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Jüdische Rundschau · 1912-08-09 · Heft 32 (9.8.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Spredutunden Dienatag und Donnrritag *g 5—6 Uhr nadimittagi. i״.J r ח •ח ח ח □־er ח ר׳־׳/ 1~c י־׳/ ף..ח כ־׳/ <׳T n r׳r י'״׳־. ח ccn י"/ i ) 1JOUU 2-3 Ü U ti c u uÜ י...\(׳ c J v Nummer 32 Berlin, den 9. August 19I2 — 26. Ab 5672! j XVII. Jahrgang Ausweis Schekels Halle 8,—, Hamburg-Altoiia 2/30, Offenhach 10,—, Frcihurg i. B. 7(1,—, Strnßburg i. E. 5, Lnndesorganlsat lonhbeltr lige 1 1. Ort «Kruppe 11: üffoubiieli 211,••, 8tr«H• Imrg i. E. 0,• -, Konstanz 00,• . 2. E i n z c I p e r s o n e n: Ernst I)reyfus, Mülhauten i. E, 10,—, Anna Lcwin, Königsberg 3, , Pr. Edgar Qrünbaum, Danzig 3,—. 3. Verschiedene Spenden: Knttowit/. •“,י Eingang vom 1. hls 7. August 1012: S c I» e k e I: )5,50 M. Landcsorganisatioiisbcitriii'c: NI,- M. Gesamtoingang: Schekel: 5234,- M. La 11• desorganisation sbeitriige: 15 555,48 AI. Adresse für Geldsendungen; Zionistische Vcr- :inigung für Dcutsdiland, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin, Unter den linden 59. Die neue Methode Von Joseph K r u k. In letzter Zeit begegnet man jn der russischen Tagesprcssc immer öfter Meldungen über die erlolgreichen Versuche der christlichen Bevöl• kerung, sich in •wirtschaftlicher Beziehung ganz, unabhängig zu machen und die Juden sogar aus denjenigen Berufen zu verdrängen, welche sic bis jetzt fast ausschließlich beherrschten. Pie Tatsachen, die das Vorherrschen dieser Tendenz belegen, mehren sich so unglaublich rapid, daß cs unmöglich ist, sic alle, auch nur ganz kurz, in der düsteren Chronik der jüdischen Rechtlosigkeit, der jüdischen Armut und der jüdischen Erniedrigungen zu registrieren. Ucbrigens bedeuten alle diese Nachrichten für uns nichts weniger als eine Ueberraschung. Wir haben ja immer gesucht, die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese Erscheinung hinzu• lenken, welche durch keine Gleichberechtigung, durch keine Golulli Reformen, durch keine Palliativmittel hintangehalten werden kann, da sic den organischen Bedürfnissen der Christliehen Bevölkerung entstammt und mit eherner Notwendigkeit,, gleich einem unverrückbaren Naturgesetze, entstehen und sich wcitcrcntwickcln mußte. Wenn wir aber früher die Angelegenheit mehr als Frage der Zukunft, . mehr .vom theoretischen Standpunkte aus behandelten, so müssen wir sie jetzt als ein leider in die nächste Nähe gerücktes G c g c n w a r t s p r o blem betrachten. Denn sogar diejenigen, die uns einst als Pessimisten verschrien haben, werden — durch die in letzter Zeit vorgekoinmenen Tatsachen, belehrt — volens-nolens zugeben müssen, daß wir die Gefahr nicht übertrieben haben. Im Oegenteil: Der Vorgang spielt sich in viel rascherem Tempo und mit viel größerer Intensität ab, als wir selbst es je geahnt haben. Der Antagonismus zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung auf dem Oe• biete des wirtschaftlichen Lebens oder — genaucr — auf dem Gebiete des Handels, ist an und für sich keine neue Erscheinung. Neu ist mir die Art und Weise, wie sich dieser Antagonismus zurzeit äußert. Während nämlich früher der Kampf heimlich, verstohlen geführt wurde, hält man cs jetzt nicht inehr für nötig, irgendwelche Verschönerungsmittel anzuwenden und geht ganz offen und planmäßig zu Werke, ׳ ״Der Zionkciua erstrebt für das JÜ£Ü3c!ba Volle 4110 Cclißflung' einer üf.ent- ‘»Iet1*;־cel;tl!cl4 goclchcrton Holmstütto ln Pol. “־'>*» * Cnsslor Programm. ■ituni— ר«-.■- - Ein geradezu klassisches Beispiel hierfür bieten die Pogrome. Es kann freilich nicht in Abrede gestellt werden, daß sie keine so graudiosen Dimensionen angenommen hätten, wenn sie nieht von einer gewissen politischen Bande organisiert und geleitet worden wären. Ander• seits muß aber ohne weiteres zugegeben werden, daß es absolut unmöglich wäre, die Pogrome zu arrangieren, wenn es keinen öffentlichen, ge• sellschaftlicheu Antisemitismus gegeben hätte. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß den aktivsten Anteil au dein Blutbad eben derjenige Peil der Bevölkerung genommen hat, der die Juden als seine gefährlichsten Konkurrenten in Wirtschaft• lieber Beziehung ansieht. Sehr charakteristische und interessante Angaben darüber finden wir z. B. in der Zeitschrift ״Le Passe“ *). Bei der Beschreibung der berüchtigten Oktobertage im Gouvernement Jckntcrinoslnw erzählt der Artikel• Schreiber folgendes: ״Die erste Dissonanz (im Oktober-Idyll) biideten die Pogrome. Die beunruhigenden Ge• rächte drangen auch bis zur Station ״Grischiuo“ (Gouvernement Jekatcrinoslaw) vor, in deren Nähe ein bedeutendes Dorf mit vielen jüdischen Einwohnern gelegen ist. Verdächtige Subjekte tauchten plötzlich auf, unbestimmte Gerüchte vcrbreiteten sich, — dann konnte man auf dem Marktplatz' Volksaufläufc beobachten, wo ganz, offen die Leute zum Pogrom aufgehetzt wurden. Als Anführer dieser Versammlungen erschienen immer die christlichen K a u f I c ti t e, welche augenscheinlich durch den Pogrom die jüdische Konkur r en /. nu s d ein Felde zu hchl agen hoffte n.“**) Und an einer anderen Stelle lesen wir: ״Man baute Barrikaden. Mittlerweile vcrloren die russischen Kauflcutc keine Zeit und agitierten eifrig für einen Pogrom. Hätten sie sonst doch lange noch auf eine solche glänzende Gelegenheit warten müssen, mit der verhaßten Konkurrenz ein für allemal abzurechnen I.. ,“•*•) Darin ist also der eigentliche Grund der Menschenmorde zu suchen.; Aber trotz der schrecklichen Folgen dieser 639 Pogrome innerhalb von 17 Monaten, trotz der Masscnabschlachtungcn der Juden, trotz der wilden Flucht der Huuderttausendc, die, vom panischen Schrecken ergriffen, aus der Hülle zu entrinnen suchten — trotz alledem gelang cs doch nicht, die Juden loszuwerden. Und so. mußte man nach neuen Kampf- . in e t h 0 d e n t r ä c h t e n , die nicht so aufschen■ erregend und nicht so schnellen Erfolg ver• sprechend, dafür aber sicherer und, .objektiv genommen, radikaler wären. Das Mittel wurde bald gefunden, und man zögerte nieht, es niizuweiulon. Dieses Mittel, ' welches unglaublich schnell zur Losung aller russischen Antisemiten wurde, heißt: ״Von den Pogromen zu den Koopcrativgescllschnften!“ Man hatte cs bald heraus, daß diese Genossen- •schäften,.diese Konsumvereine und wie alle diese *) ״Hyloje“ (Le Passe),. Annalen der russischen Freiheitsbewegung. Paris, **) Ibidem, png. l38׳. . ***) Ibidem, pag. 175. Formen des Fortschrittes auf wirtschaftlichem Gebiete heißen mögen, — 'daß sie den wirtschädlichen Tod vieler Tausender von Juden bedeuten. Das ist leider kein leeres Sehlagwort. So berichtete eine progressive Zeitung: ״Im Lager der Rechten macht sieh ein hemerkenswerter Umschwung von der reinen Politik zum ,Dienen dem Volke auf dem kultur-ökonomischen Gebiete‘ fühlbar. Dieser Umschwung ist min , zur feststehenden Tatsache geworden, seitdem die ,echtrussischeii Leute* eifrig begonnen haben, in den Dörfern Vorlesungen zu hallen, Primärschulen cinzurichten, Kooperativgcnosscns;lüften zu gründen und andere ähnliche Institutionen ins Lehen zu rufen . . . Im Westen Rußlands werden überall Verbände zum friedlichen Kampfe mit der jüdischen Bevölkerung gegründet.“ ״Diese Wendung,“ fügt die Zeitung hinzu, ״ist in der Tat höchst bezeichnend.“ Ja, diese Wendung in der Taktik der ״cchlrussisehen Leute“ ist gewiß sehr bezeichnend, für die rttssisehen Juden aber auch sehr, sehr traurig! Andererseits ist sie jedoch sehr dazu angetan, .allen Ooliith-Optimisten die Augen zu öffnen. Haben denn sic nicht eine ganze Theorie aufgestellt, wonach die Gleichberechtigung einerseits und eine gewisse Verbesserung der Bauernläge andererseits das Anbrechen des ״goldenen Zeitalters“ für die Juden und das Ende aller Not und Armut bedeuten sollte! Und als man als einzige Antwort auf diese wahrhaft kindischen Behauptungen nur ein skeptisches Lächeln hatte, da waren jene mit der Bezeichnung ״Pessimist“ und ״Schwarzseher“ sofort zur Stelle. — Was aber der Erscheinung einen besonders tragischen Stempel aufdrückt, das ist die Tatsuche, daß nicht nur die Reaktionäre und Anti* semiten, sondern auch — und sogar in noch stärkerem Maße — die fortschrittlichen und radi* kalen Parteien sich dieser Taktik bedienen. Ja, die Antisemiten wären vielleicht überhaupt gar nieht darauf gekommen, wenn sic sich nicht gezwungen sähen, auf diesem Gebiete den Pro* gressiven den Rang abzulaufen. Die Letzteren aber ergriffen die Taktik, weil cs ganz einfach in den Bereich ihrer Tätigkeit fällt, die Lage der niederen Schichten nach Möglichkeit zu vcr* bessern. Sie haben dabei keine Hintergedanken־ und keinen bestimmten Wunsch, jemanden zu schädigen. Wenn aber die Motive der beiden Parteien grundverschieden, ja geradezu entgegen• gesetzten Chnruktcrs sind, so ändert das am E n d e r g e b n i s nichts — und dieses Endergeb• nis lautet: Die gegenwärtigen Bemühungen so• wohl der reaktionären als auch der progressiven Parteien auf dem Gebiete der Volkswirtscbaftsnolitik müssen früher oder später zum völligen Ruin eines großen Teils der jüdischen Bevölkcrung führen, — vorzugsweise desjenigen Teiles, der vom Zwischenhandel lebt. Daß diese bösen Zeiten nieht mehr weit hinter den Bergen sind, zeigen am besten d!.׳ gigantischen Fortschritte des Genossenschafts• Wesens in Russisch-Polen*). Der Umsatz dieser Hunderte von Vereinen, die größtenteils erst in den letzten Jahren gegründet wurden und etliche tausende Mitglieder haben, beläuft sich auf viele Millionen Rubel. ״Eine wenig erfreuliche Folge *) Wie schlimm cs damit in Galizien und Polen bestellt ist, weilt man nur zu gut.

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