Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. •12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 4U1 R.-A. Greifenhagcn weist vor allem darauf hin, wie unaufrichtig die Stelen Angriffe der liberalen Juden auf uns Zionüten seien, in denen sie behaupten, daß unsere staatsbürgerliche Zuverlässigkeit minder fest begründet sei, als d׳c der nielit/.ioiiistischen Juden. In den politischen Versammlungen stehen die I Icrren größtenteils sehr weit links und sparen sieh ihre staatserhalteude und patriotische Gesinnung für die Jüdische Gemeindcstuhe auf. Es sei unberechtigt, den Petenten einen Vorwurf daraus zu machen, daß sic sich an das Herrenhaus gewandt hätten. Dieses Haus vereinige in sieh eine solche Fülle von Intclligenzen und wahrhaft liberal gesinnten Politikern, wie kaum ein anderes Parlament der Welt. Die jüdische Jugend stehe hinter dem Zionismus, mul er werde in dem ihm aufgezwungenen Kampfe siegen. Das Schlußwort erhält Herr K.-A. l)r. Klee. Fr rekapituliert noch einmal, wie nach Einbringung des Gcmcmdcantrngcs der einzige Weg aus Herrenhaus übrig blieb, die Bedenken und Wünsche zur Geltung zu bringen. Nicht die Petenten, sondern die Gemeinde habe sich mit ihrem Anträge an die Regierung ge• wandt. Da der Gesetzentwurf zunächst der ersten Kammer Vorgelegen habe, so mußte man wollte man einer Verewigung der bestehenden Zustände Vorbeugen — auch an dieser Stelle um eine Ablehnung des Antrages petitionieren. Im übrigen seien gerade jene Stellen, gegen die sich der Zorn der Herren in erster Linie richte, in der Eingabe des ״Neuen Jü• dischen Gemeindevereins“ nicht enthalten gewesen. Das sei auch von dem Referenten in der Repräsentanz ausdrücklich anerkannt worden. Auch iin übrigen waren die Widerlegungen der Diskussionsredner von seiten des Herrn Dr. Klee, seine Verteidigung der Petenten und seine Angriffe gegen unsere Angreifer schlagend, unwiderleglich und von unübertrefflicher Wärme. Am .Schluß der Versammlung wurde gegen die Stimmen weniger Opponenten die folgende Reso* * lution angenommen: ״Die von der Berliner Zionistischen Vereinigung am 9. Oktober nach dem ,,Tiergartenhof“ cinhcrufcnc, von über tausend Personen besuchte jüdische Volks• Versammlung protestiert gegen den Versuch des Vor• Standes der Berliner Jüdischen Gemeinde, die /io• nistischen Oemeindeinilglieder von der Mitarbeit in der Gemeinde auszuschließen und sie als Mitglieder minderen Rechtes liin/iistcllcn, und brandmarkt dieses Vorgehen als unjüdische Knmpfesweise. Sie weist die Behauptung /.urüek, daß die .zionistische Organ!• salion als jüdisch-politische Partei kein Recht halte, sich in die Angelegenheiten der Gemeinde zu mischen, denn diu Jüdische Gemeinde ist nicht ausschließlich eine konfessionelle Institution, sondern der durch Geschichte und Tradition gegebene Mittelpunkt des nationalen und sozialen jüdischen Lebens.“ Liberale Jugendversammlung in Berlin Die Berliner liberal-jüdische Jugend hatte sich in der vergangenen Woche einen der hekannlesteu Wortführer des liberalen Judentums, den Frankfurter Rabbiner Caesar S c ligm 1111 ה, kommen lassen, um sich von ihm über den Wesensinhalt des liberalen Judentums informieren zu lassen. Es kann nicht gut behauptet werden, daß Herr Dr. Scligmaun diesen w. l.. .׳.״! .1■ ..׳ .■!ז ״* ו!■■-—— — — a der Geschichte nngcliört. Ein Lehen, das in seinem Wirken und seiner Wirkung so nahe, greifbar nahe• liegt, wie das Ferdinand Lasallcs, bedarf, um in die künstlerische Darstellung eines Romans wirklich hin• cinzugehen, um nicht durch die Kunst verkleinert zu werden, der genialischen Konzeptionskraft eines Dichters. Sonst ragt das wirkliche Leben über das Bild gewaltig empor und der Schatten der lebendigen Persönlichkcit erhebt sich weit überragend über das analysierend Entpersönlichende, das ja stets in der Dichtung liegt, selbst wenn sic mit der Geschichte operiert. Wenn aber diese große Kunst in ihrem Sinn dem Dichter nicht gegeben ist, der ein so nahes Leben wie das Lassalles in den Kreis seines Schaucus und Schaffens zieht, dann kann höchstens nur durch (in unbedenkliches Können, welches das Schauen zum Deuten und die sinnvolle Bedeutung der Pcrsönlichkeit zur sinnlichen Sensation der Personen macht, ein solcher Stoff ausgcschüpU werden. Freilich im argen Sinne, im Sinne der Emicdcrung. Aber ein Ganzes wäre da. Bei diesem Lassallcroman ist keines von beiden der Fall. Er ist nicht künstlerisch und ist auch kein Scnsationsmachwcrk. Die Schilderung der Zeit Las• salics und ihrer Vertreter (von Varnhagen, Hum• boldt, über Pietsch zu Bismarck und Garibaldi) ist blutleer. Lassallcs Ideen und die Idee seines Lebens Et matt und alltäglich aufgeiaßt. Ein Mann, der — um cs etwas überspitzt zu bezeichnen — ein bei Lebzelten erfolgreicher Messias werden will, ist für uns zu armselig, um Anteilnahme zu erwecken. Denn Messias ist man unbewußt oder man lügt. Kernes I Iörerit hielt, vermochte trotz ehrlicher Anstrengung seitens des Dozenten und der Hörer kein klares Bild davon zu geben, was dam nun eigentlich das liberale Jiidailnni sei und welche Aufgaben in ihm und für es die Jugend zu erfüllen habe. Herr Seligmann — übrigens zweifellos einer der sympathischsteil und vornehmsten Verfechter des liberalen Ge* daiikcns — kam, int Grunde genommen, auf die haltlosen und oft widerlegten Behauptungen heraus, daß der Liberalismus eine Nciibelclmng des eigentliehen prophetischen Judentums sei. Das liberale Judentum, das Herr Dr. Seligmann mit einer etwas kühnen Wendung ״junges Judentum“ (der echte Liberale mag keinen Zionisten leiden, docli seine Phraseologie, die akzeptiert er gern!) nannte, sei allein imstande, eine Werbekraft aut die Jugend nuszuühcn, die sich unmöglich für die Tausende von Geboten des orthodoxen Judentmns begeistern könne, noch dein Zionismus folgen dürfe, der gar zu gern ״die Knechtsgewänder des Ghetto wieder autogen wolle und alle Bestrebungen zur Einführung des prophetischen Judentums Assiniilation nenne“. Uns wäre es ganz lieb, wenn die Herren Lilieralcu wirklich anfangen würden, Ernst zu machen und sich einmal mit dem Geiste der Propheten etwas näher befreunden würden. Ich glaube nicht, daß, wenn sie dann die peinliche Entdeckung ge* macht hätten, daß die Mehrzahl der als Schutz.- patrone des Liberalismus geltenden Propheten recht gute Zionisten und verdammt schlechte ״Liberale“ gewesen sind, sie noch so starkes Gewicht auf die Betonung des ״Prophetischen“ legen würden. Aber nicht nur Zionisten und Orthodoxe, nein, auch das ״neutrale Judentum“ wie cs sich in den von Dr. Apfel geschaffenen Jugendorganisationen präsentiert, bekam seinen Hieb. Mit ihm wurde sogar am schärf* steil ins Gericht gegangen und ihm, das als ״Judentum an sieh“ eine krasse Unmöglichkeit darstelle, jede Existenzberechtigung abgesprochen. Snezicll gegen den Zionismus wandte sich ein anderer Redner ries Abends, Herr Dr. jur. Wert heim. Wer Herrn Dr. Wcrtlicim kennt, wird ermessen können, mit welcher Wucht die Schläge hageldick auf unser Haupt niederfieleii. Die ältesten Ladenhüter wurden aufgetischt; die Juden seien kein Volk, denn zu dessen Erfordernissen gehörten einmal das Territorium, dann aber auch gemeinsame Sprache, gleiches Kulturniveau und der Wille zum Volk. Mit dieser seiner recht anspruchsvollen staatsrechtlichen Exegese des Begriffes ״Volk“, dürfte Herr Dr. Wertheim in praxi wenig Glück hallen, denn die Völker, die allen diesen Anforderungen entsprechen, sind wahrlich nicht allzu zahlreich. Nach ihr wären heispiclswcisc die Chinesen kein Volk, denn bekannllich unterscheiden sich nord- und siidchincsischc Sprache derart, daß man von zwei völlig verscliicdenen Sprachen sprechen kann. Daß cs dann auch weder cm österreichisches, noch ein russisches, noch ein amerikanisches Volk gibt, darüber besteht nach Herrn Dr. Wertheinis Auslegung — auf dessen Definilion des Begriffes ״Nation“ ich übrigens neu* gierig wäre — kein Zweifel. Die Juden, die sich durch gemeinsame Abstammung und Geschichte ver-!)imdcu fühlen und auch eine — wenn auch nicht überall gesprochene und verstandene — Sprache besitzen, siiul für ihn, wie für seine Gesmmmgsge• uossai, für die ja. auch die moderne Rasscnlorschling mir ein besserer Witz, ist, lediglich die ״Konfession“. Herr Wcrtlicim begab sich dann — nach diesen streng■ wissenschaftlichen Darlegungen auch wohlgemut und unerschrocken — in den Bereich der hohen Politik, jonglierte nur so mit ״jüdischen von beiden hat Lassalle in seinem wirklichen Leben. Darum ist der Schlüssel für seinen Charakter in diesem Roman nicht gefunden. Auch Lassallcs ״Leben der Liebe" läßt uns in diesem Roman kalt. Helene Dönniges war als Weib in Wirklichkeit viel mehr Person•׳ lichkeit, Geschlossenheit des urweislichen Wesens. Hier ist sic eine Janimcrtigur. Das einzige, was mich bei diesem Roman erregte und fortriß, war das schreckliche Deutsch, das an den Ladentisch erinnert. Davon abgesehen, herrscht in dem Buch tödliche Langeweile. Die Bilder, die dem Buche belgegebcn sind, tragen ihr Teil gebüViTenü dazu bei. Um Lassalles Leben mit Interesse auf sich wirken zu lassen und mitzuerleben, greife man nach einer beliebigen Lnssallebiographic, wäre sie noch so seicht, wäre sic selbst von Georg Brandes! Lassalles Leben ist so reich, daß die Be- Schreibung seines Lebens in jeder Einzelheit mehr wirkt als dieser ״geschichtliche Roman“. Er wird wahrscheinlich ins Volk kommen, da die ganze Aufmachung darauf angelegt ist. Schade, daß Onekcns Lassnllcbiographie zu teuer und zu wenig volkstümlieh ist, um dieser Mache die Spitze px bieten. Das Volk würde richtig entscheiden, S. S. החבר Zeitschrift der zionistischen StudcntenorganU sation in Bern. Vor einigen Tagen erschien zum erstenmal unter Redaktion des Herrn cand. pliii. R. Svcrdloff in Bern ein in hebräischer Sprache verfaßtes Organ, das die Interessen der zionistischen Studenten aus Osteuropa an allen Universitäten fördern will, In feurigen, über- Königreichen“ und sonstigen politischen Aspirationen der romantischen Zionisten und spielte als Trumpf seine Anschauung aus, die statt Staaten von Rassen, Staaten von Menschen schaffen wolle. Ein Gegensatz, der wohl nur Herrn Wcrtlicim klar war, denn wir Zionisten standen bisher auf dem Standpunkt, daß einen vernünftigen Menschen das selbstverständliehe Bekenntnis zu der Rasse, der er nun einmal angehört. nicht hindert, sich auch als Glied in der großen Kelle der Menschheit zu fühlen und haben noch niemals aus unserem Bekenntnis zum Nationaljmlenliiin die Berechtigung hergeleitet, unsere Mcnsclicnpflichtcn zu vernachlässigen; nur daß wir eben dem Grundsätze huldigen: charity begins at home! Der Gelegenheit, ihre z. T. reichlich kuriosen Anschauungen über den Zionismus revidieren zu lassen, gingen die Veranstalter klugerweise dadurch aus dem Wege, daß sie eine Diskussion inhibierten. Die ,Jugeudversammlung“ war von 200 Personen besucht, von den Besuchern waren beinahe 150 Familienväter mit ihren Damen, darunter mehrere liberale Repräsentanten, aber auch Zionisten. Der Rest enthielt zunächst ca. 25 junge Zionisten tuid risuiu tencatis amici? — ebenso viel liberale Jugend, 11. O .... r. :: AUS ALLCR Wf.ll V Ovsterreich Am 3., •I, und 5. Oktober fand in Lemberg im großen ״Jad Charu/im“-Saalc der sechste Parteitag der poalezionistisclien Arbeiterpartei in Oesterreich statt. Anwesend waren über 120 Delegierte der einzelnen Organisationen, Mitglieder des Exekiilivkomitecs, der Parteileitung und der Konlrollkommission und Vertreter des Zentralkomitees der Vereine jugendlicher Arbeiter. In Prag starb vor einigen Tagen in hohem Alter eine sympathische Gestalt der jüdischen Gemeinde, der als Publizist und Verlagsbuchltändlcr über die Grenzen Böhmens bekannte Jakob B. Brandeis, der besonders in früheren Jahren im böhmischen Judentum eine große Rolle gespielt hat. Er gründete mehrere jüdische Huinanitatsvercine, war Mitglied des Prager Stadtverordnetcnkollegiums, redigierte die ״Isr. Gemeinde-Zeitung“, begründete den nach ihm benannten ״Isr. Volkskalendcr“ und die ״Jüdische Universalhihliothek“, in der für (len billigen Preis von nur 20 Pf. zahlreiche Werke der jüdischen Ute* ratur, Ghetto-Erzählungen, ״Sippurim", verschiedene Aufsätze zur Geschichte des Judentums, jüngst auch Moses ließ’ Rom und Jerusalem, Pc re /.•Skizzen, Roscnlekhüedichte u. v. a. (bereits 120 Bändchen) den weiteren jüdischen Kreisen zugänglich gemacht worden sind. Von der persönlichen Wertschätzung des Verstorbenen in allen Kreisen der Bevölkerung zeugte die massenhafte Beteiligung bei dem Leichen• begängnisse. Oer älteste Sofm des Verstorbenen, Herr Richard Brandeis, ist Mitglied des zionistischen Distrikts-Komitees für Böhmen. In der großen Synagoge in Lemberg brach während des Sukkoth-Gottesdicnstes ein Feuer aus. Ein Teil des Gebäudes wurde zerstört, Menschen• leben sind nicht gefälirdet worden. * In einem Wiener Kaffeehatise wurde ein Nest von Hn/.ardspiclcrinncn ausgcliobcn. Zirka 20 Teil• nehmeriiinen wurden erwischt, fast a u s 11 a h in s los Jüdinnen, der sogenannten guten Gesellschaft r—1 .■־־׳״■״. ־״ ׳—.■־״ ״.11 i zeugten Worten eröffnet der Herausgeber seinen Plan und seine Hoffnung. Aus dem einzelnen Inhalt sind zu verzeichnen: Die Aufgabe der Organisation ההבר für die Arbeiten in Erez Isrocl; Eine hebräische Universität in Palästina; Aus dem Leben der studentischen Kolonien und Das Protokoll der Konferenz der osteuropäischen Studenten in Bern. Die mit Fleiß und Liebe zur Sache ausgearbeitete erste Nummer des החבר verspricht auch für die Zukunft recht guten Erfolg. Das Blatt soll pro Semester einige Male erscheinen und kostet die Einzelnummer 30 Cents. Dr. Fritz Waldbaus, Die Rechtsstellung der israclitisehen Kuhnsgemcinde im rechtsrheinischen Bayern. München 1012. J. Schweitzer. Vorliegendes Werk erscheint gerade rechtzeitig zur bevorstehenden Revision des bayerischen Judenedikts. Es behandelt in übersichtlicher Weise die Rechtsstellung der einzelnen Ktiltusgenicindc im all• gemeinen, die Finan/gcwalt, insbesondere das Uc* steuermig.srccht der Kultusgcmcindc und schließlich die Verfassung lind Verwaltung der Kultusgcmcindc. Das Erscheinen dieser Schrift ist besonders deshalb als dankenswert zu begrüßen, weil sie mit aller Deutlichkeit aufzeigt, auf welch schwankendem rechtliehen Boden sich die israelitische Kultusgcmcindc in Bayern befindet, und wie dringend notwendig cs erscheint, daß alle vernünftigen jüdischen Kreise sich über die baldigst vorzunchmendc Revision des Judenedikts einigen. Rechtsanwalt Dr. L. Ambrunn, München.