Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUKI) ISCHE RUNDSCHAU Nr. 35 די׳ר strecken uml weshalb sie erlassen sind. I.s mag deshalb gerade im gegenwärtigen Moment nicht unangebracht sein, einen kurzen Ucberbliek über die Stellung der Juden Rußlands vor dem (leset/ und im praktischen Leben zu geben und mit kurzen Strichen die historische Entwicklung dieser Verhält• nissc zu zeichnen. Ohne zu weit ins Altertum ziutickziigreifcii, mag hier einfach gesagt sein, daß es immer eine der Zahl nach wenig beträchtliche Menge von Juden im Fürstentum Moskau, aus dem das heutige russische Reich erwachsen ist, gegeben hat. Am Anfang des 18. Jahrhunderts fand man sie hauptsächlich in Kleinmflland, Weißrußland uml den baltischen Provinzen. Verschiedene Z.are erhellen Sondergesetze, die die Juden betrafen und die meist in irgendeiner Rechts• besehrönkuug gipfelten; aber die einselmeideusteu llestimumugen waren die, welche Cathnriua I., die Gemahlin Peters des Grollen, getroffen hat. Durch ihren Ukas vom Jahre 1727 ordnete sic die Vertrei• buog der Juden aus dem ganzen Gebiet des russischeu Kaiserreichs an und verbot fiir alle Zukunft eine erneute jüdische Einwanderung. Noch nicht 20 Jahre nach dieser durchgreifenden Verordnung, finden wir jedoch wiederum Juden in UnlJland an• siissig, wenn auch in kleiner Anzahl — etwa 000. Sie waren durch einflullreiehe Personen und durch die Mönche, in Kleinrullland und den baltischen Provinzen zurückgerufen worden, die ein Monopol für den Handel mit Branntwein hatten und ih.re Hille nicht entbehren konnten. Die Behörden drückten hehle Augen zu, uml die fromme Kaiserin Elisahell», die Tochter (.'atliarinas, sah sieh im Jahre 1712 genötigt, den 'Ukas, der ihre Vertreibung anonlticte, ־zu wicdci holen. Dali ihre Motive dabei rein religiöse waren, ersieht man aus einer Randbemerkung, die sic einer Vorlage des Senates beifügte, in der darauf hingewiesen wurde, daß zahlreiche Ortschaften darum eingekoimuen seien, daß es den Juden erlaubt sein möge, zu Zwecken des Handels, sich vorübergehend niederzulassen. Diese Petitionen setzten auseinander, daß es sowohl den Interessen der einzelnen Ortschaf• ten, als auch denen des Staatsschatzes zuwiderlaufc, wenn man den Juden verböte, ihre Geschäfte zu betreiben. ״Ich will au den I'ciiulet» Christi nichts verdienen״, war die Antwort der frommen Kaiserin. Es ist nicht zweifelhaft, daß das religiöse Vorurteil der Kaiserin, sowohl von der Priesterschaft, als auch von der großen Masse «les russischen Volkes gescliiiil wurde, und Calhariua II., die Elisabeth auf dem Thron folgte und eine praktische und liberal gesiunte Frau war, konnte nur in sehr diplomatischer Weise versuchen, ihre Ideen zur Geltung zu bringen, und mußte sogar zur Heuchelei ihre Zuflucht nehmen, als sie die Juden wieder zulassen und so dem Handel, der unter der Bigotterie ihrer Vorgängerin arg gelitten hatte, zu neuerlicher Entfaltung verhelfen wollte. Sogleich nach Cathnrinas Thronbesteigung rollte der Senat wiederum die Frage der Zulassung der Juden auf. Und es traf sieh so, daß gerade in der ersten Sitzung »les Senates, hei der sie zugegen war, über den Gegenstand verhandelt wurde. Die ühcrciuslim• inende Ansicht aller Senatoren war die, »lall man die Juden zulasscn wollte, und inan erwartete nur noch JI1rc Zustimmung. Es ist von hohem Interesse, in ihren eigenen Memoiren die Schilderung dieses Vorfalls »lachzulescii. Sie erzählt von dem tiefen inneren Zwiespalt, »len me empfand, als man einerseits an ihr religiöses Empfinden appellierte, indem mau sie au »len Ul;as Elisabeths erinnerte, uml sie sieh andererseits «lein Beschluß des Senates gegeniihersah, dem ihr eigenes ursprüngliches l!mpfimlen ztmeigle. ״Noch nicht eine Woche War voiflössen, seitdem Cntharina (»lie Memoiren sind in der dritten Person ahgefallt) den lltroit bestiegen halte, um die nrtlio• »luxe Kirche zu verteidigen, Sie hatte mit frommi'u Männern Verkehr gepflegt, mit Piiesleni, »lenen ihr Gehalt noch nicht ansgezahlt worden war mul »lie iiilolgedessen in bedrängten Verhältnissen waren. Die öffentliche Meinung war in hohem ׳Grade erregt. Ihre Regierung damit zu beginnen, daß sie solch einem Projekt znslimmte, war nicht der rechte Weg, die Gemüter zu beruhigen. Es abzulehueu, wäre für »te äußerst schmerzlich gewesen.׳' Für Catli,irina war der einzige *Ausweg, tler sieh bot, die Entscheidung in der Angelegenheit hinauszuschicbcn. ״Wie oft passiert es," so fahren die Memoiren fort, ״daß aufgeklärter Sinn, die bestell Absichten, ja, seihst die Macht, sie dureliziifiilirou, nicht ausreichend' Aber was sie öffentlich nicht tun durfte, tat sie heimlieh, indem sie die Behörden nnwics, die Niederlas• sung von Juden in gewissen Teilen Rußlands, ja, so* gar in St. Petersburg znzulassen, und sie für ausländische, oilcr gar russische Kaiifleute auszngebeu. Im Jahre 1771, nach der ersten Teilung Polens, wurde Weißrußland dem Kaiserreich angeschlosscu ’) Diese Arbeit erschien zuerst in englischer Sprache in der vorlrcfflieh geleiteten Vierteljalirssehrifl ״The Jewlsh Review". mul eine grolle Anzahl von Juden wunleu russische Untertanen, und die große Kaiserin trug kein Bedenken, ihnen gleiche Rechte, wie den anderen Untertauen zu gehen, Die Annexion der polnischen Provinzen bczcieh• net den Anfang einer besonderen Gesetzgebung für »lie Juden als russische Untertanen. Anfangs war »lie Absicht dieser Gesetze, die Rechtsgleichheit zwisehen «len Juden und »len anderen russischen Untertauen festzuhgen. Aber im l.aufc »Icr Zeit zeigte es sich mehr und mehr, wii* man von diesem Grundsatze abkam. Unter dem Einfluß »Icr verschiedensten ökonomischen, politischen und anderer Erwägungen und Anschauungen, die in stetem Wechsel 'einander folgten, tuilerwarf die Regiemng »lie Juden foilwähmul neuen Beslimnmiigeii. Diese waren, obwohl si»• oftmals einander im Wortlaute widersprachen, samt mul soiulers von einem Vorurteil gegen die Juden diktiert, uml heute gibt es im öffentlichen Leben Rußlaiuls wohl kaum ein Gebiel, auf dem die Juden nicht irgendeiner Reclitsbeschriinkimg unterworfen sind. Die jüdischen Bergarbeiter. Wir entnahmen in der Vorwoche der ״Frank• f u r t e r Zeit 11 ״ g“ die Meldung, »laß »lie Kattowitzer Bergwcrksvcrwaltungeu mit tler Einstellung jüdischer Bergarbeiter keine guten Erfahrungen gemacht hätten, weil diese Arbeiter den an sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen seien. Demgegenüber können wir beule auf Grund von Erktm- »iigmigi'ii au unterrichteter Stelle initteilcn, daß die tatsächlichen Verhältnisse im wesentlichen anders lii'geli, Die Vermittlung der* jüdischen Bergarbeiter ge* schiebt, wie zunächst bemerkt sei, durch das ji'itlisehe Arbeitsamt in Kattowitz, das kein Erwerbsinstitnt ist, sondern eine Wohltätigkeiisemrichtmig darstellt, denn es werden weder von »len Arbeitern, noch von den Verwaltungen für die Vermittlung irgemlwelelie Gebühren bezahlt, Im Gegenteil, au Hilfsbedürftige werden Reise- und sonstige Vorsebiisse und Unterstützungen geleistet. Die Nachfrage nach jüdischen Bergarbeitern seitens der Verwaltuugcn hält an, weil die Arbeitsleistungen dieser Arbeit»׳»■ durchaus nicht so gering sind, wie es vieltaeh hingestellt wird. So arbeiten gegenwärtig beispielsweise jüdische Bergleute auf tler Lauraliiiltcr Grube 21, auf I'mamtelssegcu-Grube 15 Mann unter Tage, auf den Gruben der I lohenlohewerke HO Mann seit zwei Monaten, und die Verwaltung ist, wie man tms mitteilt, mit ihnen zufrieden, die auch als Schlepper Verwendung finden. Was die Myslowit/grnbe anbei,ingt, auf der die jüdischen Bergarheiter vollständig versagt haben sollen, so liegt dort die Sache so, »lall <15 Leute aus Lodz dort au• gelegt wurden, davon haben JO Leute »Ile Arbeit wieder nufg(‘gcln-u, angeblich, weil sie von l.oilz. ans über ihre Tätigkeit nicht genügend aufgeklärt w«1r»len sind, Gegenwärtig liegen bei dein jüdischen Arbeilsamt in Kattowitz Aufträge vor für die Charlottegrube hi Gzeniit/, sowie für die Gruben der Hohenlohe• werke Bergleute an/uwerhen, die das Arbeitsamt ,aus Galizien zu vcrfniUclii getleukt. Die jüdische Arbeiterzentrale in Kattowitz. ist bemüht, nur gute Arheiter zu vermitteln, und es ist ihr auch gelungen, für »lie jüdischen Bergleute »lie im Interesse ihrer Religion Ii»׳ge111k’11 Vergünstigungen bei der Ver- Wallung durch/usct/cn. So brauchen sie am Sabbat nicht zu arlii'iten; dagegen *im! sie gern bereit nach Sehhtll »les Sabbats, in der Nacht vom Sonnabend ziiii! Sonntag zu arbeiten. Strenggläubig»' jüdische Arbeiter erhalten auch rituelle Küche. Die Synagoge Fasaucnstraße Welches war tler Kern und Millelpimkt der Syi agogenweilie? Das war ganz unstreitig »lie Exzeßen Kess e I, Zu denken aber auch, »laß in unser» Mitte ein leibhaftiger General sielt befand . . . u»\ strahlende Uiiiiorine» um ihn; darunter gar ein Pol zeipriisitient. Daß dieser Rcgieruiigsverlrclcr »les Festes Ker war, bestätigten alle Reden. Mau sprach . . . nie! zur Gemeinde, sondern zu Kessel, nach außen hü Deshalb war auch vorsichtigerweise vom Jndentui kaum die Rede. Aber vom allgemeinen Mcnsehei Inn!; aber vom sittlichen Fortschritt; aber von »lc gnißen Meiisclihciisgednnkcii; aber . , , Ich 11:11׳ noch iiie im kurze!» Verlauf einer Stunde soviel al giiuein Menschliches erörtern hören — und sovü Patriotisches, t )rdcnllich schwierige Tricks wurden nute nominell, bloß um Gelegenheit Zinn Patriotismus z haben. Heim Aii/iindou der ewigen Lampe spricht d» Rabbiner von tler Kraft des Idealismus, »lie das Gotte haus, »lie Lehre in jüdischen Herzen stets entfach Als Beleg dafür sagt er kein Wörtchen, nicht eit: Silbe davon, »laß wir dieser Kraft unsere Existenz * H * verdanken haben. Nicht einmal entfernt Aeluiliehes ileutel er an. Aber »laß von dieser Kraft getrieben, anno 1812 manche tapfer mit in »len Krieg zogen, wird als einziger Beleg gebracht; sonst nichts. Ausgerechnet! Dies als Episches Beispiel dafür, »laß hei »len unpassendsten Gelegenheiten notwendig noch silinell etwas Patriotismus angebracht »»erden mußte. Daß man bei solchem Anlaß das »Rutsche Vaterland seiner Eigchculicit versichert, ist selbstverständlich. Daß mau antlaueriul übertrieben mul gesucht auf seiner patriotischen Gesinnung herumreitet, ist Un- Sicherheit. Din so erheiternder wirkte es^weim der Rabbiner I!«uhfeltl im seihen Atemzug Sr, Exzellenz »l» r gerade• zu unglaublichen Toleranz »les Judentums versichert. Nach viel ängstlichen Beteuerungen der ■ Vateilandsliebe griff er sieh 111111 stolz in die Brust. Und gleichsaut tröstend klang es; niemand brauche sieh •zu ängstigen; so 'was Tolerantes, wie »las Jinl»׳ntum gäbe, cs gar nicht wieder. Es ist ungeheuer erheiteriul, wenn eine (mehr oder weniger) geduldete Minorität derlei Versicherungen abgibt. Allgemeines Menschentum, Patriotismus und To• lerauz: mehr wullte man von seinem Judentum nicht zu sagen, da mau ein neues jüdisches Gotteshaus der Oeffentlichkcit übergab. * lieber den Verlauf der F'eier ist zu sagen, daß der Kantor Da vi »Iso 1111 mit seinem hcrrlieheu Organ das Schmäh ergreifend schön vorbetete. Der unter Leitung Alexander W e i 11 b a 11 tu s siebende Chor trug den 21. Psalm, »las I laschileim, den 81. Psalm (Brahms) mul das Sereslteimselie ״Jauchzet »lern Herrn״ künstlerisch vollendet vor. Paula Wein* ha um trug mit dem stimmungsvollen Gesang der Selmhertsclien ״Allmacht" wesentlich /mit Gelingen des musikalischen Teils der Feier, der überhaupt einen ungetrübten Genuß gewährte, bei. Wiener Brief Das triviale, aber ilarum nicht minder wahre Sprichwort von den bösen Beispielen, die gute Sitten verderben, hat durch einen Erlaß des Reiehskriegsministers wieder eine glänzende Bestätigung erfahren. Bisher berief man sieh im Deutschen Reichstage mul anderwärts, wenn es galt, »Sie Eignung der Juden für die Offi/ierslaufbahn naehzuweisen mul der jtmkerlich-cughcrrigcit Auffassung der preußischen Meeres- Verwaltung cutgcgcnzutretcn, mit Vorliebe auf »las Beispiel Oesterreichs. Nunmehr s»1|l jetloch die preußische Praxis in Oesterreich selbst Nachahmung firi- »len. ln der österreichisch-ungarischen Arni»׳»• wurde bis jetzt jeder, tler »las Einjährigenrecht erworben und seiner Dienstpflicht ordentlich genügt hatte, Reservvoffi/ier. Das soll mm anders werden. Der Kriegsmiiiisicr hat nämlich einen Erlaß I1t׳r.msg1׳gebe11, »voiin gesagt »vil'd, «lall tadellose!)ii'iislleistiiiijt, vorzüglielic Absolvierung ihr militärischen Prüfungen mul physische und geistige Fignuug von mm ab keinen Anspruch auf Erlangung des Offiziersgrades mehr begründen. Vielmehr sin»! in erster Eime «las soziale und familiäre Milieu sowie das Aussehen (in Prcußeu.Dculscldaml _würde mau sagen: ״die aehlmiggvbietviulc Erseheimmg") des Aspiranten in Bcrii»‘ksichtig1111g zu ziehen. Der neue Erlaß riehtel sieh in erster Reihe gegen das kleinbürgerliche Element. Geiviss»• atllige Kreise «les ( Xfi/icrkorps haben es laugst als eine ״Schmach" empfunden, »laß es in «Icr österreichischen Armee Reserveoffiziere gibt, denn Mutter Trafikantiii, d»־reu Binder I laiidiveiker »»der deren Schwester Näherin ist. Die l'iertanlemSilmüffelei ist aueh in der o-ter• relehisehen Armee nicht uiihekamit. Durch »len neuesten Erlaß erlangt dies»■ preußisch«' Auffassung mm die höchste amtlich«‘ Sanktion. Dcbiigeiis ist In keioem Staate die Abhängigkeit der Armee vom klcinburgcrliilieo l'lenicnle ein so au.gi'sproeliems, »vu*!:erndc in Oesterreich. Die Mehrzahl »Icr aktiven Offiziere isf aus ihm hervorgegaugen. (iar manche militärische fonlenmg ist 'im Parlamente lediglich deshalb bexviUigt wurden, xvei) die Abgeordneten der Zustim• nmug ihrer militärfremnllieheii kleinbürgerlichen Walt• lerschaft sicher waren. Der Erlaß verfolgt aber aueh eine ausgesprochen antisemitische Tendenz. Wer sieh darüber nicht klar sein sollte, braucht nur «lie Jubelarlikel zu lesen, mit welchem er seitens der dentsehnatioualen lind ChristlichsozialcH Presse begrüßt wird. In dieser Presse »viril unverhohlen tler Freude »larühcr Ausdruck gegehen, daß der Erlaß die llamlhabe bietet, um alle Juden von der Beförderung zu Offizieren auszuschalten, Fis kann aueh nicht der geringste Zweifel obwalten, daß in Zukunft mit Berufung auf die neuen Vorschriften d c n j ii d i s e 11 e n E i n j ii 11 r i g e n die Befähigung uhg c s p roch c 11 wird. Das Staatsgrmulgesel/ hat bis mm antisemitische Militärbehörden daran gehindert, ihren jtidenfeimllielieti Ge• fühlen völlig freien Lauf zu lassen, tler neue Erlaß wird es ihnen ermöglichen. Be. sa'l sei hm | »lei!! sei { sei; hm«' Jet : An l den Illll . Ko : Up de» j dich in י »V1J die ' Ai ciitu Sic hei ihn sie »lei: »vä , dm rie En Ion dci״ bei da sei Er otf j sic ן IR zu 114 A st v< *• I (i 10 tu tu (!1 VI 18 in tc U l< ־ ti ץ V < ץ 4 I 1 I J 4 i 4 i ו » » t I 1 I i f Ä 1