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Jüdische Rundschau · 1912-10-11 · Heft 41 (11.10.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seif390 •׳ J U 1 DI -S C H i: R U H DSC Ii A U Nr. 41' sind vielleicht in der ersten Generation noch jüdische ׳Gebräuche aufrechtcrhnlten worden, die heranwachsende Generation, die ihren Sinn nicht mehr kennt, wirft sie über Bord und tauscht — da ihr der Amerikanismus weder eine religiöse, noch eine nationale Weihe zu geben vermag —, den blöden, stumpfen Genuß der Großstadt, die schnelle Befriedigung aller Triebe dafür ein. Daß unter diesen Trieben gerade der Hang zum Spiel auf den Juden Einfluß gewinnt, mag an dem emotionellen, nervösen Temperament unscr.es Volkes liegen, vielleicht auch treibt ihn dazu die Gewöhnung langer Jahrhunderte, sich Geld durch die Finger gehen zu lassen. Vom leidenschaftlichen Spielen ist dann aber gewöhnlich der Schritt zum Verbrechen nicht mehr weit, wie cs eben die jüngsten Ereignissc gelehrt haben. Noch ein anderer Grund ist anzuführen, der geradc die amerikanische Atmosphäre so verderblich für das auf . diesem Boden geborene jüdische Geschlecht macht. Eins der Grundelemeute jüdischer Moral ist die Ehrfurcht vor dem Allen, Ucberliei'erten,'für Eltern und Erzieher. Hier in Amerika aber herrscht, wie nirgends sonst, die Vergötterung des Kindes, man glaubt, ihm seinen Willen nicht beugen zu dürfen, und so kann man mitansehen, wie das Kind das ganze Haus tyrannisiert. Der dem geistigen Judentum entfremdete junge Jude wird auch hierin durch Schule und Haus seiner Umgebung ähnlich gemacht, und die Folgen — stehen in der Verbrecherstatistik. Wo •aber kann die Abhilfe herkonunen, wie kann man der Entwicklung der Dinge entgegentreten, deren Folgen man kaum aus/.udenken wagt? Eine Möglichkeit wäre die Rückführung der Juden zur Religion, indem man ihnen den Besuch des Gottesdienstes, ihren Kindern das Studium jüdischen Wissens erleichtert. Dieses Weges beginnt man hier, sich bewußt zu werden, und wenn erst die für materielle Opfer fähigen Kreise ihre Hilfe in größerem Maße leihen, wird man wohl auch an die Ausführung entsprechender Pläne (Errichtung von Gotteshäusern, Religionsschulen usw.) gehen können; andererseits werden gerade die kapitalskräftigen Kreise, in dem Maße, wie sie sich vom Judentum abwenden, immer weniger als Helfer in Betracht kommen, und man wird immer mehr darauf äugewiesen sein, zu den unteren Ständen mit einer Idee zu dringen, die der äußeren Hilfsmittel nicht bedarf. Eine andere Möglichkeit wäre, daß man der amerikanischen Judcnheit die Augen öffnete, ihnen zeigte, daß die Entfernung vom Judentum zum Untergang ihrer Nachkommen führt, daß sich amerikanische Lebenstendenzen und jüdische Denkrichtung, jüdisches Temperament und die ganze jüdische Wosensart zu keiner heilsamen Verbindung bringen lassen und daß es, um den Untergang der Kinder jüdischer Eltern und des Judentums überhaupt aufzuhalteu, dringend nötig ist, daß die Juden auf einen Boden verpflanzt werden müssen, der nicht ihre besten Kräfte tötet, sondern ihnen mit der äußeren zugleich die innere Freiheit höheren Menschentums gibt. Wie aber soll man vorläufig mit dieser Wahrheit zu den großen jüdischen Massen dringen? Wenn der liebe Gott selbst am Wege stände, um das Rätsel der Schöpfung zu verkünden, und alle Menschen führen im sausenden Automobil vorbei, — würden sie *eine Weisheit hören? Das Automobil aber bezeichnet etwa das amerikanische Leben .ieMpo, und weil dem so Ist, wird inan sich gc.irl;ru nnT.scn: in Amerika wird die Zeit für /;rolle Ideale, wie z. B. den Zionismus, erst gekommen sein, wenn der Amerikaner Zeit gefnmleii haben wiid, sich auf sich seihst, auf das Ziel seiner rasenden Lebensiahri zu besinnen. Da aber dann vielleicht vom Judentum nicht mehr viel übrig ist, darum ist es dringend w ü n.■ sehe n sw e r t, d a ß de r Zu g von Ostcurop a u a e 11 de m Westen וו i c Ir t in ehr in so mäc ht i g e m Maße fortschrcitet, sonder 11 m ö g 1 i c h s t bald in das eigene Land geleitet w c r d e n k a 1111. Denn so lange Amerika nur das Land materiellen Sterbens, ohne eigene Kiiliur, ohne eine sittliche Aufgabe im Leben der Menschheit ist, wird noch, tausendmal eine korrumpierte Beamtenschaft sicli das erschütterte moralische Bewußtsein dem Judentum entfremdeter Juden zunutze machen, und so lange wird der sittliche Vcrfallprozcß der entwurzelten Judeuhcit nicht aufgchulL'u werden können. In .Amerika rast der Jude im wilden Automobiltempo blind und taub durchs Lehen, — aus dem Ghetiodruck auf einen I Icimuisboden verpflanzt, könnte er lernend und denkend durchs Dasein schreiten. New York, im September 1012. , H. H. C. Der Zcntralvereins Der Vorstand des ,,Zeuiralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" veröffentlicht in der Okloberausgabe seiner Zeitschrift ,,lm deutschen Reich“ die folgende Erklärung: , ״Für die bevorstehende Ersatzwahl im ersten Berliner Lnndtagswalilkreise ist als Kandidat der freisinnigen Partei der frühere Reiclist.igsabgeordnete Sanitätsrat Mugdan in Aussicht genommen. Unsern Mitgliedern und Lesern ist unsere Stelhing zu der Kandidatur von Täuflingen bekannt. Bei aller Anerkennung der Verdienste Mugdans auf öffentlichem Gebiete haben wir daher, seitdem seine Kandidatur in Frage gekommen ist, alle in Befrncht kommenden Schritte getan, um zu erreichen, daß von der Kandidatur eines Mannes Abstand genommen werde, der sich von den Juden getrennt hat, zumal in einer Zeit, in der sie einen schweren Kampf um ihre Gleichberechtigung führen. Wir wollten verhindern, daß viele jüdische Wälder in einen Konflikt geraten, der ihnen unschwer hätte erspart werden können. Der geschäftsführende Ausschuß der fortschrittliehen Volkspartei ist auf unsere Wünsche nicht ein- 'gegangen, mit der Begründung, daß entsprechend dem liberalen Charakter der Partei den getauften Jmleii eine Ausnahmestellung in der Partei nicht zuzuweisen sei und sie nicht zurückgesetzt werden dürfen. Wir luilteu uns verpflichtet, unsere Mitglieder von dem Vorgefaileueu in Kenntnis zu setzen. Der Vorstand des Zeuiralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.“ Darf man hoffen, daß diese Erklärung und das Fiasko, von dem sie zu berichten weiß, den dcutsehen Juden die Augen darüber öffnen wird, wie unfruchtbar und hilflos die offizielle jüdische Abwehrpolitik sich jedesmal dann erweisen muß, wenn sie vor Aufgaben gestellt wird, die eine entschlossene Vcrln-iiiiig jüdischer Interessen verlangen? Wir erkennen an, daß die Leitung des Zentral- Vereins altes getan liabcu mag, was in ihren Kräften stand, •um diese Briiskicruug der Berliner Juden- Schaft zu verhindern. Aber gerade deshalb zeigt der Voifall mit besonderer Deutlichkeit, wie außerordentlich schwach die Position der Juden im |>olitischen Leben Deutschlands sein muß, so lange sie ihre Politik einzig und allein nach dem Gesichtspunkt der Abwehr antisemitischer Angriffe und der Anerkeiinuiig als lediglich religiöse Gemeinschaft orienticren. Die Forderung, die der Zentralverein erhöh, war gewiß reell( und billig, und die Vorbedingungen für einen Erfolg der Bemühungen waren nicht ungünstig. Die Abneigung weiter Kreise gegen die Täuflinge ist innerhalb und außerhalb des Judentums in stetem Wachsen begriffen, mul es ist uns bekannt, daß sieh auch in den Kreisen der i'orischrilllieheu Volkspartei eine Opposition gegen die Kandidatur Mugdan geltend machte. Allein es waren andererseits auch Juden, die sieh mit Wärme für ihn cinsetztcn, und es werden auch jüdische Wahlnüinncr sein, die ihm zu einem Mandat verhelfen werden. So Wenig Einfluß hat also die erzieherische Arbeit des ,,Zentralvcreins“ auf die Juden jenes Wahlkreises gehabt, die mehr Wahlmänner zum Landtage zu entsenden haben, als die irgendeines anderen im Deutschen Reich. Diese erste große Probe auf die Disziplin seiner Anhänger mußte dem Verein mißglücken, da er seine Mitglieder nicht durch positiv jüdische Werte oder auch nur eine einigende Idee an sich zu fesseln verstanden hat! — Wir Zionisten haben ein besonderes Recht und die Pflicht, das zu konstatieren, weil wir wissen, wie gewissenhnft eine jede Parole unserer Parteileitung auch vou dem Geringsten unter uns befolgt wird. Das offizielle Judentum hat unseren Gegnern die Waffen selbst in die Hand gedrückt. Weil der Zcnfralvcrcin sich stets als die Vertretung einer lediglich religiösen Gemeinschaft ausgegeben hat, konnte mit einem Schein von Recht seiner Eordcruug mit dem Schlagwort von der liberalen Toleranz gegenüber allen religiösen Anschauungen begegnet werden. Lange Zeit hat man bis weit hinein in die Kreise, die uns nahcstchcn, geglaubt, daß die jüdischen Interessen innerhalb der deutschen Politik im Zentralverein ihre berufene Vertretung fänden. Jetzt hat es sich deutlich gezeigt, wie falsch die Politik der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens orientiert ist; und wer aus den Geschehnissen des Tages zu lernen vermag, der wird die Folgerungen ziehen müssen, damit weiterem Schaden vorgebeugt werde. Am ■Sonntag, den 20. Oktober schließt für die deutschen Zionisten des Schckcljaiir. Für die Einsaiumlung der einzelnen Schekel bleiben daher nur noch wenige Tage, und wir bitten unsere Freunde, diese Frist voll auszunutzen und alsdann die Gelder ohne Verzug an uns abzusenden, damit unsere beiden Seiilußauswcise in den nächsten Nummern der ״Jüdischen Rundschau“ recht hohe Beträge aufweisen. Der Jude im Roman Max Brod: ,,Jüdinnen“, Roman, 1911. Derselbe. ״Arnold Beer“, Das Schicksal eines Juden. 1912, bei Axel Juncker, Berlin. Diese Bücher wollen judenbücher sein, — ״das Schicksal vieler Juden darstcllen“ — ״Typen einer immerhin ziemlich umfassenden Mcnsehhcitsgruppe". (Beer, Nachwort, S. 175.) Sic sind aber höchstens Beiträge zur Pathologie allgemeiner, dekadenter Bourgcoisicschichtcn — typische Belege zu dem Problem der Priikozität —; und hierüber, über das mißglückte Wollen und uneiugelüste Anküudigcn ist mit dem Autor zu rechten. Hugo — d. 11. Lcritutor —, kann ja seihst in den Fehlem und Schwächen Irenes mir sehen das allgemeine traurige Schicksal der Mädchen, der jiidiüchen namentlich, die für keinen anderen Zweck als die Ehe erzogen werden, und die haltlos, wenn dieses Spiel nicht gelingt, mit ihrer unreifen Bildung durchs Leben taumeln. Also: nicht das Jüdische ist das Entscheidende. An keiner Stelle dieser Bücher. — Der so sehr Geschickte hätte mit gleich großem Gelingen ״das Schicksal eines Deutschen“ in Arnold Beer verkörpern, ■oder sagen wir schon, vergeistigen können. — Nur ein paar äußerlicher Veränderungen an den Bildern: Statt Prag — München; statt Judeleien — bajuvarische Acußerlichkcitcn — im Bett der Goldbergern ein uralter Gebirgler ä la G:\nghofer — ecco, ״der typische Deutsche“, Walter Bmtiiaupt. Kein j ii d i s c 11 c s Problem ist cs, das Brod bis- 11er verarbeitet hat. Er vermeint es nur, weil — aus soziologisch-wirtschaftlichen Ursachen, nicht ans inncrlichstcn, der Rasse, dem Juden eigentümlichen Notwendigkeiten — sein Problem in bestimmten Schichten peripherer jüdischer Bourgeoisie sehr hüufig, — aber nicht häufiger, als bei den entsprechenden nichtjiklischen Schichten — sich fühlhar macht. Das Problem der Präkoz.ität, der intellektuellsensorischen Frühreife, de:; prämaturen Menschen — wie der Autor ihn nennt — in allen seinen Erscheinungcii; — im tiefsten Grunde das Problem Brods eigener bisheriger Paihologie ist cs, das in diesen Büchern mit einer erstaunlichen, reifen Virtuosität dargelegt wird. Brod hat den gleichen Irrtum begangen, wie manche linier uns, die, noch viel zu fernstehend der wesentlichsten Jiidischkcii, dem Volke — geblendet durch Weiiiiiigcr, Chamiieiiaiu 11. a., (las typisch Jiidisclie in ephemeren Anomalitäten erblicken; die das Pathologische iu Naturen der Art Weiningers, Calos identifizieren mit deren Jiidischkcii. Auch liier wieder Rassenpsyehologie, statt Stufen-, Klnsscnpsychologie. Und das, was ihm im besten Falle hätte glücken können: die bourgeoise jüdische Assimilation, wie sie sicli um das Jahr i000 dem Gestalter darbictet, vorzuführen iu ihren tragischsten Typen, — aucli das kuunlc er nicht /;eben. Das Wesen der jüdischen Assimilation heißt nicht: Präkoz.ität; Tragik heißt es. Erst wenn die fühlbar wird, aus dem Gegensatz heraus zu den gewaltigen schöpferischen Tatmenschen, den Typen des lebendigen Volkes — dann erst kann ein Gestalter!uns das Schicksal eines Juden dieser peripheren Schicht schaffen. In Brods Büchern aber braust nicht das Schicksal; kein Wehen ist in ihnen, keine gewitterschwere Schwüle, die ihm vornngcht. Brod zeigt uns nur — Geschicke, von einer oft quälenden Monotonie, die nur psychologisch besonders Interessierte zu fesseln vermag. Und wo er die so notwendigen Ocgensätzc demonstricren will, ist die Wirkling negativ, in keinem Sinne eine tragische; die alte Goldbergern ist nicht das heilige große Volk; in ihr Ist nicht das notwendige Komplement, das der Assimilation die Tragik brächte. — Nacli diesem Fiasko eines so Geschickten, tech-!lisch so virtuos Begabten, ist es mir klarer geworden als früher, daß jede Darstellung einzelner jüdischer Volksteile scheitern muß, solange nicht das Judentum in seiner Totalität erlebt wurde. Sei es intuitiv, sei cs empirisch. Aber das Erleben der Totalität muß jeder Darstellung der Teile vorangclicn — sonst..erhalten wir nicht die Verdichtung der jüdischen Zeit- Probleme zu künstlerischen Geschichten der cigcntliebsten jüdischen Tragik. — Nach denen aber ist unsere Sehnsucht. — Ob Brod ihr Erfüllung geben wird? Er ist noeli jung — und wenn er erst tief eingedrungen, versunken ist, in das Volk, wenn er über seinen innerlichen Bourgeois hinweg das Volk, das

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