Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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der Wiederaufnahme der Voruntersuchung gilt Beilis offiziell nicht mehr als Angeklagter, sonilcrii mir jls Vcidäehtiger, weswegen ihm bis zur Erledigung der ergänzenden^ Untersuchung gemäß der in RulU laml nclltiulcu Gerichtsordnung die Verteidiger etil- /rtjjeii wurden, und niemand mehr durfte zu ihm Zutritt haben. So schmachtet Ueilis, ein simpler, aller iiiisclmldiger Mensch, schon ein Jahr int Gefängnis. In Jen h1־/ten Tagen war eigentlich kein Zweifel mehr, ,|;1 II er die l'reiheit wieticrerbmgeu würde, liin Zeuge nach dem anderen bestätigte die Angaben von Kr.issoveslii und HrasuUMruschkowski, Das vier* tägige Verhör des Detektivhenniten Wygranoff, jer alle Einzelheiten der I laiipteiilhüller nicht nur liekrahigte, sondern wesentlich ergänzte, machte das itild der mbrechcrischen Vorgänge noch deutlicher, aber der Untersuchungsrichter für besonder* wich• lige Angelegenheiten Maschkewitsch scheint sich noch immer nicht zu einem entscheidenden Schritt ent- 5* Midien zu können. 111 der Tat wüten draußen die Pogroinarraiigeure. In ihrer, von zahlreichen Gouverneuren empfohlenen Presse, insbesondere im ״Doppeladler4*, Stollen sie die schlimmsten Drohungen aus, falls Ueilis freigelassen werden sollte. Ja, Tag fiir Tag kommen immer neue dunkle Gestalten auf, die sich in der Nähe der thiglucksstiitte /u schaffen machen, und die l'abnk, hei der Ueilis früher angestellt war, sah sich veraulalit, die P«di/ci auf das unheimliche Treiben aufmerksam /u machen. Offenbar halten aber diese Vorgänge auch auf den Untersuchungsrichter einen bestimmenden Hinilull, denn nur so ist die weitere Haft von Ueilis /u erklären. Das Kriegsgericht 7.u Kiew hat dieser Tage ein unerhörtes Urteil gefällt. Hs hat den Hauptmann Lille, der vor einigen Monaten ohne jeden Grund den Klavierspieler Schreiber# getötet hatte, zu vier Monaten Festungshaft verurteilt. Dieses Verdikt ist kaum begreiflich und steht in krassestem Wider- Spruch /u der sonstigen Strenge der russischen Gerichte. Dabei war der blutige Vorgang in seiner ganzen Brutalität zum Vorschein gekommen. Warum hatte nämlich der Hauptmann im Cafe chantnut ״Apollo“ den Klavierspieler totgestochen? Weil dieser seinem Wunsche, den Saratower Marsch zu spielen, nicht stattgegeben hatte. Scltrciberg hatte bescheiden gesagt: ״Entschuldigen Sic, den kennen wir nicht,** worauf der erboste Hauptmann mit dem Schwerte zu fuchteln begann und den Klavierspieler erdolchte. Diese schändliche Szene hatte der Staatsanwalt Kapi- (.in Jcgorow mit flammenden Worten den Richtern vorgeführt und daran erinnert, wie ganz Kiew nach der Missetat empört immer gefragt halte: ״Warum ist der Klavierspieler Scltrciberg zugrunde gegangen?‘4 ״Für nichts und wieder nichts4*, lautete die allgemeine Antwort. Der Staatsanwalt fragte mit Recht: ״Wäre es denkbar, daß auch in Japan ein Hauptmann des Generalstabes in dieser Weise seine Mußezeit verwenden und in solcher Weise von seinem Gewehr Gebrauch machen würde?“ Das Gericht fällte jedoch das einzig dastehende obengenannte Urteil: der Mörder bekommt nur vier Monate Ehrenhaft. Und fragt man, wie ein solches Urteil möglich sei, so ist die Antwort naheliegend: Auf der einen Seite ein (ientralutahsoffizler - auf (er amleren ein hilfloier jthlkclicr Klavierspieler! Wer inöihte hier Gercchligkcit fordern?! I 1c Kiewcr Offiziere und die Kiewer Juden werden sieh aber dies Urteil in gleicher Weise merken -- die einen, die ungestraft morden dürfen, die andcicn, die sich mm noch mehr degradiert und vogeifrei fühlen. Kiew, U>. August 101*2, Die Grünste für cue ZcrGiäraug. Jerusalems l.־.ine I laiiptleliie des nnti/.iunistIsclicn Judentums ist bekanntlich, dal) «las Golus eine gottgewollte Eiariehluiig sei, tun die jüdische Mission zu ermöglichen. Dali die Juden damals, als sie einmal wirklich eine großzügige Propaganda trieben, gerade ein eigenes Staatswesen besaßen, daran denkt man allerdings nicht. Weniger bekannt ist, daß auch im Talmud, in dein, einer jüdischen Redensart zufolge, alles steht, eine Ansicht vertreten ist, die dasselbe besagt, worüber sieh manche unserer nichtzionistischen Freunde sehr freuen werden, Rabbi Oscliaja meint nämlich: Gott hat Israel eine Wohltat erwiesen dadurch, daß er cs zerstreute. Nim steht Rabbi Oscliaja mit seiner Ansicht zwar ziemlich •allein, seine Kollegen meinten durchgängig, Jerusalem sei wegen der Sünden des Volkes zerstört, und diese Sünden werden sogar an verschiedenen Stellen des Talmud im einzelnen aufgeführt, ja, der Gedanke ist sogar in «las Mnsafgehet libergcgangeu: wegen unserer Sünden sind wir aiis unserem Lande vertrieben. Immerhin könnte man wohl auf den Gedanken kommen, Rabbi Oscliaja sei der Vater des Missionsjiidentums gewesen. Die Sache stimmt aber nicht. In seinen kürzlich erschienenen ״Rcligionsgeschiclitliehcn Studien4* zeigt A, Marm o r s t e i n , daß dieser wie noch andere Aussprüche der Rabhincn, die sich auf denselben Gegenstand beziehen, der Polemik gegen das Christentum ihr Dasein verdanken. Seit dem Kirchenvater Justin behaupteten nämlich die Christen, daß die Zerstörung Jerusalems, die Zerstreuung der Juden und ihre elende Lage eine Strafe dafür sei, daß die Juden Jcsum gekreuzigt hätten. Noch ehe ein Menschenalter vergangen sei, wäre die Strafe gekommen. Diese Lehre machte den Rahbinen viel zu schaffen, da sic wirklich etwas ungemein Bestechendes hatte. So erklärt sich der Aussprucli des Rabbi Oscliaja: Eine Strafe soll die Zer- Streuung sein? Im Gegenteil 1 Eine Wohltat! — Schatlel Ich hatte mich schon so gefreut, auch im Talmud einmal einen Autiziouistcn zu finden I Dr. R. L. RUNDSCHAU D5R PRgSSe ״Nouvetlp# Er/f/pficnnos'*, Kn im Diese Zeitschrift veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern einen interessanten Artikel über die S p r a eh c n f r age in Palästina, dem wir die folgenden wichtigeren Daten entnehmen: ״Die Volkssprache in Palästina ist die arabische. Derjenige, der in diesem Lande Geschäfte hat, ist gezwungen. diese Sprache zu erlernen. Von den ungc* fahr (>5l)()(X) Bewohnern Palästinas gibt es kaum <»!>()()(), tiie die arabische Sprache nicht sprechen oder zumindest verstehen wurden. Das Protektorat Frankreichs über die Katholiken im Orient hatte zur Folge, daß die französische Sprache in «len gemischten Tribunalen neben der arabischen als offizielle Sprache /!!gelassen wurde. Die weitere Folge «lavon war, daß alle Intellektuellen, bei denen während des alten Regimes der nationale Gedanke nicht so eingewurzelt war, die französische Sprache vollständig beherrschten und sie in Kurs setzten. Die politischen Ereignisse haben es nun verursacht, «lall die Ir.ui/ösisclic Sprache in Palästina wie überhaupt im ganzen Orient allmählich an Boden verliert. In Palästina dürfte es ungefähr IO Hilft Menselien gehen, die französisch sprechen. In letzter Zeit hat die hebräische Sprache im I Iciligci Lande eine ungeahnte Verbreitung gefunden. Der Fremde ist ganz, überrascht, hier «liest* tote Sprache ztt neuem tim] fruchtbarem Lehen erwacht zu scheu. Heute ist die hebräische Sprache die Unterrichtssprache in den meisten jüdischen Schulen. Man wundert sich heute nicht mehr in Palästina, auf den Straßen und in den Familien hebräisch sprechen zu hören. Mit einer bemerkenswerten Ausdauer arbeitet das jüdische Volk daran, dieser Sprache die Wichtigkeit von ehedem wieder zu erobern, und es ist kein Zweifel, «laß es' in diesem Bestreben auch reüssieren werde. An vierter Stelle ist die deutsche Sprache zu erwähnen. Man schätzt die Zahl der deutsch-sprechenden Personen in Palästina auf 8000. Mau unlcrscliät/t im allgemeinen eine andere in Palästina vorherrschende sogenannte Notsprache, iiämlieh «len jüdiseli-deiilschen Jargon, der von 80 000 Menschen gesprochen wird mul wegen seiner Ver• wandtschaft mit dem Deutschen leicht verständlich ist. Die englische Sprache, welche 5000 Anhänger in Palästina zählt, verdankt diese ilire Verbreitung den Hospitälern und ausgezeichnet geführten Schulen, welche von den Engländern in verschiedenen Städten gegründet wurden und auch heute noch erhalten werden. An letzter Stelle erst figuriert die türkische Sprache mit 5000 Personen, die sich zumeist aus Beamten und dem Militär rekrutieren. Die übrigen Sprachen, welche in Palästina außerdem noch ge- Sprüchen werden, «sind ganz bedeutungslos und wertTen auch in Zukunft keine besondere Rolle spielen.44 Frankfurter Zcitunr/ Zur Lage der jüdischen Volksschuilehrer schreibt das Blatt:! ״Die Lage der aus dem Privatschuldicnst kommen• den jüdischen Lehrer au öffentlichen Volksschulen ist häufig eine recht unbefriedigende und verdient die Beaclitimg aller Interessenten. Bei «ler geringen Zahl von öffentlichen jüdischen Schulstellen müssen die Anwärter oft viele Jahre im privaten Schuldienst verbringen. Gelingt es ihnen dann, eine Anstellung an einer öffentlichen Schule zu erlangen, dann be• ginnen die Sorgen erst recht. Der junge, aber nicht mehr ganz, junge Lehrer, möchte nach so langem Harren wenigstens rechtzeitig, das ist gleichzeitig mit dien anderen Ücrufsgciiossen, in den Genuß der Alte'isznlagen gelangen. Das kann er nur durch Nach- Zahlungen an die Zulagekassen. Er muß für jedes Jahr, «las er notgedrungen im privaten Schuldienste verbrachte, 570 M. iiaehzahlen. Ein Lehrer, der erst nach 8— lujähriger privater Anstellung in den öffeutliehen Schuldienst treten kann, hat also 8—10 mal 570 M. nachzuzahlen, eine horrende Summe fiir einen jungen Lehrer. Und da selten genug einer der betroffenen Lehrer über solche Mittel veriügt, so muß er das Geld leihen und muß sieh Zinsen und Tilgung*• , l- ■. ׳״ - .- .... .-״?־.׳ ׳־״״■ .■״—! Dokumente zur Emanzipation der Juden. Vier Reden von Lord Macaulay, Gabriel Rieser, Rats- Herr Suter und Georg Freiherr v. Vincke. Verlag Utto Hendel, Halle a. d. S. 1012. 120 S. Am 12. März 1012 wurde die hundertjährige Wiederkehr des Tages gefeiert, an welchem die Emanzipation der Juden itn Königreich Preußen erfolgte. Die Emanzipation der Juden bedeutet ihre Erhellung zu Staatsbürgern; sic hörten auf, Schutzjuden zu sein. In der vorliegenden Sammelschrift kommt der Befreiungskampf jener Zeit zu lebendigem Ausdruck. Es sind da vier Reden gesammelt, von Männern, die!11 jener Zeit in den vordersten Reihen kän1||la1, Zuerst eine Rede Lord Macaulay« über die bürgerliche Unfähigkeit der Juden, die er im Januar 18'il im englischen Unterhaus gehalten. Er weist vor allem ״ach, daß die Zurücksetzung der Juden ihrer religiösen Gesinnung wegen törichl sei, denn die Religion habe mit Budget und Gesetzgebung ebenso ׳ wenig zu tun, wie mit dem Schiihfliekcn, Sodann Rdgt eine weitschweifige Verteidigung der liiügerliehen Gleichstellung der Juden von Gabriel Ricss er, die 1831 den gesetzgebenden Versammliingen Deutschlands gewidmet ist. So sehr tms auch *׳)יייוו Rede, wegen der heißenden Kritik, die an den Eliiwiirfcn des Herrn Dr. I I. E. <».!,.׳iiilu» grübt wird, iMtcrchbjcrt, so mutet sie uns «loch auch etwas komisch ,"י wenn Immer und immer wieder gesucht wird, ׳ den Nachweis zu führen, daß das Judentum um Gottes willen keine nationalen Elemente enthalte und «laß nur rein religiöse Bande die Juden aller Länder miteinander verbinden und daß wir uns nicht etwa durch die gemeinsame Religion berechtigt und verpflichtet fühlen, eine besondere Nation zu bleiben. Diese mit Emnnzipationsgednnkcn übersättigte Geistesrichtung hat sich nun doch in unsern Tagen gründlich überlebt. Freiherr O c 0 r g von Vincke, der be■ kannte Parlamentarier, vertritt in seiner 1817 gelialtenen Rede wirksam «len Standpunkt der I)11111• samkeit. Durchaus gerechtfertigt ist auch die Wiedergäbe der Rede des Ratsherrn Suter, die er am 13־. Hornung 1700 in der Sitzung des Großen Rates über die Juden in Einlingen und Leiignati gehalten hat. Die Rede /.elvhuet skh hcsoiulers durch Ein• fachheit und Volkstümlichkeit aus, Diese vier Männer traten, erfüllt vom Glauben an die Macht des sittliehen Geistes, jeder au seinem Orte für die Beseitigung des Unrechts ein, das den Juden im Laufe der Jahrhunderte angetan wurde. Aber diese Reden haben nicht mir historisches Interesse, immer kehreu die Anklagen und Vorurteile wieder, und da können die damals gesprochenen Worte aufklärend mul erhebend wirken. Demi, was damals erlauchten Geistern als die Forderung des Tage« erschien, gehört zum Teil noch der Zukunft an; und in manchen Pariamenten dürften die Reden nochmals gehalten werden. M. * Munch hon Mulnion (MalmonldcH). Sein Leben und seine Werke, von Kahl». Dr, J. Münz. Verlag Kauffmann, Frankfurt n. M, Die jüdische Geschichtsschreibung beschäftigt sich' vielleicht zu viel mit. berühmten Männern und Büchern, l statt mit dem Lehen der Valksmassen; ein Buch wie Sombarts ״Die Juden und das Wirtschaftsleben44 zeigt uns, wieviel auf dem Gebiete jüdischer Kulturgcschichtc noch zu leisten ist. Aber damit soll nicht bestritten werde», daß auch Lebensbeschreibungen großer Männer ihren Wert haben und ihre Lektüre fiir jeden, der sich ein Bild von dem Gesamtjudcntum machen will, notwendig ist, Maimonidos bildet in mancher Beziehung einen Kulminationspunkt in dem jüdischen Mittelalter. Eine eingehende Biographie von ihm war bisher nicht geschrieben; auch die siebenlumdertste Wiederkehr »eint!« Tovkstnges, die vor acht Jahren in Gedenkfeiern begangen wurde, hat uns wissenschaftlich ausgezeichnete Forschungen über Maimonides, nicht aber eine zusammcufasseiidc Darstellung seines Wirkens und Lebens gebracht. Diese Lücke will das neue’ Werk des Rabbiners Dr. J. Münz, ausfüllen. Die fleißige Arbeit beschreibt in sieben Kapiteln Mainionides’ Wirken als Rabbiner und Arzt, seine drei Hauptwerke uiul seinen Lcbcnsgang. l)ic Resultatc «ler neueren Forschungen sind überall berück« slchllgt, insbesondere werden die Wirkungen, die die Werke des Maimonides hervorgebracht Italien, bis in ihre letzten Ausläufer hin verfolgt. Gerade hier ist maiielies Inleressaute zi» finden, was bisher mir in wisseiischaflliehen Abhandlungen vorhanden war. Das vorliegende Buch will populär «ein. Die Sprache ist im allgemeinen auch fiir den Laien \cr• stündlich. Schön ist sic nicht. Ich bedauere, daß an dein Buche nur die Ausstattung durch den Verlag. Kauf!•