Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 361 | Fanny Wolffsohn [ 1*ine Trauerkunde hat uns ereilt. A1״ Montag den!0. September, starb in linde״{!■״den Frau WoÜfsolm, Uie Gattin unseres David Wolffsohn!״! 53. J-ilire ihres Lebens. Line Herzkrankheit, an der Kran Wolffsohn schon seit längerer Zeit litt, hat mc mm mit jäher Tücke hinweggerafft. Die Leiche wurde nach Köln überführt mul aiu 1<). September auf dem Deutzer Friedhofe bestattet Viele Freunde des Wolffsolmsclicn Hauses, dem die Verdorbene freundlichen Glanz in ihrer zweiunddreißigjährigen .glücklichen Ehe mit David Wulff, solui gegeben hatte, nahmen an dem Leiel1e»bcg.;ing• nhw teil. Das L. A.(., war durch Dr. Schiiiarjahu Le wiu, die ״Zionistische Vereinigung für Deutsch• 1.1ml" durch Dr, Heymnnu vertreten. Herzlichste Teilnahme wendet sich David Wulff, söhn zu, dem seine treue Gefährtin entrissen wurde.!)";•!ו auch die Bewegung hat einen schweren Ver■ Iuni erlitten, denn eine der zionistischen Frauen, die durch ihr jüdisches Empfinden und durch ihre hin• gituiiigsvolle Arbeit für die Sache des Zionismus vo( bildlich sind, ist mit der Verblichenen dahingegaii :eu. Die zionistischen Frauen bringen olinehiu schwere Opfer: denn sie müssen vor allem sehr ofl auf die beschauliche Häuslichkeit verzichten, da die Männer durch die Volksarbeit in fernes Treiben jjcinhrt werden. i>och Fanny Wolffsohn fiigle diesem OpH׳r, diesem Verzicht ein Mehr hinzu; sie nahm selb■( Anteil an all den Arbeiten, die David Wulff- «׳lins prominente Stellung in der Bewegung ihm auli rlegen. Sic war seine treue Begleiterin auf allen Kongressen, folgte ihm auf seinen grollen Reisen nach Südafrika und Palästina. Und Fanny Wolffsohn hat mit intuitivem Frauen• blick erkannt, dal! die jüdischen!*rauen 'in 1111• *1׳rer Bewegung segensreiche Arbeit leisten können, gerade für die Frauen Palästinas und ihre Zukunft. Sie war es, die die Gründung des Verbandes jüdisehei* Frauen für Kulturarbeit in Palästina anregte mul als dessen Lhrcnpriisidcntin mit Umsicht und Liier die Sache des Verbandes förderte. Fanny Wolffsolins Name ist mit der David und Fanny Wolffsohn-Stiffung für Arbciterhiiuser in Pa• läMina innig verknüpft, mit einer Stiftung, die ge• rade jetzt, wo die Jcmenitcnciiiwanderting nach Pa• lästina neue Kräfte bringt, von grober Bedeutung ist. Und da wir alle Fanny Wolffsolins Andenken liochhalten — denn sie war uns viel —, so ehren wir ihr Gedächtnis am meisten durch Förderung׳ des t ebenswerkes, dem sic gedient. Darum mögen alle, die ihrer Teilnahme, wie cs bei uns bei solchen traurigen Anlässen immer geschieht, durch zionistisehe Spenden Ausdruck geben wollen, dies durch Spenden fürdie Da v i d u n d Fanny Wolf f• so 11 n*Stiftung tun. So wird das Andenken einer Frau, deren Wirken uns teuer war, am schönsten geehrt, geehrt durch Förderung eines Werkes des Lebens. Und Fanny Wolffsolins Gedenken ist blci• bend. Das soll und wird es auch sein! Her Vorstand des Verbandes jüdischer Frauen fiir Kulturarbeit in Palästina, dessen Vorsitzende Frau Wolffsohn war, sendet uns folgende Würdigung der Persönlichkeit und des Wirkens der Verstorbenen: Sachen erreicht uns die tieftraurige Nachricht vom ,cblebcn unserer hochverehrten Vorsitzenden Frau Fanny Wolffsohn. Seit langer Zeit verfolgten wir alle mit inniger Teilnahme den verhängnisvollen Gang ihres schweren Leidens, doch keiner konnte glauben, ‘lall das Ende so nabe bevorstand. In den letzten Jahren, als wir alle um die Gesundheit des Herrn Wolffsohn besorgt waren, konnten wir ihre tapfere Hallung und die treue Pflege, die sie ihrem Manne angvdeihen ließ, bewundern. Kaum aber hatte er *eine Kräfte wiedergefunden, als der körperliche Zu• *ainmenbruch über sie kam. Still und tüchtig ist ihr ganzes Leben, gewesen. Wie sie in rührender Treue für Ihren Mann gesorgt hat, so war sie auch immer bereit, anderen zu helfen. Als sie von ihrer Palästinareisc zurückkant, war sie es, die den Ge■ danken anregte, cs müßte etwas für die dortigen Kinder und Frauen geschehen. Mit ihrem ganzen Herzen war sie bei uns, als unser Verband ins Leben Berufen wurde. Es war ihr nicht bcschieden, sich kngo an seinen Erfolgen zu erfreuen. Nun sic von U(ls gegangen ist, fühlen wir alle, wie nah sic uns Bestanden und welch warmes, echt jüdisches Empfin• den sic beseelt hat. Wir fühlen auch die ganze Schwere des Verlustes, der ihren Gatten, unsern ver• ehrten David Wolffsohn, getroffen hat und trauern mit ihm aus tiefstem Herzen. Möge es ihm zum Trost werden, daß so viele an seinem Schmerz Anteil ״Hirnen und in tiefer Verehrung an die Heim• Begangene denken, Nach alter jüdischer Sitte, die ״״* Zionisten besonders teuer ist, rufen wir ihm zu:!הטקוס ינחם אוחך עם שאד אנלי ציון ויחשלם Die der Tat Gestatten Sic mir, sehr geehrter Herr Redakteur, daß h-b sine ira et «tmllo zu der in Ihrem geschätzten Blatte linier obgcnamitcm Titel erschienenen Anrc« gung Stellung nehme. Die Arbeit, oder besser gesagt, diese Anregung, dieser Vorschlag ist so einseitig, so ganz subjektiv behandelt worden, daß er zu einer Erwiderung gerado/u herausfordert. Was Wunder — wir leben in einer Zeit der regsten Beteiligung ain öffentlichen Lehen. F.in Erwachen bisher tuttätiger, weil zur Untätigkeit verdammt gewesener Elemente, macht sich überall bemerkbar, jeder glaubt die Lösung des Gohitli-Prnblems gefunden zu halten, jeder glaubt ein neuer Heiland zu seilt •-־ — — Neue ,,Ideen" tau* dien auf, dl»! ״Meinungen׳׳ treten sielt gegenüber. Elite Polemik entbrennt. Sie tobt in der Presse, atif der Tribüne der Kongresse, in den Volksverstimm• hingen. Jede Anschauung will recht behalten, jede 1111t ihre Argumente, jede nimmt ״Gerechtigkeit,״ ״Notwendigkeit״ ,׳׳Zweckmäßigkeit׳׳ für sielt in Ansprtich. Anfangs steht die Masse als Zuschauerin diesem Kampfe gegenüber, bald aber muß sie Partei er• greifen, muß mllki’inipfeii fiir diejenige Ansicht, der sie Richtigkeit zticrkeuut. Psychologische Wechsel• Wirkungen werden also durch die Intellektuelle Beehilhissung »Ich einen durch den anderen hervor* gerufen. Und ich bin »1er Meinung, daß der Intellekt »les Menschen der Einwirkung anderer Intellekte geradezu unterworfen ist, wie der Wille des Menschen durch den Willen eines anderen bestimmt werden kamt. — — Herr Silberbusclt behält insofern in seiner Arbeit recht, als daß die Suggestion eine Beeinflussung hervorruft; was aber die nationale Erziehung in der Diaspora betrifft, so tastet mein lieber Gesinnungs* genösse gar sehr int Finstern, er steht auf einem Vulkan, der jeden Moment auszubrechen droht. Was soll also sein Vorschlag besagen? 1. Sollen die Juden zur Landwirtschaft herangezogen werden, um sich ihre ökonomische Lage zu verbessern, um auf diese Weise national erzogen 7.u werden; sie sollen zum Binden der Garben als Fchlnrbeltcr, als Schnitter verwendet werden. 2. ,Sollen die jüdischen Akademiker in dieser Hinsicht bahnbrechend sein; sic sollen ihre Ferien• zeit auf dem Lande verbringen und sich als Feld• nrbeiter nnstcllcn, um uns die jüdische Masse zur Nationalisierung zu führen. 3. Sollen die jüdischen Studenten sich nach Palästina rüsten, um durch ״die Suggestion der Tat" die jüdischen Massen anfzuriittcln. Bevor ich seine kleinen Irrtümer widerlege, will ich diese drei Fragen beleuchten, in erster Linie darf Herr Silberbusclt nidit von Juden im allgemeinen sprechen, es kamt höchstens von den Juden der Bukowina die Rede sein. Wieviel Gutsbesitzer zählt Herr Siibcrbusch in der Bukowina, die Juden beschäftigen möchten? Hat er etwa vergessen* daß die Juden der christlichen Bevölkerung keine Konkurrenz bieten dürfen, daß speziell ein jüdischer Großgrundbesitzer durch die Verwendung jüdischer Emigranten fast einen Pogrom lieraufbescltwor? Hat der geehrte Artikelsehreiber die Statistik der Auswanderung der Bukowinacr Bauern, die alljährlich zunimmt, übersehen, hat er von der Masscnauswandcnmg nach Brasilien nichts gehört? Abgesehen davon ist der .zur Auswanderung gezwungene Bauer materiell noch immer besser bestellt, als der arme Schenker oder Greisler. Was soll dieser jüdische Feklarbciter nach der Ernte tun, wie soll er sich und seine Familie weiter ernähren? Schwerlich wird er einen Winterschlaf aushalten können! Welche Erwerbszweige bietet sonst die industriearme Bukowina? Und wo liegt hier eine na• tionaie Erziehung? Forschen, denken ist der charak• tcristische Grundzug des Qolutbjudcn, und dieser Grundzug eben hat das Judentum bis heute erhalten. Es würde zu weit führen, wollte ich noch andere Argumente für die Nichtigkeit der ersten Frage anführen.׳ Daun ergeht sein ״prophetischer" Ruf an die Studenten. Diese sollten durch ״die Sug. gestion der Tat" das Volk aufs Feld führen. Wieviel Studenten wären nach der Ansicht des Herrn Silberbusclt dazu entschlossen? So ideal sind wir nicht, als daß wir glauben könnten, die Studenten werden ihren Plato, iltren Horaz, ihren Goethe aus der Hand legen und zur Sichel greifen. Eine solche Begeisterung hat die Bukowinacr Studentenschaft noch nicht erfaßt und wird sic auch wahrscheinlich niemals erfassen. Andere Aufgaben harren der jüdischen Jugend in der Diaspora: Die Ausbildung, die Schaffung von In• dividiialitätcn ist ihre erste Aufgabe. Uijscrc akndemische Jugend ist berufen, dem Volke Bildung, gesuiuk^ Leiten zuz.uführeti, und muß deshalb sich selbst *gründlich ausbilden. Unsere Jugend muß sich in erster Linie ins nationale Leben vertiefen, denn gerade aus der eigenen Vertiefung quillt ein inniges Verständnis für die großen Fragen unseres Volkes, gleichwie dieses in vielen Dingen den Blick ungcmein erhellt und erweitert. Unsere Jugend muß ferner die zionistische Idee propagieren, sie mul) in jeder noch so kleinen Gemeinde ihren Mann steilen, muß Bilüungsvcreinc ins Lehen rufen, Hihüothekcn schaffen timi zumindest einmal wöchentlich in den zu gründenden Lese- und Toynhcchallcn Vortrags- und Diskussionsabende veranstalten. Unser Proleiariat ist größtenteils in »len Städten und Städtchen ansässig, nicht aber in den Dörfern; es ist noch nicht so sehr abgestumpft — wie Herr Siibcrbusch meint — daß es gegen Zuführung von geistiger Nahrung sich sträuben sollte, Bis heute haben unsere ״Offiziere" sich seihst nicht getraut, sie wagten sich äußerst selten in ein Dorf, um dort die zionistische Idee zu propagieren, höchstens, wenn cs galt, die Wahl des Abgeordneten X oder V »lurch/usetzrn. Statt selbst tatkräftig cinzuschrciteii, statt selbst Eil• diiiigsvereinc ins Leben zu rufen, greifen sie zur Feder und machen V»»rstl1liige, die andere befolgen sollen. Fahren mögen diese ״Offiziere", wie nie der geehrte Artikelschreiber mit Stolz nennt, in die Dörfer, um Schulen ins Leben zu rufen, um die heran* wachsende Jugend ethisch zu erziehen, und nach Jahren haben wir ein schönes Material für Palästina!') Nun zur dritten Frage. Meiner Ansicht nach wür* den die Studenten mehr dem jüdischen Volke nützen, wenn sie die Erziehung der Masse bewerkstelligen sollten, als noch einige Eehlarheitcr in Palästina ab• zugeben, Gebt den armen Familien Mittel und Wege und sofort brechen sie nach Palästina auf. Welche Sorte von Studenten sollen nach 11er Ansicht des Herrn Silberbusch nach Palästina? Die Reichen, die stehen noch unserer Bewegung fern. Die Armen haben gar keine Mittel dazu. Unsere Fonds sind noch nicht so stark, daß sie auf ihre Kosten Kolo nisten nach Palästina schicken können. Noch auf einige kleinere Irrtümer möchte ich aufmerksam machen. ״Das jüdische Proletariat des Ostens kennt den Zionismus noch gar nicht", meint Herr Silberhusch. Eine sehr vage Behauptung! In erster Linie ist es unklar, was er mit ״Osten" meint. Gewöhnlieh faßt man unter diesem Namen Rußland, Rumü* uien, Galizien und die Bukowina zusammen. Herr Silberbusch nimmt also an, »laß das russische Proletariat keine Ahnung vom Zionismus hat. Iluti scheint es entgangen zu sein, daß die dortigen Volksmassen den Zionismus zu gut kennen, nicht aber bekennen. Unser Herr Artikelsclireibcr denkt beim Worte ״Osten" wahrscheinlich an die Bukowina, und auch liier treffen seine Behauptungen nicht zu, ״Unsere Versammlungen besuchen sie nicht", klagt Herr Silberbuseb. Das ״warum" tilgt auf der Hand, weil der Eintritt mit 1 Krone beziffert ist. im übrigen ist seine ganze Anregung bloß eine leere Phrase, die im Westen — wo unsere lokalen Verhältnisse eine terra incognita sind — die Spalten einer Zeitung ausfüllen können. J. K . .n. Jüdische Nomadcnstamme in der arabischen Wüste Wie wir kürzlich unter Vorbehalt berichteten, ist vor kurzem in Palästina ein Jude aufgetnuebt, »ler aus einem Dorfe Han El-Morjan, 12 Tagereisen von Bassora, zu kommen behauptete, und angab, daß er einem jüdischen Nomadeiistanun angchörc. In der Nähe von Bassora existiert nun, wie ein Korrespondent der ״N. J. K." feststcllt, kein Dorf, das den Namen Han El-Morjan trägt. In Bag* dad gibt es ein Stadtviertel unter diesem Namen, auch befindet sich in einer Entfernung von 12 Tagereisen yon Bassora in der Wüste Ncdjcd ein kleines Dorf Ein El-Morjan. Es sei bemerkt, daß die arabische Aussprache im Ncdjcd sehr rein ist und daß das Wort ״Han", welches aus dem Persischen stammt, in dieser Gegend nie gebraucht wird. Man erzählt in Bassora sehr viel über jüdische Nomadenstänune, die in der arabischen Wüste leben, aber nur wenige alte Leute erinnern sich, sic gesehen zu haben. Sie kleiden sich wie Araber und fürchten sogÄT, ihren Glaubensgenossen;:u sagen, daß sic Juden sind. Ich habe »len Häuptling eines Beduinen- Stammes darüber befragt, und er gab mir folgende Erklärung: ״Ich glaube, »laß cs Israeliten im Ncdjcd gibt, doch sie wagen nicht, das offen zu gestehen, denn wir würden sic alle töten." — Die Muslims von Ncdjcd sind in der Tat sehr fanatisch. Einige Hadjis (Mekknpilgcr), die von mir befragt wurden, gaben mir folgende Nachrichten: Auf dem Wege von Bassora nach Mekka befindet sich ein Judcnstamm, der fünf Silberstücke von jedem vorbeigehenden Pilger erbebt. Als ich sie fragte, woran sie erkennen, daß dies Juden gewesen sind, antworteten sic mir, daß man in diesem Stamm am Samstag nicht arbeite, und wenn Pilger an diesem Tage vorheikommen, gehen Weiber ihnen das Geld obiielunen. Es existiert außerdem ein arabischer Volksstatnm ״Beni-Sakhar", dessen Religion sich von der mus- *) In der ״Welt" ist von mir eine Arbeit ״Ueber die Jugend und ihre Aufgaben" erschienen. XV. 39.