte. Da mal* warf er nicht mit Schrapnells und Granaten, sondern mit Stinkbomben. In der letzten Nummer rasselt’s weiter. Lun orthodoxer Student, der «len Zionismus nicht njblchnt, der zionistischen Jugend alter ernste, ztim Teil bereehtigte, leider wieder sehr einseitig zngespitzte Vorhaltungen macht, kommt zu Wort, und Breuer erwideit unter der Uelurselirift ״Zionistischer Wunderglaube“. Und so weiter mit Grazie. Nur eine Aeuße* nmg, obwohl sie von jener Seite schon mehrfach gefallen ist, sei hier I1erausgehol>en, weil sic vielleicht manchem Zionisten noch nicht bekannt ist. Breuer verspricht den Zionismus auch weiterhin zu bekämpfen, ״bis die SckteiibiUlimg gänzlich vollzogen ist“. So» heißen: Die Frankfurter Treunungsorthodoxic ist das Judentum schlechthin; die Karäer, Judeiichiistcn, Samaritaner, Zionisten usw. wild man einstmals als die Sekten betrachten, die vom Judentum abgesplitlcrt sind. So matt sielt in jenen Köpfen die Situation itu Judentum. Die Psychologie des frommen Antizionis* nuis ist überhaupt ein feines Kapitel. Man beobachte, wie :,ich immer in das Anathema gegen den Zionismus uml in die höhnende Verachhing das Mitleid mit den irregeleiteten Scliäflcin mischt, die hob: ihrer gesct/cstreiicn Gesinnung den Anschluß an den Zionismus gesucht und gefunden haben. Die dtiUe Komponente bildet die besagte schlotternde Angst. Das mischt sieh nun zu einem wundersame» Gebäck, das jetzt im ״braelit“ stundenlang ausgekaiit wird. Acsthetisch ist anders. Dr. Breuer wird wold auf obiges kaum er-, widern. Täte er es, 51» würde er entgegnen, daß alles sei ja keine Widerlegung seiner Anschauungen, keine Antwort auf seine Fragen. Worauf ich er* widerte: Da hast du recht. III«. 2: AUS ALLCR WfLT ״ De utscfiletiid Wie wir hören, hat 1 lerr t lei manu C* u in p e r t *•. Hamburg sein seit Jahrzehnten geführtes Amt als Mlglicd des Zentralkomitees der A. I. U. nieder* gelegt, weil auch seine letzten Bemühungen, eine Einigung mit Paris herbeizuführe», auf der letzten Z, K.-Silzung vom IG. Oktober erfolglos geblieben sind. Den ihm und Dr. Nobel 111 dem offiziellen Prcßbericht zugcseliricbciicn Antrag hat llerrrlimu* perlz nicht gestellt, er hat vielmehr heaatragt, daß «ta* Z.-K. selbst eine Uigaiiisalioiisform für die deuV• sehen Mitglieder Vorschlägen soll. Weil dies rund- Weg abgeschlagen wurde, deshalb demissionierte er. ♦!111 Novemberheft der ״Mitteilungen de* Verbandes der jüdischen Jug• e 11 d ver• eine Dc u t a c 111 ä n «1 s“ befaßt sich die Geschäftsführerin des Verbandes, Frl. Cora Berliner,׳ mit dem ״Neutralität“ betitelten Aufsatz Dr. Weinbergs, den wir in einer unserer letzten Nummern an leiten* «ler Stelle veröffentlichten. Frl. Berliner intcr*. pretiert das neutrale Programm des Verbandes in der. bekannten Weise tuuj verbreitet sich darüber, was man unter einer loyalen Miiglicdschnfl zu verstehen nahe, ln unseren zionistischen Kreisen ist die Frage Wollt soweit geklärt, daß sich ein näheres Eingehen auf den Aufsatz erübrigt. Enc/funct ■ Wie jetzt aus gutiiiformierter Steile bekannt wird, ist in den Besprechungen zwischen dem russischen Minister des Aeiißercn, Sasonow, und Sir Edward Grey auch die Juden.rage in R. ßland und die Frage «ler Anerkennung ausländischer Pässe iin Besitze von Juden erörtert worden. Diese Frage soll auf lutervenlüm des Lord. Uoihsebil.1 durch eine sehr hochgestellte englische Persönlichkeit aufs Tapet gcf 1 I J 1 I J ,1 j

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