Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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r JUED1SCME RUNDSCHAU Seite 350 Eltern ich stamme, wie ich die Dinge sehe und wes• halb grade so und nicht anders. Hierin liegt der tiefere Grund für die Oberflächlichkeit aller l’olemik. Heißt aus dein gesamtzionistischen .Anschauung!!• kreis ein Tcilproblcn» — und man wird es häufig vor euch nur dialektisch beantworten können, weil dio Zeit fehlt, die eigentlichen Grundlagen auf*»• »eigen. Und doch zwingt ihr uns immer wieder, mit dem I30gcn zu schießen, wenn wir mit Kämmen auf• fahren möchten und könnten. Variierend denkt man an Hamlets Gleichnis von der Flöte; keiner möchte das Instrument spielen, der es nicht genau kennt! aber leichter ist cs, Zionistisches zu beurteilen, ohne von seinem Gefüge und seinen Bedingungen zu wissen. 1! Deshalb muß versucht werden, eine (man mochte sagen) Symphonie des Zionismus zu gehen; die Grund• lagen aufzudecken, aus denen das übrige erwachst, Da9 folgende will nicht mehr sein als der erste Gehversuch in dieser Richtung. Es mag einst manches besser und richtiger gesagt werden; manches ge• geben werden, was fehlt. I. Was ist der Motor alles Lebens? Der Erhal• tungstrieb. Nicht nur beim menschlichen Leben, sondern die ganze Entwicklung hindurch; heim F.i• wciOklümpchcn angefangen. Hunger und Liebe re• gieren die Welt; sic schaffen die Bedürfnisse, auf deren Ikiriedigung alles Lehen gellt. Das' lndivi• duum stillt Ilungcr und Durst; so wird ihm die Seihst• crhaltung verbürgt. Das Individuum befriedigt seinen Geschlechts! rieb, und so erhält cs seine Art. Das :Bedürfnis ist der Motor alles Lehens. Die Art, seine Bedürfnisse zu befriedigen, hat in der Entwicklung bis zunt Menschen mancherlei ,Wandlung erfahren. Uns interessiert hier als am wesentlichsten die bewußte Bedürfnisbefriedigung. Sie beginnt erst auf höchster Stufe. Was bei Pflanzen und niederen Tieren unbewußt wirkt, beginnt mit bewußter Zweckmäßigkeit erst auf höchster Stufe. Es findet seine vollkommenste Ausbildung beim Men• sehen. Das Tier hat seine Waffen: Anpassungs• fähigkeit, Schnelligkeit und Kraft. Dem Menschen ist die (ädernde und quälende Frage nach dem ״warum" gegeben. Es gelingt ihm, den Grund einer Erscheinung festzustellen; und so verteidigt er sich leichter, beschafft sich seinen Bedarf leichter. Das Hirn ist die Waffe der Menschen, seinen auf Kr• haitung gerichteten Willen wirksam zu verfechten. Diese leicht begreiflichen und heut kaum be• strittenen Thesen sind von unüberschätzbarcr Kon• sequenz. Also: unserem Willen zum Leben ist als Mittel, als Werkzeug der Verstand gegeben worden. Artur Schopenhauer hat cs etwa so formuliert: Der Wille zum Leben hat sich «len Intellekt als Laterne angezündet. Das ist glatt entgegengesetzt der land• läufigen Annahme, nach welcher «1er Intellekt «len Willen bestimmt. Es erscheint einem fast lachet• lieh, dagegen anzukämpfen. Wenn man aber allem״ halben Leute trifft, «he sonst wahrhaft menschlich, allzu menschlich handeln, bei allen Diskussionen aber sich geberden, als seien sie nur wandelndes Hirn, und «lies bestimmender Faktor allen Lebens, geht man freudig ins Gefecht, ן Wie entstehen denn eigentlich die Gedanken? Etwa indem einer denkt , . Wer überhaupt schon mal zu denken sich bemüßigt gefühlt hat, weiß, daß ein Gedanke, daß eine Erkenntnis plötzlich da ist; keineswegs jedoch wenn er cs will. Probleme sind da, die dem einzelnen durch aUcrpcrsönlichstes Empfinden in nächste Nähe gerückt w«r«lc», so «laß er sich mit ihnen zu beschäftigen beginnt. Und plötzlich hat er die Lösung. Um die andern zu seiner Ansicht zu bekehren, auch sich selbst sicher zu machen, geht er nun an den Beweis. Er häuft Material ai f Material, These an These, um am Ende seine Lösung zu bringen. Die hatte er aber schon beim Beweissammeln, die war ihm «labei schon heuristisches Prinzip. Das Thema probamlum war zuerst «1a. Jeder Gedanke geht in Wahrheit den umgekehrten Weg seiner Darstellung. Autoren, die auch Entstehung und Entwicklung ihrer Ideen geben wollten, müßten ihre Bücher von hinten zu schreiben beginnen.. Wie man blutsrnäßig in einen bestimmten Kreis hincingeboren und durch diesen bestimmt ist, so ln Konsequenz auch geistig. Jeder ist sich selbst das durch seinen Kreis, in «lern er (bewußt o«ler unbewußt; nulens oder volcns) wurzelt, vorher bo• stimmte Thema probandum. Wie im wesentlichen doch ohne mein Zutun der Gedanke in mir ent״ steht, so bin ich ohne mein Zutun entstanden: so wie ich bin um! nicht anders. Der Gedanke kann moduliert und formuliert, ich kann erzogen werden. Die Hauptsache aber ist: wie der Gedanke bewiesen werden muH, so muß ich selbst, d. h. mein geistiger Wille muß sich rechtfertigen; er muß verfochten werden. Gleich mir verfechten tausen«! andere Indi• viducn ihren Lebenswillen. So entsteht der Kampf, welcher Leben bedeutet. Denselben .Weg wio der Gedanke, denselben Zentrale für Deutschland des ״Jitdi-; 11 e 11 N ״ tiona 1 fo 11 ds “ weist an an■ derer Stelle dieser Nummer einen Betrag von M. 3459,05 aus, der sieh aus den Spenden zusammensetzt, durch welche die Roschhaschanahgrfttulatloiien abgeiöst werden sollen. Im ganzen sind in dieser Woche 5210,20 M. für unseren Fonds eingebunden. Das Ergebnis dieses ersten Ausweises ist ein ungemein befriedigemies und zeigt so recht, weicher Beliebtheit sich die Institution in weiten — keineswegs nur zionistischen — Kreisen erfreut. Es ist uns ein Bedürfnis, allen Spendern und allen denen, die sich um das Zustandekommen dieses schönen Ergebnisses bemüht haben, an dieser Stelle von Herzen zu danken. Mit diesem Danke aber verbinden wir die dringende Bitte an alle, die bisher noch abseits standen, ihr Seberfiein zu steuern, und mitzuliclfen, daß sich der zweite Ausweis, der in unserer nächsten Ausgabe vom Freitag, den 20. September erscheint, dein dieswüchigen würdig an die Seite stellen darf. Dazu ist nötig, daß die Beträge, die bisher noch nicht unterwegs sind, sofort nach Ausg a n g d c s F e s t e s abgesaudt werden. Um dem Glückwünsche in jedem •Falle, wo es gewünscht wird, noch den besonderen persönlichcii Charakter zu geben, werden wir auch von der nächsten Nummer Exemplare an eine beliebige Anzahl von Adressen, die uns von Spendern aufgegeben werden, vollständig kostenlos versenden. Ein entsprechender Hinweis, den wir diesen Nummern beilegen, wird den Empfänger auf die Glückwunsehablösung besonders binweisen. 111 der nächsten Worbe werden wir die Leistungen der einzelnen Orte einander gegen; überstellen und bitten deshalb insbesondere unsere Kommissare und Vertrauensleute, bei denen sieb die Absendung des Betrages etwa aus dem einen oder anderen Grunde verzögert hat, das Veisüunite sofort naehzuholen. Weg wie• der geistige Wille «les Menschen ttinnnt die Bewegung. Zu einer Bewegung siml bewegende Kräftu vonnöten; sie liegen im Massenwillen. Auf Erhal* tung geht auch der Wille «ler Menge. Ist «liesc Erhaltung irgendwie gefährilet, so ist ein Problem da, das «•s zu lösen gilt. Und wie im einzelnen, so entstein auch in der Menge «ler erlösende Ge• danke. Ihn zu verfecht«•״, ihn zur Anerkennung zu bringen, schafft sich der Massenwillc seine Werk• zeuge. Wie entstand der Zionismus? Im Westen hatte die Emnu/.ipationside«•. bankerott gemacht; neu und stark loderte der Antisemitismus auf. Von «ler ganzen großen Verbrüderungsidee war nichts geblieben. Das Resultat hundertjähriger Bestrebung war völlige ge• sellscbaftliihe Isolierung und Gleichberechtigung auf geduldigem Papier. 1111 Osten hatte Messi.isseluisueht und Messiasglattbu diu Masse «hu dumpfen Druck zu tragen geleint, Aber Mc.ssiashoffmmg, die Leitlens• postulat und Märtyrerideal ist, konnte einer neuen, kräftigeren Jugend, die dem .Sturm und Drang mo> deiner Ideen ausgesetzt war, nicht mehr genügen. So* ist der Boden reif; das Problem ist da. Und alles drängt zur Lösung. Sie entsteht in Ilerzl; er spricht aus, was <110 Zeit erfordert, ln «lim in״ karniert sich der Lebenswille des jüdischen Volkes. Ilerzl erkennt, daß cs ein Problem, daß cs eine Judenfrage gibt. (Bei «ler Dreifußaffäru kommt es ihm.) Und leuchtend klar stellt plötzlich die Lösung vor ihm: er schreibt «len Jmleiistaat. Der enthält... zwar schon alles, was seitdem von Zionisten gesagt wurde, aber meist nur skizziert, in wenig Worten, hiiigeworfen. Das Werk wirkt nicht so durch Schärfe und Knappheit der Logik, wie mit der sug. gestiven Kraft künstlerischer Darstellung. Fünf״ zehn Jahre sind seitdem vergangen. Und der Lebens• willc «les jüilischen Volkes hat sich «len Intellekt als Laterne angezündet, ln diesen anderthalb De• zenuieu galt ca (neben aller praktischen Arbeit), den Willen, «ler in uns lebt, iininer mehr zu ob״ jcktivicrcn, gleichsam in uns zu vergletschern, um ihn auch in noch Ahseitsstehcntlcn zu entfachen. Was Uuber, Kuppin, ZolUchan uml mehr geschrieben haben; was Teilhaber zusammengetragen hat; was von den Ortsgruppen, Studentenkorporationen und einzelnen an Beweismaterial gehäuft wird: das Ri die groß«• Arbeit «h :1, unser!» Willen zu objektivier«•״, unscrm Willen zum Leben Laternen ar». zuzümlen. Was soll «las alles? Uml was heißt «las in Konsequenz? Daß wir noch lange nicht widerlegt sül(|( wenn inan uns ein Stück unseres BewrisuiateiiaK zu entziehen irgendwie imstande sein sollte. Es ist wie überall: «ler Zionismus ruht nicht auf de!,» Fundament unserer Beweise, sondern unsere Beweis«• ruhen auf den» Fun da• 111 1• n t u n s e r e s Will e n s, «l «• r Z i o n i s m ״ s heißt*). Und unser Wille ist unwiderlegbar; die Begriffe ״richtig" und ״falsch“ können auf den W!;l •״ nicht angewandt werden. »Nur die Begriffe ׳»״rfolg. r«׳i«־h" oder ,,nutzlos". (< >1» der /ioiiisinus ei folgn!»j! sein »vinl, hängt!«•tzien Endes von der Stärke unseres «I. i. euivs Willens ab.) Ware ein Kampf nach alledem nicht überhaupt lächerlich? D«11׳n der Wille (I1«־ße sich «•inwcndcii) ist entweder «la oiler nicht <la; ist entweder für oder gegen den Zionismus; was nützt <1.1 Kampf, was Jie• weise? Das Argument sieht schlagend aus; es wird sieh leicht zergliedern lassen. Zunächst: «ler ״Wille gegen den Zionismus" ist vielleicht eine Antipathie, eine Indifferenz, aber kein Wille. Denn im Begiiff ״Will«•" lirgt notwendig «t'sas Positives. Die Negation genügt nicht. »Mau mußte schon unscrin jüdischen Lebenswillen «•inen .linieren positiv jüdischen gegen• überzustcUcn haben. Dann wäre i>. «ler Tat ]*•gliche Propaganda läclu rli»!1 uml unnötig. Wie aber st» 11t es in Wahrheit mit «lern Willen der Gegenpartei? Man «lenkt zunäc hst an ihre Besten, Die können sich mich immer nicht zu der Erkenntnis entschließen, daß «lie Emanzipation,׳ auf «lie so viel Innigkeit und geistige Kraft verwandt wurde, Fiasko gemacht hat. Daß Ver* brüderung und ein freies, schöne•! Judentum!»-stellt, war ihre!!«•streben. Wir sehen nüchtern, daß aus alledem nichts geworden ist; daß von wahrer Ver• brüderung keine Rede sein kann uml daß «las Juden• tum im Begriff steht, «lureli Taufe und Mischehe seine letzten Träger zu ve1!i<1en. Jene aber haben keinen, positiv.jüdisclu1!׳ Willen, sondern si«: hängen «lurch die Macht «ler Gewohnheit an einem durch «lie Tatsachen längst überholten hleal, von di'in sie sieh nicht losrciücn können, wie etwa von einem s«honen Traum. Uml doch sind sie noch die Besten (allerdings am 11 «lie Wenigsten!. Denn alle di׳• andern, «lie ganze gioße Masse •ler h«:»»uß(cn oder unbo• wußten Gegenpartei sind nur «lie kraftlosen Erben hundertjährigen Emanzipiercns und i<«:formierens. In ihnen lebt kein jüdischer Wille, somlern mir «ler dumpfe Drang, loszuwerden, wogegen «lie Umwelt in Haß und Verachtung ann nnt und was alles Kefor• micren ihnen seihst bis zur Unkenntlichkeit v■•«zerrt hat. Uml diesem ihren Streben ersteht «ler Todfeind Zionist nur!. Schon glaubten si«:, «las JmUmtum sei tot; da dringt auch zu ihnen ein liaurli vom heißen, glühenden jtidischcn Leben. Sie »»׳;ihnen sich tos und ledig vom Judentum; »vas schreien sie dann so wild g«'g«m uns an? Was kümmern jen«: unsere Kämpfe, wenn sie wirklich außerhall) unseres Str«•• .bens stehen? Alter das gerade gibt «ms ja Mut zu immer neuen Schlachten, «laß sie noch kämpfen, daß sie noch schreien. Auch in ihnen glüht der jüdische Funke noch. Wir »vollen ihn entfachen; wir wollen ihn nicht in Abwehrvereinen und ähnliche:» Kurz• sichtigkeiten verglimmen lassen. Zur Alnvchr schließen sic sich zusammen, weil «lie Not von außen drängt, Und wenn diese Not nachläßt, wenn das in sich zerfällt, »vas sie zusammengetriebeu hat, »vas bleibt dann? Dann fallen auch sie notwendig auseinander. Das ist Defensive uml als solche negativ. Hier kt kein Wille, uml hier wird auch keiner geweckt. Nein, es läßt sich nicht einwenden, daß jüdischer Wille gegen jüdischen Willen stellt. Falscher Konservative»• mus, Indifferenz und Kurzsichtigkeit stehen gegen den einen und einzigen jüdischen Willen unserer Zeit. Uml der heißt Zionismus. Was siml »vir Zio• nisten? Parteigänger unseres ureigensten Lebens• willens. II. Der menschliche Willc (hatten »vir festgcstellt) ist ein Ausfluß des Lehenstrieben in seinen beulen Ver• zweigungen: Sclbstcrhaltungs• und z\rie« haltungstrieb. Egoismus und zMtruismus. Mail ist leicht versucht, «lern Zionismus als Weg zur z\rterh.!!tu11g »aus egoisti• selten Bedenken möglichst aus dem Wege zu gehen. *) Man denkt an Acliad lia-ains Polemik gegen die Pinskcrsche Autocinanzip.ition. Pinsker argumentiert: Die Emanzipation kam nicht aus dein spontanen Ge• fühl der Viilker, somlern aus logischen Erwägungen, deshalb scheitelte sie. Uml deshalb müssen wir die Autoemanzipation, die Selb,(befiehl״;; »voller». Da• gegen bemerkt Acha«l ha an» logisch richtig: »venfi »vir »vollen müssen, dann geschieht ja auch die z\uto• cman/ipation nicht spontan, <:s ,trifft auf sic demnach dasselbe wie auf die Emanzipation zu. Hätte doch Pinsker bein Buch von hinten begonnenI!Litte doch Acliad ha-ain gesehen, daß ja dieser Willc tatsächlich da war, sich jedoch in der Laterne gc• irrt batte I Um (»r« II0C .nie kl •i gib zu ¬1•» ו Ik ו kor SllC bei siel »las Sa« I n ::10 mit e» 11 Sit .11 cir hc \V 111» zu: Kl ׳ Kt Gt K< an ur b< de ut v« K ׳» in n n I: a o t t e ״s 8 s « f 1 I 1 I t i