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Jüdische Rundschau · 1912-08-16 · Heft 33 (16.8.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 312 JU EDI SCI IE RUN DSC HAU Nr. 33 und studentische Gruppen in jüngster Zeit!reuen die russischen Studierenden sich heiielimen. Nmienllieh die Vorgänge in der Münchener studentischen Versammlung, die gegen die russischen Kollegen ge* lichtet war, 'erfuhren eine euer!:ische Abwehr. Alle hei jener <ielegenheit aiifgcslcllleu lieh:111plun|:en über die kulturelle und sillliehe Minderwertigkeit der .•ms Rußland stammenden Studierenden werden mit 1:111• rüshmg zuriiekgcwicscii. Am meisten wundert man sieh hier aber darüber, dall auch die freiheitliche Tresse Deutschlands auf den Münchener antiseiiii• tischen Trick lierciiigcfallcn ist. Richtet sich doch in Wirklichkeit der Zorn der Aiilimsscnagitatoreii nicht su sehr gegen das Russenti. als gegen den russischen Juden, gegen »len sie eine Aversion heuen, die nicht einmal der feinen l'nimulienmg bedarf. Die Redensarten, die in der Münchener Versammlung gebraucht wurden, seien also die reinste Maskierung des wirklichen Rassenhasses gewesen. Das Gouvernement Cherson ist in jüngster Zeit für neue Judenverfolgungen auserkoren, Erst vor wenigen Tagen inullte berichtet werden, dail infolge eines Zirkulars des lokalen Gouverneurs allein in den Dörfern dieser Provinz etwa z c h 111 n u s e nd Juden von Ausweisungen bedroht sind. Mit dieser Katastrophe ist es jedoch nicht genug. Da ist im Gouvernement Cherson die Stadt Niko• lajew gelegen, die dank dein von Juden entwickelten Exporthandel in den letzten Jahren einen ungeahnten Aufschwung genommen hat. Diises historische Verdienst hat indes die Position der Nikolajcwer Juden keineswegs gefestigt. Die Administration ist jel/l eifrig damit beschäftigt, die Nikolajcwer Juden ins schwerste Unglück zu stürzen. Nikolajew war mini• lieh unter dem Zaren Nikolaus I den Olten aulScr• halb des Ansiedlmigsrayons gleichgestellt worden, In den Ict/tcn Dezennien war jedoch die Bcsehiänkling immer mehr in Vergessenheit geraten; die Juden durften in Nikolajew ungehindert sich ansiedeln, und seihst die stets auf Bestechungen bedachte Tolizei konnte daraus kaum Kapital schlagen. Auch in den Gesetzbüchern waren kaum noch Spuren des für die Nikolajcwer Juden bestehenden Ausnahniercchts übrig geblieben. Nikolajew zählte sich seihst schon zum Ansiedltmgsgebict. Allein die neueste Jttdcnverfolgungsära hat auch das Ausnnliiiiereclit, das für Nikolajew gegolten hat, wieder ausgcgrabcii und besteht auf dem längst ver• gilbten Schein. Von den etwa 2'i()0(l Juden, welche in Nikolajew wohnen, dürfte danach wohl die Hälfte verjagt werden. Vorläufig dauert zwar noch der verzweifelte Kampf an. Die Nikolajcwer Juden herufen sieh gegenüber den drohenden Ausweisungen auf das bekannte Stolypinsche Zirkular, welches allen den Juden, die, ohne das allgemeine Wolmprivilcg zu besitzen, aullerlialb des Ansicdehmgsgehiets bis zum August 1906 sich niedergelassen hatten, das weitere Wohnrecht am betreffenden Orte zugcslaml, Die Polizei wurde damit in Verlegenheit gebracht, Ist Nikalojcw als nicht zum Ansiedltmgsgebict geluirig zu betrachten, so hatten ja auch jm Jahre 1906 die nichtprivilegierten Juden daselbst kein Wohnrecht. Folglich ist auf sie das Stolypinsche Zirkular anzuwenden. Beinahe wäre so die große Ausweisimgsaktiou ins Wasser gefallen. Da jst die Polizei auf den Ein Blitz zuckte durch mein Hirn. In einer Sc• künde erhellte sich mir alles. Ich begriff, wo ich sei, was ich tun will. Ich war gleich ganz ruhig. Ich erkannte mich nicht sogleich. Dann trat sie heran, faßte mich bei der Hand und zog mich ins Zimmer. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen. Sie blickte auf meinen Kopf und auf meine Stirn, wo das Kreuz brannte. Dann sagte sic mit dunkler Stimme: ״Erzählen Siel“ Ich erzählte. Ich erzählte gern, gelassen; ich erzählte alles. Das Geschick meiner Müller — mit schändlichen Einzelheiten, ln ihrem Gesicht wechselten Rot, Weiß, (Iriiii, Gelb. . . Als ich fertig war, ver• neigte ich mich vor ihr mit liebenswürdigem Lächeln, Sic merkte es kaum und vergrub ihr (Jesieht in den Händen. Dann hob sie ihr Antlitz. Es war verweint. Sie ließ sich vor mir auf Ae Kuiee und faßte meine Hand. Mein Lächeln wurde breiter. Diesmal 6ah sic es, Rasch erhob sic sich und begann im Zimmer auf. und abzugehen. Zu mir flogen ihre, unruhigen Dlickc. Ich saß da und lächelte stets — wohl sehr liebenswürdig. Endlich entschloß sie sieh, ein Mittel nii/uweudcn, das sie offenbar für sehr stark hielt. Sie setzte sich wieder atif den Stuhl mir gegenüber und fragte still; ״Um! Ihr Entschluß? . , ״Mein Entschluß? Was für ein Entschluß? . , , Einen Augenblick! . . . Entschluß ... Ja — vor vielen, vielen Jahren, da fällte Ich einen Entschluß... Einen nehr wichtigen Entschluß — aber, weswegen nur? ... Ja, jetzt weiß lch'81 Ich lachte ihr ins Gesicht hinein. Bald wurde ich ernst und ruhig und sah ihr ins Auge. Sie wurde weiß wie Schnee und sprang vom Stuhl, einfachen E. in fall geraten. Sie verlangt Von jedem nicht privilegierten Nikolajcwer Juden den Nachweis, (lall er im Jahre 1906 in Nikolajew gewohnt hat, .־indem;eils hat sie die meisten llausamneldebiieher jener Jalue den Hauswirten euiz11|;e11. Oh die helivfleinlen Registiierhiieher vernichtet oder verlegt sind, ist für die Sache gleichgültig. Jedenfalls sind die meisten bedrohten Nikolajcwer Juden nicht mehr in der l.age, den von ihnen geforderten Nachweis zu liefern. Es läßt sich also nicht schwer Voraussagen, welchen Ausgang der Kampf nehmen wird, den die Nikolajcwer Juden um ihr I )oinizilreelit führen. UnaU.ehhar sind aber die wirtsehaflliehen Folgen, die sieh im Gouvernement Cherson infolge der Masseniiusweisungcn einslellen müssen. RUNDSCHAU D£R PR6SS6 Franhfitrfrr fsruviif, /1auti/irnMaif Zur Abberufung Aiilchis, des Alliance-Vertreters in Jerusalem, und der damit anscheinend eiugeleitcten Liquidation des Alliance Sclulwcrks in Palästina schreibt das Blatt: ״... Diese Tatsache aber ist von doppelter erheblieber Bedeutung. Moralisch bedeutet sie vor allem eine Niederlage des Schulsystems der Alliance, mul damit den Sieg des hebräischen Er/ichuugssystcms des I lilfsveieins. Prnk tisch aber ist die Li1|11idation der Allianeesehule» nicht minder wichtig. Demi dadurch wird das jüdische Leben Palästinas des stärksten Assiiiiilalioiisfaldnrs, der in ihm gewirkt hat, entledigt. Das Selmlwerk der Alliance war uniicslieilb.ir das stärkste Hemmnis der nationalen Ilewcgimg in Palästina, und mm, ela cs wegfällt, wird sich diese viel rascher und stärker verbreiten kdnneu. Demi das eine darf wohl erwartet werden: Dje Stelle der Alliance wird der Hilfsverein einnchmeh. Ja, es scheint mit Sicherheil aus den Nachrichten hervur/ugchcit, daß die Liquidation der Altianceschulcu nicht in Zank und Gegnerschaft zum I lilfsvcrciii erfolgt, dall vielmehr die Zurückziehung der Alliance aus Palästina auf eine vorherige Vercinbarung mit dem llilfsverein erfolgt ist, wonach die Arhcitssphäreii beider Organisationen abgegreuzt 'werden sollen, und zwar so, daß der llilfsverein sich auf den Orient und Palästina konzentriere, die Alliance dagegen in Marokko ihr Arbeitsfeld finde. Marokko ist ja nun glücklich nominell französisch geworden: was aber uotliit, ist, letzt das.Land auch kulturell für!־raiiLrcich zu croncrn. •Die Alliance in ihrem französischen Patriotismus sieht sich dazu in erster Reihe berufen und hofft, sich durch eine Konzentrierung ihrer Tätigkeit auf Marokko den Dank der Männer am Quai d'Orsay, deren Gunst sie ja schon lange besitzt, noch in erhöhtem Maße zu erringen.“ Midiürhn PfCftso, Ikrlin Unter der Ucbcrschrift ״Der tote Misrachi“ schreibt das Blatt: ״Aus Berlin kommt die Nachricht, es habe dort eine Sitzung des Zentralkomitees der zionistischen l'ürderation ״Misrachi“ getagt. Aus verschiedenen Orten Deutschlands, aus Rulilaiul, .aus Belgien, seien Delegierte anwesend gewesen, die Mitglieder aus Galizien nur im letzten Momente trotz ihrer festen Ich stand auch auf, langsam und ruhig. Ich habe sie vergewaltigt. Sie wehrte sich wie meine Mutter. Doch was vermochten ihre Kräfte gegen den Mann mit dem Kreuz auf der Stirn. Auf ihrem Gesicht begann ein furchtbares Spiel zwischen Elammenrot und Leichenblässe. Sie schrie nicht; sie hiß sich auf die Unterlippc, zerfleischte sie und schluckte das Blut. Ich tat mein Werk •- mit all seinen erniedrigenden Einzelheiten. Es dauerte lang. Dann erstickte ich sie, Kurz und stürmisch. Ich grub meine Finger, lange knochige Finger, in ihren weißen I!als. Sie wurde rot, dann blau, dann schwarz. Es war zu Ende. Ich warf mich auf einen Stuhl und entschlief in demselben Augenblick, als wäre ich in einen tiefen See gesunken — traumlos. XIII. Als ich erwachte, merkte ich, daß die Kerze auf dem Tische fast gar nicht kleiner geworden war. Ich halte wohl nicht länger als fünfzehn Minuten geschlafen. Doch ich war ganz munter und ganz, ruhig. Der Schrei ״Ach, mein Sohnl" hat ׳mich bis heule noch nicht verlassen; aber seit jener Stunde wurde er weicher, mütterlicher. Meiner Mutter Seele hat ihre Lösung gefunden. Unser K01isplrali0UM)11nrtler ,war «ehr bequem, fast komfnrtahcl eingerichtet. Ich ging ins Toilettezimmer und wusch mir Kopf und I lände. litt Spiegel sali ich, ich sei grau. Da sah ich denn endlich das Kreuz, welches ich die ganze Zeit bloß gefühlt hatte. Die Wunde tat nicht mehr weh, sic brannte bloß ein wenig. Absicht her/nreisen, am Erscheinen verhindert gewesen. Zwei läge halte man fast vom Morgen hjs zum Abend getagt und wichtige Beschh1-.sc gefaßt. Auch seien während der Sitzung die praktischen Auf! gaben des Misiaelii durch großen• Spenden erhchlnli gefoideit worden. Als wir das lioilen, gnfkn wir uns an den Koni! Wie? Halle es nicht nach ihm Kl. Zionisten •Kongreß gcraiisihl im jimIiscIn!! Illätlmvalde wie von den Stimmen einer Iraner, psaiinsingendcn Menge? Hatte nicht seihst der ,,k. raelil“ gleich nach dem Kongreß sein misrachiia •mlliebes Herz, eiildccld und ihm in den süßesten lumii sein Sterhclicd gesungen? Und dann, als im K״p. temher die Misrachikunfcreiiz in Ikrlin den Beschluß gefaßt Italic, nicht aus der zionistischen Or:;.!ni. satton ausziitrelen, hatte da nicht die ganze misr.niij. feindliche Presse gerufen, wenn er vorher tul Wesen sei, so sei er jetzt mausetot und kt in llmul nehme mehr ein Stock Brot von ihm? Und jetzt? Niehl als oh die Sitzung über wellerschütternde I ragen zu beraten gehabt hätte! (Audi die Stellungnahme zur Agud.ith-Jisroel kann nun ja wohl schwerlich als eine solche hc/ciclmwi.) .Aber gerade wenn zu einer reinen Arbeitatzung Männer wie der grei-.e Rabbiner Reim s mul der di. 11■ falls schon ergraute (.'alau ((.haikow) den Weg nicht scheuen, wenn man sieht, in wie hingdimiguoller Arbeit die Herren vom Hamburger Zciitrallnircau ihre Arbeit leisten, dann will es scheinen, als sei die Bewegung so ganz tot wohl (Inch nicht. Und wenn man hört, wie in Galizien gearbeitet wird, wie dort Rabhinen in rastloser Muhe tätig sind, wie in Belgien gearbeitet wird, wie in Amerika dir Anwesenheit I lermaim Strucks gewirkt hat, so will es si liunen, als habe die Bewegung doch noch kräftig piiki.rcitdes Leben in sich mul fühle sich auch nach ihrem lode noch recht wohl! . . . ." Jvwish ChronicU\ Lotufun lieber die jetzt beendete Session der beiden geset/gebemlen englischen Körperschaften schreibt das Blatt: ״Die Session, über die jetzt der parlamentarische Vorhang hcrabgdassen ist, war für tms Juden frei von jeder besonderen Aufregung. Agitationen, Auf• rcgimgeu mul Aengste, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben,!gab es fast gar nicht. Die Aus• länderfrage, das Sonntagsruhemul das Versicherung!»• Problem in ihren viel fachen Beziehungen zur Judenseliaft des Landes sind .überhaupt nicht oder mir flüchtig gestreift worden. Die Naturalisalionsiragc ist nur kurz und in maßvoller Weise behandelt worden, Dennoch war die Session nach der persönlichen Seite nicht ohne alles jüdische Interesse. I:in zweiter Jude ist ins Kabinett cingctrctcn, und kurz, vor Toresschluß wurde wiederholt und mit Nachdruck der Nain eines nmlereii Juden (Herbert Samuel) genannt in Verl'iudüng mit dem Posten eines ״Chef-Sekret,irs“ von Irland. Wir entsinnen uns, daß vor vielen, vielen Jahren einmal der Gedanke auftauchte, die gesamten Verwaltungsposten Irlands in die Hände von Juden zu legen. Man hörte dann nichts weiter von dem phantastischen Plan. Aber man darf recht gespannt sein, welchen Erfolg das Experiment haben wird, einen Juden mit der Aufgabe zu betrauen, das (Teich• gewicht zu halten zwischen (len beiden wideisi rohen• den Parteien der Protestanten und Katholiken.“ Ich wollte ein Messer nehmen, ein Stück Maut aus der Stirn schneiden, das Kreuz so ausmcr/cn. Dann überlegte ich mir's: Mag cs bleiben — ״als Stirn/eichen zwischen deinen Augen“ . , . Haha! Meintest du solche ״Stirnzeichen“, mein lieber alter Gott? XIV. Ich' schuldete niemandem etwas und wollte nie• mamlein mehr etwas zahlen. Noch in derselben N'olit verließ ich meine Stadt., Zwei Tage später war ich jenseits der deutschen Grenze. Es ging nach Ame.d a, Das Meer nahm mich auf, das Meer mit seiner endlose« Weite, den Tauben Winden, mit scwwm scharfsal/igen Atem, Und es sprach mir Wunder• bares, sprechend und schweigend sprach cs. Ich horchte ihm zu mit Freude und Staunen. Doch •ch kann nicht in Worte kleiden, was cs mir erzählte. Bald nach meiner Ankunft nach Amerika negauit ich über Land ,,zu trampen“. Die Prairie »>e• gann, mir in ihrer Sprache zu deuten, was des Meeres Sprache mir erzählt hatte. Die Prairie I Ihre Nächic, ihre Tagei .... Fast drei Jahre wandere ich schon. Und ich nctigchorenes Kind spüre, daß ich kräftig genug hin. Bald, bald will ich in die Heimat kehrenI Und daun-“ * * * Er sagte nichts mehr. Er hatte wohl an mich ganz vergessen. Und ich, einer, der schon jahrelang allem ganz fern war, dachte: Erstellen wird ein Geschlecht eherncr Menschen. Sic werden aufbaucn, was wir verfallen ließen.

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