Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 370 JUEDISCHE R UNDSCHA U Nr 30 Denn darauf kommt cs doch lediglich an. Für den jüdischen Nationalismus und die Judentumsfeindliche Assimilation gibt es keine Form der Toleranz, gibt cs keine gemeinschaftliche Plattform. Unsere Plattform müssen wir uns selber schaffen. Der 13. Delegiertentag hat in seinem wichligstcn Beschlüsse unzweideutig der Ansicht Ausdruck verliehen, daß die Arbeit der nationalen Erziehung in nationalen Vereinen zu leisten ist. Und er hat neben besonderen zionistischen Jugendgruppen die Turn- und Sportvereine der nationalen jüdischen Turnerschaft hierzu, auser* sehen. Es ist unbegreiflich, weshalb lauge Jahre hindurch die zionistische Organisation und die jüdische Turnerschaft nicht Fühlung miteinander genommen haben. Unsere Organisation hat die Turnerschaft bisher als Stiefkind behandelt, obgleich sie doch einen recht wesentlichen Hestandteil der national-jüdischen Bewegung darstellt. Die Turnerschaft hat sich wiederum ferngehalten aus Gründen der Propaganda, weil sie im Zionismus zu sehr die Partei sah, ohne zu bedenken, daß Zionismus der Zeitiuhalt des ji'tdischeu Nationalismus ist, daß der heutige jüdische Nationalismus Zionismus sein muß. Welche Möglichkeiten der Erziehung sind da ungenutzt geblieben! Das soll jetzt anders werden. Es ist wohl ein Zufall gewesen, daß die Tagungen des deutschen zionistischen Landesverbandes und der jüdischen Turnerschaft fast zur selben Stunde stattgefunden haben. Kein Zufall war es, daß die Erziehungsbeschlüsse beider Tagungen vollständig aufeinander eingestimmt waren. Diesen Erfolg einer allmählich gewonnenen notwendigen Erkenntnis gilt cs aus/unutzen. Hier ist ein gesundes Feld der Botiiligung. Unserer Jugend wird dieser Kampfplatz willkommen sein. An die Arbeit! Dr. L. Weinberg, Dmtmuml. Wie ich Zionist wurde Ich stamme aus einer im schlimmsten Sinne unjüdischcu Familie. Mein Vater muß /.war, «ach allein, was ich von ihm weiß, ein guter Jude und leidlich frommer Mann gewesen sein; er hesiiehlc die Synagoge und sali es gern, wenn mich wir beiden Jungen, wenigstens an den hohen Feiertagen, mit ihm gingen. Aber leider vermochte er nicht, das Leben in unserem Mause nach seinem Charakter und seinen Anschauungen zu prägen. Fr war, wie das besonders früher oft in jüdischen Familien der Fall war, weniger gebildet als meine Mutter, und als die Kinder hcranwuchsen, natürlich auch weniger gebildet als diese, zwar nicht gerade ungebildet, aber doch gegenüber den anderen Familienmitgliedern und gegenüber der übrigen Verwandtschaft, welch letztere besonders sich sehr fein vorkam, ein einfachcr Mann. Und daß inan ihn das fühlen ließ, trug neben der Sorge des Geschäfts dazu bei, sein Leben zu einem Martyrium zu machen. Daß er allein in seiner Familie und fast allein von allen in meiner Vaterstadt damals lebenden Verwandten so rück- Bücher und Zeitschriften Der zionistische Student. Flugschrift des K, X. V. (Kartell zionistischer Verbindungen). —• ln Konimission heim Jüdischen Verlag, Berlin — 1912. Preis <10 Pf. In den'dreiundsechzig Seiten dieser Flugschrift herrscht frische Natürlichkeit und unklompli/icrtc Klarheit der Gedanken. Denn alle diese Gedanken werden von der Ruhe des selbstbewußten Sinnes ge* tragen, der die Probleme nicht analysierend abwägt und knitsch dreht mul wendet, sondern mit dem Willen an sie herantritt, der in junger, starker Seele frei geworden ist. Und das ist gut. Hier wird nichts Neues, nichts Uebcrraschcndes oder Originelles gesagt, nichts, was Ansprüche macht. Aber das Alte, schon oft Wiederholte lebt. Und das ist gut. Wir wollen alle nichts mehr, als daß dieses Lehen der Ideen in den Fin/cluci! fest* wurzle; nur so reift die Tat, zu der jeder von uns bereit seht muß. liier spricht etwas vom Bereitsein. Und das ist gut. Von den sichen kurzen Aufsätzen, die alle wir• kungsvoll ansgenrbeitet sind und schon durch ihre einfache, klare Form die Wirkung haben müssen, die sie wünschen, zieht die kurze Betrachtung ״Wille und Kampf“ von Gustav Krojanker am meisten an. Mit vieler Feinheit werden hier die psychischen Onimliagcn der Argumentation hcriihrl, und hier klingt etwas durch, was eigentlich schon in die weiten // י׳ ה״ן־ י;<:׳/ י"־■׳ י־׳ •׳, י ן יד! ח וח r,׳p <-יךי [j Z~raL..JU u.. A.;*1.Li tjk. JLi u Damit die Zustellung der ״Jüdischen Rundschau“ ordnungsmäßig erfolgen kann, richten wir an die Herren Ortsgruppenvorsteher sowie unsere Einzel-!nitglieder das höfliche Ersuchen, uns von Adressenänderungen umgehend Kenntnis zu gehen. Bei Reklamationen über den Nichterhall des Blattes konstntiercn wir in den meisten Fällen, daß das betreffende Mitglied verzogen, ohne uns seine neue Adresse anzugoben Verlag ״jikZiccfcc Rundschau“ BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8 ständig war, Jude zu sein, war nicht zum wenigsten daran schuld,!laß er immer mehr ein Fremder im eigenen Mause wurde. Als ich, der Jüngste von fünf Kindern, II Jahre alt׳war, ,starb mein Vater. So lange er lebte, hatte mau wenigstens noch etwas Rücksicht auf ilm genominell und jüdischen Dingen gegenüber, wenn auch mir äußerlich, ein angemessenes Verhalten heobaelitet; als das nach seinem Tode niciit mehr nötig war, wurde es ganz arg damit. Vor den meist christlichen Bekannten, die zum Teil gesellschaftlich unter uns standen, wurden jüdische Dinge nicht berührt, und wenn wir unter uns waren, sa waren sie höchstens Gegenstand kindischer Witzeleien, Dieses Milieu wirkte ohne irgend ein Gegengewicht auf mich ein. Am jüdischen Religionsunterricht, der damals fakultativ war, nahm ich nicht teil, worauf ich einigermaßen stolz war. Ucbrigcns war der Unterricht damals nicht dazu angetan, hei den Jungen Interesse für das Judentum za wecken. I fauptsäehlieh lag das daran, dal) die l.chrer, wenngleich meist achtbare Männer, sieh nicht die geringste Autorität hei den Schülern zu verschaffen wußten. Auch Barmi/wah hin ich nicht geworden. Daß ich zur Zeit der hohen Feste regelmäßig nicht wußte, daß wir Feiertage hatten, ja, deren Namen nicht einmal genau kannte, hat mich später einige Male in recht tragikomische Situationen gebracht. Als ich Primaner war, nahm ich auf Zureden des Rabbiners an dem damals in unserer Stadt fi'ir die Schüler der höheren Gymuasialklasseu eingerichteten Selektaiinlerrieht teil. Diese Unterrichtsstunden waren ein pädagogisches Monstrum. Der Rabbiner, der selbst diese» ‘Unterrieht erteilte, wurde von uns ganz, offen und ungeniert verulkt; die Antwort auf seine Fragen, wenn wir überhaupt eine solche gaben, lasen wir vor seinen Augen frech aus dem Lehrbuch ah. I lehräiselie Worte und Namen waren uns eine nie versiegende Quelle kindischen Vergnügens; wir rkTcu sie «ms halblaut kichernd zu und verdrehten sie sinnlos in endlosen Variationen. Die Unverschämtesten, zu denen ich gehörte, suchte der Lehrer durch übertricbcncs und gänzlich unverdientes Loh freundlich und friedlich zu stimmen: wenn so eine!• ihm ein Gebiete unserer Sehnsucht reicht und was vielfach den Schlüssel gibt für die Eigenarten der Judenscele: ii.nalidi die Sehnsucht, den Verstand unserer (ioliisjahrlmmlcrte einmal, einmal zur Seihst- Verständlichkeit zu formen, den Sinn für die Relationen wieder in den Sinn für das Dingliehe zu wandeln. ״Der Zionismus ruht nicht auf dem Fundament unserer Beweise, sondern unsere Beweise ruhen auf dem Fundament: unseres Willens, der Zionismus heißt. Und unser Wille ist uuwiderlegbar.“ Und daraus entsteht die Wonne, Kämpfer zu sein. Lebenswonne. Diese Darlegungen sind aus freiem, neuem Sinn geboren. Vielleicht nächstens mehr davon. Die Kürze drängt. Und sic erlaubt es nicht, über die anderen Abhandlungen mehr zu sagen als sie zu erwähnen. Der klare Aufsatz Richard Lichtheims ״Der Zionismus und die Jugend“, der z.um Zukuufisinn der Jugend spricht, und die starken Worte ״Palästina im Zionismus“ von Dr. Elias Auerbach, die deutlieh den Weg der Lösung künden, nämlich, daß Palästina nicht das Ideal, sondern die Wirklichkeit im Denken und Tun des einzelnen Juden, des einzelnen Zionisten werde, seien hier besonders genannt. Guter Geist lebt in alien Aufsätzen dieses Schriftchens. Manche (dien und Anschauungen liegen mehr in dem starken Fühlen und Wollen eiligebettet als in ruhiger, historischer Betrachtung, So ist die Anschauung von der Assimilation, ihren Zielen zur Zeit ihrer Entstehung mul ihren Irrtiimern, mifgeschn.ipptes und unverstandenes Schlagwurt patzig eiilgegeiisciiiuettertc, so versicherte er diesem mit mikieni Lächeln, er stehe mit seinem Wissen ,,auf der I lühe". Ein Intermezzo gelegentlich dieses Auserwählteii• Unterrichts ist mir unvergeßlich geblichen. Von dem Fenster des Partcrrc/iiuiucrs aus, in dem die Selehta tagte׳» sicht der Rahbi, wie auf »lein Platze vor dein Hause Zöglinge des jüdischen Waisenhauses mit Seliiiecb.tllcn werfen; er ruft sic herein mul stellt .sie oh dieses Verbrechens streng zur Reite, Da tritt ein kleiner Makkabäer vor mul erklärt trotzig: ״Die fremden Jungen haben uns mit Schnee geschmissen, und da haben wir wieder geschmissen," ,,Was," sagt der Rabbi, ״wenn amlcie euch hauen, haut ihr wieder? Wenn ,liniere euch hauen, dann läuft ihr weg!" Und dann grollte er hinter den abzichvnden Dreien: ,,Solche Bengels, haben nichts uml sind noch »111• verschämt!'‘ Man kann etwa ermessen, was dieser sonderbare Sorgcr jüdischer Seelen au menschlichen und jüdischen Worten in unsere Nerzen pflanzen konnte. Dieser Selektauiitenielit war das einzige Ju• disclie, das bis zu meinem seelisiimldreilligslen Jahre in mein Lehen trat. Und doch blieb mich davon eine Kleinigkeit, eine winzige Kleinigkeit in mir zu- ,nick, der ich cs aber vielleicht verdanke, (lall es noch einmal anders mit mir wurde. Einmal endete der Vortrag, der übrigens jeder Wärme entbehrte, und, da er keinerlei Interesse für die Sache verriet, auch uns ein solches nicht vermitteln konnte, mit dem Hinweis auf einen bevorstehenden Kampf zwischen Rom und Jrnläa. Das interessierte mich. Römer und Juden! Die verachteten und verspotteten Juden gar als Kämpfer in einem richtigen Kriege gegen römisihc Legionen, wie Hermann der Cherusker oder der grolle llaunibal! Fs war damals das Jahr ISSS, eine Zeit, ganz dazu angetan, einem wie mir den letzten Rest natürlichen Slaiiiiuesstolzes aus der Seele zu peitschen mul in den Juden nichts anderes mehr zu sehen als das, was uns die anderen täglich über uns in die Ohren schrien. Aber der oft genug ciiipfuinli'Mc bittere Seliuierz des Jiuleseius hatte doch manchmal, mir kaum recht bewußt, etwas in mir auf• steigen lassen, wie ein ipialvoll sehmer/lielies Verlangen doch protestieren zu köiuieii, nicht nur mit seihst kaum geglaubten Redensarten und im besten Falle mit Ohrfeigen, sondern mit Tatsachen, die vor allen Dingen mich seihst überzeugen könnten, daß das alles nicht wahr sei, womit man uns so schmählieh beschimpfte, und wir nicht schlechter waren als die anderen. Die nächste Stunde schwänzte ich nicht, wie ich das oft und gen» tat, sondern ging sogar mit einiger Erwartung hin, und was mich lüntriel), war mehr als bloße Neugierde, Aller ich wurde enttäuscht. Unser Rabbi, der Wold kein Freund von Krieg und Kriegsgeschrei war, glitt kalt und rasch über die Dinge hinweg: Die Juden wurden nach tapferer Gegenwehr besiegt, die Stadt und der Tempel verbräunt, Das war alles. ״Und die schönsten mul stärksten Jünglinge,“ so schloß er, ״wurden nach Rom geschickt, um dort im Tritimpli/iig des Titus vorgeführt zu werden". Dieser Tritiuiphzug des Titus, den der Senat ihm Wohl nicht für leichte Arbeit bewilligt hatte, und die schönen uml starken Jünglinge, die gegen Rom gefuchten hatten, sie warei: das einzige, was aus jenen denkwürdigen Lehrstunden hei mir hängen blich; meist im Untcrbcwußtseu» vergraben, aber die naturgemäß oft berührt wirij, nicht mir aus den Kampf des Tages zu begreifen, sondern auch aus der historischen Betrachtung. Da verschiebt sich das Bild, ttud die Assimilation ist auch ein Faktor ייי י Judentum, nicht nur gegen dasselbe, wenigstens zur Zeit ihrer Anfänge. Doch das Büchlein ist mit Recht dieser Betrachtung aus dem Wege gegangen, die mehr in dunkle Vergangenheit und schwere Zukimft als in den hellen Tag der Gegenwart führt. Es atmet aber aus den Worten, die hier stehen, frisch uml lebendig, lebemvoUcud und dämm lebendspendend und führt in neue, nahe Femen, die — hoffentlich —• auch eine Hcr/.llegcndo in dem Schoß ihrer Zeiten bergen. Das Büchlein schließt mit einer solchen ״Legende von Theodor Merzt“. Zu viel Ungeduld! Tun wir das, Was 1111 s not tut 11 n d d cm Volke, dau» wird sich das Volk seine Legende selbst schaffen. W i r sind noch zu sehr von des Gedanken Blässe angekränkelt und unsere Legenden können leicht durch Ucberschwang das Naive ersetzen, das uns noch fehlt, und so das Natürliche uml Wahre verlieren. Und gerade dieses Natürliche ist ja der Sinn unsere* Strcbciis, Das vorliegende Sdiriftchcu spricht viel Gutes davon mul wird sicher Freunde fimlcn. Das ist and» mir zu wünschen. Chnriottenbnrg. Siegfried Schmitt.