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Jüdische Rundschau · 1912-09-20 · Heft 38 (20.9.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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nuis von jüdischer und nicbtjüdischer Seite heleuchtet wurde, daß also Avenarius den denkbar objektivsten Standpunkt angenommen hat. Das alles wird verschwiegen. Dafür stempelt mau Avenarius /.um Antisemiten 11ml ist mm der heiklen Aufgalie enthoben, sich mit dessen Au- Eichten auseinander/uset/eu. Ist das nicht pfiffig? Was ist aber die Folge solcher Taktik? Der Antisemit glaubt wieder einmal Verlegenheit und Unaufrichtigkeit als jüdische Volkseigenschaften feststellen zu können. Der Normaljude, begeisterter Verehrer des ״Tageblatts׳‘, ahmmgslos, des Wissens bar, lebt fort in dem Ghetto seine»• jüdisch-liberalen Anschauung. Und Ave• narius selbst? Er ist wold zu kultiviert, um daraufhin Antisemit zu werden, und wird zu unterscheiden wissen zwischen jenen, die, weil sic unfrei sind, nach Domcslikcnnrt handeln müssen und den nuftechten Juden, die ihrer Sonderart sich bewußt, mit dem Stolz und der Geradheit des freien Mannes Ihre Angelegen• heben erledigen.- Wir Zionisten aber sollten uns immer darüber klar sein, daß wir nicht nur die Wahrheit finden, wenn wir auf den sittlichen Unwert der jüdisch-liberalen Politik hiuweisou, sondern auch unser»»» Volke nützliche Dienste erweisen, wenn cs uns gelingt, sie unschädlich zu machen. Wir bilden uns nicht ein, den Gegensatz überbrücken zu können, wollen aber, soweit es an uns liegt, dafür sorgen, daß er gegenseitigen Respekt nicht nusschlicßt. Darum kam» der wahre Nutzen für uns nur in einer ehrlichen, aufricliiigen selbstbewußten jüdischen Politik liegen. Wien als Kongreßstadt Einer der wichtigsten Beschlüsse, den die Jahres• konferenz zu fassen hatte, war die Entscheidung• über den Ort des elften Kongresses. Am Anfang• der Bewegung war cs beinahe gleichgültig, wo der Kon* greß staltfaiul; denn er fügte sich in1 ilcu Rahmen der übrigen intern-organisatorischen Arbeit der Bewegung dt» mul halte gewissermaßen keine weiteren Kreise zu ziehen. Der Zionistcnkongrcß war ein Uebcrblick über die Bewegung und ihre Ziettiitigkcit. Ilun ge• niigic Basel. Heute ist das anders geworden•. Jetzt ist der Kongreß über seinen ursprünglichen Uahmeii hinausgewachsen; er ist nicht bloß Uebcrblick über die Bewegung und ihr Ziel, sondern er zieht weitere Kreise, er hat über das rein Organisatorische hin• aus auch die Aufgabe, die Verbindung zwischen der Judcnhcit und der Bewegung zu erproben und die treibenden Kräfte der Bewegung darztdegen. Diese treibenden Kräfte aber liegen in der Leichtigkeit, rnit welcher sich der Kontakt zwischen den Ideen der Bewegung und der Judcnhcit stetig herstellen Läßt. Daß dies stetig der Fall ist, dafür gib» der Kongreß die Probe. Und darum ist es vor allem wichtig, an welchem Orte er tagt, ob der betreffende Ort die Möglichkeiten gibt für das, was der Kongreß darzutun hat. Gerade in diesem Sinne ist der Beschluß der Jahreskonferenz, Wien zur Kongreßstadt zu erwählen, überaus glücklich zti nennen. Die zentrale Lage Wiens, das der I laiiptkiiolenpunkt der Straßen zwischen dem Osten und Westen, Norden und Süden Europas ist, ist seit jeher bekannt. Die Verbindungen, die gerade für den Zionistenkongreß nötig sind, um in der ganzen europäischen Judcnhcit gehört zu werden, sind .hier geradezu durch die Natur ge* gehen. Doch diese Möglichkeiten allein würden nicht genügen, wenn nicht eine Reihe anderer glücklicher Umstünde dazu beitragen würden, daß diese Möglichkcitcn auch in Wirksamkeit treten. Wien ist der Mittelpunkt eines Staates, der — nächst Rußland •— die größte jüdische Bevölkerung in Europa hat, und die Stadt selbst bat eine Judengemeinde ,׳,on 18 000 Seelen. Es gibt nun keinen Staat, in welchem der Konnex zwischen Hauptstadt witi Provinz — bis ln die entferntesten Winkel der entlegensten Provinzen — ein so inniger wäre, wie Oesterreich Was in Wien geschieht, durchliebt das ganze Land bis an seine äußersten Grenzen, Das mag vielleicht daran liegen, daß der ganze Staatsapparat in Wien seinen einzigen natürlichen Mittelpunkt hat; denn der Staatsapparat Ist d eu t s c h, und Wien ist die einzige deutsche Stadt von Bedeutung, die cs in Oesterreich gibt«. So ist es denn klar, daß der Kongreß in Wien vor allan sofort seine Verbindung mit der österreichischen Jmlenlicit haben wia'. ' Und diese Judcnhcit ist wohl eines der wichtigsten Elemente, das sozusagen für die Resonanz der Bewegung im Volke in Betracht kommt. Die zwei Millionen Juden, die in der Oesamtmonarcliic wohnen, geben gewissermaßen das verkleinerte Abbild aller Nuancen des ganzen Diasporujmlcutums in Wirtschaftlieber, sozialer und kultureller Beziehung. Von der Bukowina über Galizien, Mahren mul Nicdcröstcrreich bis Böhmen sind alle Schichtungen und.Schichten, die »las Judentum hat, vom Liimpeiiprolelaihr äuge• fangen zum Händler, llalbhaiier, Handwerker, bis in die Sphären des (Irulihamlcls mul der (iroßiudustiie vertreten, mit all ihren sozialen ()lieilermigcn mul den kulturellen Eigenheiten, die sich in der Gesclilossenlicit der galizischen Jmlenmassen und auch in der aufgelösten Gemeinschaft der ״Großjuden" zeigen. Und das getreue Abbild dieser Nuancen mul Schichten ist die jüdische Bevölkerung Wiens, wo sich die jüdische Physiognomie der l.eopohlstndt mul des Kais, des Alsergrunds und Marialiilfs in ebenderselben eigenartigen Weise nuancieren, liier wird das, was der Kongreß sagt, von vielen Ohren gehört werden, die in ihrer Weise für Töne empfanglieh sind. Und dank des eigenartigen Bandes zwischen Hauptstadt und den entfernten Lamlcstcilcu wird das Wort des Kongresses überall liinhallen. Und gerade diese Vielfältigkeit der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs und Wiens ist an» ehesten aufnahmefähig für das, was der Sinn der Bewegung ist und was der Kongreß sagen m u li. Wien als Kongrcßsladt wird aber auch dem, was der Kongreß sagt, ein Helm dort wecken, wo wir gehört werden wollen, im Osten Europas unter der Judenbeil mul int Orient. Denn die Wege /.um Orient führen durch die Pforten Wiens, Die starke jüdische Bevölkerung Wiens, die ihren jüdischen Sin« stets regsam hält, das Interesse der so zahlreich iiuaneierten und vielleicht eben deshalb für den Einluitswert des Judentum* um so empfänglicheren jlidisehe» Bevölkerung der Monarchie, endlich die stets regen Verbindungen mit dem Osten und dem Orient werden das geben, was der Kongreß will und hezweckt: die Probe auf die Verbindung zwischen Judenheil mul Bewegung. Rein äußerlich wird sieh das schon durch einen Massenbesuch des Kongresses dokunicuticrcu, Es ist der erste Kongreß — mul das ist bedeutsam —, der den jüdischen M a s s e 11 w i 1• k I i c h nahe gerückt i s t. Und das muß der!־'all sein beim Kongreß wie bei der Bewegung selbst. liier eröffnen sicli gerade für einen Kongreß in Wien Perspektiven von großer Wichtigkeit. Denn mit guter Arbeit und dem rechten Wort werden wir hier überallhin gehört werden, und man wird im* slamlc sein, uns richtig zu werten. Die Voraussetzimg ist, daß wir wahre Werte haben. Und die schafft unsere Arbeit. Au Interesse für unsere Ziele — die ja durch die stets sich aushrcitcndc Bewcgtmg in Oesterreich mul Galizien zu einem wichtigen Faktor für die österreichische Judcnhcit wurden —, ebenso an freundliche^• Aufnahme wird cs uns nicht fehlen. Denn Wien ist als liebenswürdige Stadt durch die Gastlichkeit ihrer Bevölkerung — seien‘cs Juden oder Nichtjuden — bekannt. Die Gastlichkeit der Juden ist übrigens eine alte Eigenschaft. Es könnte den Anschein haben, als oh sie gerade in Wien durch Eiitjmliing in Vergessenheit geraten wäre. Daß dies nicht der Fall ist, das werden In Wien nicht die Wenigen, sondern die Vielen, die Massen heweisen. Ihnen gilt unsere Arbeit, lind zu ihnen kommen wir diesmal. Das ist der größte Vorzug des Wiener Kongresses. Der Name ״Wiener Kongreß" ist mit einem he- (lentsamen Ereignis verknüpft; ein Kongreß in Wien gab einmal den Grundstein zur Einheit Deutschlamls. Der Zionistenkongreß in Wien wird das Werk der jüdischen Einheit fördern, wenn er mit Wert und Würde kommt. Alle Voraussetzungen dazu sind in Wien gegeben. Es ist au uns, sie zu nützen. Cbailottenbiirg. Siegfried Schmitz. U111 die Jalireskonferenz Und sie gruben dort einen -Bruiineii..,. Bruniiemlchatte. Wir haben den ersten Tiefbruunon über 150 nt in Palästina gebohrt. Heftiges Für und Wider. Die einen bemängeln die hohen Kosten, die für das Werk «»!(gewandt wurden, die anderen weisen nach, daß die Aufwendungen, die bei gewöhnlichen Bohrungen alten Systems nicht übersteigen. Und es wurde Pionierarbeit geleistet... Der rege Wortwechsel vermag meine Aufmerksamkeit nicht mehr z.ti fesseln. Meine Gedanken eilen weit zurück, in vergangene Zeiten: vor viertausend :יוס©־[!,©^ nach Empfang dieser Nummer bitten wir unsere Abonnenten den Betrog für d!w IV. Quartal 1912 an uns cinzuscndcn, damit in der Zustellung der Zeitschrift keino Verzögerung entsteht und Nachnnhmespcscn erspart bleiben. Jahren. Ein reicher cbraischer Herdeuhesitzer, Ahraharn, Ben Teruh aus Ur-Kasdim, läßt sich von seinen Knechten einen Brunnen graben, damit er seine Herde tränken könne. Es entstellen < irenzstreilig. keilen mit dem niüehtigeu Scheich Abimelceh, Die Knechte des Sehelchs sagen: ״Es Ist u 1t * c r (inuul mul Buden, und de״ Biimiicii braueheu wir, um die I lerden unseres Herrn zu tränken I" — ״Und Abraham beklagte sich hei Abimelceh wegen des Brunnens, den Abimelcchs Knechte mit Gewalt gcnominell halten. Niemand kann wohl den Untergang der Nach• kommen Abimelcchs historisch feststellen mul nie* iiiaud den Assimilationsprozell verfolgen, dem sic etwa erlegen sind; wo und wann hat sie die Ge* sei 1 iel 11 e ve 1 sch In 11 ge 11? Und nach viertausend Jahren bauen wir dort wieder Brumien. Was kümmern mich die Kosten?t Erd ge nie 11. Wenn Scheiiuirjalm Eewin, Tschlviiow, oder einer der anderen spricht, die jetzt aus Palästina zurück* kehlten, dann lauseht die Versammlung gespannt, fast andächtig. Ihre Worte haben eine besondere Anziehimgskiaft, die den anderen Rednern fehlt. Der Erdgcrueh von Erez Israel ist es, der so auf uns wirkt. In der guten allen Zeit pflegten alle Gelehrte aus dein heiligen l.aiule in die Länder des (hilus zu kommen. Außer ihren frommen Lehren und den Schilderungen des gelicbieu Landes brachten sie jedesmal mit sieh auch ein Häuflein Erez Israel• Erde. Das war damals ein sehr gangbarer Artikel; und lauge wird es noch dauern, Ins man in Palästina solch hohe Dodeiipreise erzielen wird, wie diejenigen, die maneli alles Miitterlein für ein Häuflein der heiligen Erde gezahlt hat, auf der sie ihr müde* Haupt zur letzten Ruh gebettet wissen wollte. . . . Auch jetzt wirkt der Erdgcrueh Palästinas Wunder. Sogar auf manchen unserer ״Glaubensgenossen". Mil welcher Wärme hat man ihnen applaudiert, die jetzt gerade von einer Palästiuareise zurück* kehrten! Sellien cs doch, daß sie erst die enge »md unmittelbare Fühlung hcrstelltcii zwischen der Ver• Sammlung und dem Lande, dem ihre Arbeit galt Hoffen wir, daß diese realen Beziehungen bei jeder l.amlsmaiuiscliaft, jeder Gruppe und jedem einzelnen bis zum kommenden Jahre, das uns wieder zusam• inenfiihrl, wachsen mögen, damit auch der Wiener Kongreß befruchtet werde vom Erdgcrueh Palästinas. F c 1 d s t e i 11. Wir entwickeln uns, steigen und wachsen. Wir sind schon im Stadium der Arbeit. Zuerst kommt das Wort, die Debatte, ihnen folgt die Arbeit. Man debattiert ja gewöhnlich über etwas, das noch fehlt, das noch nicht da ist, das noch kom• men soll. Die Debatten sind ja der Ausdruck der noch nicht befriedigten nationalen Bedürfnisse, der Schrei nach der Befriedigung. Mit dem Beginn der Arbeit, mit de; Erfüllung, hört die Debatte auf, oder sic wird weniger laut. Man hat begonnen, in Palästina zu arbeiten, da wird nicht mehr debattiert. Auch die Organisationsfragen, die zum eisernen Bestandteil aller Kongresse und Konferenzen gehört hatten, sind von der Tages• orduimg verschwunden, seitdem die Organisation ge• festigt ist. Auch die gefährlichen Kiilturdehatten hören all* mählich auf. Ein gutes /eichen: man versucht wirklieh zu arbeiten, das E. A. C. nach seiner Art, der Misrachi — nach der seinen . . . Assa — we'al tilcliaiiiu, arbeitet und kämpft nicht! Statt einer heftigen Kiiltnrdcbatte — einen realen Schritt zur hebräischen Akademie durch Feldstein. Gemig der Worte, sie haben schon das ihrige getan, ihre Wirkung läßt sieh schon in Taten wahniehntcii. Die Konferenz bat Feldstein warme Ovationen dargebracht. Man hat aber nicht einem gewöhnlielicn Spender applaudiert, sondern demjenigen, der durch seine Spende beweist, wie weit wir schon auch in der kulturellen Beziehung gekommen sind, daß der Gedanke auch hier schon zur Tat gereift ist, dajll die Theorie schon in das Stadium der Verwirkliclmng hiiieingcwacliscn ist. Und diese KulUirsaat wird herrliche Früchte zei* *igen. Wenn Taten, Werte fehlen — stellen sich Worte ein. Und wem» es an Geld mangelt, dam» gihl’s eifervolle Debatten. Noch ein paar Jahre, die Zahl der Sclickelzahlcr wird wachsen, Wir werden auch Oeld haben — und auch die Budgeldebalten werden sich ruhiger ge• stellten. Ebenso steht es mit der politischen Aktion. ׳ Es gibt ein glänzendes und einfaches Mittel, langwierige Debatten zu vermeiden: cs ist dasselbe, das, wie man sagt, das Leben süß macht: Arbeit. Vom Wort zur Tat! . . . Dr. M. Sackhclm-Jardcni.

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