Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit420 *׳ JUEDISCHE RUNDSCHAU fassenden alljiidiselioii Aufgaben titm auch nocli diese Arbeit iilieruelmicn miisseii, wie es unsere (iesimiimgsgenoss«.* 1 *!! in anderen!.;'indem bereits getan lialnii. Um ilu* gerecht zu werde», bedürfe er der Hilfe »Her;ittf- ,rechten Juden. Herr M, A. Loci» sprach die I'»11• schriftliche Volkspartei von jeder Schuld an dem Vor• kommnii frei. Tief betrübend sei es, zu sehen, wie wenig unsere jüdischen Mitbürger des Wahlkreises sich ihrer Pflicht gegen das Judentum bewullt gewesen seien. Die Partei hätte sich einfach nach der Stimmung im Wahlkreise selbst richten müssen. Der ,,Zentral• verein“ habe die Sache so ungeschickt, wie nur irgend möglich angefaßt; hätte er sieh au seine eigenen Milglieder gewandt, statt an die Parteileitung zu appelbere», so wäre ein Erfolg wahrscheinlich gewesen, Fs gehe nicht an, den Aerger über dieses Vorkommnis am 5. November an I lerrn Kaempf aus/nlasse». I lerr Licht heim legte dar, wie cs sich bei lleiirteihmg dieses scheinbar äußerlich-politischen!•'alles doch um Fragen der Theorie und der Weltanschauung bandle. Wenn man den Juden im politischen Leben Deutschlands eben nur als Einzelindividuum gewertet wissen will, so könne man sich auch nicht wundern, wenn die Juden als (iesamtheit nicht berücksichtigt werden. Die Erhaltung des Judentums sei nur möglich, wenn die Juden si:11 als Volksgemeinschaft geben und sich im Zionismus organisieren. Die Aktion des Zentral- Vereins mußte scheitern, weil die Herren ja letzten Endes die Erhaltung des Judentums als solches gar nicht wünschen und infolgedessen auch gar nicht die innere Berufung zu ihrem Protest hallen. Als Letzter äußerte sieh Herr Alexander l.evy, dem es nicht gelang, seine Ausführungen auf den Gegenstand der Aussprache z.tt beschränken mul der sielt daher au :11 die Aufmerksamkeit der Versammlung nicht zu gewinnen vermochte, ln seinem Schlußwort resümierte der Referent noch einmal, cs könne keine Rede davon sein, daß wir Juden niunnelir eine allgemeine Sezession aus der Fortschrittlichen Volkspartei inszenieren sollten, die Herren sollten aber wissen, dvß es noch andere Parteien gebe, denen der Jude angeboren und für die er stimmen könne, ohne seiner jüdischen Ueberzengung etwas zu vergeben. Parteien mit einem ausgesprochen antisemitischen Programm könne» dabei natürlich nicht in Frage kommen. Mil einem Appell an die Versammlung, sich unserer zionistischen Arbeit;m/uschliclie», schloß Dr. Hey mann die Versammlung. Somiimrt wider Oppenheimer Auf dam zweiten Deutschen Soziologentagc, der in der veigen Woehe in Berlin stattfaml, kam es (wie seho kurz berichtet) zu einem recht scharfen Zus,initiier tob zwischen ISr. Franz Oppenheimer und Prof. ,Wert er Sombart ־־■ nicht wegen der Jitdrufragc, aber wego des ihr zugrunde liegenden soziologischen Problems, der Rassenfrage. Natürlich kamt es nicht anders sein, als «laß, wenn man über ״Nasse oder Milieu“ stießet, ehe Judeiifrage uu gar nicht fernen Hintergründe lauert. Hätte jene Diskussion aut dem Soziologen!age auch nur eine Stunde länger dauern können, so wäre mau in die schönste Judcudcbattc hincingerate». So hat’s die Sehnsucht nach dem iicimatlidu‘1 Abendbrot für diesmal noch verhindert... Also die Nassenfrage: Oppenheimer hatte für den Suriologenlug ein Referat über ״R a s s e u t 11 0 o re - tische ü c s c 11 i e it t s p 11 i I o s o p 11 i c" aiigcktin• digi, und man hatte siel, davon etwas vor :.prochen. Wurde aber leider ziemlich arg enttäuscht. Nachdem er sieb recht breit in einer mit *- an jener Stelle zumindest überflüssigen höhnischen Bemerkungen und Witzen gespickten Verurteilung der ״Nassentheorie“ ergangen, gab es einen ziemlich kurzen und ebenso schalen positiven Teil, der als eine Vertcidigmig der Milieu-Theorie aufgefaßt wurde, ohwohl Oppenheimer sich später dagegen verwahrte, ein Anhänger dieser Theorie zu sein. Tatsache ist jedenfalls, daß Oppenheimer *len sogenannten Nassennicrkmalc» jede denkbare Vcrämlenmgsmogliehkcit infolge wechselnden;Milieus zuspraeh und von irgendeiner Konstanz des Nasseneharakters nichts wissen wollte. Es gab ein kleines Sensationellen: als Oppenlieimcr etwas reichlich boshaft ■ mehr im Ton als in Worten - von Houston Stewart Oliamberlain sprach, verließen einige von dessen Anhängern, die bei Oppenheimers Auftreten von Anfang an etwas nervös geworden waren, den Saal; und am Nachmittag gab in der Diskussion dann einer von ihnen eine st» alberne und persönliche Erklärung ab, daß man ihn ־ mit Recht - - nicht weiter reden ließ. Aber in der Sache wandten sieh auch alle anderen Diskussionsredner, Dricsmatis, Töuuies, Max Weber und vor allein Sombart, entschieden gegen Oppenlieimer. Am mildesten im Ton und am verbindlichsten in der Sache Weber, der nicht nur zugal», sondern immer wieder ausdrücklich hcrvorlioh, daß von der ganzen Rassentheorie bis heute auch nicht ein Punktdien wissenschaftlich bewiesen oder auch mir beweisbar sei, daß man für die Vorzeit wohl f ii r i m m e r werde darauf verzichten müssen, exakte Beweise bei/tibringe», wenn man bedenke, wie ungchciicrlich schwer selbst für unsere Zeit Beweismaterial zu erstellen sei, Das sagte Weber sehr kühl, sehr objektiv, obwohl er hervorhob, daß er seihst persö»• lieh durchaus von der Existenz, und Bedeutung konstaiiter Nassenfaktoreii Überzelt);( sei. Nichtsdcstoweniger müsse man es streng wissenschaftlich hei dem ״Non licjuet*• bewenden lassen, Das stach augenehm ah von Sombnils recht hefliger Philippika, in der er alle Thesen der Milieu-Theorie nicht nur, sotidern in der er auch die ganze materialistische (lies: okoimmisclic) Geschichtsauffassung für überwunden erklärte. Oppenheimer hätte nicht nacliweiseii dürfen meinte Sombart - -, daß im Laufe einiger Jahrlumderte aus einer kleinen, schwächlichen Ochsen• rasse eine große, kräftige geworden sei, er hätte beweisen müssen, daß ans den Ochsen - - Schafe geworden seien, wenn seine Theorie von der Variabilität der Rasse bestellen wolle. Wie damit, so bat sieh Sombart dann noch melnfadi verhauen in seiner Verteidigung der Rassenlehre, mul es konnte nie׳ maudeu wumlerneliiucu, »laß Oppenheimer, der aus dem Angreifer der Angegriffene geworden war, sieh recht temperamentvoll seiner I laut wehrte. Den alten Streit der Rassen- 11ml der Milieutheorie bat also der zweite Deutsche Soziologeiit.lg seiner Lösung nicht nnhergebraeht, er bat ihn vielmehr zu einem so scharfen, pointierten Ausdruck gebracht, daß er mm wohl wieder in der Literatur neu aufleben יי Beim Rabbi von Sadagora 9 Von Max W o 11 s t c i n c r. ו Der Tod des Wunderrabbi von Sadagora, Aron Fried mann, ruft die Erinnerung an einen Besuch in mir wach, den ich dem berühmten Manne vor vier Jahren in Sadagora abgestattet habe. Ich wollte meine Ferien dazu benutzen, mir die Juden in denjenigen Ländern an/nsehen, wo sie noch eine kompaklc VolkMnassc bilden mul wo die Städte, in denen sic wohnen, einen rein jüdischen Charakter tragen. So machte ich mich auf den Weg nach Galizien; in Krakau halfen mir unsere dortigen Freunde eine Reiseroute zusammenzustellcn, auf der ich alles Sehens- und Wissenswerte über die gali/ischen Stammesbrüder erfahren sollte. Die Reise ging von Krakau nach Tarnow, von dort nach Kczcezow. In Lemberg hielt iqh mich etliche Tage auf mul hatte dort die Freude, unsere ostgnli/ischc» Führer keimen zu lernen. Morris Roscnfcld war damals in Lemberg und veranstaltete einen Liederabend, zu welchem Mathias Aclier, der eigens dazu;ms Cz.ernowitz gekommen war, die Einieitmigsrcde hielt. Von Leinberg ging es nach llaliez, wo ich die Sekte der Karäer aufsuchte und bei ihnen einen ganzen Tag zubrachtc. llaliez ist der einzige Ort in Oesterreich- Ungarn, in welchem noch eine kleine Kariicr-Kolonie, die jetzt •10 Familien umfaßt und dein Untergänge geweiht ist, wohnt, lieber meine Erlebnisse ,bei den Karäern und meine Unterhaltungen mit diesen berichte ich ein anderes Mal. In Czcrnowitz angelangt, bereitete ich mich vor, dem Wunder-Rabbi von Sadagora einen Besuch abzustatten. Am Abend Vorher saß ich mit Gesinnungsgenossen im Cafe und erhielt die nötigen luformationen für diesen Besuch. Man sagte mir, daß ich eine Schaaloh (Frage) an den Uabhi tu» müßte, sonst würde ich wohl nicht vorgelassen werden. Ferner instruierte mau mich über die 'laxen, die jeder Besucher zu entrichten hätte, dem Rabbi selbst 2 Gulden, den beiden (iabboim (Sekretären) 2 Otilden, für die von dem Rabbi unterhaltene Synagoge I Gulden und für die Ort sannen nticli 1 Gulden. Ferner sagte mau mir, daß ich mich wohl für ein bis zwei Tage in Sadagora entrichten müßte, da es Gepflogenheit sei, daß die Besucher nicht sogleich vorgelassen würden, sondern daß sie ein bis zwei Tage im Orte bleiben müßten, wo sieb dann im Gasthaiisc die Diener des Rabbi au den Besuclicr ber.mmaeheii und aus ihm alles Wissenswerte herausholen. Auf diese Weise bekommt der Rabbi eine genaue Wissenschaft über die Fragesteller, die diesem dann verblüffend verkommt. Ich hörte mir alle die guten Ratschläge au, beschloß aber,, auf eigene l’anst vor/ugehen, Am nächsten Morgen 11.1hm ich einen Wagen und gab dem jüdischen Kutscher den Auftrag, nach Sadagora zum Ruf zu fahren, Fs war gerade in Czcrnowitz Markttag und wir begegneten unterwegs einer Unmenge von Wagen, die mit ihmderlei» von Juden buchstäblich ungefüllt waren. Alle diese fuhren zum Markte in die Stadt, In Sadagora angekommeii, höre ich, wie sich der Kutscher bei einer jüdischen Frau nach der Adresse des Rof erkündigte. Das kam mir merkwürdig vor, da doch der Palast des Wmidcrrahhi jedermann hätte bekannt sein sollen. Daher stellte ich den Kutscher zur Rede, und »las Resultat war, daß mich der Kutscher meiner Nr. 44 wird. Hier dazu in kurzen Worten Stellung zu nehmen, wäre zwecklos. Der Zionismus ist ja eine Art Stellungnahme. Fine A r t Stellungnahme freilich nm־ den» der Zionismus ist eine politische Partei, die, von best e 11 e n d e 11 Pänoineneii ausgehend, postuliert, was nach der Meinung ihrer Anhänger in Zukunft geschehen soll. Sie kann naturgemäß nicht eine ebenso einheitliche Auffassung darüber vertreten, was zu diesen gegenwärtigen Zuständen ge* führt bat, «I. h. was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber immerhin liegt doch dem Zionismus eine -• innerhalb gewisser Grenzen bestimmte Auf• fassnng der Geschichte zugrunde. ׳ Und von dieser war in dem Referat Oppenheimers, der sich ja zu unseren (iesinmingsgenosNcn zählt, allerdings wenig zu entdecken, Darüber wird vielleicht noch einiges zu sagen sein, wenn Oppenheimers Referat gedruckt vorliegen wird. Verein zur Abwehr des Antisemitismus Am Montag abend hielt der Verein im Saale des Berliner l.ogenlicims in der Klnststralie seine General• Versammlung ab. Flwa 200 Teilnehmer, unter ׳lenen /las nichtji’nlischc Flement auffallcml wenig \\ .־treten war, füllten *1111־ Saal, als der Vorsitzende des Vereins, Herr Ueielistagsaligeoidneter Gut h ein, die Vorsaiumiilng erüffnele. Fr warf einen Rückblick auf *lic Arbeit und die Frtolge »Icn Vereins im allgelaufenen Jahre. Zu den Erfolgen zahlte er u. a. den Rückgang der antisemitischen Stimmen hei der letzten Reichstagswahl, der mit in erster Linie der unermüdlichen Aufklärimgstätigkeit ries Vereins zu danken sei. Im weiteren Verlauf seiner Darlegungen kam der Vorsitzende auf seine Auseinandersetzung mit dem Kriegsminister im Reichstage zu sprechen, die unter der Stielimarkc der ״Fiertante“ bekannt geworden ist, sowie ferner auf seinen Briefwechsel mit Avena• ritis mul die wenig rühmliche Art, in der diese Sache nachher von tler jiulenlreimdlicheii Presse weitergeführt wurde. Im übrigen war der Berich! recht optimistisch gefärbt mul »las ist nur natürlich, »leim »iieser Optimismus ist ja die programmatische (irundläge »les Vereins und er würde seine eigene F\is1c»z• bercehtigimg leugnen, wollte er von diesem Optimismus aliiasscu. Die KunstwurUlcliatte seihst und der Ziouisimis wurden hier mir mit ein paar strafenden Worten gestreift, zumal ja eines der Referate, die auf der Tagesordnung standen, sich mit dem Gegen* stände befaßten. Als erster Referent des Abends sprach Herr Dekan M o Id c r m .1 n 11 Rütteln über 11 נ)״ r istliebe V o I k s k 1111 u r 11 n »I A 111 i s »׳ in i 1 i s m 11 s“, der »len Rassenmul Glaubenshaß vom Standpunkte »les liberalen evangelischen Theologen aufs schärfste verurteilte. Die Ausführungen lies sympathischen Redners wurden durch mehrfache Aciißcriingcn der Zu- Stimmung und *les Beifalls unterbrochen. Dann erhielt Herr Reichstags,iligcordnetcr Rechtsnmvalt Dr. Haas das Wort zu seinem Vorträge ülier ,,J 11 »I e n 111 m u!1 d D e u t s c )11 u in“. In »1er Tagespresse war an auffallender Stelle darauf liitigcwicscn worden, daß man sich in diesem Vorträge mit den Orilcr gemäß zum ״Rof“ und nicht zum ״Robbe“ gefahren hätte, wenn ich nicht im letzten Moment meinen Irrtum eingeschcn hätte. Der ״Rof“ ist der Ortsrabbiner, während der Wuuderrnbbi beim Volke den Namen ״Rebbe“ hat. Sadagora ist ein schinutziges, elendes Dorf, keine gepflasterten Straßen, Pfützen und kleine Bäche an »len Wegen, die armseligsten Hüllen, die man sieh überhaupt denken kann, und noch armseliger die Bewohner derselben; außer ein paar Beamten wohnen nur cliassidische Juden im Orte. Um so größer ist das Erstaunen des Reisenden, wenn er in »lic Nähe der Wohnung des Wiuulcrrahbi gelangt. Schon von weitem sieht man einen palastartigen mit Zinnen versehenen weißgestrichenen Bau, der dem Schlosse eines begüterten L.iniledelmannes recht ähnlich sieht. Der Wagen fährt eine Auffahrt herauf und hält vor einem schön ausgestatteten Portal. Etliche Diener bemühen sich um *len Reisenden, tler in ein Vorzimmer geführt wird. Hier nahmen mich die beiden Gabboim in Fmpf.inj; mul fragten midi, woher ich sei und was ich vom Robbe wünsche, ich möchte meine Frage in hebräischer Schrift nufselireiben. Ich sagte, daß ich keine Frage an den Robbe hätte, daß icl» ihm nur einen Besuch machen wollte, »1.1 ich von seiner Berülunllieit schon in Berlin gehört hätte. Das war ihnen neu, »laß man nicht mit sorgenbcladonem I lerzen zum Robbe komme mul in seelischen Nöten einen Rat von ihm verlange, sondern, daß man ihm einfach einen Besuch machen wolle; auch trauten sie mir in meiner ״tatschen“ (deutschen) Kleidung wohl nicht recht; sie antworteten mir, der Robbe wäre augenblicklich beschäftigt um! hätte wohl auch für Besuche keine Zeit, da ich aber direkt aus Berlin