Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Krdaklinnaadilutl | Miltwodi *ormlll•(•.! ן RailaUlon JCdlacha Rondathaa ן ן DEKUN W. 15, Slduladm Straft• 8. | TflapKooi Amt Uliland 845. ן ־־ ־ - •1 _ G 0 u£ G 3 03 GBO SG ׳״/ ח״ר* Q/onc-in j ü U Z-3 Cj U Li LLJ Li u CmLü Nummer 45 Berlin, den 8. November 1912 — 28. Cheschwan 5673 XVII. Jahrgang I Ausweis _ Schekel 1 Dannstadt 15,—, Karlsruhe i. ü, 5,—, OroA*Strchlitz 26,־—. Wanne I,—. Duisburg 55,*-, Frankfurt a. M. 37,—, Dortmund 10,—, uailingen 18,—, Brandenburg a. H. 1,—, Grünberg i. Schl. 1«־־־־, Leipzig 60,—, Berlin 48,—, Ortsgruppe West- Berlin 2,— M. Landesorganisat ionsbeit rüge: 1. Ortsgruppen: Dortmund 7,—, Gailingen 36,—, Frankfurt a. M. 24,—, Karlsruhe 1. B. 20,—, Berlin 22,-, B. Z. V. 3,- M. 2. Einzelpersonen: Adalbert L. Fürst, Ber* Un 5.—, Isidor Rothschild, Frankfurt a. M. 5,—, J. Boscliwilr, Berlin 20,-, II. Rate, Dr. H. Jalowicz, Berlin 5, , Salomon Saloiuon, Wanne 5, , Rechts* anwalt Colin. Brandenburg a. H. 5,—, Alfred Baeck, Grünberg i. Schl. 5.—. George Gabriel Lichthciin, Berlin 5,-״, Isidor Rotnniege), Berlin 5,— M. 3. Verschiedene Spenden: KnttowtStz 4 M. Eingang vom 31. Oktober bis 6. November: Schekel: 270 M., Landesorganisationsbeitrage: 170 M. Gesamteingang: Schekel: 690«),50 M., La n Organisationsbeiträge: 18011, 56 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Ver- •Inigung für Deutschland, Berlin W. 15, Siichsisclie Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 809], Bankkonto: A. H. Hey mann & Co., Berlin, Unter den Linden W. Was nützt uns die Theorie? Von Er :eh Cohn, Berlin. In manchen Kreisen unserer Organisation macht sich eine gewisse Abneigung gegen die Beschäftigung mit der Theorie des Zionismus bemerkbar, die sich teilweise zur Mißachtung der ״Theoretiker“ gesteigert hat. Es ist not* wendig, derartigen Verirrungen beizeiten euer* giseJi entgegenzutreten, um so mehr, als im Oege»teil die Theorie des Zionismus mit dem sonstigen Fortschritt unserer Bewegung nicht Schritt gehalten hat. Der Zionismus, den Theodor llerzl ge* schaffen hat, ist gewiß kein Kind der Abstraktion, sondern ein Werk der reinsten Anschauung. Gerade das zeichnet Herz! vor den vielen Refor* matoren des Judentums aus, die wir vor und nach ihm an dein Werke gesehen haben, zu dem sie nicht berufen sind: daß er mit dem freien Blicke des Genies die Judenfragc in ihrer Einfachheit erkannte. Alle Judenuot ent* springt überall und zu allen Zeiten aus der Atomisierung unseres Volkes. Dieser kurze Satz ist iin Grunde die Lösung der unendlichen Frage, und der Zionismus nur die selbstverständliche Konsequenz daraus. Diese Einfachheit hat für den, der Zionist Ist, etwas Bestechendes, und oft genug fragen wir uns, weshalb cs nun doch nur so wenige sind, 'die sich überzeugen ließen. Dabei verkennen.wir,, in der Sicherheit unseres Besitzes, eines :.daß nämlich die Reduktion der vielfältigen Erscheinungen des Lehens mul der Natur auf eine ein* fache Formel, auf das Gesetz, die schwierigste Leistung des menschlichen Denkens überhaupt ist. Alles Denken hat schließlich nur den einen Zweck, die Elemente,'■die Grundeinheiten des Daseins zu finden. Wir kennen das Gesetz, d. h. 'di<j historische Situation der jüdischen Gegen* Wart. Zionistische Agitation treiben, heißt diese Erkenntnis verbreiten, und wenn wir das wollen, müssen wir sic beweisen können. Nur was 'durch Argumente verankert ist, ist sicherer und mittcilbarcr geistiger, Besitz. Unsere Aufgabe ist es, die Gründe zu finden für den Gedanken, den ״Der Zioniamua criitrcbt für da■ JmlUdio Volle düo Schaffung einer Cffcntilch-rcclitlick ßcolchorton Holmstütto In PnlüaLlnm'4 Bafider Programm« ein geniales Gehirn fertig zur Welt brachte. Es gibt Leute, die Herzl einfach glauben, die empfinden, daß in einem solchen Manne das Schicksal eines Volkes Gestalt annimmt und daß sein Wollen deshalb die tiefe Sicherheit natürliehen Geschehens teilt; aber es werden immer nur wenige sein, die dieser heroischen Ansebau* ung fähig sind. Für die, die ruhiger denken, bedarf es der Argumentation. Diese Argumentation soll uns von der Theorie des Zionismus geliefert werden. Mit einer ein* für allemal feststehenden Begründung, mit einer Schablone kommen wir nicht aus; wir scheitern damit an den besten Leuten, auf deren Schultern unsere Bewegung schließlich doch immer ruhen wird. Den Einwand, es komme auf die Massen an, kann man sieh sparen. Denn einmal gibt es in Westeuropa, dessen Judenlieit die imlividualisiertcste Gesellschaft ist, die die Weltgeschichte bis jetzt gesehen hat, kaum jü* disclic Massen in diesem Sinne, d. h. Juden, deren Persönlichkeit in einem einheitlichen jüdischen Ganzen verschwindet u״׳| wo es allenfalls noch so etwas gibt *-- viclleicl1•׳ .'׳m Teil in der älteren jüdischen Generation in der Provinz Posen und in Teilen der Provinz Schlesien - nun gut, da braucht uns eben diese Frage der Propaganda keine Sorgen zu machen, und das Problem he* ginnt erst ein Stück weiter. Und da ist cs genau so kompliziert, wie eben die Situation des west* liehen Judentums, und nach ihr hat sich unsere Propaganda zu richten. Die Begründung des Zionismus muß den Menschen, au die sie sich weiulct, bis in die feinsten Verästelungen des seelischen, des sozialen und des wirtschaftlichen Lehens folgen. Der ״Judcustaat“ wird heute keinen Men* sehen mehr zuin Zionisten machen; fragen wir 11ns nicht selber staunend, wie dieses primitive und phantastische Buch' eine so überwältigende Wirkung nusüben konnte, scheint cs nicht, als ob uns schon Generationen von den Menschen treu* neu, die cs — noch ehe sie den Verfasser kannten — mit sich fortriß? Wir brauchen heute unendlich viel mehr, und eben weil der Zionismus etwas ist, was aus der Fülle des Lebens geboren wurde, deshalb wurde mit ihm auch unsere Erkcimtuis seiner Grundlagen reifer. Jede neue Untersuchung, die sich sachlich mit ihnen bc* schäftigt, zeigte uns von neuem, wie sehr wir von Anfang au Recht hatten. Die Schriften Martin ünbers und ein paar gute Aufsätze von Cal* vary und Emil Cohn, eine bereicherte und verfeinerte mündliche Propaganda sind die Früchte dieser reifenden Erkenntnis, ihr Erfolg das intensivere zionistische Leben, die Ausdch* nimg des Zionismus speziell in akademischen Kreisen, die ernsthaftere Würdigung der Juden״ frage in der Oeffentliehkeit, soweit sie nicht tendenziös interessiert ist. Was wir heute haben, ist ein brauchbarer Fonds. Wir besitzen das Ma* terial, mit dem wir auch in komplizierten Fällen *zionistische Propaganda treiben können. Es braucht nicht mehr unsere Schuld zu sein, wenn jemand nicht Zionist wird. Wir kennen die Men* sehen, mit denen wir .es zu, tun haben, und wissen, wie.,wir mit ihnen reden müssen, und wir wissen eben, weshalb wir Zionisten sind und was wir wollen. Schon dies gibt uns eine Innere Ueberlegcnhcit über alle anderen jüdischen Organisationen. Aber eben diese Fortschritte haben uns gclehrt, daß wir auch hier erst am Anfang dessen stehen, was wir zu leisten haben und daß in Zukunft unsere Theorie neue Wege wird gehen müssen. Die erste Periode der zionistischen Forschung ist dadurch charakterisiert, daß sie Resultate a priori, eine ״Philosophie aus der hohlen Hand“ lieferte. Diese Forschung, von der Not der Zeit hervorgerufen und immerhin unendlieh viel wertvoller als das meiste, was außerhalb des Zionismus geleistet wird, beflügelt von dein vollen Temperament der jungen Bewegung, hat in ihren Resultaten unzweifelhaft recht; sie ent* bchrt aber der wissenschaftlichen Fundamcnticrung. Sie enthüllt uns, was in dieser Ucbcrgangszeit durch das Labyrinth der Brust des modernen Juden wandert, und sie ist ein eigentümliches mul interessantes Gemisch von Wissenschaft und Kunst, von Urteil und Phantasie; sie scheitert schon, wenn sic den Versuch macht, den Unter* gang der deutschen Juden zu einer zwingenden Deduktion dnrzustcllcn, an einem unvermcid* liehen Dilettantismus. — Es ist nicht anzunehmen, daß wir auf diesem Wege »och erheblich wcherkomnicn können; und darum wird die weitere Entwicklung unserer Theorie zur jüdischen Wissenschaft, d. h. vor allein zu einer brauchbaren jüdischen G e sch ichts sch reib ung führen müssen. Gcschichtsschrcilning im weitesten .Sinne; es soll darunter alles fallen, was dem Beweise der jüdischcn Soudcrart dient. Erst der Zioiiis.i: ־׳׳• hat die Möglichkeit einer sok'iien jüdischen Wissenschnft geschaffen; denn nur die יויי!י:\ו-!•jüdische Basis garantiert die Voraussetzung , i »keit, ohne die inan sich heute eine ehrliche Forst ,ung nicht mehr denken kann. Alle andere jüdische Wissenschaft hat ungefähr den Wert der ksthotischen. Der politische Wert dieser neuen Wissenschaft kann gar nicht hoch genug geschätzt wen• den. Sic wäre imstande, das verloren gegangene Nationnlbcwußtsein — das früher auf gadz an^ derer Basis ruhte — mit'Macht wieder zu er* wecken. Haben die ״Dichter und Denker“, über, die die übrige, geschäftskundigere W.ch lächelte,• das Werk Bismarcks nicht überhaupt erst möglieh gemacht, indem sie über alle Zersplitterung hinweg das Gefühl der kulturellen deutschen Einheit erzeugten? Eine nationale jüdische Wissenschaft, die sich die Achtung der nichtjüdischcn Kulturwelt eroberte, würde die Juden in aller Welt, ob sic cs wollen oder njeht, so unwiderstchlich zusammenzwingen, und die Kluft, die uns von den Nichtjuden trennt, so unverkennbar aufdecken, daß es mit einem Ahlcugticn der bt* stehenden Gegensätze ein für allemal vorbei w.iix!. in der Erörterung der Judenfrage durch Juden wäre dann endlich die Ehrlichkeit geschaffen, ohne die wir nicht mehr lange bestehen können,' qlinc moralisch zu leiden, und es käme dann nur noch darauf an, den Mut der Entschließung nach der einen oder der anderen Seile zu haben. — Palästina und die nationale Wissenschaft — sic beide werden das jüdische Volk zur Freiheit er* ziehen, die jüdische Kunst wird ihnen folgen. —. .; Die Anfänge dieser neuen jüdischen Wissenschaft sind . da. Z, ׳B. im ״Gesamtarchiv“, in!' ״Verein für Statistik“, am spärlichsten leider noch s 'v “•* ־ j 8 ± \ % 1