Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 371 doch hier und da einmal durch irgendeinen Anlaß in der Erinnerung auftauchend und daun ein (ladttiges Verlangen weckend, mehr von dem alten Juden• volk, das doch immerhin gegen Rom gekämpft hatte, zu erfahren. Einmal, in späteren Jahren, wandte ich mich deshalb an ehemalige Kameraden jenes Sclcktaimtcrrichts, ob sic wohl noch das kümmerliche dort henutzte Lehrhüchlein hätten und mir leihen könnten, (eh hatte den Namen des Buches vergessen, sie wußten nicht einmal mehr von dem Buche selbst etwas. So ging ich durch die Studentenzeit. Meine Freunde waren fast ausschließlich Christen, meist prächtige Jungen; meine Weisheit über die Lösung der Judenfrage, von der ich nicht viel mehr als den Namen wußte: Auflösung unter den Völkern. Wie diese Auflösung sich vollziehen sollte, darüber hatte ich keine klare Vorstellung; mir schwebte .so etwas wie Massentaufen nach einigen Menschenaltern vor. Natürlich legte ich mir zuweilen die Präge vor, ob ich mich taufen lassen solle; meine Liebe zum Deutschtum, fast ein bißchen öcrmancnschwiirmcrei, hatte diesen Schritt vor mir selbst einigermaßen gerechtfertigt. Diese Frage löste regelmäßig die gleiche charakteristische Vorstellung bei mir aus: ich sah im Osten eine dunkle Volksmasse ,auf• tauchen, mir fast unbekannt, und soweit ich etwas von ihr wußte, nicht einmal sympathisch; in diesem Momente aber fühlte ich mich diesen Menschen durch gemeinsames Leiden und gemeinsame Schande und eine in grauer Ferne liegende gemeinsame Vergangen• heit so fest verbunden, daß ich deutlich fühlte, der Schnitt zwischen mir und ihnen würde mich mein ganzes Leben bitter schmerzen, eine unendliche quiilende Sehnsucht würde mich fortan unaufhörlich zu jenen feige Verlassenen im Elend lebenden Massen zurückziehen, und ich würde unglücklicher sein, als wenn ich bliebe, wo ich bin. Diese Vorstellung ver• tiefte sich im Laufe der Jahre so sehr, daß, obgleich von irgendeiner Anteilnahme an jüdischen Dingen keine Rede bei mir war, dennoch der Gedanke an Taufe endgültig abgetan war. Man sieht, man kann ein ganz guter Deutscher als Jude sein und sogar fast nichts von seinem Volke wissen, ohne doch auf den Gedanken zu verfallen, daß wir eine. Religionsgemeinschaft seien. ich .var bereit׳; verheiratet und Vn/,cr >on zwei Jurgcr, da girg H׳ au׳ ׳ine.ר Au/ivgz m; u •se׳m zv eher P.iJjbiifr. efctra giDlrtü Maire, »ir St ul׳ zusammen und kam mit ihm in ein Gespräch über jüdische Dinge. Er sprach von dem Vereine ji'idischer Studenten, der kurz vorher an unserer Uni• versität aufgemacht hatte, und forderte mich auf, einmal zu einer Kneipe zu kommen. Ich erklärte ihm sogleich, daß ich kein Freund solcher Abson• derungsbestrebungen sei, die uns nur schaden — man sicht, ich wußte mein Sprüchlein gut herzu• sagen —, und außerdem sollen die Leute ja Zio* nisten sein. Das hatte ich von jüdischen Bekannten gehört, die für mich Autorität in Judaicis waren, weil sic nicht ganz so unwissend darin waren wie ich, und dort hatte ich wohl auch etwas verlauten hören, daß der Zionismus eine sehr schlechte Sache sei, die die Absonderung verschärfe und daher äußerst geeignet sei, uns Unbequemlichkeiten zu bereiten, Mein Begleiter verteidigte die Studenten, wir kamen aufs Fechten zu sprechen, und als er •mir erzählte, daß sic darin brav ihren Mann ständen, und erst üciilich zwei von ihnen hintereinander einen che• Benedictus Lcvitai Der König von Juda. Eine Geschichte, die einmal wahr werden könnte. — Dietcrichschc Verlagsbuchhandlung (Theodor Weicher). Leipzig 1912. In dem Vorwort dieses Buches heißt cs: ״Dieses Buch will mehr als unterhalten: Entwickelungen nach• gehen, Möglichkeiten aufweisen, Probleme stellen. Nach dem Kranz der Dichtung begehrt es nicht; der künstlerische Standpunkt ist nicht derjenige, von dem aus es beurteilt zu werden wünscht. Freilich treibt cs im Luftschiffe der kühnen Scglcrin Phan• tasie. (Schön gesagt.) Aber . . .“ Nun, ich gestehe zu meiner Schande, dieses Buch hat mich unterhalten. Wahrscheinlich bin ich nicht ernst genug für die Entwickelungen, Möglichkeiten und Probleme. Oder sind diese so unterhaltsam? Vom künstlerischen Stand• punkte, aus kann ich das Buch nicht beurteilen; denn erstens wünscht cs der Autor nicht und dann — meine ich, daß er redit hat, wenn er dein Kritiker nichts Unmögliches zuinutet. Was aber daun be• urteilt werden soll, das sind die Ideen des Buches, die der Autor scheinbar ernst nimmt, trotz des ״Luft- »cäuffes der kühnen Scglcrin Phantasie“. Nun gut, ah.o ernsthaft: Die Mögiicldccit eines solchen ״wahr• halt erkämpften“ jüdischen Staates ist barer Unsinn. Und eine Mcldcnschar deutscher Juden wird ihn nie und nimmer erkämpfen. Die Entwickelung der Juden• heit geht andere Bahnen als die, durch die legendäre Qelds&lidarität ein Staatswesen zu errichten. Der Zionismus hat andere, normale Wege. Und sein maligen Offizier auf Säbel abgestochen hatten, da I freute ich mich unbändig und war sogar geneigt, ihre unkluge Absonderung etwas milder zu bcurteilen. Dann sprach er noch' viel von jungjüdischcr Literatur, was so ziemlich ganz von mir abglitt, aber durch eine glückliche Idccuassoziation stieg auf einmal. halbvcrgecsen wieder das alte Verlangen in mir I auf, vom Jiulcnvolke, wie cs früher war, damals I als cs mit den Römern kämpfte, etwas zu erfahren. Und Ich sagte das dem Rabbiner. Er freute sich sichtlich über meinen Wunsch — daß er systematisch umging und Menschen suchte, die er wieder zu Juden machen könnte, ujerktc Ich damals nicht —, und versprach, mir das passende Buch zu leihen, ^lach Wochen, ich hatte an das Gespräch kaum noch gedacht — nur die jüdischen Studenten waren mir in angenehmer Erinnerung geblieben —, kam ein Paket an: cs enthielt den ״Jüdischen Almanach“ und den 3. Band Oraetz, die mir mein Rabbi schickte: es war die erste jüdische Lektüre, die ich 3 ־־־ü J«hrc alt — in die Hand bekam. Und nun be• gann ich im Oraetz. zu lesen. Jede freie Stunde am Tage las ich, und allabendlich bis tief in die Nacht, oft bis die Lampe verlöschte. Nie in meinem Leben habe ich so gelesen. Ich war in einer Erregung, die mir selbst fremd an mir war. So liest wohl ein Mensch, dem man so lange erzählt hat, daß sein Vater ein Schuft gewesen sei, bis er es selbst glaubte, und der mm auf einmal den Beweis in lliin• den hält, daß er der Solm eines ehrlichen Mannes | ist. War es denn möglich, daß soviel Kenntnis J von unserm Volke auf tins jjekommen war, soviel, was uns Kunde gab, daß wir frei und stark ge• wesen waren wie andere Völker, und daß ich und die meisten anderen nichts, gar nichts davon wußten, außer was wir gehässig entstellt gelegentlich in Jugendschriften'gelesen oder in Predigten christlicher Geistlicher gehört hatten! Als mm als letzte Abend• lektürc nur noch das Ende des Bandes, die Erstürmung der Stadt und der Untergang des Staates bevorstand, las ich nicht im Bett, wie ich das sonst zu tun pflegte, sondern angekleidet in meinem Zimmer: ich sah voraus, wie das Ende mich erschüttern würde und fürchtete eine noch viel qualvollere schlaflose Nacht, als schon die letzten cs gewesen waren. Nach Gractz. kam Flavins Josephus, und was mir sonst von Geschichte nur erreichbar war. Da• zwischen fhvns /.!ngjüdischc Literatur, weniger aus S2dWri׳. a.z avmein Rabbi er trir scfEckt.c, doch vo• 111! : .)e’clhlt? uul itm.irr vfede/ Oesrhichfc Nnci» mn/gen Monaten hatte ich nicht nur nach* geholt, was ich versäumt hatte, sondern so lebendig und greifbar war die Vergangenheit meines Volkes mir gesvorden, daß jede geschichtlich bedeutsame Stelle in der alten Heimat und die Menschen dort aus jener Zeit mir vertraut waren, als hätte ich immer dort und mit ihnen gelebt. Unterdessen war ich mit den V. J. Stern, bekannt geworden. Das jüdische Milieu, das ,ich hier fand — damals kam es mir schon sehr jüdisch vor war mir freilich etwas neu und ungewohnt, und so ganz schnell fand Ich mich da nicht hinein, aber los kam ich nicht mehr von ihnen. Immer wieder zog es mich hin zu diesen jungen Leuten mit ihrer prachtvollen Begeisterung, die, kaum der Schulbank entwachsen, den Mut lintten, sich allem guten Tone zum Trotz mit ihrem Judentum vor aller Welt her• auszustellen. Was ich bis dahin für ein besonderes Reservat germanischer Jugend gehalten und was mir deshalb jene gesunden blonden Jungen immer sym- Problem wird nie der ZVicspalt zwischen Nation und religiösem Fanatismus sein. Alle diese Dinge sind absurd. Und der Ausklang in einen frisch aufgc* wärmten jüdäo-christlichcn Fusionismus ist die Spott• gebürt aus Schlappheit und beschränktem Geschichts• sinn. Und um die Frage der Rasscvcrschicdenhcit zu lösen und zu klären, braucht man doch etwas mehr als thcosophisches Gewäsch. Damit ist der ״Ernst“ erledigt. — Das Buch aber verdient gelesen zu werden; schon um der Lösung der Frage willen, die jetzt über die psychischen Voraussetzungen der Dichtkunst schwebt, nämlich über die Grenzen zwischen Manie und Dichtuiig. Doch das interessiert nur gewisse Kreise von Gelehrten und Forschern, hat auch mit dem Buche selbst wenig zu tun. Das Publikum liest ohnedies solche Bücher nicht. Und der Kritiker na, der hat eine harte Haut. Derlei amüsiert ja im ewigen Einerlei schlechter Judcnromanc, Judcntumsbcträch* tungen, jüdischer Dramen u3sv. Aber an einer Stelle, da ist's doch zum Dreinsehlagcn, und ich erkläre: wenn die ,,Geschichte wahr werden könnte“, daß cs einen jüdischen König gibt und wenn der ״ausgerechnet“ ״Siegfried I, heißen sollte, dann — — dann — — wäre cs vielleicht nicht doch vorfcil* hafter, gleich an eine Republik zu denken? Denn idi garantiere in diesem Falle durchaus nicht für meine monarchische GesinnungI Ich werfe nicht gern Bomben, aber das ist Notwehr! | S. Fried. pathisch gemacht hatte, hier fand ich zum ersten Male dasselbe in jüdischem Kreise: einfache, frische, selbstsichere Menschen, die cs sogar fertig bckamen, bei allem Stolz, und allem bewußten ernsten Streben bescheiden zu sein. Uin Zionismus kümmerte ich mich lange Zeit noch gar nicht. Zwar hörte ich nun öfter davon sprechen und hatte jetzt vor der Sache Respekt; im übrigen aber blieb er mir nach wie vor etwas recht Fernes: ich war zu weit hcrausgefallcn aus dem Jiidcnluiuc und für eine so starke persönliche Anteilnähme an jüdischen Dingen, wie das Bekenntnis zum Zionismus sie mir zu erfordern schien, verloren; das stand für mich fest, und diese Meinung änderte sich auch nicht, als ich bereits angefangen hatte, hier und da etwas über Zionismus zu lesen. In jener Zeit kam mir in der Bibliothek unseres Literaturver• eins einige Male die ״Welt“ in die Hände, und ich las gelegentlich das eine oder andere darin. Es ist mir noch deutlich in Erinnerung, wie ich zwar alles mit Achtung hinnahm, im übrigen aber mich nichts tiefer ergriff oder einen fruchtbaren Eindruck bei mir!unterließ. Allmählich begann mich jedoch jeder An• griff gegen den Zionismus aufs heftigste zu reizen; wie ich meinte, weil der Geist, den ich häufig genug in diesen Bemühungen spürte, mich ange• sichts der Erhabenheit des Problems empörte und ahstieß, in Wahrheit jedoch, weil eben die Auffassung vom Judentum, der ich mich hier jedesmal wieder gegenüber sah, wenn mir das auch .nicht ganz bewußt war, tatsächlich doch längst von mir überwunden war und ich ihre Argumente bereits in ihrer ganzen armseligen Unwahrhaftigkeit erkannt hatte. Zwei Bücher heben sich mir in der Erinnerung immer wieder aus der Lektüre jener Zeit heraus: der dritte Band Gractz und — eine heute schon fast vergessene Schrift gegen den Zionismus. Niemals sonst hat ein gedrucktes Wort mich in so flauuucudcn Zorn versetzt; noch wochenlang, nachdem ich die Schrift gelesen, zitterte die Empörung darüber in mir nach. Das war zu einer Zeit, als ich zwar schon etwas mehr über den Zionismus wußte, den* noch aber vollkommen sicher war, daß ich niemals den Weg zu ilm! finden würde. Mit der Zeit fing ich an, etwas bedenklich zu werden: jedes geschriebene und gesprochene Wort für Nationaljudentum und Zionismus fand meine freu• iigo, oft leid׳.ns:»uP.liche Z.us'imrniPg, jc׳i: Ab'. :11• nuug erregte mVh Iv in:ncr ftctyct.dtm Mtße rif mich zu heftigen Ausfällen hin, oft zu heftig für eine Sache, die nicht die meine war. Auch mcldcto sich ganz leise der Verdacht, ob das denn wirklich so sicher sei, daß es für mich eine Rückkehr zu meinem Volke nicht mehr gebe, wie ich mir das immer vor• dozierte. Verbarg sich hinter dieser Sicherheit nicht auch ein ganz ,,lein wenig die Scheu, sich zu etwas zu bekennen, was alle Welt um mich mit wütendem Haß und verächtlichem Spott verfolgte und nicht ohne Erfolg gesellschaftlich zu boykottieren bemüht war? Schließlich, es waren etwa V/t Jahre vergangen, seitdem ich nugefangen hatte, mich mit dem Judentum zu beschäftigen, sah ich ein, daß ich mich entscheiden müsse. In drei Tagen mußt du zu einem Entschlösse kommen, sagte ich mir. Die Frage, um die cs sich allein für mich handelte und deren Benntworiung entscheidend für mein weiteres Leben sein würde, war sehr einfach: ״Wo gehörst du hin?“ Daß es für . die furchtbare Schicksalsfrage des jüdi- ״Denkmäler jüdischen Geistes“, herausgegeben von Dr. B. May und j. B. Lcvy, Frankfurt a. M. 1. Band: ״Moses Mendelssohn“. Verlag von J. Kauf(- mann in Frankfurt a. M. Unter vorstehendem Titel wollen die Heraus* geber, in unverbindlicher Reihenfolge, eine Samm* lung besonders wertvoller und merkwürdiger Werke jüdischen Geistes erscheinen lassen, um auf diese Weise Denken und Wirken unserer größten Geister einer Würdigung zu unterziehen. Ein besonderer Vorzug dieser ״Denkmäler“ soll darin bestehen, daß die Verfasser davon .abschcn, eigene Meinungen und Ansichten zu äußern, sondern nur das Material liefern und cs jedem Leser — besonders aber dem Lehrer — überlassen, Ansichten und Meinungen zu formen und zu bilden. — Als erstes Produkt dieser Sammlung erschien dieser Tage: ״Moses Mendelssolm“. Wir finden hierin eine Auswahl aus seinen Schriften und Briefen in recht klarer und wirkungs* voller Zusammenstellung. Ich halte dieses erste ״Denkmal“ nicht nur für Lehrer und Schüler sehr ן praktisch und empfehlenswert, sondern ich glaube I auch, daß Oroß und Klein, denen die Zeit fehlt, die Werke Mendelssohns eingehend durchzugehen, in diesen Auszügen einen recht guten Ucbcrblick gewinne«. Ivrl,