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Jüdische Rundschau · 1912-11-01 · Heft 44 (1.11.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kedaktionnadiluli MiUwotb vormittag«, Flatlalillon JQdl aclia Kurnlailiaa Ill'IU.IN W. >5, siti.alarh• SlraOa I, Talephoat Amt Uldand (MS. 1 1 I SprWutuadea Dieaata( und DuoneraUj S—4 Uhr natbautta;». f*N r» ■ n n /ד־״!—\ n ס {־־-׳ן p V. > v. n ׳ J0 v־tLT uLj Berlin,den!.November 1312 — 21.Chcschwan5673 Nummer 44 XVII. Jahrgang Ausweis Schekels Gleiwitz ■10,—, Essen 60,—, Bonn '20,—, Straßburg i. E. 4,—, Gcra-R. 1,—, KonigshüUc 75,—, Trier 11,—, Main/. 20,—, Ratibor 10, —, Militsch 2, , Berlin 32,־־, Zion. Verein West-Berlin 2, , Worms 10,—, Ctollub I,—, Breslau 2,—, Taniowitz 8. -•־, Elberfeld I,- Mark. Landesorßan isat ionsbeitrli{׳e: 1. Ortsgruppen: Breslau 3,-־, Gollult 3, , Trier 12,—, Straßburg i. E. 4,—, Bonn 30,• , (ileiwitz 25,—, Berlin 10,—, Herxheim (Em/.ellicilrag) 3,— Mark. 2. Einzelpersonen: Gustav Krojanker (Jordaniae), München 5,־-, S. Münzer, Worms 5,- , Ignatz Ziogellatilt, Worms 5,־ , Rechtsanwalt Dr. Bernstein, Elberfeld 5,־־, Dr. Würzburger, Rap|>enau 5, , l.ouis Stern, Trier 15,—, Selmar Biitow, C lcr.1-Utitü 5, , W. Neimiark, Gleiwitz 5,—, C. Silbiger, (ileiwitz. 5,— Mark. 3. V e r s c 11 i e d e 11 e Spenden: KönigslüUtc 10,—, Kattmvitz 5,-, Berlin 18,85 Mailt. Eingang vom 23.—30. Oktobers Sc 11 ekel: 299,— M., L a n d e s o r g a 11 i s a t i o 11 s b e i t r ii 1׳ e: 187,S5 Mark. Gesamteingang: Schekel: 6630,50 M., l.ande sorga n i s n t i on s bc i t rii ge: 178(5,56 Mark, In Nr. 46 der ״J. R.“ vom 15. November werden wir eine Zusammenstellung der Schekel für die Rechnungsjahre 1910/11 lind 1911/12 veröffentlichen. Wir bitten alle Ortsgruppen mul Vertiaiiensleute, die noch eiliges,־umnelten Schekel bis spätestens Sonntag, den 10. November, abzuführen, damit die Beträge noch in der Seilekelstatistik veröffentlicht werden können. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vcr• tdnigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. heymann & Co., Berlin, Unter den Linden 59. Abgeordneter Dr. Mugdan Es gibt bescheidene Leute, die von ihrer Entbchrlichkeit immer so überzeugt sind, dall sie selbst an die Posten, auf die sic nach dein allgemeinen Urteil gehören, nur sehr schwer heranzubekommen sind, Leute, die überall ehrlich davon durchdrungen sind und es nicht in falscher Bcschcidenhcitsposc, sondern in aller Aufrichtigkeit eines harmlosen Gemüts sagen: ״Ach, das macht ein anderer gerade so gut wie ich!“ Zu diesen Leuten zählt der Dr. Mugdan — die Leser kennen ihn ohne weitere Vorstellung — nicht! Und da zugegeben werden!null, daß es um die öffentlichen Angelegenheiten recht schlecht stünde, wenn die oben charakterisierte Gattung von Menschen gar zu zahlreich wäre, so soll ihm aus seiner Zugehörigkeit zu der . . . anderen Menschensorte nicht der geringste Vorwurf gemacht werden. Ganz ohne Neben- oder Hintergedanken: nicht der geringste Vorwurf. Es muß solche,Leute geben, die glauben, daß das Vaterland in Gefahr ist, wenn sie einmal fünf Minuten lang vergessen, es zu beschirmen. Immerhin wird es viele überrascht haben, dall der genannte Dr. Mugdan, der im Januar erst aus dem Reichstag hinausgcwiihlt worden ist, am 29. Oktober bereits in das preußische Abgeordnetenhaus hincingcwählt werden mußte. So eilig war das nun nicht 1 Etwas länger hätte Dr. Mugdan seinen patriotischen Talendrang bezähmen dürfen. Das preußische Volk und die Parlamcntsbesuchcr und Zeitungsleser im besonderen hätten auch einmal einen Winter ohne Mugdansche Reden leidlich ausgehälten. Und ein liberalerer Liberaler wäre manchen ״Der Zlonhmu■ cralrcbt für dna judiadio Volk die Schaffung einer üffent« tich-rccMtlch gesickerten Helm&tlUto in PaülaÜnn.“ Baseler Programm. Leuten vielleicht noch lieber gewesen als der so leicht in seinen christlichen Gefühlen verletzte Mugdan, dessen Liberalismus sich mit Vorliebe in der Bekämpfung der Sozialdemokratie äußert. Indessen waren Herr Dr. Mugdan und die Leitung der Fortschrittlichen Volkspartei wohl davon überzeugt, daß die politische Intelligenz eines Mugdan im Interesse der Parlamente und des Landes nicht länger entbehrt werden könnte, und so suchte man schleunigst einen möglichst sicheren Wahlkreis für ihn, Und wenn die Sache bis dahin eine mehr private Angelegenheit des Herrn Dr. Mugdan und seiner Parteidirektion war hier beginnt nun das öffentliche Interesse, da Dr. Mugdan bekanntlich einst dem Judentum angehörte und erst in vorgerückten Jahren sich von den I leilswahrheiten des Christentums so innig überzeugte, daß er die angestammte Ge* meinschaft selbst in einer Zeit so schwerer Beüräugnis unbedingt verlassen mußte, um seinen neuen Glauben auch öffentlich bekennen zu dürfen. Dieses jüdische Interesse, das jedem Juden verbieten muß, einen Täufling in irgendeine politische Vertrauensstellung zu entsenden, ist seitens der Fortschrittlicher. Volkspartei nicht nur nicht beachtet worden, sondern die Partei hat es sogar fertig gebracht, die Juden in unerhörter Weise zu provozieren, indem sic Mugdan gerade im ersten Berliner L a n d t a gs w n 111 krc i s c wählen ließ, in dem die Juden — zumal unter dem bestehenden Wahlrecht — eine nahezu ausschlaggcbcude Stellung entnehmen. In riicksichtsvoller Art hat sic zu diesem ‘Bchufc eine Anzahl j ii d i s c h e r W a 111 nt ä n n e r bei den diesmaligen Urwahlcn gar nicht wieder aufgestellt, um diese Juden nicht in unnötige Gewissenskonflikte zu bringen. Das war wohl der einzige Erfolg einer Aktion des Zentral- Vereins, der sielt diesmal dazu aufgerafft hatte, der Volkspartci nahezttlegcn, von einer Kandidatur Mugdans Abstand zu nehmen. Denn im übrigen hat der gescltüftsführende Ausschuß der Partei mit der Begründung ablehnend gcantwortet, ״daß entsprechend dem liberalen Charakter der Partei den getauften Juden eine Ausnahme- •Stellung in der Partei• nicht zugewiesen sei, und daß sic nicht zurückgesetzt werden dürften.“ Diese Antwort, die nur als eine Vcr- 11 ö 1111 u 11 g aufgefaßt werden kann, hat der Zentralverband in die Tasche gesteckt und bringt sic in seiner Zeitschrift ״zur Kenntnis“. Es wird hoffentlich innerhalb des Zentral- Vereins noch darüber gesprochen werden, ob diese schwächliche Haltung des Vorstandes, der z u m i 11 d e s t den Mitgliedern des Zcntrnlvcreins unbedingte WalilentliaUuug hätte zur Pflicht machen müssen, auch für zukünftige Fälle gebilligt werden soll. (Die Landtagswahlen finden ja im nächsten Frühjahr in ganz Preußen statt — die Frage ist also im ernstesten Sinne aktuell!) Nun haben also 337 Wahlmänner am letzten Dienstag den Dr. Mugdan zum Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses gekürt. Die Berliner Juden würden nichts anderes als die Nichtachtung, die der fortschrittliche Parteivorstand ihnen jetzt bezeigt hat, verdienen, wenn Herr Dr. Mugdan, der persönlich eine der augenehmsten Spielarten deutsch-jüdischer Apostaten darstellt, sich dieses Sitzes länger als bis zu den nächsten allgemeinen Wahlen zu erfreuen hätte. Und in diesem Sinne sei es auch den Herren Kopscli, Wicmcr, Fisclibeck und Konsortcu gesagt: Bei Philippi - - heißt: im nächsten Frühjahr — sehen wir uns wieder! ib. ♦ Am Mittwoch aheml halte die ״Berliner Zionistische V e r e i 11 i g 1111 g“ eine öffentliche Versammlung einhernfeii, tun /um ״Fall Miigtlan" Stellung /u nehmen. Der starke Besuch zeigte, daß die Empörung nher tlie Bniskierung der jüdischen Wählerschaft sich keineswegs auf die /ioiiistischen Kreise beschränkte, Das Reter.1l hatte Herr Rechtsanwatt Greifeuhageu übernommen. Er führte aus, dall die vollständige Ignorierung der jüdischen Wünsche von seiten der Fortschrittlichen Volkspartei darauf /urück/iifiihren sei, daß die Herren der bcdingungsloseit Gefolgschaft von seiten der Juden zu sicher seien. Es wäre alter sehr wohl denkbar, daß ein Jude oder Gruppen von Juden einmal zu der Ansicht kämen, daß ihre wirtschaftlichen, politischen oder auch jüdischen Inteicssen hei etiler anderen Partei besser oder ebensogut vertreten seien. Die Juden hätten sieh olmedsies nur zu oft für den Fortschritt exponiert mul sielt so oftmals wertvolle S\mpathicn verscherzt und gefährliche Gegner geschaffen. Der ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glauitcns“ habe auch hier die Vertretung jüdischer Interessen nicht mit dem notwendigen Nachdruck bctrieben. In Stettin habe man hei den letzten Reichstagswahlen bewiesen, daß bei energischem Vorgehen die Wahl fortschrittlicher Täuflinge wohl zu hintertreiben sei. Der Berliner Vorstand des Zcntralvercins Italic damals eine Opposition gegen die Kandidatur Lippmann ausdrücklich nbgclelmt und die Zionisten hätten dann hei der Wahl die Sache doch noch zu einem würdigen Ende geführt. Es sei überhaupt unverständlich, wie eine politische Partei einen Mann, wie Mugdan, kandidieren lassen könne. Denn wer garantiert den I lerren denn, daß er, der sein! angestammte Gemeinschaft in dem Augenblick verlassen habe, da der ölatibenswcchscl ihm materielle Vorteile bot, nicht auch seiner politischen Ucberzcugung um reu werde, sobald ihm anderswo ein besseres Fortkommen winke? Den temperamentvollen Ausführungen des Rednern folgte lebhafter und fast ungeteilter Beifall. Als erster Diskussionsredner sprach ein Herr Siin- 111 e I, der auf die Reichstagsersatz.w.ilil zu sprechen kam, die gleichfalls in Kürze im l. Wahlkreise zum Austrag komme. Er rügte angebliche Unregelmäßigketten, die bei der Waid Kampfs im Januar vorgekommen seien lind sieh voraussichtlich am 5. Novemher wiederholen würden. Dann kam Hr. Zwirn zu Wort. Er bedauerte, daß die ganze Frage* in der Debatte eine Verschiebung erfahren habe. Es könne sielt für uns nicht darum handeln, den Fortschrittlern nun ohne weiteres den Krieg zu erklären, sondern es handle sich nur darum, gegen einen bestimmten Fall, in dem unser jüdisches Empfinden verletzt worden sei, zu protestieren. Die Schuld treffe in erster Linie die Juden des Wahlkreises, die vielfach sogar als Wahhnäiiuer Mugdans fungiert hätten, ln ähnlicher Weise unterstrich Dr. H. G. Heymann die starke Teilnahme der Juden in der Potsdamer Vorstadt und anderen Stadtteilen des Kreises an dieser Kandidatur, Diese Kreise hätten Mugdan seinerzeit schon zum Stndtverordnctcnmandat verholten. Der Zionismus hätte gewünscht, daß er sich mit dieser ganzen Sache nicht hätte befassen brauchen. Denn eigentlich sei die Vertretung der politischen Interessen der deutschen Juden Sache des ״Zentralvereins“ und des ״Verbandes der deutschen Juden“. Da diese Verbände sieh jedoch unfähig oder nicht willens gezeigt hätten, ihren Aufgaben gerecht zu werden, werde der Zionismus in Deutschland zu seinen um-

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