Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1912-08-09 · Heft 32 (9.8.1912) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651763-2651794--08494-2665743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 302 JUEI3 ISCHE RUNDSCHAU Nr. 32 Hs ist nicht ganz leicht, solchen wilden lieber• treibiingen und Verdrehungen in gemessener 101111־ zu begegnen. ־־־ In ineineni ersten Artikel ״Oie Bukowinaer Kolonie“, hatte ich die Leistung ilcs Nntioiialfonds auf (10 000- 100 UUO Kronen be/iftert. (Dieser Betrag cidspriclit einem Zwölftel bis einem Siebentel der gegenwärtigen Jabreseinnalnnen des N.-F.) Von einer solchen Beihilfe zur llul.owiuacr Kolonie, sprach ich die Erwartung einer V e r v i e I fachung!!er N.-F.• Ei 11 g ä n g c;|11s. Aul Grund solcher ,,Kan/ wesentlich vor* stärkt er Sammeltätigkeit1‘ können wir dann, so sagte ich wörtlich, ״in eine sehr rege neue K 0 l o n i s a t i o n s t ii t i g k e i t hinein• kommen (also auch (Organisch‘!), die tms jährlieh fünf bis zehn koloniale Neiignintlungen geben kann". ()0 000-100 000 Kronen jährlich multipliziert mit fünf bis zehn, gibt Zittern zwischen 100 000 und einer Million. Die erstere Ziffer ist etwa die Hälfte der 1׳ e g e n w ii r t i g e n N.-F.-Eitiuahmen, und auch die liöhcrc ist weit innerhalb der von mir als Voraussetzung ange 11 omm en cii Ve r• vielfnchitng der Eingänge. J. S. aber behauptet kühn, der N.-F. 111 ״ ii II t e w ohl das H u 11 d e r t o d e r T a u s e 11 d f a c h e seines jetzigen V e r in ö g 0 n s besitz e 11, um nur einen Teil der Anforderungen, die Trietseh an ihn stellt, gerecht zu werden“. Hier liegt also ein . . . sagen wir: Irrtum ums Hundert- bis Tausendfache vor. Ich bin der Redaktion der ״Rundschau" für die Veröffentlichung des Artikels aus Czcrnowitz. dankbar, weil ich selbst meinen Standpunkt nicht viel besser vertreten kann, als es in den Artikeln ״Die Bukowinaer Kolonie" und ״Landeskolonicn" schon geschehen ist. ־ Nun weill ich mir keine bessere Bestätigung meiner Vorschlage, als auf die Argumente mul Ziffern des Gegners liiuzuwcisen. Dies geschieht hiermit. Heiter wird es wirken, dall z.wei Zeilen nach diesem Zifferntanz. Herr J. S. ״hübsch bei der Wirklichkeit bleiben will" . , . Auf dieser Grundlage beruhen aber alle sonstlgen Argumente des (iegiiers. Das haltlose Fimdament genügt ihm jedoch, um sich zu einer Sicherheit der Hrfolgsprophczcitmg für ״sein'System des kleinen Anfangs“ aufzuschwingen, der gegenüber ich mein Wort von seinem ״Kleinheitswann" — in dieser Beziehung — feierlichst zurücknehmen muH,- A11 minder interessanten Finzelheitcn kann ich vorübergehen, auch an dem neo-mcssianischeu ״Rat", wonach ich für meine Vorschläge eine Realisatiousdatier von 100 Jahren hätte vorscheu sollen. (Wie viel Zeit manche Leute haben!) Aber drollig ist der Eifer, mit dem J. S. sich dagegen wehrt, dali »las Bukowinaer Beispiel (das eigentlich erst noch eines werden will) auch von anderen mifgegriffen werde. Also: Die Bukowinaer regten die erste Landeskolonic an. Auf meine Zustimmung findet dieser Apostat seiner eigenen Landsmnr.nscliaftshesclilüsse. plötzlich prinzipielle Bedenken, um gleich daraut mit noch einen) Purzelbaum wieder aus dem neiigetimdenen Prinzip herauszufallen. Allerdings mit der freundlichen Einschränkung, dali auch der Fremdling in den Toren der Bukowinaer Kolonie solle weilen dürfen. Furchtbar nett. Von den anderen Landeskolonicn und mir, nimmt er an, dnll wir geneigt seien, solches Durcheinander durch am Kolonie-Hingang postierte Polizcigemlartncn zu verhindern. Wie er daran! kommt, sagt er freilich nicht. — Uebrigcns haben wir bereits u. n. eine Jemeuiteu-Kohmie in Hensehamcii, eine Amerikaner-Kolonie in Poriali 11ml verschiedene ״Kasten"-kolouien, ohne datt die vtm J. S. befürchteten Schädigungen sich eingestellt hätten. Auch protestiert hat er in jenen Fällen nicht. Der selbsternannte Praktiker mit »len hnmlert- bis lausen fm heil Rechen- (und ähnlichen Denk-) fehlem dürfte hiermit wohl erledigt sein, wenn er's IV. Die Wolke eines Judenpogroms rückte gegen unsere Stadt. Eigenartige Töne durch/ogen die Stnilt, scharfe, gehaltene Töne — das Zischen einer Schlange. Die Menschen gingen herum mit gespitztem Ohr, warfen hastige, schiefe Blicke, zogen die Nasen, als spürten sic einen verdächtigen Geruch. Alles war still, verbissen. An einem heilten Nachmittag war außerordent• liehe Versammlung in Minnas Wohnung; diese war unser K< nspir.1־tions»ptarticr. Die Sitzung war kurz.־, knappe Beratungen ohne Debatte und ein Beschluß, — möglichst schnell eine Sclhstwchr zu organisieren. Während tler Sitzung fühlte ich eiuigemale Minnas aufmerksamen Blick auf mir ruhen. Als die Komiteemitglicder, einer nach dein anderen, gingen, gab sie mir einen Wink, zu bleiben. Ich blieb stehen, den Hut auf dem Kopf, mit Rücken und Händen an den Tisch geleimt. Minna ging mit gesenktem Kopf, die Hände über der Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab. Wir schwiegen. Dann hob sic den Kopf und blich stehen und sah mich an. Sie war blali, sehr blab, und ihre Augen — schwirz und finster; Minnas Augen . . . Mich fröstelte, und in einem Augenblick, erleuchtet vom Schein jäher Feuersglut, stand mein dunkler Ge* danke klar vor mir: Eine der Leuchtkugeln sein, die den Weg tler Revolution erleuchten — mul den Preis dafür zahlen. Und »Minna verstand es als Erste I Sic sah es aiich fertig kriegt, sich .111111 jetzt noch ״nicht im geringsten widerlegt“ vorziikommcii. N u n aber läge mir daran, dall sieh auch von anderer Seite ein Interesse au der Sache zeigte. Wen meine, Darstellungen nicht hinreichend überzeugt haben, tler sieht vielleicht aus dies e n Hin- Wendungen, wie wenig Tatsächliches und llcreehtigtes sieh dagegen sagen lallt. Das aber brauche ich wohl nicht erst zu sagen, dall ich für jede sacligciuälle Anlegung mul für jeden ernsthaften Hiuwand nur dankbar sein werde. Davis Trietseh. * N a e h s e 11 r i f t d e r R c d a k t i o n: Wir haben geglaubt, diese Entgegnung unseres bewährten Mitarlieitcrs mul Fachmanns, trotz, der formalen Schärfeu, die sic enthält, nicht unterdrücken zu dürfen, da der Gegenstand, um den es sich handelt, zu ernster und wichtiger Natur ist, als »lab wir es für angängig halten, die Diskussion mit »lern ablclmeiiilcu Artikel des Herrn S i 11) e 1־ l> 11 s cli in der vorletzten Niuimicr unseres Blattes zu schlichen. Petersburger Brief 111 der J 11 s c 111 s c 11 i n s k i - A 11 g c I c g c 11 h c i t schwankt das Verhalten der neuen Uutersueliimgsheliörilen. Schon vor einer Woche war die llanptanslifterin des Mordes, die berüchtigte Vera Tseliehvrjak, verhaftet worden, aber bald stellte es sieh heraus, »lab diese Verhaftung mit der Juschtschinski- Angelegenheit in keinem Zusammenhang stand. Dann wurde sie nach ein paar Tagen wieder frcigelassen, um einen Tag darauf abermals hinter Sehloh und Riegel gebracht zu werden, Jetzt lieillt es, »lab sie nunmehr tatsächlich als schuldig des Mordes au Jlisch(־ scliiusKI inhaftiert sei. Denn immer noch bleiheil tlic Wege lies aus Petersburg lierin.igesandteu Untersiiclmngsriehters M a s e h k e w i t s c h dunkel. Warum ist plötzlich der I laiiptenthüller des Verbrechens, der ehemalige Kiiminalhcamtc Krassowski, gleichfalls ins Geläiignis gesperrt worden? Merkwürdigerweise wird er gerade in diesem Augenblick, in dem seine Augaben so wichtig sind, einer angeblichen Unterschlagnng bezichtigt. Vielleicht ist etwas Wahres daran; seit wann wäre ein russischer Tschinownik gegen Unterschlagungen gefeit? Dnb aber just dieser für die Aufklärung des Juschtschinskifnllcs so wichtige Zeitpunkt zu seiner Festnahme gewählt worden ist, macht alle stutzig. Auch ist mau hier sehr im Zweifel darüber, oh die Beschuldigung auf irgendwelchen positiven Anhaltspunkten begründet ist: Krassawski war ein zu tüchtiger und erfolgreicher Kriniiualhcnmlcr, als dall er sieh auf Unterschla* gungen hätte entlassen müssen. 1111 übrigen schreitet die Vernehmung der von ihm und Brasiil-Bruselikowski angegebenen Zeugen rüstig vorwärts. 1111 Dorfe Bolgarka haben der Urjadnik und die Polizisten in der letzten Zeit zu den Juden von der bevorstellenden Ausweisung gesprochen. Dem und jenem bestimmten sie sogar ״die äußersten Termiite“. Sonnabend, den 20. Juli, begannen dann die Polizisten um S Uhr morgens an die Fenster mul Türen der ״Gewarnten“ zu klopfen; denn sie zitierten alle vor der Polizei. Nun setzte eine sehr hegieiflichc Panik ein. Die Juden, die au ihrem Feier* tag eben au!gestanden waren, befanden sieh gerade in Sahhatstinumiiig, uml da wurden sie plötzlich nach dem Polizeirevier gejagt, wo mau ihnen in aller Hilc »Ich Ausweisungsbefehl mitteilte und mit Hinauswurf ihrer l laliseligkeiten auf di»: Strabe, ja mit gcwalt• auf meinem Gesicht, ehe cs mir selbst noch klar war. Wie mir? . . . ״Entschlossen?“ — fragte sie nach einer Weile mit halhcr Stimme, ״Entschlossen“ •— antwortete ich gelassen und fest, Und ich fühlte dabei, dab der Beschluß angenommen wersle im gleichen Augenblick. Sie sah mich an; dann ging sie wieder im Zimmer auf mul all. Wenige Minuten später war sic wieder ruhig und ernst, wie sonst. ״Uebrigcns, wir scheu uns ja noch!“ — sagte sie und reichte mir die Hand. Wie ich Jieini zur Mutter ging, fühlte ich alle meine Glieder singen. Uml ieii dachte daran, wie eigen doch das Schicksal eines Menschen sei, dessen Lebensweg — wohl nur ein kurzer — sich zieht von einer Frau,* die er beinahe habt, zu einer anderen, die er z.n liehen beginnt. Ehe ich in mein •Haus trat,•warf ich einen Blick auf die Stadt. Die Sonne sank, und ein leichter, zarter Schleier, aus Gold und Frieden gesponnen, legte weiche Falten auf Gassen und Häuser. Unsere Stadt war schön . . . V. Es war zu spät. Noch In derselben Nacht brach der Pogrom aus, plötzlich wie die Explosion einer gelegten Mine; und gerade in der Gegend, wo ich wohnte. Die ersten Schreie polterten mir in einen wirren Traum. Dann begriff ich plötzlich, sprang von meinem Bett, entz.ümJete Lieht und begann mich sanier Entfernung aus »lein Dorfe drohte, falls sie nicht s«)fort den Ort verlieben. Augenzeugen schildern, weleli tie(traurige und uhstobcmic Szenen sieh an dein 'läge abgespielt haben. Den Juden Golnlu.w, der bereits seit einig,eu Wochen an Typhus schwer krank daruictlerlag, zerrten die Puli/isteii auf »lic Strabe, aber er konnte nicht stehen und fiel hin. Da mnllte man auf seinen vorläufigen Transport v»׳rzichtcn . . . Was in Bolgarka passierte, ist typisch. In alle״ Dörfern des Aiisiedhmgsrayons herrscht jetzt unter den Juden grolle Sorge. Niemand ist mehr »tes morgigen Tages sicher. Sind »loch nicht einmal die strengen Gesetzesvorsdu illen mabgeheml, und allein die Willkür ist 'Trumpf. Petersburg, den I. August n. St. Das ״Jüdische Institut für tcch־ nisclic Erziehung in Palästina“, in Haifa iniib in dem Geschäftsbericht des IlilR. Vereins*) eine Sonderstellung eimiclimcii, weil es der Verwaltung des J lilfswreins nicht 1 .!!(erstellt. Da es aber auf die Initiative »les Hilfsvcrcius ihn gegumdet und nach der ursprünglichen Absicht als eine Eigäuzung des Seiiulweiks lies llilfsvemus gedacht ist, so darf es hei der Aufzählung der Tortschritte unseres Erzieliungswerkcs im Orient nicht übergangen werden, zumal ein wesentlicher Teil des Vumögcus des Ililfsvereias für das Institut fest• geligt ist, uml er so für das Schicksal des Technikums auch als Verein mit verantwortlich ist, ganz, ahgesehen davon, dall der jetzige Vorsitzende und der Geschäftsführer lies I lilfsverciiis in derselben Sullui'.g auch beim Kuratorium des Technikums fuugieim. 1111 Dezember ID11 ist durch ein Jrade des Sultans der Bau des Instituts in Haifa gcnchmigt worden. Mit der B a 11 c r I a 11 b 11 i s ist gkiilizeilig auch die Erlaubnis zum Betrieb der Schule und der Werkstätten gegeben worden. Sofort, nathilein auf diese Weise die legalen mul formalen Schwierigkeiten beseitigt waren, setzte eine rege Bautätigkeit ein. Schon vorher waren die notwendigen Vorarbeiten, das Anfahren des Banmatcrials, das Behauen der Steine, das Planieren des Bodens, die Anlegung von Cistcimu in Angriff genominell und soweit gefördert worden, dall dem Beginn der eigentlichen Bautätigkeit nichts mein־ im Wege stand. Vor einigen Wochen ist der Grundstein zur Mittelschule des Technikums gelegt worden, und in ganz kurzer Zeit wird auch der Bau des Hauptgebäudes, des Technikums uml der Werkstatte 11, hcgomtcu werden. Um die Bautätigkeit und die orduuiigsin ölige Ausführung der Arbeiten zu überwachen, ist da ,Mitglied des Kuratoriums, Herr Dr. Scluiurja Lei in, 11.ich I laifa iibcrsicilclt. Fs ist zu hoffen, dali in Uj bis 2 Jahren die Eröffnung des Instituts staufinden und der Unterrieht in allen Teilen erfolgen kann, wenn nicht, was kaum zu befürchten,, die kriegerischen Ver- Wicklungen der Türkei zu Störungen führen. I ).11111 wird der Orient das erste und bisher einzige Technikum besitzen, das jüdische Hochherzigkeit und jüdische Weitsicht geschaffen bähen, an dem die jüdische Jugend in treuer Liehe zum Stamm uml Glauben der Väter sieh jene technische Bildung an- *) Wir entnehmen diese Darstellung dem umfangieielitu X. Geschäftsbericht des ״Hilfsvereiii'•‘, dein wir noch eine eingehende Würdigung zuged u ht haben. hastig auzuklcidcn. Da setzte sich meine Mut!:!־ in ihrem Bette auf und blickte auf mich. Es wurm mir unheimlich. Es kam mir vor, ihr Blick sei k:«:t und ironisch, als gelte der Pogrom mir, nicht •l*r- Ich blieb stehen, halb aiigckleidet, und sah sie wrlegen au. Und da erbebte das Haus wie in »An mächtigen Armen eines Sturmes. Die Fenster spinn• gen klirrend, Tür auf Tür sprang auf, mul mit dein Schwall wirren Schreiens und Weinens von der Gas.־-»: her brach eine Pogromhaiule zu uns herein. Ich bin stark. Doch Ins zu jener Nacht habe ich mich nie herumgeschlageii, ernst, im Zorn. Bis zu jener Nacht wußte ich nichts vom echten Zorn, der berauscht wie alter Wein; von dem Zorn, der in einem Augenblick irgendwo im Blut aufkocht, der durch den ganzen Körper strömt, in den Kopf emporschießt und das Sehen verwirrt. Und als die Pogromhaiule ins Zimmer ciuhrach und auf mich losging, da wehrte ich mich berechnend kalt, nur ein wenig zerwühlt, als müßte ich erst darauf kommen, was mau von mir eigentlich wolle. Doch plötzlich, ans geringfügiger Ursache — ich glaube, einer zerschmetterte mein Schreibzeug mit einem Wurf auf die Erde — verbrühte flammende Hitze meinen Körper, der Kopf schwindelte mir, und die Hand hob sich von selbst. Gerade vor mir stand ein kleiner, dürrer Kerl mit einem mageren, blutlosen Gesicht, einem strohgelben, kleinen Schnurrbart und kleinen, stecheiulcu Augen, die kalte Mordhist füllte. Ich erinnere mich, daß ich auf diese gelbe Fratze meine Faust iiicdersauscn ließ, uml dabei stieß ich ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.