Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Suite 302 JUEDI SCMC RUNDSCHAU Nr. •11 verarmen können, wenn wir unsere Freunde bitten, ihre Stellungnahme mul Tätigkeit in niulcrcn Orga• nisationen lediglich von zionistischen Gesichtspunkten ans zu orientieren. Ntirvudin List//, Prag Die Juden Hülnnens befinden sieh bekanntlich politiseli in einer äußerst prekären Lage. Der dauernde Kampf zwischen Deutschen mul Tselieehen kann sie natürlich nicht ganz unberührt lassen, Lange Jahre hindurch haben sic nun die Unldugheit besessen, sich als die lautesten Küfer im Streite hcrvoi/iilmi, uni auf der einer. Seite Haß, auf 41er anderen aber keinen Dank oder 1:ar Verachtung zu ernten, bist ׳neuerdings beginnt der Einfluß des Zionismus hier Wandel zu schaffen, und zu den Ischeehiseliualionalen und deutsehnalioualcu Juden sind die Jüdischnatin• nalen getreten. Im Feuilleton der obigen Zeitung, die die grüble Verbreitung von der gesamten tseheelii• gehen Presse besitzt, erschien kürzlich ein Artikel von VI, Sis, der suchen von einer Palästina! eise zurückgekehrt, mit begeisterten Worten über den neuen Jisehub zu berichten weiß. Der Artikel zeigt wieder einmal,’ daß unsere nationale Arbeit geeignet ist, das jüdische Ansehen auch bei Angehörigen sol• eher Völker zu heben, die bisher gewohnt waren, sich die Unterwürfigkeit ,,ihrer“ Juden in der Politik zunutze zu machen: ,,Das ist der einzige und beste Weg, welchen die luden gehen können; sic brauchen so ein Fleckchen Erde auf der Welt, welches sie für ihr eigen hallen können, in das sie mit ihrem nationalen Gefühl pilgern können, in das sie sich im!־alle neuerlicher Verfol* guugen, die gar nicht ausgeschlossen sind, wenden Können." — ״Wer die neue Generation von Juden in Palästina gesehen hat, wer die Begeisterung ge• sehen hat, mit welcher die Juden ihre alte Mutter* spräche lernen, und den Stolz, mit dem sie hebräisch sprechen, der wird anfhören, an der Möglichkeit der Auferstehung der hebräischen Sprache und des 1 le• braisimis zu zweifeln." 8: AUS ALLCR WaT :: De ttfvcJdan d Auch in der Provinz Sachsen schneiden die Juden nach der Volkszählung 101 ü schlecht ah. Es wohnten in den Regierungsbezirken: 1800 1010 Magdeburg 4211 3670 .Merseburg 1743 2208 Erfurt 1002 _ 1055 In der Provinz 7010 7833 Es ist dies eine Abnahme um 1'/:•״;«, dem gegenüber im gleichen Zeit rahm die evangelische llcvülkcrnng sich um 10״/« und die katholische sogar mn 21״/״ vermehrte. Dadurch sank der Anteil der Juden, der 1880 und 1800 noch 30 von 10 000 der Itevülkenmg bildete, auf 25%״״. Bekanntlich war den Rabbinern und Vorsängern in Württemberg bisher auf Grund eines Erlasses der Kgl. Isr. Ohcrkirchcnbehörde vom Jahre 1805 die amtliche .Mitwirkung bei zur Verbrennung hestimmten Leichen untersagt gewesen. Bereits vor einigen Monaten forderte die Obcrkireheubehürde von allen Ka'ibiiicrn Württembergs ausführliche Gutachten ein, um neuerdings zu dieser aktuellen An• ßclcgcnheit Stellung nehmen zu können. Nmumlir hat die Ohcrkirchenhehörde durch Erlali vom 18. September 1012, Nr. 535, das Verbot vom Jahre 1805 aufgehoben mul folgende Anordnungen verfügt: 1. Die Mitwirkung bei einer Feuerbestattung (auch im Kr. matorimn) sowie bei der Beisetzung von Aschenrosten auf einem israelitischen Ericdhof, wo ein solcher vorhanden ist, wird in das Ermessen des ci ./einen Rabbiners oder Vorsängers gestellt. 2. Versagt der zuständige Rabbiner oder Vorsänger aus religiösen Bedenken seine Mitwirkung, so hat er einem hierzu bereiten wiirttemhergiseheu Kollegen die Erlaubnis gebührenfrei zu erteilen. 3. Die Beisetzung der Aschenroste auf einem israelitischen Friedhöfe ist unbedingt zulässig. Sie hat in einem rituellen Sarg und in einem besonderen Grabe zu erfolgen. Eine gewisse Sorte deutscher I lochschullchrcr scheint sich neuerdings einen Sport daraus zu machen, die ausländischen Juden, die an deutschen Univcrsitäten studieren, zu beschmipfcn. Der Münchener Privntdoz.’nt Dr. Wirth, der seine alldeutschen Wünsche sonst im Seherischen Tag zur Sprache zu bringen weiß, nimmt, wenn er uns grob antisemitisch kommen will, seine Zuflucht zu Blättern geringerer Auflage. In der ״Ostdeutschen Rundschau", dem Organ der österreichischen Dcutschradikalen, hehauptet er unter anderen Liebenswürdigkeiten, daß den ״He rräern aus Russisch-Polen und Galizien die schönster. Theorien dazu dienen, niedere Gedanken zu nähren", daß die jüdischen Jünglinge aus dem Auslände an die Universitäten nur kämen, ״um deutsche Fabrikgeheimnisse" zu erlauschen usw. Wir kümicii von einem Manne wie i)r. Wirt 11, der hei seinen historischen Darstellungen besonderen Wert darauf legt, die ״großen Zusammenhänge" zu selien und der für das Schicksal der Stämme und Sippen I liiiiei pephl.igoniens liebendes Verständnis findet, na• tüilieli nicht erwarten, daß er auch etwas von der großen Tragik der jüdischen Jugend des Ostens ahne. Was wir aber dringend wünschen, ist, daß ein Mann, wie Wirth, seine J eder im Zaum halte, wenn er sieh auf Gebiete begibt, die seinem Verständnis so ferne liegen, wie Fragen der Menschlichkeit mul Kitterlichkeil. Der Vorwurf wirtschaftlicher Spionage wird in dem Artikel erhöhen, ohne ihn zu begründen, und kein Mensch wüßte zu sagen, weshalb gerade die galizisdicii 111111 russischen Studenten dazu prä• desliiiieit sein!.olllen, in ihrer Heimat dem deiilselieii Oewerbefleiß Konkurrenz, zu machen. Der kürzlich verstorbene deutsche Botschafter in London, Freiherr Marscliall von Bieberstein, hat stets gegen die Juden lind jüdische Angelegenheiten eine sehr wohlwollende I lallmig eingenommen, oh• wolil ihm diese Haltung mancherlei Feindschaften schaffte. Besonders wertvoll war für uns sein warmes Interesse inr den Zionismus, der ilun manche Für• dcruiig verdankt. Persönliche Fühlung mit Theodor llcrz.l, machte ihn mit unseren Bestrebungen ver• traut. Seinem Amtsnachfolger auf dem Koiistaiiti• nopcler Botsehaflerposteu, dein Frliru. v. Wangen• beim, empfahl er besonders, die jiideufreiiiidlichcii Traditionen der dortigen deutschen Botschaft aufrecht zu erhalten. Gutisien Bei den letzten Wahlen zum Ciemeinderat in B rod y traten als Kandidaten der zionistischen Partei die (ig. Dr. (ilasberg und Paul Braff auf. Trotz, der angestrengten Gegenagitation der anti• semitischen Allpoleu wurden die beiden Zionisten mit sehr großer Majorität gewählt. /2hf/fand Der Konstnutinopclei• Korrespondent der ״Times“, der schon mehrfach seinem Blatte judenfeindliche Berichte sandte, sah sieli veranlaßt, in einem Artikel, ״Die jüdische Kolonisation in Palästina“, das eng• lisehe Publikum zu warnen, dein Zionismus irgend• welche Sympathie entgegcnziibringeii, da er in Paliisliun die Interessen des Deutschen Reiches ver• trete und den englischen Einfluß schwäche. Wir wissen, daß uns von übelwollender deutscher Seite schon einmal genau der entgegengesetzte Vorwurf ge• macht wurde, und daß die damaligen Behauptungen genau so falsch waren, wie die* neueste des über• eifrigen ״Ti111es"־KoiTcspomlc11tc11, Wer heute noch glauben kann, daß sieh der Zionismus jemals irgend• welchen fremden Interessen werde dienstbar machen lassen, der hat eben noch nicht einmal begonnen, sieh mit dem Wesen der Bewegung vertraut zu machen. Die ״Times" brachte denn auch einige Tage darauf einen ausführlichen Artikel aus der Feiler unseres Freundes Beut wich, in dem die Halt• losigkeit der Behauptungen schlagend dargelegt wurde. * Der Bestich des russischen Ministers des Acußern Snsonow in England hat, wie bereits he• richtet, bei den englischen Juden das grüßte luter• esse Itcrvorgcmfcn, Fs tauchte auch der Gedanke auf, daß eine jüdische Deputation, bestehend aus <1411־ einflußreichsten Persönlichkeiten, hei Sasonuw vorspivchen soll, um mit ihm persönlich wegen der Verfolgungen, denen die Juden Rußlands ausgeselzt sind, Rücksprache zu pflegen. Wolil hat diese Idee nicht in allen Kreisen der Londoner Judenseliyfl Anklang gefunden, da einflußreiche Personen einen solchen Schritt weder für opportun, noch für nutz* lieh hielten. Schließlich entschloß mau sieh dennoch zu dem Versuche, eine solche Deputation zu ent• senden. Z.11 diesem Zwecke haben die Mitglieder der Deputation sielt ztmäeiist an den Minister Grcy wegen einer Audienz gewendet und gleichzeitig angegeben, daß sic in dieser Audienz, den englischen Minister des Acußern bitten wollten, der jüdischen Deputation eine Audienz bei Sasonow ztt verschaffen. Zwei Tage später erhielt mm das I )epulatiouskomilec eine Mitteilung Greys, in welcher er selbst den Empfang der Deputation ableimt und ebenso, der Deputation eine Audienz, hui Sasonow zu erwirken. Als Grund der Ablehnung wurde angegeben, daß eine derartige Verwendung als ״Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates" angesehen werden müßte. Ein Argument, das in dein Augenblick, da die beiden Alliierten sich anschickcn, Persien aiifzuteilen, und wo man versucht, die Balkanfragen in den Kabinetten der Großmächte zj regeln, besonders grotesk wirken muß. Titr/'vi Die Renaissance des osmanischcn Judentums, von der in der Vorwoche in dem Artikel des Herrn Yekir Be har gesprochen wurde, liat als ein besonders erfrctiiiehes Symptom die Politisierung weiter Kreise gezeitigt, — Die Wahlgruppe, deren Entstehen auf die Initiative der leitenden Körperschaft der jüdischen Nation in der Türkei, des Mcilsdiliss Dsehismani zu• ruekzufüliren ist, hat sieh ihr politisches Programm geschaffen, das künftig den politischen Leitstern der jüdischen Nation in der Türkei abgeheu soll. Dieses Programm ist durch und durch patriotisch und durch mul (huch jiiilisdiii.itioiial. Die jüdische Wahlgruppe legt ihrer Tätigkeit 101• gende Thesen zugrunde: m 1. Das jüdische Element, eines der völkischen und religiösen Elemente des einen und miteilhaieu Oiiiianiselieu Reiche*•, arbeitet mit allen Kräften und in 11.11 imiiiistlirni Zii'.iiininnwn 1,111 mit allen audeien Elementen für die politische Einheit, die Unabhängigkeil mul die Macht des osmanischcn Reiches, sowie Ihr den Schulz und die Verteidigung der asm;mischen Konstitution. 2. Es arbeitet für die soziale, intellektuelle und ökonomische i lehmig des Reiches, für die Rcformic• i'iiug der Justiz, des Steiierwesens, der Boden• und linmobiliengcset/e sowie der Arheilergesel/gelnmg in modernem Sinne ־, insbesondere für die Abänderung der Zehntcnciimaliiiie, für die lim Wicklung der inner* osiiiauiselien Kolonisation, für Abschaffung aller Aus* iialmicgesetze oder RestriktivniaBregeln, die dem Geiste der Verfassung widersprechen, für Einfiilirmig des I lypolliekeuweseiis mnl Anerkennung der Ge־ Seilschaften als juridische Personell im Immobilien* wesen, und für die Einführung des obligatorischen mul unentgeltlichen Elementarunterrichts für alle osmaniseiieu Kinder, 3. Alle Elemente des Reiches haben Anrecht auf die Erhaltung ihrer nationalen und religiösen Existenz innerhalb der Grenzen der Konstitution des Reiches und der organischen Statinen, die ihnen von alters* 11er bewilligt wurden, auf die Aufrcciiterhaltung ihrer Sitten mul Gebräuche, sowie auf den Gebrauch und die Pflege ihrer nationalen Sprachen und Kulturen. 4. Dem Geiste der Verfassung gemäß hallen die Gesetze mul Organe des Staates über den Schutz der nationalen Interessen aller Elemente zu wachen mul sie gegen jede Unterdrückung, Angriff oder Aufreiznng zu beschützen. 5. Alle Elemente des Reiches sind absolut gleich an Rechten und an Pflichten. Daraus folgt: 1. eine gleichmäßig gerechte Auswahl der Zivil* und Militärbeamten ans der Mitte aller Elemente; 2. der freie Zutritt der Glieder aller Elemente zu den Staats* schulen; 3. die staatliche Anerkennung und Subveutiouieriiug der Schulen aller Elemente im gleichen Ausmaße mit den Staatsschuld!; I. das Recht auf (len Gebrauch der nationalen Sprachen als Unter* riehtsspraeheii in diesen Schulen, die aber gleich• zeitig׳ obligatorisch die offiziell(־ Staatssprache zu unterrichten haben. 6. Die konstitutiven Rcichsclciuciitc müssen ihre proportioneile Vertretung in beulen Parlamenten haben, sowie in den Venvaltmigskörperscliaften der Wilajets, Kasas und Naliics.“ Die armenische Zeitschrift ״Nar Asclichavach" brachte dieser Tage einen Artikel, der sieh mit he* soliderer Wärme für die Juden und ihre kolonisa* torischen Bestrebungen im osmaiiiseheu Reiche ein* tritt. In dem Artikel heißt es 11. .1.: ״Die Pfeile, die ans gewissen türkischen Kreisen gegen die jüdische Nation geschleudert werden, sind nicht nur ungerecht, sondern auch, frei heraus ge* sagt, gefährlich für die dauernden Interessen dieses Landes. Die Türkei h e d a r t I u r ihre Regencration dieser großen Nation im;dlgemeinen und iliru־ arbeitenden Klasse im beson* deren." PALA£5TJNA-RUNDSCHAU Auf Vorschlag der Bewohnerschaft von ״Nachalat 11 Benjamin" beschloß der Ueiueiudcrat von l e \ A \v i w , das Naehbarvierlel ״eiiizugcmeindeii". Nachalath Benjamin, das zu den gemeinsamen Ver• walluugskosteu einen einmaligen größeren Beitrag leistete, gelangt hierdurch in den Genuß aller derjenigen kommunalen Vorteile, die das nach besten europäischen Mustern verwaltete Tel-Awiw seinen Bewohnern bietet. In derselben Sitzung des Gemeinde• rats von Tel-Awiw wurde ferner beschlossen, eine Konsumgenossenschaft ins Lehen zu rufen, wobei der Wand für die Hälfte des 11! Aussicht genommenen. Aktienkapitals die Haftung übernimmt. Auch wurde ein Komitee zur Ausarbeitung einer allgemeinen Bauordnung eingesetzt. * in Jerusalem ist Rabbi Chain! Berlin, der seit dem Tode ־des Oherrahhiuers Sahnt als die größte!:!hündische Autorität und als religiöses Oberhaupt der Jerusalemer Aselikcnasimgemeinde galt, im Alter von 75 Jahren verschieden. Rabbi Cliaim Berlin war ein Sohn des berühmten Leiters der Jcschiba in