Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 421 Veranstaltern sogenannter ,,Aussprachen" auseinamlersetzen wolle und so wußte man denn, daß cs gegen den Zionismus gehen solle. Diesem Umstande war wohl mit der verhältnismäßig starke Besuch der Veranstnltuug zu danken, Es zeigte sich bald, daß der Referent nicht beabsichtigte, auf die Probleme, die in dt.• Kiuistwnrtdebnttc angeschnitten wurden, ein/.ugehen und daß ihm das historische und politische Gebiet vertrauter war, wie das literarische mul abstrakt geistige. Seine Rede war von Anfang bis zu Ende eine Attacke gegen den Zionismus. Und ~ das sei vorweg gesagt —• eine Auseinandersetzung, die sich in mancherlei von der in letzter Zeit von unseren Gegnern beliebten Art vorteilhaft unterschied. Herr Dr. Maas suchte aus der Geschichte der deutschen Juden nachzuweisen, daß sic gar keine andere Kultur neben der deutschen pflegen oder auch nur wünschen könnten. Dabei unterlief ihm neben anderen Irrtiimern die Feststellung, die Juden in den mittelalterlichen Ghcttis der verschiedenen Länder hätten sich bereits nicht mehr gegenseitig verstanden und keinerlei Ile• Ziehungen zueinander unterhalten. Eine Beh.uiptung, die bekanntlich durch eine Unzahl von Dokumenten aus jener Zeit widerlegt wird. Im Zionismus vermag er letzten Endes nur eine Verärgerung über die erfahrene Unbill zu sehen. Diese Verärgerung sei psychologisch verständlich, aber im («runde «loch un• gerecht. Man dürfe doch nicht milerschälzen, was ju dem kurzen Jahrhundert seil der Emanzipation bereits erreicht sei und dürfe seine Ansprüche auch nicht zu hoch schrauben. Der Zionismus sei eine künstlich geschaffene Bewegung, während der Wunsch der deut• sehen Juden, in deutscher Kultur aufzugehen, tief im Herzen begründet sei. Das sind Dinge, über die sich kaum streiten bißt, und es wird weder uns noch unseren Gegnern gelingen, daß wir uns gegenseitig über unsere Gefühle aufklären. Wir können von unseren Gegnern aber verlangen, daß sie sich über unsere Bewegung orientieren, bevor sie ein derartiges Referat übernehmen und wollen liier bloß die eine Unrichtigkeit zurüekweisen, die darin liegt, wenn der Referent behauptet, der deutsche Zionismus rekrutiere sich in der Hauptsache aus ausländischen Juden. Diese Feststellung sollte wohl zum Ausdruck bringen, daß das deutsche Judentum den Zionismus nhlchnc und cs muß liier wieder einmal gesagt werden, daß diese immer wicderkchrcnde Behauptung objektiv unwahr ist und daß es Herrn Dr. Haas gerade in diesem Falle nicht schwer gefallen wäre, sich zu überzeugen, wie die Tatsachen liegen. Wenn der Referent weiter behauptete, der Zionismus sei eine Gefahr für den Kampf gegen du» Antisemitismus, so wird er es uns gewiß freistellcn, unserer Ucbcr/ctigung Ausdruck zu geben, daß die Art, wie der ״Abwohrvcrein" dieser Aufgabe gerecht zu werden sucht, eine Gefahr für das Judentum darstellt und uns bisher auch nach außen wenig gefördert hat. Bemerkenswert war seine Fest• Stellung, die deutschen Juden seien nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern ein ״historisch ge• wordener Bevölkcrungsbcstandteil“ mit •historisch ge• wordener Eigenart. Die Behauptung, ein deutscher Nichtjude stehe uns naher als ein ausländischer Jude, kann in dieser allgemeinen Fassung doch wohl auch vom Referenten nicht ganz ernst gemeint sein und für gewisse Beziehungen und gewisse Fälle können ja auch »wir ihr zustiuuuen. Im ganzen zeigte das Referat, käme und die weite Reise gemacht hätte, ״nur um den Rcbbe von Sadngora zu scheu״, würden sic ihm mein Anliegen vortragen. Schon nach fünf Minuten wurde ich gebeten, zum Rabbi zu kommen. Ich trat in sein Privatzimmer und sah vor mir einen schlank gewachsenen, in einen seideneu Kaftan gehüllten Mann von etwa 30 Jahren, der «inen recht sympathi* sehen Eindruck machte. Das Amt des Wunderrabbi war erst einige Jahre vorher auf ihn überkommen, nachdem sein Vater gestorben war. Er seihst ist der vierte in der Generation der Wunderrabbis. Um seinen Ahn, den ersten Wuuderrahhi, hat einmal zwischen der russischen und österreichischen Re• gierung ein Notenwechsel staUgelundcn. Der Rabbi Srulze (so hieß er) hatte seinen Sitz ursprünglich in Beiz in Russisch-Polen; er war wegen einer ihm peinlichen Affäre nach Galizien geflüchtet und hatte in Sadagora seinen Wohnsitz, genommen. Da nun die russische Regierung sah, daß alljährlich viele Tausende von russischen Juden zum Rcbbe über die Grenze gingen und die mitgenommenen Rubel in Galizien ließen, wollte sie den Wundermann zurück haben und beantragte bei der österreichischen Regicrung seine Ausweisung, da er russischer Unter• tan sei. Der Wundcrrcbhc hütete sich jedoch, nach Rußland •zurückzukehren und ließ sich in Oesterreich naturalisieren. Das war um 1850. Einige Zeit später war er wieder in eine Angelegenheit verwickelt — man hatte in seinem Privatzimmer Heine Banknoten• presse gefunden —, deren Niederschlagung 30000 Gulden gekostet haben soll. Ich erzählte dem Rcbbe, woher ich sei und daß ich inv Begriff sei, cino Studienreise durch Galizien und die Bukowina zu machen und der Besuch bei ihm ebenfalls zu meinem daß, wem» einmal ein bewußt jüdischer Standpunkt konzediert wird — wie Dr. Haas cs tat —, die Gegensätze bereits ein wenig gemildert sind. Nach dem Referenten ergriff der Vorsitzende noch einmal das Wort. Auch er zog noch einmal gegen den Zionismus zu Felde, den er als unfrei willigen Helfershelferdes Antisemitismus hinslellle. Die geschäftlichen Agenden der ״Ocncralvcr• 8.»11»1nlm»g" gingen mit beinahe komischer Schnelligkeit vor sielt und scheinen dem ״Vereinsinteresse** der Mitglieder kein günstiges Zeugnis niisziistcllen. Der Verlauf der Versammlung würde alles in allem eine Namensänderung des Vereins in ,,Verein zur Abwehr des Zionismus“ gewiß rechtfertigen. Wem» inan bedenkt, daß der Verein statutengemäß kein rein jüdischer ist, dann »miß man die Seibstvcrleugmnig der Juden, die sich mit Nichtjiidcn zu• sammeiitun, um eine jüdische Bewegung zu bc• kämpfen, bewunden». Und wenn Herr Gothein seinerseits diesen Kampf mitmacht, so mag sein Wunsch, die Juden dem nationalen Deutschtum und der Fortschrittlichen Volkspartei zu gewinnen, ehrlieh sein, taktvoll ist sein Vorgehen gewiß nicht. Vielleicht auch nicht einmal klug. Denn die 10000 deutschen Zionisten Deutschlands stellen doch schließlieh auch eine Wählermasse dar, die ein politisch denkender fortschrittlicher Führer nicht ohne Grund provozieren sollte. Denn wir Zionisten »mlersehiit/eu gewiß nicht, was der!Tcisinu in früheren Jahren für uns Juden getan hat. Die Dankespflicht kennt aber auch ihre Grenzen, warn wir in unserer jüdischen Ueber/engung von den Vertretern eben dieser Partei .־mcl» weiterhin angegriffen und verletzt werden. Wir wünschen diesen Kampf nicht, wenn er uns aber aufgedrungen wird, so wird man uns gerüstet finden. 6s AUS.ALLeß W£IT ״ Deutschland Der ״Vorwärts“ berichtet über den Empfang, der Herrn Sanitätsrat Dr. Mugdan am Mittwoch hei seinem ersten 'Erscheinen im Abgeordneten hause bereitet wurde: . Als Platz, hat man Herrn Mugdan einen Sitz, in der roten Ecke, inmitten der sechs Sozialdemokraten angewiesen. Und unsere Gcuosseii wußten diese Ehre denn auch zu schätzen. Als höfliche Menschen fühlten sic sich verpflichtet, ihren neuen Nachbar, der bekanntlich orthodoxer Christ ist, durch ein Plakat mit einem frommen Sprüchlein zu bewillkommnen. Leider schien Herr Mugdan au die Aufrichtigkeit dieser Bewillkommnung nicht zu glauben, wenigstens ließ er sich schleunigst einen anderen Platz anweisen, fern der Bank, aut der die Spötter sitzen. Schade, der Willkomm war doch so gut gemeint gewesen 1“ Russland Das Kollegium der 40 jüdischen Wahlmätmcr Warschaus hielt am 24. d. M. in Angelegenheit der Duiiiawahlcn eine Sitzung ab, die von <) Uhr abends bis 5 Uhr morgens dauerte. Die Kommission, die beauftragt worden war, Verhandlungen mit den polnischen Parteien an/uknüpfen, erstattete Bericht über das Ergebnis dieser Verhandlungen, Die Kom* missinn hatte den Parteien der polnischen Konzentration vorgeschlagen, die• Kandidatur Kucharzewskis Programm gehöre. Er freute sich darüber und fragte seinei'seits nach allen möglichen jüdischen Dingen in Deutschland, über die er sich ziemlich gut ortentictl zeigte. Ich kam bald auf den Zionismus zu sprechen, den er zwar nicht abiehnte, dem er sich jedoch vollständig passiv gegenüber verhielt; das sei eine Frage, meinte er, mit der sich der Mensch nicht zu beschäftigen hätte, sondern nur Gott. Ich mußte diesen Punkt verlassen, ohne ihn eines Besseren belehrt zu haben. Nun kam Icii auf ilm seihst zu sprechen und fragte ihn, was die vielen Tausende von Juden, die ihn regelmäßig besuchten, dazu veranlasse, gerade ihm ihre Sorgen mul Nöte vor/ulegeii, oh er dem» wirklich der ״Wunderrabbi“ sei, für den er und seine Vorfahren gelten. Er gab mir eine ausweichende Antwort und meinte, ״man sage schon so“, damit wollte er sagen, daß, wenn man schon so sagt, werde cs so schon richtig sein. Er bediente sich bei der Unterhaltung der jüdisch• deutschen Sprache, während ich deutsch sprach; aber er konnte mich und ich ihn recht gut verstehet». Nach etwa einer halben Stunde war die Audienz bc• endet. Er "bot mir noch eine riesengroße Zigarre an, und ich konnte gehen. Ich bekam es nicht über das Herz, den« Rcbbe für meinen Besuch Geld in die Hand zu drücken oder auf den Tisch zu legen. Ich stak doch zu sehr in westeuropäischer Kultur, als daß ich den Besuch bezahlen sollte. Daher war sein Abschied von mir ziemlich kühl; er unterließ cs auch, mir wie üblich seinen Segen zu geben. Draußen wurde ich von den Gabboim wieder in Empfang genommen, und die erste Frage war, ob ich den Rcbbe bezahlt hätte, ich verneinte dies mit der Begründung, daß cs mir nicht gepaßt hätte, ich fallen zu lassen und an seiner Statt einen Kandidaten aufziistellen, der sich als unbedingter Anhänger der jüdischen Gleielibeicchtigung in Polen und Rußland erklärt. Für einen solchen polnischen. Kandidaten würden dann die Juden geschlossen stimmen. Die maßgebenden Führer der ״Konzentration“ haben jedoch dieses Anerbieten schroff nbgelelmt und muten «len jüdischen Waliliiiäiiuern allen Ernstes zu, Kuch.ir• zewski zu wählen, der sich in seiner Prograuimrede unzweideutig gegen die volle Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen hat. In der Sitzung des Wahlmäimerkollegmms wurden nun vereinzelte Stimmen zugunsten einer Wahlenthnltiing der Juden laut. Die Mehrheit des Kollegiums stellte sich jedoch aut den Standpunkt, daß die in der Majorität befindlichen jüdischen Wnhlmiinner eine Würdelosigkeit begehen würden, wenn sie durch WahlenthaJüiiig die Chancen Kucharzewskis vermehrten. Demgemäß faßte das jü• ilisehe Wahlmänuerkollegium einstimmig den Bc• Schluß, hei der I launtwahl unter allen Umständen so zu stimmen, daß die Wahl Kucharzewskis verhindert wird. Es wurde ferner beschlossen, an die polnische Wählerschaft und die öffentliche Meinung Polens einen Aufruf zu richten, in dein das unerhörte Vorgehen der polnischen Parteiführer gegen die jü• disclic Bevölkerung beleuchtet werden soll. Urn/arn Das indische Gymnasium in Budapest scheint endlich Wirklichkeit werden zu sollen. Die Regiei’img hat im Kostciivorunsehlag für 1013 4()0U(H) Kr. für dessen Bau bewilligt. Acf/i/pten Der Ilerzl-Kluh und eine andere jüdische Verein!• gung in Kairo haben beschlossen, dort eine Jüdische Universität zu gründen. Es hat sich ein Direktions• ausschuft gebildet, bestehend aus Vertretern der beiden Vereine und aus Lehrern. PALA65TINA:RUNDSCHAU Auf Initiative des hebräischen Schriftstellers Jakob R a h i n o w i t z haben sich mehrere Einwohner Pcthach-Tikwahs entschlossen, die Gründung einer landwirtschaftlichen Mittelschule zu unternehmen. Zu der ersten größeren Besprechung haben sich zirka 50 Kolonisten, darunter die hiesigen Agronomen Apfel* bäum, Pascal und Colin, eingefunden, die sich samtlicl» mit dem Projekt einverstanden erklärt und auch Beträge zur Sicherstellung des ersten Jahresbudgets gezeichnet haben. Da die Kinder in Pethach-Tikwal» die Schule in der Regel im 14. Lebensjahr verlassen, also in einem Alter, in welchem sie zu den Arbeiten des Pflan/tuigsbaucs, der in Pctli.ich-Tikwnli vorherrscht, nicht heruugezogeu werden können, so ergab sich für die liier in ziemlich großer Zahl vorhandenen wohlhabenden Eltern die Notwendigkeit, ihre Kinder noch einige Jahre auswärts eine Schule besuchen zu lassen. Dies aber hat zur Folge, daß die Kinder dem Dorfleben mul der Landwirtschaft entfremdet werden. Um dem almihclfcn, haben sieh die Eltern dntschlosscn, zu dieser neuen Gründung zu schreiten, und sie zweifeln nicht daran, daß diese Schule auch von anderen Kolonien und nicht zum wenigsten Vom Auslände Schüler erhalten wird. Gibt cs doch viele jüdische Eltern in der Diaspora, die ihre Kinder gern 111 Palästina in der Landwirtschaft ausbilden lassen möchten. wollte dies hier draußen tun. Nachdem ich nun alle Gebühren ordnungsgemäß bezahlt hatte, ging einer der Gabiwim zum Rcbbe hinein und berichtete ihm dies. Darauf ließ mir der Rcbbe durch den Gabbc seinen Segen schicken und gab mir ferner einen mit seiner Adresse versehenen Zettel mit dem Ersuchen, ich sollte ihm nur schreiben, wenn irgendeine Sorge mein Herz bedrücke; ich sah mir noch seine Synagoge an, die geradezu fürstlich ausgestattet ist. Die Thoravorbänge sind mit Brillanten und Edelsteinen geschmückt. An dem Tisch des Rcbbe werden täglich mehr als hundert Personen gespeist, die entweder zu seiner Dieiierschar gehören oder als fremde Pilger nach Sadagora kommen. Der Hofstaat verschlingt unglaubliche Summen, denen natürlich noch weit größere Einnahmen gegenülkTstehen. Wenn der Rehbc seine Sommerreise macht, so begleiten ihn 20—30 Sekretäre oder Diener. An jeder Hation sind Deputationen von jüdischen üemeinden und Hunderte von Chassidcn anwesend, um ihm ziizujubcln. Sein Einfluß ist enorm weitgehend, und mehr als einmal hat sich die östcrreichisehc Regierung dieser seiner Macht für ihre Zwecke bedient. Jetzt ist Cr im Alter von nur 35 Jahren gestörben, nnchdeln er in Wien durch eine Operation vergeh«• lieh Heilung von einem Magenleidcn gesucht hatte. Die Trauer seiner Anhänger ist nach den Berichten der Zeitungen uncnncOlich, und viele •Tausende gahen ihm das letzte Geleit. Die Würde des Wunderrabbi geht auf einen seiner Brüder über.