Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 300 N*. 32 JU EDI!« CM ־ R V N! > SD II AU ist aber das Hiiieiiitrageii religiöser und poli• tischer Tendenzen in die Genosseusehaftsbewegung“, wie sich eine Fachzeitschrift aiisdriickti:. Das heißt, die ganze Bewegung trägt einen ausgesprochen antisemitischen Charakter. Noch vor kurzem wurde eine Konferenz der judeu• feindlichen 1Konsumvereine abgehalten. Schon der Name dieser Vereinigung {״Katholische Vereinigung“) lädt mit genügender Klarheit erkennen, wer diese Menschen sind und wie sie sich den Judeu gegenüber verhalten. — Dieser Prozeh kann ti h e r a 11 beobachtet werden und hat zur unmittelbaren Folge die Verdrängung der Judeu aus den meisten Cie• bieten desökonomischen Lebens und das ent* sprechende Anwachsen der Emigration. Denn jetzt wir d e ine g a n z 1t e u e Schi c h t der jüdischen ■Bevölkerung in Mit• leidenschaft gezogen, nämlich die Vertreter des Handels, und allerdings des Kleinbandeis. *.* ■ In der Tat haben sich bis jetzt die Auge• hörigen des Kanfmannsstandes an der Answan• derung sehr schwach beteiligt. So zeigen uns die Zahlen der nach den Vereinigten Staaten ein• gewanderten;Kaufleute, iliandclsnngcstellte, Buch• hallcr, Agenten und Bankiers folgendes Bild:' Es kamen nach Amerika bis zum Jahre 1906 07: Im Jahre: Juden iibcrliaupt: Davon Kauflciite: Von je 100 Ein• wandcicr waren Kauflcutc: 1809 37415 1699 4,5 1900 60761 2410 4,0 1901 58098 25־26 4,5 4,8 2־190 57 688 277-1־ 1903 76203 3430 4,5 1901 236־106 5335 5,0 1905 910 29־1 7141 5,5 190b 153748 25־69 4,5 Der Anteil des Kanftii.i 11 nsstaiiclvs an der Emigration überstieg also bis zum Jahre 190() 07 kaum 5 ״״, wobei dieser Prozentsatz trotz des ungeheuren Anwachsens der (i c s a m t a u s Wanderung, sich immer gleich geblichen ist (5,5- •1,0). Das kann offenbar nur davon her• rühren, dal! diese Klasse besser als die anderen situiert ist. Sollte aber nun die Verbreitung des Genossenschaftswesens auch weiterhin das gleiche Tempo eiuschlagen, wie in den letzten 4 -5 Jahren, so kaut! und wird eine weitere Verstärkung der Auswanderung nicht aushlcihcn. Denn, wie den Ergebnissen der Volkszählung vom Jahre 1S97 zu entnehmen ist, sind unter den 1 5’iO 307 Personen, die überhaupt Beschäftigung hatten, 475833 als dem kaufmännischen Stande ungchoremt und 512 553 als (icweibetreibende angegeben. Während also diese beiden Klassen fast gleich groll sind, hat bis jetzt die zweite Bcvülkcrungsgruppc die weitaus gröbere Auswandererzahl abgegeben (71 070 gegen nur 6925). Sollten aber auch die Vertreter des Kleiuhan• dels in größerem Maßstahe den Wanderstab erf ...I.. 111-1.. II ■ II .11 _ .. — ' -I-» L. Schapiro: Das Kreuz Mus dem Jüdischen übertragen von Siegfried S c 11 in i t z״> I. . . . Ich sehe ihn noch jetzt v>.1 mir; Eine Riesengestalt, kriiltig, doch nicht beleibt, eher mager. DasTicsicht starkknochig, von der Sonne braungebrannt. Schwarze Augen. Das Haar war ganz grau; doch das war nicht das Werk des Alters־ denn das Haar war dicht und stark, etwas gekräuselt. Ani den Uppen — ein Kiuderläclieln; um die Augen kleine Cireisenfältchcn. Und auf der mächtigen Stirn brannte ein braunes Kreuz, sebarfgerissen. Es ,war eine schwach vernarbte• Wunde — zwei Messer• schnitte, einer über dem;ändern. ■ Unsere Bekanntschaft begann auf dem Wagen• dach eines Eiscnbalmzuges, der irgendwo durch die Oststaaten Nordamerikas jagte. Wir beide ״tramp• ten" durch das Land; so einigten wir uns, es zu• sammen zu tun, bis wir einander satt hätten. Ich wußte, er sei ein russischer Jude, wie ich; mehr fragte ich nicht; für uns selbst brauchen wir keinen Pali, In diesem Sommer ״besahen" wir uns fast die ganzen Vereinigten Staaten. Bei Tag wnnderten wir zu 1-1111, arbeiteten uns durch Wiilder durch, badeten in Teichen, zu denen unser Weg uns führte. Fürs Essen sorgten die Farmer; das heißt, einige gaben cs uns, bei andern nahmen wir es — Hühner, Ganse, Enten. Die brieten wir dann auf einem Feuer im greifen müssen — und dar. scheint unvermeidlich' zu sein, ---• so müßte das Folgen nach sich zieh'.־u, deren grandiose Tragik wir uns kaum vor/u• stellen wagen. Denn es wird nicht nur die Kaufleute allein treffen, sondern in das ganze — auch ohnedem zerrüttete ־- wirtschaftliche Leben der Juden eine tiefe, unheilbare Wunde schlagen. Einer• seits werden die Handwerker ihr I lauptabsatz• gebiet verlieren, daun aber wird auch das gesamtc Judentum überhaupt betroffen, wie es• bei einem Volke auch nicht anders sein kann, welches sein abgesondertes, nicht aber wirt• schaftliclt selbständiges Leben zu führen ge• zwangen ist. Da muß jeder von außen kom• memle Stoß den ganzen Volksorganisrmts schwer erschüttern. Selbstredend werden sich diese Vorgänge ganz allmählich, von vielen fast unbemerkt, ab• spielen. Dafür aber systematisch, intensiv und unabwendbar. Unwillkürlich kommt einem der Ausspruch dos tiefen Denkers ,in den Sinn: ״Man hat schlecht dem Leben zugesehaut, wenn man nicht die Hand gesellen hat, die auf eine schonende Weise tötet.“ Letzte und vorletzte Konsequenzen Zinn zionistischen A-ß-C gehört auch der Satz, daß der Zionismus mehr ist als eine Partei, mehr' als eine bloße Ansehammgsfori» über die Lösung der Judeufrage, sondern daß er das ernste Streben des jüdischen Volkes nach einer Heimstätte darstellt. Jeder ciu/cliu׳ Zionist sollte demnach dieses ernste Streben nicht nur in schönen Phrasen, somlerh auch in Taten beweisen. Diese elementarste Forderung einer jeden Bewegung ist aber bei uns ebenso weit von der Wirklichkeit entfernt, wie unser Endziel von seiner Verwirklichung. Ei, sei einmal Idar und deutlich gesagt: Bei vielen von uns reicht der Opfer• ■mit und die zionistische Begeisterung gerade noch dazu, den Schekel zu zahlen und in ein paar zioidslisebe Versammlungen zu laufen, Sie glauben mit dem Bekenntnis zum Zionismus eine llcblent.it voll• le-.itUt, das jüdische Volk• vor dem drohenden Unter• gang errettet zu haben mul dürfen mm zufrieden und müßig die Dinge, die da kommen sollen, erwarten. Niehls, aber ist verhängnisvoller als diese, mau kann wohl sagen ״incssiauischc" Auffassung unserer Bewegiuig. Das Bekenntnis zum Zionismus ist mir die• Voraussetzung für die tatkräftige zionistische Betätieinig, die jet/i einset/oii muß. Wer an der zionistisehen Sache nicht mit all seinen Kräften persönlich mitarbeitet, ist nur ein M i 11 ä 11 f e r, der der Sache nicht schadet, aber mich nicht uüt/t. Jeder Jude, der von der zionistischen Idee durchdrungen ist, aber keim• Konseipien/eii aus seiner Gesinnung zieht, ist ein Waschlappen, Wären wir nur mit solche Leute angewiesen, wir würden wahrlich nie den Lauf der Geschichte in irgendeiner Weise beeinflussen können. .Solange wir uns nicht daran gewöhnt haben, von jedem Zionisten Konsequenzen zu verlangen, solange wir nicht an uns selbst die allergrößten Walde oder in der Prairic. Es gab aber auch Tage, an denen wir uns mit Waldbccrcn begügen mußten. Wo die Nacht uns gerade überraschte, schliefen wir auf freiem Felde oder unter einem Baum des Waldes, In der Nacht .״erreichten“ wir oft einen ״Üiiliiiaiisclihiß"; das heißt, wir sprangen auf den Wagen eines vorüberhrausendcu Zuges, kletterten aufs Dach und — kamen schneller vorwärts . . . Pfeilschnell (liegt der Zug dahin. Schneidend fährt uns der Wind ins Gesicht; Fetzen der Rauchwolken, vom Wind zerrisse«, jagen an uns vorüber, besäet mit glänzenden Funken. Die Prairic läuft und dreht sieb um uns und atmet tief; leise redet sic hastige Worte, geformt aus verschiedenen Tönen, gesprochen in verseliiedeiicu Sprachen. Ucher unseren Häuptcn schimntern ferne Wellen — und in unserem Kopfe drängen und verdrängen sieh Gedanken, wild und frei wie die Stimmen der Prairic, scheinbar ohne Zusammenhang, und doch in eigenartiger Harmonie . . . Und unter uns sitzen und■ liegen Menschen; ihr Weg ist bestimmt, ihre Gedanken begrenzt; sie wissen, woher sie kommen, wohin sie geben, und einer erzählt es dem andern — und alle gähnen: ״SchlafenI“ Keiner weiß, das über ihnen zwei freie Vogel sieh niederlieltcn zu kurzer Hube auf ihrem verborgend» Lebensweg. — Es dämmert: wir springen zur Erde und gehen ein Huhn stehlen oder ein Fischlcin fangen mit arger List . . . An einem heißen Augustlage lag Ich nackt im Sande am Ufer eines tiefen, schmalen Teiches und trocknete mich an der Sonne. Mein Kamerad war Anforderungen stellen, solange wir unsere eigene geliebte Person lind den noch mehr geliebten Geld• beiiiel allzu ängstlich schonen, so lange werden wir unserem Ziele nicht viel näher kommen. Nur wenn eine von Begeisterung und Opfermut getragene zi״. nislische Jugend sich mit ihrer ganzen Person |>e• dingungslos in den Dienst der Sache stellt, nur dann werden wir das erreichen, was uns als Ideal vor• i di webt. Wie soll man sich aber zionistisch betätigen ל Was soll die zionistische Jugend, um diese handelt es sieh doch in erster Linie, tun, um ihre Gesinnung in die produktive Tat uin/uset/en? Diese Frage ist vielfach erörtert worden. Die erste und ein• fuchste Antwort lautet: ״Nach Palästina gehen". N'ur wenige werden diese letzte und doch so sdbstvcr• stündliche Konsequenz ziehen. Einmal weil man den dazu erforderlichen Grad von Aufopferung und 111• kraft nicht besitzt und dann weil ihr Beruf keim• Bclätigimgsinögliciikeit zulälit. Es soll hier gar nicht soweit gegangen werden, diese letzte Konsequenz, als allgemeine Forderung aufziistellen. Was mau aln-r von jedem wirklichen Zionisten unbedingt verlangen muß, ist, daß er seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der Sache stellt, immer eingedenk, daß sein Schaffen in der Diaspora immer nur ein geringes Entgelt für seine eigentliche Pflicht sein kann, lind jedes noch so große Opfer, das er hier bringt, ist gering den Opfern gegenüber, die unsere ersten Pioniere drüben gebracht haben und täglich noch bringen. Hier aller staune man über die Logik. Nach Palästina nicht gehen zu können, dafür hat man bald einen ״Grund" gefunden•, weitere Arbeits• möglichkeiten siebt man nicht, da doch nicht jeder ein Volksredner und ״großer Führer" sein kann. Also tut man nichts, und das jüdische Volk hat schon so lange bestanden lind wird — dank der eigenen Untätigkeit -- auch noch weiter bestellen. In der Diaspora haben wir Zionisten eine grolle Aufgabe zu erfüllen, die nationale Erziehung »Irr Jmlenheit. Die Wege hierzu sind, außer der Propa• gaiula unserer Ideen durch Wort, Schrift und Vor• bild, geistige mul körperliche Betätigung des ein• /einen. I >ie geistige Betätigung kommt nur für eine kleine Schicht in Betracht, und läßt sich daher nicht als allgemeine Förderung hjiistcllen. Was die deinen• t.'irslc Ausbildung im I leluäischeii und in der jiidisehen Geschichte hetiilH, so gehört diese mehr in die Schule und läßt sich bei unserer erwachsenen zionUtiselu-11 Jugend nur Ins zu einem gewissen Grade und auch dann nur mit großer Anstrengung erreichen. Was aber für die große Mehrheit leichter dim/1• Zufuhren und wohl auch von größerer Bedeutung ist, das ist die Forderung der körperlichen, moi.ili♦ scheu und nationalen Erziehung in den Vereinen, die sieh die körperliche Ertüchtigung des jüdischen Volkes zum Programm genueht haben. Welchen Wert die l eibesühimgcn für die nationnle Erziehung der Gesundheit haben, braucht wohl im Fände der klassischen Turnerei nicht erst hervor• gehoben zu werden. Hat doch die Jugend aller Nationen und aller Zeiten Leibesübungen gepflegt. Jeder, der wahre Jugend in sich fühlt, jeder der un Vollbesitz der jugendlichen Kräfte ist, treibt körpor• liehe Uebungcii nicht aus ernstem Pflichtgefühl, son• dem aus wirklicher Jugciidlust. Wir jungen Zio• nisten sollten mit der nationalen Erziehung zuerst bei uns selbst anfangen und an unserer eigenen körperlichen Ausbildung arbeiten. noch im Wasser und putschte und plätscherte dort so übermütig —• laut herum, daß man meinen konnte, ein ganzer ״Glieder" bade. Dann stieg er aus dem Wasser, frisch und glänzend vom Kopf bis zu den Füßen; besonders deutle!! trat das Kreuz auf seiner Stirn hervor. Wir lagen nebeneinander auf dem Sand und schwiegen. Ich wollte und wollte ihn fragen, was das Zeichen auf seiner Stirn bedeute; doch lange hielt ich die Frage zurück. Endlich kam c* doch — ich fragte ihn. Er hob den Kopf aus dem Sand und sah mich an, neugierig und mit leichtem Spott: ״Wird e» Ihnen nicht zu schrecklich sein?" . . . Ich war nämlich schon durch Jahre allem, wa» bei uns schrecklich ist, ganz fern. ״Erzählen Sic nur!" — sagt(׳ ich. II. ״Mein Vater starb, als ich wenige Monate alt war. Was man mir von ihm erzählte, sagte mir, daß er ״ein Mann" war. So schuf auch meine Phan• tasie sein Bild —־ ein Mann. Doch von ihm wollt' ich ja nicht erzählen. Meine Mutter war eine Frau von hoher Gestalt, mager und knochig, brummig und mürrisch. Sic hatte einen Kramladen. Mir gab sic Essen, zahlte für mich Schulgeld und schlug mich oft; denn ich wurde nicht, wie sie wollte. Was sic aus mir machen wollte, — Ich weiß es nicht; ich glaube, sie selbst wußte cs nicht recht. Mit meinem Vater lebte sie in stetem Nr. ״} »:ine , an) v .׳ IrinliSH1 k״'|H• ,,י <r.1fti'1 mutig ' bclicr- Pilulij• sh d , Viele«׳ mcml r ויוון fehl, ihn < erziel Schal iiii.ei!’( nitfa/1. die '׳• |D lutiol die a Ik• wc ,I« w H > ,1. ei l'öid; mau ,| Jugel•1 selieiK* liehe >1׳ ZMHliCi ehe" hell dam gerii; in si 1 ■יי der ׳,ן >em h'(l 'die g /io« lind abci jiidi V lllltl U-b« ׳v 1 (®1׳ti! J״ß 7h nur Bei d satt /. um d ז ׳ 11 am t d. d, '«» 11' lar I, ¬סו! u sei ( M, t eit t mi de fü na I f z:. f sc I r t 1 z — 1 S, »■ ui VI I ki י נ; ci! F! U ei i 0 I ü! 11 ' s! f' I ti i< d H 1; K V s t| a i