Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 41 JUHDISCHE RUNDSCHAU beite 391' Das Besondere jedoch, das, was der zionistischen Organisationen einen eigenartigen Stempel aufdriiekt, ist nicht die Tatsache, daß die zionistische Partei dieses, gerade dieser. Ziel verlolgt. Vor Gründung der zionistischen Organisation gab es im Judentum sehr viele einzelne Miinner, die sich ein ähnliches oder das gleiche' Ziel gesetzt hatten. Das Bedeut• samt• au der zionistischen Weltorganisation, wie sie heute vor uns steht und wie ihre Wirkungen uns fühlbar werden, ist die im Judentum der Diaspora bis dahin ganz unerhörte, fast unmöglich geglaubte Erscheinung, dal! es dem Wdlen und der! lingabc cin£־s einzelnen Mannes gelungen war, für die über der ganzen Erde zerstreuten Energien eine feste Organisationsform zu finden. So sehr hatte die Z :r- Streuung um sidi gegriffen, so vollständig waren alle Zusammenhänge zwischen dem einzelnen und seinem Volke gelöst worden, dalt eine derartige Orgauisieruitg beinahe unmöglich schien. Leider zeigt sich aber nach wie vor die traurige Erscheinung, da() selbst Männer, die in ihren Anschaumigen mit der zionistischen Organisation fast ganz übcrcinsUsnmcn, außen stehen bleiben, da sic den Wert und die Bedeutung der Organisation nicht zu würdigen verstehen. So radikal und konsequent man auch in Fragen persönlicher Anschauungen sein soll, muß cs doch aufs tiefste bedauert werden, daß oft mir ganz geringfügige Unterschiede meist nicht einmal prinzipiell-theoretischer, sondern nur rein ihc• thodischcr Natur einen Menschen abhalten können, sich einer Organisation an/.uscliliellen, die dasselbe Endziel verfolgt wie er, Innerhalb der Organisation verschiedene Meinungen zu vertreten, wenn man nur im Tenor einig ist, bedeutet ja durchaus keine Gefahr, ganz im Gegenteil. Es ist wirklich traurig und bcschämend, daß selbst Juden, die sich ganz vom Golus befreit haben, die spezifisch-jüdische Ghettoeigen• Schaft der Absonderung der Outsiders nicht überwinden können. Theorien und Bücher können nie• mals die Organisation ersetzen. Diese allein kann in ununterbrochener, auch das Kleinste berücksichtigender Arbeit die Grundlagen zu dein Oroßcn schaffen, dessen Nahen wir fühlen: zur erlösenden Tat. S. K. Alliance Israelite Universelle Wir hatten in unserer vorigen Nummer berichtet, daß das Pariser Zentralkomitee den Vorschlag des ״Fricdensausschusses“, der sich unter Vorsitz des Herrn Justi/rats Wolfi־Lissa bemüht hatte, eine Basis der Verständigung zwischen dem deutschen Landeskomitce und den Pariser Herren zu schaffen, mit einer recht unzureichenden Begründung ahge• lehnt und den neuen Statuten die Anerkennung versagt hatte. Die Berliner Alliancc-Mitglicdcr waren daher am Sonntag zu einer Generalversammlung zusammen• getreten, tim zu den Beschlüssen des Pariser Zentral• komitces Stellung zu nehmen. Die Versammlung, die von etwa 200 Allianee-Mit• gliedern besucht war, nahm schließlich einstimmig folgende Entschließung an: ״Die Generalversammlung der Berliner Alliance* Mitglieder hält nach wie vor an der Organisation des deutschen Landeskomitees als der berufenen Vertretung des Alliance-Gedankens in Deutsch- )and fest. Sic ersucht den Vorstand des Landeskomitces, die Organisation unverzüglich derart aus- ..■י■«.?—.. "■ .. ' ...?«gestalten, daß das Landeskomitce in der Laßc ist, die Aufgaben zu erfüllen, die es sich bisher gemäß dem Geist und Wortlaut der Alliance-Satzungen gesetzt hat, insbesomlcrc unbeschadet etwaiger Fricdcnsverhaudlimgeii eine energische Agitation für Werbung neuer und Erhaltung alter Mitglieder der A. I. U. zu entfalten.‘1 Pi'mtSHisc/tr ffreuzzeihm(/ TOSCHflü DgR PRSSS3 Für eine jüdisch-theologische Fakultät an der künftigen Universität tritt Pastor Martin v. Oerlach in Silbirhatiimer bei Danzig-Laiigfuhr ein: ״Bei dieser Frage dürfen Stimmungen nicht mitreden, weder jiidenlciiidlielic noch judenfmiiullichc. Dazu ist sie zu wichtig. Sie hat eine wissenschaftliche und eine staatsrechtliche Seite. Von dieser sehe ich ah. Demi ich hin Jurist genug, um zu wissen, daß ich nicht ermessen Kami, wie weittragend die Folgen einer derartigen staatsrechtlichen Neuerung im Christliehen Staate Preußen sind. Mir will icdoch scheinen, da unsere jüdischen Mitbürger zu Vollprcullen erklärt sind, sei eine einzige jüdisch-theologische Faktiltät nicht unbillig neben den neun evangelischen und (Braunsberg imtgczählt) vier römisch-katholischen in Preußen (lü und 10 im Deutschen Reiche). Und auch für den Religionsunterricht in den Volksschulen, ja für jüdisch ״konfessionelle“ Volksschulen ist das Judentum schon ein in Preußen bevorrechtetes Bckenntnis neben dem evangelischen und dem römischkatholischen Glauben der Christenheit. Gerade vom christlich-theologischen Standpunkt aus halte ich eine öffentliche jüdisch-theologische Fakultät für einen wissenschaftlichen Gewinn.“ Israelit, Fant ilim hlutt, I/amburff Das Blatt befaßt sich in längeren Ausführungen mit dem Aufsätze unseres Freundes Dr. Weinberg an leitender Stelle unserer Nr. 30, und resümiert: ״Wenn daher das offizielle Organ der deutschen Zionisten den Feldzug gegen die neutralen J u g e n d v e r e i 11 e ankümligt, so wird es die Auf* gäbe aller derjenigen Kreise, die in der Neutralität clor Jugendorganisation gerade deren Vorzug sehen, sein, diesen Vorstößen gegenüber die Neutralität der Jugciulverciiisbewcgung zu schützen. Es wäre ein großer Fehler, wollte man hier dem Versuche, die ganze Jugendbewegung in den einseitigen ססד• nistiseben L>jenst zu ziehen, ruhig gewähren lassen, anstatt allen jenen Elementen ein ״Hand weg“ zuzurufen, die den Versuch machen, die Neutralität! der fugemlvcreinc an/utasten und in einseitige Bahnen zu lenken. Der Präsident der Großloge, Geh. Rat Timendorfer, hat ja auch seinerzeit in treffendec Weise die Begründung eines besonderen liberalen Jugeiulvereins als tief bedauerlich öffentlich kritisiert.“ Wir meinen, daß der Sinn unseres Artikels kaum in gröblicherer Weise mißzuverstehen war, als es in diesen Sätzen geschehen ist. Denn cs wurde ja gerade dargelegt, weshalb jeder Versuch, in den neutraleu Jugeudvereiiieu zionistisch zu arbeiten, scheitern müsse, mul von dieser Krüftcvcrgeuilmig abgeraten. Wenn also die Neutralität wirklich die wertvolle Plattform ist, von der aus die Jugend in jüdischein Sinne zu erziehen ist, dann sollten f >r. Weinbergs Artikel und unsere Posener Resolution, in deren Sinn er geschrieben ist, doch gerade von jener Seite begrüßt werden. Daß liier das Wesen der ״Neutralität“ im Judentum ein wenig eingehender beleuchtet wurde, als es allgemein zu geschehen pflegt, sei zugegeben, aber man wird cs uns nicht Von dem Wesen der Organisation An den einzelnen Menschen, sofern er sieh innerhalb einer sozialen Gemeinschaft, eines Kreises von Mitlebcnden befindet, •zu denen er in geistigen, wirt• schaftlichcn, kurz: allgemein-kulturellen Beziehungen steht, tritt früher oder später die Notwendigkeit heran, sich mit dieser Gemeinschaft irgendwie aus• einanderzusetzen. Sicherlich wird die Entscheidung, die er treffen wird, vor allem von seiner persönliehen Charakterveranlngung abhüngen, dann aber von der Art, wie der soziale Kosmos auf ihn gewirkt hat. Drei Wege kann der einzelne dann gehen. Er kann die soziale Welt verneinen, ela er eine Gemein• Schaft seines ichs mit ihr nicht empfindet oder, wenn er sie schon fühlt, sic ihm unerwünscht und verhaßt ist. Die notwendige Konsequenz, die aus dieser Stellungnahme folgt (und es braucht ja nicht erst he• tont zu werden, daß ein unbedingtes ßis-aus-Eudcgehen sittliche Pflicht des Menschen ist) ist diese: Absonderung von der sozialen Gemeinschaft, schrm• keilloses Sich-anf-sieh-selbst-stellen, grenzenloser 111• dividiialismus. Die zwei anderen Wege gehen zwar nach ver• sclticdcncn Richtungen auseinander, haben aber denselben UrspnmgHort, Ist man einmal zur Einsicht gelangt, daß eine menschliche Aktion mir durch gemeiiischaftliche Beziehungen zu den Genossen gleichen Schicksals innerhalb einer sozialen Welt möglich ist, dann sind immer noch zwei Anschauungen denkbar: zunächst eine absolut-optimistische, die zu einem Mit• leben mit den anderen Gliedern der sozialen Gemein- Schaft in der gerade jetzt, in diesem Zeiträume für sie geltenden Ordnung führt, oder aber eine bedingtpessimistische, die in Negation der jetzt in Geltung stehenden sozialen Ordnung nach einer neuen Form des menschlichen Mitcinandcrlcbcns verlangt, die aber wohl zu unterscheiden ist von jenem absolutpessimistischen Verhalten, wie es oben skizziert wurde. Daß man bei diesen Entscheidungen, wie immer sie auch getroffen werden mögen, nicht stehen bleiben kann, ist zweifellos. Es liegt in ihrer Natur als Willcnsphiinomcnc, die nach einer Aktion drängen, daß ihnen eine praktische Verwirklichung folgen muß, soll man der ihnen innewohnenden Tendenz gerecht werden. Für denjenigen allerdings, der sich ganzlieh von der menschlichen Gesellschaft lossngt, ist mit dieser Handlung auch alles weitere gegeben. An diejenigen aber, die in irgendeiner Form den sozialen Kosmos als solchen, d. 11. in seiner wesenhaften Form bejahen, tritt nun die Notwendigkeit heran, die Sammlung aller Willensteiulcnzen mit gleicher Richtung und aller Energien mit demselben Bcwegungszicl, deren Organisation herbeizuführen. Die Organisation,-die Partei, bedeutet also die Zusammenfassung von Menschen mit gleichen Willensrichtungen in einer vertragsmäßigen Form. Aus dem Obciigcsagtcn wird ohne weiteres klar, welches die Richtungstendenz. der zionistischen Orgaui• sation ist. Die Auffassung des Zionismus von der sozialen Welt, insbesondere was eine ihrer nach Bluts• unterschieden gegliederten Zonen; das Judentum anbelangt, ließe sich beiläufig als bedingt-pessimistisch charakterisieren. Dieser Pessimismus füiirt durchaus nicht zur absoluten Verneinung, iin Gegenteil läßt sich ein höherer und edlerer Optimismus nicht denken. Jede Position von wirklichem Wert entsteht aus der Negation. Jedes wahrhaft schöpferische Handeln ist bis zu einer gewissen Grenze pessimistisch. ewige, heilige, in sich wiederentdeckt, dann vielleicht wird er — der Virtuose jetzt, dann der Künstler — uns wirkliches jüdisches Schicksal gestalten. Fritz Mordochai Kaufmann, Leipzig. Der jüdische Student. Monatsschrift des Bundes Jüdischer Korporationen. Herausgegeben vom Prä• sidium. Jahrgang 9. 5. Heit. Berlin, 20. August 1912. Redaktion Erich Cohn. Durch die öffentlichen Hefte seiner sonst ״intern“ erscheinenden Monatsschrift gewährt der B. J.C. der breiteren jüdischen Oeffentlielikeil von Z.eil zu Zeit Einblick in das Treiben seiner ״Vereine jüdischer Studenten“, deren erzieherische Arbeit sieh im nllgcmeinen geräuschlos und wenig beachtet nbspiell. Das ist aber nur ein Nebenzweck dieser Publikation, deren Publizität wohl in erster Linie der Kvilnrbcit der Verbindungen zugute kommen soll. Mau kann cs wohl erstehen, wenn der frische Ton, in dem diese Blätter geschrieben sind, und vor allem die Semesterberichte über die Tätigkeit der ein/elueu Vereine und des Bundes in manchem ״Kcilfux‘* den Wunsch rege werden lassen, in die Reihe dieser jungen Leute zu treten, die mit so viel Ernst und Begeisterung von ihrem Judentum zu reden wissen und die am Semester• Schluß auf so viel tüchtige Arbeit und so viele frohe, gesellige Stunden zurückblickcn können. Der einleitende Artikel von Erwin G o I d c in a n 11 (V. J, St. Maccabaea, A. H.), Berlin, ״Die jüdische Korp o r 01 i 0 n“ deutet in knapper und klarer Beweisführimg auf die Schicksalsfrage unseres Volkes und zeigt in der jüdischen Korporation ״eine neue Form jüdischen Lebens", die ״eine Verminderung des Ein- Busses der äußeren Welt und positiv durch das ständige Aufdnandcrwirkcn jüdischer Kräfte eine Ver- Stärkung der jüdischen Disposition zur Folge hat“. Ein zweiter Artikel berichtet über den Turn- und Sportbetrieb im B. J. C. Seit den Resolutionen unseres Xlll. IkkgterteMages und der des Zentralkomitces, die Turnen und Sport als eines der vornehmsten Mittel nationaler Jugenderziehung anerkeimen, darf man annehineii, daß Zionisten die Arbeit, die der I). J. G. hier seit seinen ersten Anfängen geleistet hat, wohl zu würdigen wissen. 111 seinen sämtlichen Korporationen ist das Turnen offiziell, und der korporative Beitritt dieser Abteilungen zur ״Jiidischen Turnerschaft“ zeigt, wie sehr sich die jüdischeu Studenten als Glieder der großen jungjüdischen Bewegung fühlen. Das Fechten, tmd zwar das Säbelfechten, wird in erster Linie für den Ernst der Mensur geübt. In der Leichtathletik hatten einzelne V. J.St.cr im ahgclnufcncn Semester Erfolge zu verzeichnen, indem sie entweder für die Farben ihrer Verbindung starteten oder einem der befreundeten Turnvereine ihre Hilfe liehen. Das Wandern ist in allen Kartcllvcrcincn sehr beliebt, und das sportliche Rudern wird, vor allem von den Berliner Korporationen, mit besonderem Ernst bctrieben. Im abgelaiifencn Semester wurde das Boolsmaterial durch den Vierer ״Hatikwah“ vermehrt. ׳ Im Semesterbericht des Präsidiums überrascht vor allem die hohe Zahl von III Aktivmeldungcii in den zehn Korporationen. Rechnet man hierzu die Erfolge, die das K. Z. V. bei seiner Werbearbeit ständig zu verzeichnen hat, so ergibt sich, daß sicli heute bereits die Mehrzahl der jungen Akademiker, die korporativem Streben überhaupt zugänglich sind, für das moderne, nationale Judentum entscheidet. Für jene, die befürchten, die jüdische Gesinnung könne durch das studentische Treiben der V. J. St.er Einbuße erleiden, ist ein Briefwechsel von besonderem Inter* esse, den das Präsidium mit dem ״K. G.“ über Differenzen studentischer Natur, die zwischen den beiden Verbänden bestehen, geführt hat. Es zeigt sicli dort, wie der B. J. C. bereit ist, sich in Fällen, wo studentische Interessen den jüdischen zuwiderlaufcu, stets für die letzteren zu entscheiden. Die Berichte der einzelnen Korporationen wissen sämtlich von regem jüdischen, geselligem und sportlicliem Lehen zu berichten. Die Zahl der Referate, Burschen• und FuxcusUinden erreicht mehrere Hunderte. Bemerkenswert ist der enge Zusammenhalt der Vereine untereinander. Eine Arbeit, in der Dipl,•Ing. Siegfried Wciz• mann der jüdischen Art Arthur Schnitzlers mit feinem Verständnis nachspürt, und Nahum Goldm a n n 8 Abhandlung ״Die Religion im Ga- I u t h “ dürfen als Bereicherung des Heftes gelten, daß seiner Bestimmung sicher gerecht werden wird,