Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651763-2651795--08504-2665754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 311 Nr. 33 JUEDI.SC HG RUNDSCHAU gerufenen Krankheiten Ist auch diese in־großen Staaten häufiger als auf dem Lande. Es ist aber merkwürdig, jnli die mntcrJell Q11tgc*icllten' besonders die Millio- ״ärc, m1d*dic*gnrrr,Armen Und Besitzlosen, die um das tägliche Brot schwer ־zu kämpfen haben, eine große Anstcckiiiigsdisposition '/eigen,: während die mittleren, bürgerlichen Klassen über eiiic gewisse Immunität ' verfügen. Die Iiifektioiisgemeinschaft; gerade der oberster und' untersten ’Gcsellschaftsschichten |!,|Jt $ith wahrscheinlich :dadurch erklären, daß Reichtum und Deheriluß, beknnutlich ebenso wie Armut und Not, gewisse körperliche und besonders geistige Schwücbe/ustämlc hervorrufenj welche die Immunität gegen die Infektion hcrabsetzen. י י Dabei sei noch bemerkt,;daß, nach meinen licobachtmigcn, das schöne Oescbleeht besonders leicht von diesen Taufba/illen infiziert wird,;während die israelitischen Mannet eine größere Jnimunitiit bositzen, die natürlich großen• Variationen unterworfen ist. So ist, soweit mein statistisches' Material' reicht, noch kein männlicher Rothschild, um eine bekannte israelitisüu׳ Familie anzuführen, an dieser Religioiisinfck• timi erkrankt, während bei weiblichen Mitgliedern diese•; Hauses Erkrankungen schon mehrmals vorgekommen sind. Diese Erscheinung ist sicher auf den viel zarteren Hau des Frauenkörpers zurückzuführen, bei dein die geistigen Organe einer Infektion leichter zugänglich sind. Denn auch bei anderen Rassen erkranken die Frauen ja am leichtesten. Um wieder ein bekanntes Beispiel anzuführen, ist jn unserer Zeit noch kein evangelischer Prinz von dieser Kr.11d.hcit befallen worden, während die Prinzessinnen leicht infiziert werden, besonders oft von den griechisch-orthodoxen Bazillen. /tun Schluß sei noch mit einigen Worten auf den Umstand zurückgekommen, daß die modernen Juden dieser Infektion leichter und schneller zum Opfer fallen als ihre Vorfahren. Dies wäre auf einige Ursachen zurückzuführen. Erstens, daß die jüdische Rasse, verpflanzt von ihrer Heimat Palästina in andere breiten und andere Lcbcnsbedingtmgcn, im Laufe der Jalu hunderte geschwächt wurde find immer mehr ihre Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen cinhüßt. Zweitens werden die modernen Juden in ihrem stetigen Verkehr mit der Außenwelt natürlich leichter infiziert als ihre Vorfahren, die in den Qhetti lebten und weniger mit der Infektionsquelle in Berührung kamen. Endlich drittens Ist wohl anzunchmcn, daß auch die Zahl der Bazillen immer bedeutend zunimmt und dadurch der Angriff und die Infektionsgefahr vergrößert werden. Dr. M. Jordcni.Sack heim, New Yorker Brief Drei tragikomische Typen aus Amerika. Nummer 1 ist eine junge Maid von siebzehn Lenzen — das Alter, in dem gewöhnlich mir inan selbst sich tragisch nimmt, während die anderen die holde kleine Dame — nicht komisch, sondern eben ״allerliebst1* finden. Daß man auch in diesem bcgehrenswerten Alter tragikomische Dinge tun kann, beweist ein Brief, der kürzlich bei der amerikanischen Einwanderungsbehörde cingclaufen ist. Dieses Staatliehe Bureau wird von manchen Leuten als eine Art Ich drehte und warf mich so lange, bis ein Strick an dem Nagel hängen blieb. Dann rieb ich den Strick an dem scharfen Eisenkopf des Nagels. Stunden vergingen. Ich war schon halb ver* rückt und wußte kaum, was ich tue; aber ich tat meine Arbeit mit der Pünktlichkeit und Präzision einer Maschine. Und cs kam ein Augenblick — da gaben die Stricke ein wenig nach. Eine kleine Andrciv.ung noch — zu meinen Füßen lagen zer* risse ne Stricke. Zu meinen Füßen lagen zerbrochen die?׳.herben zertrümmerter Götter. X. Ich bog mich übers Bett. Dort zuckte ficbrisch 5in Etwas, das gar keine Achnlichkcit mit einem Menschen hatte, und ächzte, ächzte so still, daß mein Ohr es kaum fassen konnte. Ich rief leise: ״Mutier!“ . . , Mein Atem hauchte das Wort der ^uiide zu, die einst ein Gesicht gewesen war. Noch 5i11m.1l rief ich: ״Mutter!** ... Bewegung ging über die Wunde. Etwas öffnete ,'5h. Ich sali• scharf hin: Es war ein Auge. Ei» Auge — das andere war misgeromien. Das Auge *ar liliitbeschmiert, doch cs funkelte wie eine glühende Kohle. Erkannte es mich wohl? — Ich 1• weiß nicht, ich glaube wohl. Es war mir, als blicke; ^eses Auge auf mich mit einer laugen Frage und : *tfengem Begehren. ״Ja, ja, es wird alles recht j »cinl‘* sagte ich laut und ernst. Ich wußte nicht I Mar, warum ich sprach,. I Daun sah ich mich im Zimmer um. Unter dem Trümmerhaufen der zerbrochenen Möbel lag ein Fuß des Tisches. Ein Stück schweres, dickes, geschmtz- 5s Holz, Es war brauchbar. Ich hob den Tisch* 1 leiratsbnreau :n;;1 ■dun, de!, .cn Aufgabe es ist, alleinstehenden Männlein oder Wciiddn zu einer gut passenden her,;cmi I L'iUic zu verhelfen. In (iieveu Falle bti'.rie das Gesuch um ein gecignek's Heirat mbjekt wörtlich folgendermaßen: ״Der /׳.weck meine.! Schreibens ist, mir ׳ zu einem jungen Manne zv/cc!;!» i icirath zu verhelfen. Es Ist* für mich sehr schwer, ciiictt jungen Manu zu finden, da' ich nicht viel ,nwrgehe. Ich werde den jungen Mann he :chrciben, den ich als Gatten hahen möchte, ich will einen jur.ge.u Mann von 27 hin 30 Jahren, nicht älter, 5 Fuß 11 Zoll groß, guten Charakters, Religion katholisch, p ro t e h t a 1! t i s t׳ ii oder monnisch, ich mache mir nicht viel au:! Keinem guten Aussehen, doch imill er gesund rein. Ich bin ld Jahre alt, ö Fuß 11 Zoll groß, habe graue Augen und bellbraunes Haar, zicmlicb .hübsch, wiege 130 Pfund, bin gesund mul starlc, halte ׳kein Gehl, doch kann ich einem I La :h,1U vorstehen und kenne den Wert eines guten Mannes. Ich bin in Rußland geboren, und zwar in Odessa. Ich bin 0 Jahre im Lande, habe eine Erziehung in der öffentlichen Schule gcnossen, spreche gut englisch, auch jiddisch und etwas russisch. Meine Religion ist mosaisch, doch habe ich nichts dagegen, einen Christen zu h c I ra 111 c n. ich schicke Ihnen mein Bild, so daß Sie selbst urthcilcn können. Indem Sie mir helfen, werden Sic mir einen großen Gefallen erweisen und mich davor bewahren, eine alte Jungfer zu werden. Miß Anna Sk. — Brooklyn.“ Komisch, diese Jungfrau von 17 Lenzen, die ftirch• tet, den Anschluß zu verpassen, nicht wahr? Und was das Tragisch(! an diesem Briefe ist? Daß er deutlich die Wandlung zeigt, die für weite jüdische Einwnudcrcrkreise in Amerika typisch ist: In Rußland haben sie strikt an den Vorschriften des Ritus festgehalten —, sowie sie aber den Boden des ״freien‘* Landes betreten, werfen sic alle Fesseln von sich lind dokumentieren die ״Freiheit*‘ dadurch, daß sic alles, was sie an ihr jüdisches Volk, ihre Religion, ihre Kasse fesselt, von sieh werfen möchten. Falls Anna Sk— eine jüdische Nase hat, wird sie gewiß bereit sein, auch diese auf operativem Wege amerikanisieren zu lassen, damit sich die Liehe des event. jüdischen, katholischen oder evangelischen Bc- Werbers nicht ״an ihr stößt“. Nummer 2 hieß bisher Max Pos n er, bat sich aber inzwischen in einen Maxwell Page verwandelt. Es ginge absolut nicht, erklärte Herr Posncr, pardon Page dem Richter, der ihn mit einem ״Erkläret mir, Graf usw.** behelligte; sie hätten sich alle anglisiert, Malte Glockenblum hieße jetzt Mary Biucbell, Laibei Uoscnfcld hätte sich in einen Lionel Rooscvclt verwandelt und der ״Jainkelc** wäre gar zu einem ״John Nelly“ geworden —, ähnlich klänge cs ja ohnehin, mir eben ein Bißchen irischer. Der Richter fand zwar, daß Max Posncr doch auch ein ganz schöner Name wäre und riet, wenn cs nun einmal durchaus ״amerikanisch“ sein müsse, mehr zu einem der Uradclsuamcu des Landes, z. B. ״Roter Geier“ oder ״Feurige Hyäne“, aber da der Mann so grolle Ambitionen gar nicht hatte, blieb cs schließlieh bei Maxwell Page. In Nummer 3 will die Tragik fast die Komik überwiegen. Wenn man Nummer 3 an irgendeiner fuß, und mit all meiner Kraft senkte ich ihn auf das glühende Auge. Das blutige Etwas zuckte einmal auf und blieb dann steinstarr liegen. Das glühende Auge war. nicht mehr. Ein Stöhnen und• ein kurzes, balbcrsticktcs Brüllen traf an mein Ohr. Doch das klang ohne meinen Willen, gewiß. Und die Stimme war so fremd, daß ich nicht sicher weiß, ob es meine war. Als ich auf die Straße trat, sank die Sonne —, die alte Sonne, die seit tausend Jahren schon ihr Gold spinnt. Wer sagte doch nur, einige zwanzig Jahre seien mehr denn ein Tag? — Ich war tausend Jahre alt. XL Jetzt kommen die düstersten Tage meines Lebens, Die Stadt lag im Fieber. Brand, Mord. Blutige Kämpfe. Schüsse in den Gassen. Offenbar hatte sich eine Selbstwchr zusammeiigeschweißt im Feuer des Pogroms. Was tat ich nur damals? Ich weiß cs nicht. Bald fand ich mich in den Reihen der Selbstwchr, bald mitten — in der Masse der Pogrombnnditcn. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein Blatt, das der Sturmwind trägt. Auf meiner Stirn brannte das Kreuz. In den Ohren tönte cs: ״Ach, mein Solm!“ Eine Szene blieb mir im Gedächtnis: Ein alter Jude rennt durch die Gasse, hinter ihm ein Junge von etwa scehs/.etm Jahren, eine Hacke in der Hand. Er erreicht den Alten, und mit einem Hieb spaltet er ihm den Kopf; dann schließt er mit einem Fußtritt den geöffneten Schädel. ln demselben Augenblick läuft ein jüdischer junger Mann mit einem Revolver gegen den ver- Straßenecke stehen, über einen Bauzaun klettern oder auf den Stufen eines wackligen Easterul-I fauscs ratzen sieht, kann mau nur mit dem einen Auge Jachen — das andere möchte lieber weinen. Nummer 3 ist ein kleiner Judenjunge von 3 oder 5 oder 10 Jahren und steckt in dem Kostüm amcrl« kanisciier Prolctarierkindcr: einem khakifarbigen Indianeranzug mit rotem, wie Flammen gestaltetem Besatz, auf der Bluse und den langen Hosen und einem buntcn Kranz, von aufrcehtstebcndcn Hahnenfedern auf dem Kopfe. Genau wie wir es auf den schreck• lieh schönen Büchern unserer Kindheit sahen — mir daß der Mann auf dem Bilde ein hoher, geschmeidiger Pr.iriet.olm mit eisernen Muskeln und wilden Augen war, der gerade ein Bleichgesicht an dcu Martcrpfuhl haml oder einem wilden Mustang die Sporen in die Weichen stieß (das Wort Mustang imponierte mir stets am meisten!). So etwas Schreckliches tut der kleine Kerl im Indinnerkostüm von heutzutage nun nicht. Er sitzt einfach auf seiner Stufe, kaut Gummi oder Zucker• zeug und sicht entsetzlich schmutzig aus. Und nicht nur schmutzig, sondern auch arm und elend und verkommen: oft mit krummen Ikinchcn und jämmerlieh dünnen Knochen, mit blassen, Bäckchen und mancherlei Degcneratiousmerkmalen des im Ghetto• dunkel verkümmerten Volkes. Und mit den so un* sagbar traurigen Augen jüdischer Kinder, in denen das ganze alte Leid des unglückseligen ,Volkes gc• schrieben steht. Armer kleiner jüdischer Indianer! Bei all deiner grotesken Komik eine so tragische Illustration des Unharmonischen, Stillosen, der mehr oder minder bewußten, aber immer wieder mißglückenden ,Ver• suche deines Stammes, ()ich der ewig fremden Um• gebung anzupassen! New York, den 6. August 1912. ' H. H. C. Petersburger Brief Der zur Ergän/tingsuntersuchimg in der Mordaffiire Juschtschinski nach Kiew beorderte Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angc* Jegenhciten Maschkcwitsch hat, wie cs heißt, seine Arbeit bereits absolviert. Nur noch den Hauptcnthüllcr Brasul-Brusciikowski, der sich augenblicklich in der Krim aufhült, will er noch einem Verhör unterziehen, wogegen er merkwürdigerweise eine Reihe von Zeugen außer acht gelassen hat, welche im An- Schluß an die Enthüllungen Brasul-Bruschkowskis von dem Untersuchungsrichter Fcncnko, vom Ocndarmeric• obersten Iwanow u. a. verhört worden sind. Dieser Umstand erweckt den Verdacht, daß der neue Mann nicht gar so vorurteilslos vorgeht, und dieser ,Verdacht verstärkt sich mit Rücksicht auf die Tatsache, daß der verdienstvolle Hauptentiiülicr KrassowskI wegen einer Lappalie hinter Schloß und Riegel gcbracht ist, während Beilis nach wie vor im Gefängnis schmachtet. Die fortschrittliche Presse Rußlands hat sich in letzter Zeit mehrfach mit der Behandlung der russischen Studenten im AusIande bcschäftigt und führt eine scharfe Sprache gegen die Art und Weise, wie verschiedene Hochschullehrer g- T-. — - "— .־ ־" ■ JMJ".״ tierten Bengel. Ein blasser, junger Mann. Ein magercs Gesicht. Augengläser. Sie laufen. Ich nach. Der junge Mann schießt. Er trifft nicht. Der Pogrombubc jagt in einen Hof. Ich stolperte und fiel hin. Als ich in den Hof trat, stand der Bursche in einem Winkel des Hofes. Sein kinderjunges Gcsicht war grün geworden, die Augen groß und stier, seine Zähne klapperten. Der blasse junge Mann stand hart neben ihm und hatte den Revolver gehoben. Sein Antlitz war noch blässer als früher. Er sah den furchtbaren Schreck des halbwüchsigen Jungen, schaute eine Weile starr in das furchtvcrzcrrtc sinnlose Gesicht, dann richtete er den Revolver gegen seinen eigenen Kopf und erschoß sich. In des Jungen Gesicht erlosch der letzte Funke der Besinnung. Er kauerte sich zu dem Toten vor seinen Füßen nfbdcr, sprang wieder auf, und mit tollem Geschrei sprang er über den Leichnam. Dann rannte er aus dem Hofe. Aus meiner Brust riß sich ein wilde9 Gelächter. Mein Full hob sich unwillkürlich und stieß nach dem blutigen Aas, das sieh auf der Erde krümmte, wie ein zertretener ,Wurm. ' XU. Das dauerte Tage und Nächte; ich weiß nicht, wieviele. Eines Abends stand ich vor einer Tür und klopfte auf eine bestimmte Art. Das war das Zeichen, daß ein ״Freund“ nahe. Was war das nur für ein Signal? Wozu diente cs? Woher kannte ich’s? . . . Ich fragte mich nicht diese Fragen.1 Auch im Traum stellt man solche Fragen nicht. . . Die Tür ging auf. Ich sali Minna. . , .