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Jüdische Rundschau · 1912-09-11 · Heft 37 (11.9.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Auch diejenigen, die es das ganze Jahr ״zu eilig“ haben, um sich um Synagoge, Juden und Judentum zu kümmern, suchen sich an diesem hohen Feiertag einen ״Sitz“ in einem permanenten oder provisorischen Gotteshause zu erwerben, und mit mehr oder weniger Andacht beten sic alle, alt und jung, arm und reich: ״Gebe Ehre deinem Volke . . . Freude deinem Lande!“ Und wahrlich, wir haben noch Grund und Ursache genug, für die Hebung der!Ihre lsraels zu beten. Zwar dürfen jetzt die Nachkommen •der alten Ghetto-Insassen überall wohnen, frei reisen und handeln, sie entrichten keinen Leibzoll mehr, und die Scheiterhaufen, ״ad majorem dei gloriam“, von denen das ״Scliemah“ hernbtöntc, gehören der Vergangenlieft an. Viele einzelne aus unserer Mitte haben cs zu Ansehen und Reichtum, ja, zu Ruhm und Ehren im Dienste der Menschheit gebracht. Mit der Ehre des jüdischen Volkes, als Gesamtheit, ist es aber weniger glänzend bestellt. Drauiien, in den Augen der anderen Völker, und — was fast noch schlimmer ist — in unseren eigenen Reihen. Nur wenige gibt es unter uns, die ״Ibri Anochi“ mit demselben Stolze aussprcchcn, mit dem der Bürger des kleinen Königreiches Montenegro von seinem Ländchcn spricht. Nach Innen und nach Außen . . . Man könnte wohl meinen, das erstere sei auch gewisscrniaßeu die Ursache des letzteren . , . Ein besiegtes Volk, das von seinem Lande vertrieben, im Exil lebt, darf gewiß keine hohen Ehren erwarten — man ist gewohnt, nur dem Sieger zuzujubeln — aber auch seine Gegner sind ihm Achtung schuldig, man sollte sein Unglück, sein schweres Schicksal ehren. Die Polen, die Buren, die Finnländer sind unterdrückte Volke!*, sie sind hilflos. Man fürchtet sie nicht, aber man achtet sie, gleich den an* deren, den Freien, Ein Volk aber, das sich selbst verleugnet, das;»ich mit der Sklaverei abfindet, welche um das Linsengericht der Bequemlichkeit auch die Hoffnung auf Befreiung aufgibt, seine gloriciche Geschichte und Tradition vergessen will, ein großes Volk, das sich klein macht, das sich selbst erniedrigt, solch ein Volk wird mißachtet, kann nicht geehrt werden. Ein Volk, das sich selbst nicht achtet, wird gewöhnlich auch von den anderen nicht geachtet . . . Wenn ein Lebendiger herumgeht und schreit: ich bin tot, so halt mau ihn für wahnsinnig . . י Haben wir cs doch selbst so weit gebracht, daß das Judenturn zur Ucbergangsreligion, zum Bekenntnis ' der armen und lunvisscnden Parias herabge- Würdigt wird, die es auch ihrerseits verlassen, wenn sic auf der sozialen Leiter aufsteigen, denn Viele, die eine gewisse Stufe an Geist oder Gütern erreicht haben, hören auf Jude zu sein, auch die Söhne und Töchter von Rabbinen und Kultusvorständen. Das Volk wird entehrt, in den Staub ge- ״Ser!T.lorד.:;״ד.י. ״ c :•:;Irclit für daa Jüwnabo VgVi diu clnor üffcjat• iilcIi-rccLSIca £0:.lcl;arlcu ilc.iuulüUo ln;»"»;׳...י*.,-, (| _ 0***י". Dnr.ulcr Programm• UmMM*«» i 5 V® t ■l I X£ 3I <vx r4״ MlUaMNWaMPiaaMKiMMS zerrt, und dann kommt man in die Synagoge und fleht heuchlerisch zu Gott: Gebe Ehre deinem Volke . . . * ״Gebe Ehre deinem Volke . . . und Freude deinem Lande . . In der jüdischen Volksseele, wie sic sich auch in ihren Gebeten äußert, sind diese beiden Begriffe eng verknüpft. Die Ehre des Volkes und die Freude des Landes sind beide organisch miteinander verbunden. Mil der ״Freude des Landes“ steigt auch die Ehre des Volkes, in seinem Lande liegt die Quelle seiner Ehre ... Und auch in unseren 'lagen bewährt sich die Richtigkeit dieses Volksglaubens. Wer Erez-lsrael bereist hat, wer die gläuzenden Erfolge der jüdischen Kolonisation von Angesicht kennt, wer die blühenden Dörfer gescheu hat, die schönen jüdischen Schulen und Institute, die schmucken neuen Stadtviertel.,, wer die Klänge der aliiiciien Sprache der Propheten in den Kindergärten und auf den Straßen gehört hat, der verstellt, warum die Ehre Israels mit seinem Lande verknüpft ist. Es ist eine oft beobachtete Tatsache, daß jeder Palästin,׳!reisende von dort tief gerührt, begeistert zurückkehrt. Bei jedem Juden — cs braucht nicht gerade ein Zionist zu sein — erweckt das Gesehene Stolz, Sclbstbcwußtscin, Volksgefühl, Zusammengehörigkeit. Auch beim Nichtjuden ruft das freie neue jüdische Leben, die durch fleißige Hände in Gälten timgcwnndelten Wüsten, die Anhänglichkeit an den Boden der Väter — das alles ruft Bewunderung und Ehrfurcht, Achtung und Anerkennung hervor. Denn ein Wunder ist geschehen, eine Metaniorphose, ׳he zauberhaft erscheint. Ercz Israel hat sich so verändert, daß Palästinareisende früherer Jahre es kaum wiedererkennen. Im ganzen Ciolus ist das Ghetto, enge, luft-, licht- und bhunenlosc Gassen, das spezifisch Jiidische, in Palästina aber ruft ein jeder unwillkiirlich mit dem alten judeuhasser Bileam aus: ״Wie schön sind deine Zelte, Jacob, deine Woh* iiuugcu Israel“, wenn er in einer jüdischen Kolonie, oder in einem neuen jüdischen Stadtviertel wandelt. Im Golus ist blaß die jüdische Farbe, gebückt die Haltung und Nervosität *und Furcht vor ״RiscUus“ das Spezifikum — irisch, munter und aufrecht wandelt der Jude auf dem alten Boden. Er ist dort Ackerbauer, Reiter und Schütze geworden. Der Ghettojude wird dort Muskeimcnsch. Er züchtet Blumen und Seidenraupen, turnt und -־ singt hebräische Lieder. Ein, neuer Geist in einem neuen Körper: mens sana in corpore sano. Ein kleines Dorf im jüdischen Lande, ein Orangengarten, eine Kunst - Gewerbeschule wirken mehr, als die großen Waren- und Gcschäflshäuscr in den Wcitinetropolcn. Ein Erntelied und Volksspiel dort mehr, als berühmte Gclehrte und Künstler im Golus. Weil das wenige in Ercz-lsrael jüdisch, nur jüdisch ist, wäiirend all das große und viele anderswo nicht jüdisch, höchstens a u c 11 j ü d i s c h ist. Gclic Eine deinem Volke . . . und Freude deinem Lande . . . Die Ehre des jüdischen Volkes kann nur durch dies Atiffcben seines Landes gemehrt werden. Ucbcrall wird am Rosch-Haschanah gebetet werden. Die Andächtigen in den Synagogen sollen aber den alten jüdischen Spruch beherzigen: ״Tcphilla ausso machzoh“: Durch Beten allein kann nur die Hälfte erreicht werden. Nach dein Gebet, dem inneren Bekennen, muß die Tat bekräftigend folgen. Dadurch wird erst die Aufrichtigkeit mul der Ernst des Gebetes bewiesen •— und vollendet. Wenn man 1un die Mehrung der Ehre Israels betet und dabei alles Jüdische ausmerzt, die jüdische Ehre in den Kot zieht, dann ist das Gebet nur Heuchelei und Blasphemie . . . Begnügen wir uns im neuen Jahre nicht mit Gebet, mit Worten. Bekräftigen wir sie mit Taten, verwirklichen wir das Judentum . . . riehteil wir jüdische Häuser auf, erziehen wir den Nachwuchs jüdisch, betätigen wir uns nach Kräfteil an der Befreiungsarbeit, an der Renaissance von Land und Sprache . . . Beten allein genügt nicht. Wenn aller inniges Gebet und ziclbewußte Tat vereinigt sind, dann wird erhört werden unser Gebet: ״Gebe Ehre deinem Volke!...“* M. S. Wille und Kampf Von Gustav K r 0 j a n k c r Bcrl^, Es ist ein wunderbares Gefühl, im Kampfe zu stehen wie wir: anzureiten gegen Politik und An• schaumig der herrschenden Judenheit. Nur: die Gelegenheit, Treffen zu liefern, ist allzu selten; man erschöpft Zeit und Geist in Vorposteiuätvlcleicn. Ilei wirklichen Schlachten!null man sich damit ahfin* den: hier entscheidet doch schließlich iu kleinen Schach/,itgen die Geschicklichkeit der Leitenden, nicht Recht und gute Sache. Aber bei Meinung»• kämpfen verstimmt es, wenn kleine Schachzügc dia• lektisclier Gewandtheit den Sieg erringen und nicht die Sache, In allen Diskussionen aller Parteien wird in dieser Beziehung viel gesündigt; auch in nnserm jüdischen Kampfe. Man glaubt, den Gegner ins Herz getroffen zu haben, weil inan vielleicht zufällig schlagfertiger war. Bei mündlicher wie gedruckter Polemik klatscht ein oberflächliches Publikum nicht dem Besseren, sondern dem Gewandteren zu, so daß cs sich schon der Mühe verlohnt, seine Ideen mit möglichst viel Dialektik zu umkleiden. Ein Außenseiter versuche, siel» aus den Debatten irgendwelcher Partei über deren Wesen zu informieren, — und cs wird ihm. Unmöglichkeit sein. Daß es so ist, hat seinen guten Grund. Man kann nicht aus einer Symphonie willkürlich einen Akkord lösen und diesen für sich als Mißklang ablchncn. Aber ebensowenig kann mm aus dem einheitlichen Gefüge einer Partcipolotik einen bestimmten Teil herausreißen und für sich befehden. So verdächtigt man z. B. von den Höhen deutschnationaler Gesinnungstreue unsern Patriotismus; in den Anschauungen der Abwohrvcrcine erzogen, wirft man uns vor: wir gingen mit den Antisemiten zusummen. Ja und nein. Wie kann ich denn irgendeine meiner Handlungen vor euch rechtfertigen, wenn ihr nicht wißt, wer ich bin? Nun kann ich euch nicht jedesmal aufs neue sagen, von welchen *) Dieser Artikel stammt aus einer Flugschrift des Kartells zionistischer Verbindungen: ״Der zionistischo Student". Näheres darüber ist aus der Prospektpostkarte zu ersehen, die der Gesamtauflage dieser Nummer beiliegt.;

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