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Jüdische Rundschau · 1912-10-02 · Heft 40 (2.10.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Seile 381 JUEDISCHE RUNDSCHAU Ihr seid im Unrecht! Mit den Lichtern, die ihr uns anzündetet, leuchteten wir hinab in unsere tiefsten Tiefen — «her was wir fanden, war rein und klar und weit entfernt von Phrase. Tief lebt in uns die Idee des Judentums wie in euch; gleichwertig ist sic, mehr als das: wir, und wir allein, wir tragen die historische, die prophetische Idee des Judentums in uns. UrjudentUm erfüllt uns und macht uns stark — nicht nur wie ihr verlangt, zur starren Abkehr vom Geiste anderer Völker, nein, zum schöpferischen FreiCntfaltcn unserer Kraft, daß wir befruchtend wirken und mit reichen Händen jüdische Gaben ausstreuen — wie unsere Väter, wie die Propheten. Doch bevor wir zu diesem kommen, bevor wir beginnen, den geistigen Kern des Zionismus heraus* zuscliälcn und die Lehre von der Erneuerung des Judentums der traditionellen Lehre von der Erh.11• tung des Judentums gcgenüberzustcllen, gilt cs, noch manches fortzuräumen, das den Weg versperrt. Was nützte cs auch, von den Möglichkeilen zu reden, die der Zionismus birgt? Maßgebend für die Gegen* wart sind gegenwärtige Dinge, und diese liegen so, daß sie dem Traditionellen nur so •oft das Hecht gehen, iiher uns adtsclzuckciid zu urteilen. Sein Urteil inag falsch sein; wir aber, wie wir heute sind, bereditigen ihn, es zu fällen. Und darum tut nichts mehr not, als die Kritik der Gegenwart. Die Entwicklung der Zukunft zu zeigen, kommt noch zurecht. II. Sind wir Kompromißler geworden? Haben wir vierlernt, die Idee des Judentums in ihrer Ursprung* lieh radikalen Reinheit uns zu bewahren? Wenn wir dies verneinen:. woher mag cs wohl kommen, daß wir —* versöhnlicher geworden sind? Daß wir oft andere, die noch nicht Zionisten wurden, fast als gleichwertig erachten? Warum erlebt mau Debatten, die sidi um ein Wort nur drehen? Da redet der Liberale stolz von seinem Judentum, von jüdischer Geschichte, von Stanuncsgcmeinschaft und der Nationale will ihn nun zwingen, dieses Judentum national zu nennen. Man fühlt; in dem Moment, wo sidi der Liberale herbcilnsscu würde, dieses Wort an Stelle seiner ״Stammesgemciiisdinft“ zu nkzep* tieren, würde der Nationale vollständig vergessen, daß die Gemeinschaft eines Wortes wenig besagt, wo gegensätzliche Gcistesrichtimgen zugrunde liegen, Man erweckt und bestärkt den Eindruck, als ob die Divergenzen minimale wären. Nichts ist gelähr• lieber als dieser Irrtum. Wenn wir nucli inancliiual dasselbe tim, ist es »och lange nicht dasselbe, und bei Reden sind maßgebend nicht tlie Worte, San* dem der Quell, dem sie entfließen. Doch wie soll m;m das stets beachten? In vielen, in ungemein vielen Dingen liabcn sich ״die an* deren“ uns angcähnclt. Vor 15 Jahren waren die Worte, mit denen wir ״den anderen“ entgegentraten, Worte wie ״Renaissance des Judentums“, ״Jung* jüdische Bewegung“, ״Jüdische Kultur“ von einer prinzipiellen Neuheit. Wir setzten uns damit in aus* gesprochenen Gegensatz zu allen anderen. Wir waren Ideologen, die ihre Idee» in radikaler Reinheit auf* pflanzten und einen Strich zogen, eine Kluft schlugen zwischen sielt und allen anderen. Seither sind 15 Jahre vergangen. Noch immer reden wir heute, wie einst, von jüdischer Renaissance, jüdischer Kultur; wir haben uns darin nicht geiin• dort. Und doch ist die Kluft iji b e r b r ii c k t worden! Unter ״den anderen“, unter all den Juden, die nicht bei uns stehen, gibt cs viele, die dieselben Worte reden. Die Gegensätzlichkeit ist gemildert, die Ideen sind nicht mehr radikal; sic sind verblaßt, denn sie sind zum Allgemcincigcn* tum geworden. Sö liabcn wir die anderen gezwungen, uns naclmigehcn und sich uns anzuiilmeln. ‘Gleich uns reden sic heule vom geistigen Judentum, gleich uns reden sie von der Belebung der hebräischen Sprache, von der jüdischen Kultur. Und da packt uns nicht die Befürchtung, daß wir Schaden leiden könnten, vielleicht schon ge* litten haben? Da kommt uns keine Sorge, daß wir den anderen ״zu* älinlidt“ wurden? Die Worte sind dieselben geworden *— denn wir sind stehen ge* blieben. Sind nicht auch die Gedanken die gleichen geworden? Was gibt uns Bürgschaft, daß wir, die wir jene Liberalen Phrnscologe» nennen, nicht im Grunde genommen uns genau so wenig unter dem Begriff ״jüdische Kultur“ vorstcllcn wie jene? Was bürgt uns dafür, daß wir ein Recht haben, jene zu scheiten ob ihrer Halbheit und das Volk zu warnen: ״Hütet euch vor den falschen Propheten, welche sagen: Tempel des Herrn, Tempel des Herrn!“ und daß wir nicht gleich ihnen nur das Pathos haben und die Begeisterung für das Judentum, nicht aber dieses selbst? Eine Büigsdiaft gäbe cs wohl: das klar for* mullertc Wissen, daß wir in der Tat unseren Worten einen anderen Sinn unterlegen als jene; daß wir unsere Worte: ״jüdischer Nationalismus; jüdische Kultur, jüdischer Geist“ als radikale Ideen erleben und nicht nur als Phrase wie jene; daß die Kluft, die uns, damals trennte, auch heute noch unüber* brückt hn tcht, trotz dem Gleichklang der Worte. — Wie .־.her dicjc.'i Wissen uns erringen? D.unr.li; traten wir ״abseits vom Wege der Allgcmcinhcit und pflanzten ein eigenes Banner auf. Da kamen die .׳,!uleren uns nach. Sollen wir Freude« darob cn.;den? Vielleicht —• doch sollten wir eins darüber nicht vergessen: wir dürfen die an* deren zwar nadikommcn lassen — aber wir dürfen nicht stehen bleiben und sic herankommen lassen. Und ::iiul sic uns nahe, so müssen wir weiter gehen, und zwangen wir sic bis hierher, so müssen wir sic auch weit er zwingen; zwingen durch dasselbe Mittel, das wir vor 15 Jahren hatten: wir müssen die Kluft, die zwischen uns bestellt, nicht über brücken, sondern vertiefen da* durch, daß wir ihnen stets 100 Schritt voraus sind. Wir müssen radikaler werden, besser vielleicht: wir müssen uns stets bewußt bleiben, daß wir unsere Worte als radikale Ideen empfinden, als Stufen, von denen die anderen trotz gleicher Terminologie noch weit, entfernt sind, Wir dürfen uns nicht bescheiden, von einem geistigen Judentum bloß zu reden. Das können die anderen auch. Wir dürfen nicht von jüdischer Kultur reden und gleichzeitig das Kulturkompromiß sanktionieren, Wir machen Anspruch darauf, die Idee des Judentums so unbedingt zu erleben wie die Orthodoxen; so müssen wir trachten, diesen gleichwertig zu werden. Der Traditionelle braucht min* dere Furcht vor der Phrase zu haben, denn sein Denken und Fühlen ist in jüdische Formen gepreßt, die ihn Minute für Minute erinnern. Wir aber müssen auf der Mut sein, und so weit wir nicht orthodox sein können, müssen wir trachten, einen Ersatz zu schaffen für das geistige Judentum, das jene erfüllt, müssen trachten, einen jüdischen Geist, eine jüdi* sehe Wcltnuffnssung uns zu erwerben, die der jüdischen Religion ebenbür* tig ist. Unsere Aufgabe wird cs sein, diesen Ersatzhegriff des geistigen Judentums so zu erforschen, daß wir in ihm so geborgen sind und so geschützt sind, wie der Traditionelle in seinem Gesetz. Es ist die einzige Möglichkeit,י der Verflachung zu entgehen. Seht doch, wird man mit Fingern auf uns zeigen: sie rühmen sicli ihres Nationalismus und dünken sich, mehr zu sein wie wirl Doch was zeichnet sie aus vor uns? Pflegen nicht auch wir unsere Stamnicsgcschichtc, lernen nicht auch wir hebräisch, wollen nicht auch wir heimatlosen Juden eine Heim* Hätte bereiten? Wahrlich, wird man sagen, was ist denn dieser vielgerühmte ״Nationalismus“ mehr wie ein Wort? Gewiß dach: wo wir beginnen, den geistigen Nationalismus zu vernachlässigen, haut man «lein Feinde Brücken, kommt ihm entgegen, statt ihn zu zwingen, und in überraschend schneller Weise sinken wir auf das Niveau der anderen, vor allem aber: neben alle jenen ״guten Juden“, die ״stolz sind auf ihr Judentum“, die ״kolonisieren“ usw. usw. ־— neben diesen werden wir leicht als die Phrasenhaften erscheinen müssen, da wir mit unserem ״Nationalismus" auf Unterschiede pochen, die niemand sieht. Ich mag mich nicht an das Wort klammern, daß einst in dem prächtigen Aufsatz über ״Salon* Zionismus“ stand: ״Kulturopfer" hieß das Wort. Wir können daran Vorbeigehen, denn uns scheint es eine Befreiung, eine Erneuerung des Judentums, und darum eine Erlösung, nicht aber ein Opter. Im Sinn aber und in der Bedeutung ־stimmen wir überein: Umdenken müssen wir, uinlcrncn v o n Grund auf! Alle geistigen Geschehnisse müssen wir prüfend erleben, damit unser Geist wieder jiidisehe Formen aiinetuue, so wie der Traditionelle, in seiner Art, ausnahmslos alles bewußt mit jüdischen Nerven empfindet. Was haben wir denn überhaupt gegen die Juden des ״deutsch-jüdischen Parnasses“ anderes einzttweiulen, als daß sic nur unbewußt innerhalb der deutschen Kultur jüdisch erleben? Daß sie sich dieser ihrer jüdischen Geistesformen nicht bewußt werden, daß sic sich ihr Vorhandensein nicht eingestellt‘!) wollen? Daß sie nicht den Mut haben zu sieh seihst, zu ihren ureigensten Formen? Wie aber .sollen wir uns von diesen unterscheiden, wenn nicht dadurch, daß wir stets und unermüdlich, und sei cs seihst auf die Gefahr der Verbissenheit hin .... (ij^sc jüdische Struktur herausscliälen, diese jüdisdien Formen stärker und reiner heraus.irhcitcn? Unerbittliche Disziplinierung des Geistes tut not: nur so werden wir der Gefahr entgehen, unjiUiischc oder antijüdische Phänomene sympathisch zu begrüßen und eine Aufnahmefähigkeit־ für den Buddhismus, für Schopenhauers Weltnegicruiig, für den ״Parzifal" oder gar das Christentum oder sei cs für sonst irgendeine fremdartige Geistesströmung mit ״gut nationalem Be* wißt.;ein“ vereinen zu können. Nu? so werden wir imstande sein, uns selbst wieder aufnahmefähig 'zu machen für die aitjüdischcn Ideen in ihrer urspriingliehen Reinheit, nur so können wir uns vorbcrcitcn,' einst wieder Gefäße zu werden für das Urjudentum, ciir.t wieder Träger zu werden der unangreifbar, ewig geltenden, ewig bestehenden Ideen' unserer Väter — der Propheten! Nicht warten dürfen wir, bis wieder von einem neuen Zentrum in Palästina Lichtstrahlen auch über uns sich ergießen werden. Das ist Ver* tröstung, das ist Halbheit! ״Vor den Toren der Stadt sitzt ein Bettler und wartet. Das ist der Messias. Auf wen wartet er? Auf Dich!“ An jedem von uns ist cs, an/ufangen, heute, jetzt, in dieser Stunde. Nur so bereiten wir den Weg der Erneuerung des Judentums-— Man darf wohl glauben, daß die Vorarbeiten geschaffen sind. Die letzten •10 Jahre haben viel Literatur zutage gefördert, die sich dem Problem widmet: Was ist jüdisch? Von deutscher Seite waien es zwei Männer, die dies Problem als ihr eigenes erkannten; ihr Wirken herauszuschälen, zu reinigen lind zu prüfen, ist eine noch ungelöste Aufgabe. Der eine war Nietzsche, der den jüdischen Geist in seinen religiös-philosophischen Ersdieiiumgsformen zu for* puilicrcn suchte, der andere ist Sombnrt: er spürt dem jüdischen Geist im Wirtschaftsleben nach. Von Juden sind positivere Arbeiten bereits geleistet worden, und Namen wie Dubnöw, A cha d H aam und Martin Buber umschreiben bereits Anfänge einer jüdisch-modernen Weltauffassung. Erheblich gefördert und erleichtert dürfte das Bemühen, Entwirrung in das deutsch-jüdische Kulturcliaos zu bringen, dadurch werden, daß im deutschen Volke sich endlich wieder rein deutsche Geistesströmungen bemerkbar machen. Zwei von diesen, und wohl die wesentlichsten, treten bereits deutlich in Erscheinung: aut religiösem Ge* biete ein Neocliristcntum, das von einem seiner Wortfiibrer, Artur Bonus, als ״Germanisicrung des Christentums“ interpretiert wurde; auf moral-philo* sopliisdiem Gebiete der Göttinger Plülosophetikrcis. Diese beiden Komponenten werden Prüfsteine abgeben für unseren ״ncujüdischen Geist“. Soziale Probleme in Palästina ln der Kolonisation Palästinas ist die Privatinitiative berufen, eine große Rolle zu spielen und wichtige Aufgaben zu erfüllen. Die Lösung gewisser Probleme ist jedoch in erster Linie der Gesamtheit, in unserem Falle den zionistischen Institutionen vorbehalten. Es sind dies die sozialen Probleme, die hei uns mit d e u n a t i o n a I eil z ti s a in rn e » - fallen. Das gilt besonders bei Beschaffung von Haus und Garten für den jüdischen Arbeiter, die cs ihm ermöglichen sollen, sielt dauernd mit dem geliebten Boden zu verwurzeln. Dort, wo *!er Bauer, sei cs durch »las Vorilringen des Großgrundbesitzes, sei es aus anderen Ursachen, besitzlos wird, ist die sogenannte ״Landflucht“ der Bauern am stärksten. Diese Erscheinung ist z. B. im Osten Deutschlands, in Polen, Ungarn und einem Teile Englands zu heobachten. In letzterem Linde beschäftigt sich die öifaßliche Meinung gerade jetzt sehr eifrig mit dieser Frage, wobei als eines der Ocgcnmittcl die Ueberlassung von ״Cottages“ mit einem Stück Gartenlaud .111 tlie Arbeiter vorgcsdiiagen wird. Wenn die Frage der Landflucht hei Völkern, die seit Jahrhunderten dem Ackerbau obliegen, eine brennende geworden ist, um wieviel eticr wäre diese Ersehe{• lumg bei jüdische» Städtern zu erwarten, die sich erst in Bauern verwandeln sollen und nicht einmal Haus und Hof ihr eigen nennen. Der Jüdische Nationalfonds, dessen Grundgedanke ein sozialer ist, hielt es darum für seine Pflicht, auch .111 die Lösung dieses Problems heranzutreten. besondere Gelegenheit bot sich ihm durch den No> stand der eingcwnndertcti Yenienitenfamilien. liier mußte sofort eingegriffen werden, wenn unsere Brüder, die vor den unerträglichen Verfolgungen in Süd* arabien fliehen, nicht vom Regen in die Traufe ge* raten sollen. Wir rechnen zuverlässig darauf, daß unsere Gesinnungsgenossen durch energische Agi* tation für die llaiisspciidc die Sehnsucht der jetzt vielfach notdürftig in Zelten untergchrachtcn Yemeilitcn nach ״Batiui“ (Häuser) erfüllen werden. Die Frage der Arbeiterhäuser beschränkt sich jedoch nicht auf die Yemeuiteii, vielmehr beschäftigt sie im liiiihlick auf das eingangs Gesagte die Nationalfonds-Verwaltung schon seit langem. Den Anfang bildete die Errichtung von je einem großen Arbeiter* heim in Petaeli Tikwali und Chedera und fünfzehn Ein Inmilienhäusern in den verschiedenen Kolonien aus dem Wolffsolinfonds. Nunmehr hat das N. F.*l)irck* torimu anläßlich der Jahreskonfcrcriz in Berlin In•• schlossen, durch die Einführung von ständigen Summ* hinten für ״A r b c i t c r 11 c i m s t ä 11 c n“ diese Frage einer Lösung näher zu bringen. Unter dem letzteren Titel sollen von mm an alle Häuserspenden in der ״Welt“, sowie in allen Ausweisorganen der Laiidessammelstcllen erfolgen. Eine Hausspende wird mit Fres. 1000 — M. ßO!) — festgesetzt. Um auch Vereinen, Gemeinden und sonstigen Gruppen, die nicht auf einmal Fres. 1 IKK) auibritißcn können, die Stiftung eines Hauses zu ermöglichen, sollen auch Ratenzahlungen entgegenge* nommen werden. Doch muß die erste Rate min*

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