Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1912-08-09 · Heft 32 (9.8.1912) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651763-2651794--08495-2665744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

J UEPISCH E RUNDSCHAU Seite 303 1 L » > Nie crn״ i an <i\V, Wer Idie Da Vor• t illen nter;1k־s die Hein I I 1 :11l‘< cs eil(, hin als f:corticlit des 1 Vst- Jms >gcder Hel; i ren. les I ich. I teil, i lulc I den [j tzte!!ren lau• des S ge. Icm im! zur i kn,!•ft •1RC riil* ren ler• :Id, ,er- •וווי. י | <oit I (ein 14nd j an- •וחג! .׳'K cht 1 i 1! I i ן I 4! 1 I , j i ר. 1 1' Nr. 32 sich mit dem \u1tue11 Vordringen der modernen Kultur auch »ach den Landern des Orients immer fühlbarer machen muß. Selten hat ein jüdisches Werk die Gunst der gesamten Judcnheit sich so rasch erobert wie das nun [m Hau begriffene Technikum in Haifa. Mit Span, innig wird in der Oeffeiitliehkeit das Fortschreitcn der Arbeiten beobachtet, mit Genugtuung die baldige Verwirklichung des Planes begrübt. Bei der regen Anteilnahme, die inan in allen Ländern diesem Werke enlf,egenbringt, ist auch zu hoffen, daß die nötigen finanziellen Mittel, die zur Durchführung des Unter. iH'lmiciis erforderlich sind, nicht fehlen werden. Für die Ausführung der Baulichkeiten, die in ihrer Gesamtheit {Mittelschule, Technikum, Werkstätten, Lehrer• und öcaintcnwohnimgcn) mehr als eine Mil• lioii Mark erfordern, sind die nötigen Summen noch nicht völlig aufgebracht. Was bisher vorhanden, haben in großherziger Weise die Herren Jakob II. Schiff in New York, Dr. James Simon und die Fa. inilie Wissotzky beigesteuert. Erstcrer stellte 100 000 Dollar und Herr Dr. Simon 100 000 M. zur Vcrfügtmg, ferner der Nationalfonds 100 000 Frs. Die Familie Wissotzky aus Moskau, die mit 100 000 Rbl. gleich im Anfang den Grundstock des Unteriieh. mens bildete, hat cs übernommen, durch eine neue in diesen Tagen gegründete Stiftung von ICO 000 Rbl., die dein Andenken des verewigten Wolf Wissotzky gewidmet ist, das für das Institut nötige Internat zu errichten. Den Spendern sei an dieser Stelle innigster Dank ausgesprochen. Bei den grollen Kosten, die für den Betrieb des Tcctmikums nötig sein werden, muß es schon jetzt unsere Sorge sein, möglichst bedeutende Mittel bis zur Eröffnung des Technikums zu sammeln. Bis heute stehen für den Betrieb aus Beiträgen mul Zinsen zirka 60000 M. zur Verfügung, davon sind uns durch die' Bemühungen des Herrn Dr. Levin 37 000 M. aus Amerika zugesagt. Ohne Zweifel wird sich die Zahl der opferwilligen Freunde des Instituts, je näher der Tag der Eröffnung rückt, ei lieblich vermehren, so daß man wohl Zuversicht• lieh in die Zukunft blicken darf. — Das Kuratorium hielt jetzt auch die Zeit für gekommen, nach geeigneten tüchtigen Lehrkräften Umschau zu halten. Mil einer hervorragenden Per• sönlichkcil, die sich in der Praxis seit langen fahren trefflich bewährt, sind Verhandlungen angeknüpft .worden, um sic zur Ucbcrnahme efes Direktorpostens zu veranlassen. Die Verhandlungen stehen dicht vor dein Abschluß, so daß bald eine Kraft gewonnen weiden wird, die schon beim Bau zur Verfügung stellt uik. die Einrichtung des Technikums, dessen Direktor sie später sein wird, in die Hand nimmt. Da!1 Amt eines jüdischen Erziehers am Tech, nikum hat sich in dankenswerter Weise Herr Dr. Levin zu übernehmen entschlossen, der bis zum Ueginn seiner Lehrtätigkeit als Vertreter des Kura• toriums während der Bauzeit in Haifa weilt. Zum Schluß sei Herrn Prof. Schlesinger von der Technischen Hochschule iu Charlottcnburg öffentlich herzlichster Dank abgestattet für die mühe• vollen Arbeiten, die er ehrenamtlich seit der Begrün* düng der Gesellschaft zur Errichtung des jüdischen Instituts geleistet hat. Ohne seine wertvolle fach• männischc Unterstützung würde unser Werk nicht so' rasch gefördert worden sein. In das Kuratorium des Technikums wurden neu gewählt die Herren Carl Leopold Netter, Berlin, und Adolf Kraus,C hicago. )rummen aus wie ein wilder Stier. Dann drehte ich alles um mich in mir rasend schnell, und furcht- >are Freude durchzog mich. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht. Mein Jom und meine Freude wuchsen in dein Muße, 11s meine Kräfte dem Widerstand begegneten und ihn H'siegten. Währenddessen traf mein Ohr von weither :ine kreischende, verbissene Stimme, und abgcissen klangen zu mir ihre Worte: ״Es geht nicht .. anders ... geht’s nicht... Binden! Binden!...‘׳ Mächtiger wuchs der Widerstand, schnellet als meine Kiäftc; er wuchs obep, er wuchs unten. Dann umgab er meinen ganzen Körper, wie eine steinerne Haut. Die Freude war geschwunden, und Zorn, höllisch lodernder Zorn (raß meine Brust und trocknete mir die Kehle aus. Bisweilen kühlte er ein wenig ab. gefror und lastete'auf meinem Herzen wie ein schweres, spitzes Eisstück, ich kam wieder ZU ״Icli lag auf der Erde, gebunden, fast verpackt in Stricke, blutig, verwundet; m meiner Nahe tanzte der Kerl mit den stechenden Augen, doch mit furcht• bar entstelltem Gesicht. Blut sah ich auch auf den übrigen Fratzen, die sich herumdrängten und mich austierten. Man 110b mich anfwie einen und band mich an das Fußende des Bettes meiner Mutter. Meine Mutterl Jetzt erinnerte Ich ״fl« ihrer. Sic war aus dem Bette gesprungen, offenbar - mir zuhilfc. Jetzt schleppte man sie zum Bett zurück, wo ich gebunden stand. Ich erkannte sie. Im bloßen Hemd. Breite magere Berne. Wirr vcr- .•ד•,׳״ 9* *4m 14 t . w» I w 11 in ilfti ' 17.1 Co:׳ Wüste Vor einigen Tagen kam ein jüdischer Beduine auf einem Kr.mcel nach Jaffa geritten. Dieser gab sich als Abgesandter eines jüdischen Stammes zu erkennen, der in der Wüste in Arabien wohnt und seine Abstammung voii den Rceliabitcii hcrlcitct. Die Reehnbiten waren ein den Juden verwandter Wüstenstamm, tranken keinen Wein, mieden feste Wohnsitze und waren ein in Zelten wohnendes Nouiadenvolk. Als die Harden Nebnkadiiezars um die Zeit der Er* oberung Jerusalems das Land brandschatzten, lliichteteu sie sieh nach Jerusalem. Jeremias (Kap. 35) lobt sie wegen ihrer Treue zu ihren Familientraditionen, stellt sie Jgrncl als Beispiel hin, und vcrkündet ihnen ewigen Bestand. Von diesem Reehnbitenstamm als Sendbote ausgeschickt, erklärte der Abgcsandte, sei er nach Palästina gekommen, um dort einen geeigneten Platz zur Ansiedelung seiner Sta1mncsgenosr.cn auszusuchen. Dieser Sendbote eines verschollenen jüdischen Stammes hat das Interesse der Juden in Jaffa auf sich gezogen, und ein Mitarbeiter der in Jerusalem erscheinenden jüdischen Zeitung ״Moria“ hatte mit ihm ein Gespräch, dessen Haupt• inhalt hier wicdcrgcgcbcn sei. Der Sendbote, der den Eindruck eines Halbwilden machte, erzählte, daß sein Stamm in der Wüste wohne mul sieh von Schafhcrdciizucht er* nähre. ״Die arabischen Stämme“, sagte er, ״kaufen bei uns Schafe, die sie mit englischem Geld bczahlen. Unser ganzer Stamm zählt jetzt 1501) Fa• milien. 111 unserer Gegend wohnen wir seit der Zeit des Propheten Jeremias. Wir haben unser Stamm• Oberhaupt, das uns in den häufigen Kriegen anführt, die wir mit den Arabern haben und die von wcch• selndem Kriegsglück begleitet sind.“ Er erzählte noch: ״Vor einigen 30 Jahren sind einige von uns nach Babylonien gezogen und haben den babylonischen Talmud und andere religiöse Bücher mitgebracht, nach denen wir unser religiöses Leben eingerichtet haben. Auch bestellen hei uns noch die vier altjüdisehen Hinrichtungsarten für Vcr* brecher.“ Ist denn hei euch ein Sanhedrin vorhanden? fragte der Korrespondent. Haben׳ wir denn einen Tempel, daß wir ein Sanhedrin haben könnten? schrie der Fremde, über die Frage empört. ״Es kommt vielleicht einmal in hundert Jahren vor, daß einer zum Tode verurteilt wird, fügte er hinzu.“ Er erzählte weiter, er habe 53 Nächte gebraucht, um aus der Wüste nach Palästina zu gelangen; er habe aus Unkenntnis des Weges zum Marsche die Nächte benutzen müssen, wo die Sterne seine Wegweiser gewesen seien. Er habe sich mit Brot ernährt, das er aus mitgeführtem Mehl bereitet habe, er ist mit Schwert, und Spieß bewaffnet gewesen. ״Wieso kommt es, daß ihr nicht mit anderen Völkern zusammengetroffen seid?“ fragte der Zeitungsmann. ״Das kommt von der schweren Zugänglichkeit unseres Landes,“ antwortete er. ״Nicht selten muß man nämlich bei uns zwei Tage ohne Wasser marschieren.“ — raufte, graue Haare und funkelnde Augen. Die Zähne zusammengebissen. Stumm. Man schleuderte sic ins Bett, mir zugewendet. VI. Stellen Sic sich ein Haar vor: Was ist ein Haar, ein einziges, graues Haar, aus dein Kopfe gerissen? Nichts, gar nichts, ד- Und zwei Haare? Ein Büschel Haare, auf einmal misgerissen? Und mehrere Büschel lange, graue Haare? Acht Nichts, gar nichts I — . . < Ja: Wenn mau Knochen bricht, knacken sic. Aber wenn man Scheite bricht, trockenes Holz oder — was weiß ich, was? — knackt es auch. Das Knacken ist doch so eine natürliche Erscheinung! . . . Sagen Sic, bitte: Was sind zwei alte, verschrumpfte Brüste? Fleisch, Materie — nicht? Sie bestehen aus Zellen, Geweben — gewiß! Und wenn das nun die Brüste Ihrer Mutter sind, zwei keusch verhüllte Brüste, die Sie siiugtcu und die Sie nie entblößt sahen seit Ihrer Kindheit? Und wenn man nun diese Brüste in Stücke reißt mit schmutzigen Fingern vor ihren eigenen Augen? , , . Nicht wahr? Was weiß die Natur, das Weltall von Schmutz und Schande? Es gibt doch im Weltall nichts von Schmutz und Schändet Oh, gewiß: Nie, nie noch ,ist ein menschlicher Körper, der feine Körper eines Menschen, einer Frau, so bespien und erniedrigt worden I Aber was geht das mich an? Wir wissen ja: Es gibt in der Natur nichts solches, wie Schmutz und Schande I . . . Ucher die Juden, die den Sabbat entweihen, # war er entrüstet mul entsetzte sieh über die jüdischen Frauen, da sie in Palästina ihr Gesicht nicht mit einem Schleier verhüllen. Weiler fragte der Interviewer: ״Benützet ihr Aer/tc?“ Nein. ״Und wenn jemand schwer krank ist?“ Dann muß er eben sterhen. ״Wieviel Frauen heiratet ihr?'• <1-5, wieviel einer will. ״Wieso kommt es, daß keiner von euch unter die zivilisierten Volker Kunde von eurem Land bringt, er könnte doch damit viele Napoleons verdienen?“ Wir verkaufen nicht alles für Napoleons. Darauf schwieg der Fremde. Soweit der ״Moria“, dem wir die Verantwortung für seinen ״abenteuerlichen Bericht überlassen. Nisselowitsch über die Aussichten der Juden in der Duma ln der letzten Nummer der russischen Zeitung׳ ״Ra/. Swjcl" äußert sich der Dumadeputierte Nisseiowitsch, einer der zwei jüdischen Abgeordneten in der soeben geschlossenen Duma, über die politische Lage der Juden in Rußland. Seiner Meinung nach wird die vierte Dum.1, mögen die bevorstehenden Wahlen wie immer ausfallen, keine so große pro• gressive Majorität aufztiweisen haben, von welcher die Juden Rußlands eine faktische Besserung ihrer Rechtslage erwarten könnten. Zu dieser Ueberzeugung gelangte Nisselowitsch wählend seiner fünf* jährigen Erfahrung als Milglied der dritten Duma, wo er reichlich Gelegenheit batte, die Politik aller Parteien und Richtungen näher kennen zu lernen. Er, gleich vielen anderen Politikern, brachte einen festen Glauben an die russische Volksvertretung in die Duma mit, er glaubte, daß mit Hilfe der Opposition es gelingen werde, wenigstens die schrecklichste aller Rcchtsbcgrcnzungcn der Juden aufzuheben, aber er mußte bald erkennen, daß er sich getauscht habe. Allmählich erkannte er den wahren Charakter der russischen ,Opposition und ihre Stellung zur Judenfrage, und heute muß er cs gestehen, daß die Juden von der russischen Opposition ohne Druck seitens der jüdischen öffentlichen Meinung ein aktives und entschiedenes Eintreten zum Schutze der Interessen der Juden nicht zu erwarten haben. Nisselowitsch belegt diese seine Anschauungen mit einer Reihe von Tatsachen und Erscheinungen aus «ler letzten Duma. Als interessantestes Faktum führt Nisselowitsch an, daß Stolypiu im Jahre 1007 wohl eine Verordnung zur Erleichterung des Wohnrechts der Juden erließ, aber gleich darauf hatte die Reaktion mit desto größerer Wucht eingesetzt, und am meisten bekamen diese Reaktion natürlich die Juden zu fühlen. Ob die Regicrung damals die Duma beeinflußt hat, oder umgekehrt, ließ sich nicht gut festst eilen, aber eines ist sicher, daß die Duma die Reaktion entschieden gefördert hat. -• Aus der Erfahrung der verflossenen Jahre schöpft nun Nisselowitsch die Lehre, daß die Juden in Rußland immer und überall ihre eigenen jüdischen Interessen an die erste Stelle setzen müssen. Die zwei jüdischen Deputierten der dritten Duma Ein Jahr vergeht, zwei, zehn — und hundert und zweihundert. Ist es denn möglich, daß ich so lange lebe? Kann ein Mensch so lange leben? . . . Mutter! Schrei’ doch! ... So schrei* doclil Glaubst du, das sind jene Zeiten, wo du mich schlugst in blinder Wut und schwiegst? . . . Schrei doch! , . . Einen Schrei nur . . . ein Aechzen nur . . . O Gott! — — Jahr um Jahr vergangen! — — Dieses verzerrte, blutige Gesicht dort, das ist das erste Mcnschcnantlitz, das ich in meinem Leien sah. Ein strenges, vergrämtes Gesicht, — aber ich sah cs am Anfang meines Lebens. Die Frau mit diesem Antlitz schlug mich oft, und ich haßte sic. Auch jetzt hasse ich sie, noch mehr denn früher, und mein Haß würgt mich. Was kann es anderes sein als Haß, das mich durstig hinschen läßt, wie *das Gesicht sich von Minute zu Minute verändert? Warum schließe ich nicht die Augen? Warum äugen sie aus meinem Schädel mit wehbrennender Neugier? . . . Liebe Leute! Stecht mir die Augen aus! Warum denn nicht? Ein Schnitt mit dem Messer, und sic rinnen aus, die zwei Blasen voll Wasser, die verfluchten zwei Blasen voll Wasser, die ich zu nichts brauchen kann. Lacht ihr, Leute. Ihr seid glückliche Leute, sehr glücklich, aber — stecht sie mir ausl Was schadet cs auch? — Jahre um Jahre vergangen. — — Der gelbe Kerl redet: ״Die alte Bestie will noch Immer nicht schreien. Laßt mich näher zu ihr!“ (Schluß folgt.) I ,1 tl1 1'!1 I h 1! ' t 1! 1 . n rt *I. 1 * \ ׳> 1. V יו >i 1; 1'' *!1 V I f\״ i 11 1!■ .1- :1. lü I. II C fc t f /i f 1 I r t 1 / * ן ( ׳ i 1 , 1 t i, I 1 *; I 1, 1 I I I I , 1 I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.