Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 292 JUEDISC1! E RUNDSCHAU Nr. 31 r , Leben unserer Eigenart gemäß in Wahrheit entwickeln kann, ohne sielt auf einzelne begrenzte Gebiete beschränken u 1111 e i u e n g « » 1» müssen“. Pin derartiges Zentrum wird dann, wie man hoffen darf, auf die Diasporajudenheit ent• sprechende Wirkungen au.üben Womöglich noch deutlicher drückt sieh Achacl llaam in ״Tcchijath Harn,ich“ aus. Dort heiilt es: Vereinzelte Zionisten *:eben zu, daII die geistige Judeimot nicht weniger schlimm und (:efährtich ist als die leibliche ״und deshalb eine ,gesicherte Heimstatte' für den Geist unseres Volkes uns ebenso noltui, wie eine solche für die Massen der Lini• graulen. Jene Zionisten meinen aber, die beiden Ziele, das geistige und das materielle, liellen sieh auf einem Wege erreichen. Indem wir nämlich bemüht seien, in Palästina eine normale, wollteordnete Siedlung zu schaffen, errichteten wir eben dadurch die natürliche Grundlage, welche für die geistige Wiedergeburt dort.vonnöten ist; eine Grundluge, ohne die jenes von uns erstrebte geistig, nationale Zentrum keinen Halt und bestand haben kann“. ״Und in der Tat,“ fährt Aeliad llaam fort, ״kein Mensel! kann behaupten, dall die materielle Kolonisation gar keine Beziehung zu unserer geisti- ):en Trage habe, und dall es möglich sei, für die letztere vollkommen die Lösung• zu finden, ohne die Hilfe jener (der materiellen Kolonisation). Umgekehlt verhält es sieh nach meiner Meinung! Die ganze materielle Kolonisation — ob es die Koloni* satoren selbst merken oder nicht — dient ■nur dazu, die Grundlage für das geistige, nationale Zentrum zu liefern, das in Palästina erstellen wird . . Nur dagegen ist Verwahrung ei11z11le):en, dall man meint, sieh den Arbeiten, welche die geistige Wiedergeburt verkannt, entziehen zu dürfen und ruhig zu warten, ,,bis sie von selber kommt, wenn die materielle Ko- Ionisation hinreichend aus):ebaut und vollkommen ist“. Dieses ״hinreichend“ ist freilich ein großes Wort. Sonar hundert Ackcrbaiikolonicn wollen noch nicht viel bedeuten. Soll das geistige Zentrum seine Aufgabe erfüllen, so iniill es eine solche Grolle und Vollkommenheit haben, ״dall es alle Zweige des l.ebeus umfalit und in ihnen überall neue Ilediirfnissc schafft und neue Mittel zu ihrer Befrieilinun):“. Daher ״müssen wir den Strick an beiden Linien aufassen ")“. Was• liier mehrfach ausführlich erörtert wird, findet sieli in dem 1״ Iaschiloach“-Artikel wiederholt anj:edeutet. Achad Hnain betrachtet das Zentrtim keineswegs schon als vorliamleii. Erst in den Anfängen wächst es empor. ״Noch ist allerdings der Wt■(׳ zum Ziele sehr weit — lesen wir einmal ־־•, aber mau kann es schon mit blollem Auge am Lude des Horizontes in der Perne erschauen,“ (S. 27ö.) Oiler ein andermal: Mau hat den Pindruck, als lebe mail in Palästina ״in einer andern Welt, in der Welt der fernen Vergangenheit oder der fernen Zukunft“, Und man sagt sich: ״Wenn es jetzt so ist, wie wird’s erst sein, wenn die Kolonieu zuuehmen und ihre Perm sich vervollkoinmnet?“ (S, 288.) Mir scheint nach alledem die zweite Anklage gegen Achad׳ llaam in keiner Weise haibar und aul einer man^clliaftcu Kenntnis oder wunderlichen Verkeuimng der inhaltlichen Beschaffenheit seines Gegen* wartsideals zu beruhen. '״) AI p. d. 11, S. bl/<!׳>. ") A. a. O. II, S. 12«»/I3H. Kommen wir zur letzten Beschuldigung. Achad llaam will uns ihr zufolge auf Grund seiner Beobaehtuugen in Palästina beweisen, ״daü wir immer mir vereinzelte Kolonien besitzen werden, deren Pinwülmer keine echten Ihmern und deren Arbiter keine echten Lohnarbeiter sein werden“. Pi übersieht, dall die Entwicklung hierin Wandel schaffen muH. ״Wer den jetzigen Zustand der Kolonisten ... in alle Ewigkeit hineinprojiziert, der hat keine blasse AUmui): von wirtschaftlicher Entwicklung.“ Diese Entwicklung muH aber durch eifrige Tätigkeit gefördert werden. Die ״praktische Arbeit“ der Zionisten mul ihr. PrgebiiH war bis jetzt desliall! so geringfügig, weil ihr ״die stille Resignation unserer ):rollen Masse“ eiitgegenstand. ״Und von diesem Standpunkt ans müssen wir sagen: Auch Achad llaam predigt unserem Volke Resignation und Selbstbeschränkung, auch er redet unserm Volke ein, es werde niemals ein gesundes, normales Volk werden können.“ Zunächst sei auf einige Einzelheiten hingewiesen. Achad I laam behauptet nicht ohne weiteres, ״dall wir immer nur vereinzelte Kolonien besitzen werden, deren Einwohner keine echten Baii.Tu und deren Arbeiter keine echten Lohnarbeiter sein werden“. Pr bestreitet lediglieb die Möglichkeit, duicli unsere praktische Arbeit, wie wir sie vorläufig leisten können, dem ga 11 ze 11 Land oder seinem g rö II t c 11!eile die ״Genial!“ zu bringen, und bestreitet ferner, auch aus psychologischen Gründen, die Möglichkeit, eine arme kindliche Bevölkerung aus Bauern und Landarbeitern von primitivem Typus,;welche die ganze gröbste Arbeit verrichtet, in Massen auz.iisiedchi, in wirklichen Massen, wie sie eine eigentliche ״I leimslätle“ liir ein Volk als Grundlage braucht. Weiterhin erscheint nach dem, was bisher ermittelt wurde, mich die Zurechtweisung recht üherflüssig: mau dürfe den jetzigen Zustand der Kolonisten nicht ״in alle Ewigkeit*' liineinprojizieren. Bür unsere gegenwärtige Absicht sind jedoch derlei Einzelheiten irrelevant. Ps kommt uns auf das eigentliche Wesen der Anklage au: Achad Haam predige ״unserem Volke Resignation und Selhstbesehräukling“, und rede ihm ein, ״es werde niemals ein gesundes, normales Volk werden können“. Zieht Achad llaam wirklich solche Polgcrimgeu aus seinem Urteil? Pr Weist darauf hin, dall der Weg zu dem von ihm gemeinten Ziel noch sehr weit ist, dall es noch viel 1|uantitativ und (pialitativ atis/ubauen gibt; er wünscht ״von ganzem Herzen“, dall der Natio* 11 a I f o 11 d s seine von korrekten Piogiaminzionisten freilich angreifbare Tätigkeit in Palästina ruhig fortsetze (״I laschiloach“ a. a. <),, S, 288), lind meint: ״Das Ziel, welches in Wahrheit mit dieser (gegen• wäitigen) Arbeit verbunden ist 11ml durch diese erreicht wird, erscheint sogar schon an und fiir sieh groll und schön genug, um das Herz, mit ״Entzücken und Begeisterung“ zu erfüllen“ (S. 287), In einer Unterredung, die er vor seiner Ahreise aus Palästina einem Berichterstatter der ״I la/efirah" gewährte, üulierte er nach der Wiedergabe der ״Welt“ (t*)U, Nr. •I'l); ״Pr*sehe infolge der verworrenen politischen Lage keine Möglichkeit zu grollziigigcr Arbeit, Unser Werk müsse in der bisherigen Richtung langsam vorwärtssehrcilen. Nach wie vor, müsse kolonisatorische Klein. 11 heit verrichtet werden, die allerdings mühsam und langwierig sei.“ Achiilich sprach sieh übrigens Achad llaam von jeher aus. Man lese den Wir sehen, daß die zweite Bedingung, die wir prüfen wollten, ebenfalls nicht erfüllt ist. Das Cudidcal Achad Itaams ist im Sinne des prophetischen Uiicudlichkeitsidcals entworfen, sein Oegciiwartsideal bestimmt sieh dessen Begriff gemäß aus jenem Endideal und ans der gegebenen Wirklichkeitsinge zu- 8n m me 11. Wo aber das unmittelbar zu erwartende Ergebnis der Gegenwnrtsarbeit beurteilt werden soll, geschieht es unter Beachtung des Verhältnisses zwischen Wirkung uml Ursache. Hatte der erste Vorwurf dem i n 11 e re 11 Wert e des von Achad Haniu aufgcstcllteii Ideals gegolten, so wendet sieh der zweite gegen! seine inhaltliche Beschaffenheit. Nach Achad Haam, heißt es, ״besitzen wir schon jetzt in Palästina ein geistiges jüdisches Zentrum mit nationalen Schulen, nationaler Sprache mul Literatur, und damit eine Quelle zur Gesundung der jüdischen Volksseele“. Aber ״welches Gehirn kann eine solch« Utopie ersinnen?“ Ein geistiges Volks- Zentrum muH ״auf einer normalen sozialen Basis“ ruhen. ״Nationale Kultur ist nicht bloß die Sprache, die Schule mul das Buch, sondern das Individuelle in allen Lcbenserscheiiiungeii des Volkes.“ Wir müssen in Palästina ״V’ine wirtschaftlich gesunde mul selbständige jüdische Masse, die ein kompakt-soziales Leben führt, zusammciihriiigcii“. Bleibt ״das Judentim! in Palästina immer eine zusammenhanglose Minorität“, dann ״ist es mich mit unserem geistigen Zentrum ans“. Auch das Gymnasium und der Bezalel sind vorerst nur von auflen unterhaltene Knnstprodukic. ״Was sich selber nicht halten kann, muß mit der Zeit verschwinden oder degenerieren.“ Lassen wir alles Nebensächliche «beiseite, um gleich auf den Kern der Beschuldigung zu kommen. Denkt sich Achad Haam das geistige Zentrum wirklieh bloß .־ms ״Sprache, Schule mul Buch“ bestehend, ohne jede normale, soziale Basis? Der II. Band von AI paraschalli derakhim enthält eine Abhandlung unter dem Titel ״Sch.dosch 111:1• dregoth“. 1 Her wird eine Dreistufcnlheorie über die Entwicklung des uatioualjiidischen Bewußtseins aufgestellt und dabei der sogen, geistige Nation;1• 1 i s m 11 s Dibnows, nach welchem die nationale Autonomie der Juden in ihren europäischen Wohnländerii angesfrebt werden soll, als die zweite Stufe äugeselien. Achad Haam unterzieht mm den Standpunkt Dubnows filier eingehenden Kritik. Seihst wenn die Juden überall als besondere Nation anerkannt würden und natiomle Rechte zugebilligt bekämen, wäre in praxi nicht viel gewonnen. Denn als M i 11 o r i t;’i t könnten wir unser Volkstum inmitten einer fremd• nationalen Majorität doch unmöglich zur Genüge entfalten. ״Nachdem wir überall nur die kleinste nationale Gruppe bilden, wie könnten wir da hoffen, daß wir eines Tages imstande wären, in Europa unser nationales Lehen in vollen! U 111 f:111 ge zu führen?“ Deshalb allein erweist sieb schon der ״geistige Nationalismus“ unhaltbar und muH durch den Zionismus überwunden werden. Auf dieser dritten Stufe müssen wir danach streben, ״daß auch wir in einem Lande unter dem Himmel die ״M;h joriUit“ :ui■machen; in einem Lande, auf «las wir zweifellos und ohne dall erst ein Beweis dafür nötig wäre, historisches Anrecht besitzen, und in dessen historischer Atmosphäre sich unser nationales ") Vgl. aulier den bereits zitierten Stellen z. B, noch die 2. Vorrede zum I, Bande von AI p. d, nur ihre Reial 011 besitzen. Jiidcnsehieksal. Nie bähe ich es so empfunden, als wie ich Ernst Sommers Roman•׳) In:;, und gerade kurz nach Asclis zwingender Geradlinigkeit des Zweifels. Wenn ich den jungen Autor neben Schnitzlers Reife und Asclis weichem und doch starkem Bühlen neune, so ist das sicher Loh; und spricht davon, dall das, was ich in seinem Werke nblelme, nicht einem Unfähigen gesagt ist, sondern einem Hoffnungsvollen, der aber einen gefälirlicheu Weg geht. ״Gideons Auszug“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Zionsfahrt an der Relativität eines jahrhimderlecrcrhtcn Denkens scheitert. Eben jene Relation der Wahrheit, die uns Juden das Galutli gab uml die verheerender vielleicht gewiild hat als alle Verfolgungen, hat kiinstlerisches Erichen zu diesem Roman gestaltet. Doch eben jene Relation der Wahrheit führte «les Dichters Sinn in seiner; Werke mul hat seine Ausführung unwahr gemacht. Gideon Meiligos zerfasernder Jiidciisinn erscheint uns zerfahren, sein schwanke»• der Weg ein trunkenes Taumeln, weil — der Schöpfer der Gestalten, verführt durch unfreie, imeigene Werte und Worte, den geraden Sinn vergäll: das Bindende, das alle Relationen vereint. Die Kunst kann nur in der absoluten Wahrheit gestalten. Dann wird sie frei zum Größten. Hier ist an ein Großes gerührt. Aber das Erleben war zu klein, und so 1'st es nicht zwingend. Gideon Mndigos Erleben zerfließt u) ErnstSom 111 er: O idco 11 * A 11 h z ug. Oeslerrelehisclier Verlag, Wien. uns geradezu unter den I läiidcu, wiril uns schicksalsfreind. Cierade die Kunst, das Schwankende, I hellende zu erleben, bedarf der zwingenden Wahrheil, um Größe zu gehen. Wer aller von dem!•'hellen• den unserer Zeit * au deren Schicksal wir in unserer 'Relativität zum Teil schuldig sind — sieh vom Wege abdrängeti lällt, 11er kann das Schicksal des Juden und seines Wesens nicht klar erfassen. Unsere Kunst wenn sie ganz sein wird, weiß iiicmaml, aller sie kann in jedem Augenblicke sein —, wird nur aus der Wahrheit. Jenes Relative, aus dem Ernst •Summer schuf, hat auch auf die Art seiner Form gewirkt. Die üppigen Bilder sind oft grauenhaft leer und unerlebt, Wenn in «lein Buche einmal an «las Erleben und Ersterben «les Zeitgefühls gerührt 'viril, mul es heiilt: ״Seine Sinne waren geschlossene Muscheln uml die Zeit hing wie ein milder Wimpel an seinem aufrechten Gleichmut herab“, daun ist das Bild unwahr mul unerlebt uml — Verzeihung! komisch, sehr komisch! Ich für meinen Teil weil! mit meiner Zeit etwas Besseres anzufangen 1 Aber in diesem Roman liegt etwas seltsam Starkes: Pr ist ohne Furcht. Das ist viel. Ps ist etwas von dem, was wir brauchen. Uml gerade das kann dem jungen Dichter Segen werden, wenn seine Kunst «las Maß sich auferlegt, ganzes Erleben wahr zu gestalten nicht m i t unserer Zeit, sondern g e g e 11 sie. Dann kann Gideons Auszug ein Anfang werden. Doch Ernst Sommer hüte sich vor dem Imvcg, der aus seiner furchtlosen Kunst unbedenkliche Kunst I macht, die Artistentmii istl Vun Ihr hat das Judentum genug. Ps wäre schade, wenn es sieh nicht soweit fände, um seine Jüngsten vor «lern Uebcl zu wahren. Dazu bedarf es tier großen Biiuluug im Sinne des einzelnen, der alle findet. Der Läuterung, die des Künstlers neues Schaffen bereitet. Wien. Siegfried Sc 11 mit/. Bücher und Zeitschriften Die jüdische Gemeinde von Elephantine und ihre llc f ielen gen zum Alten Testament, von t>r. A. J i r k 11. Alto uml Neue Aramäische Papyri, übersetzt und erklärt von Prof. I). Dr. Staerk. Der Papynisfuud von Plcph.mtirte hat bereits eine kleine, immer noch anwaehsciide Literatur hervorgenifen. Mit der unserer Zeit eigenen Schnellig* keit dringen auch die Resultate der gelehrten Borschling sofort in «lie Kreise der Gebildeten, zumal Wenn es sieh um einen so interessanten Gegenstand handelt, wie es die Urkunden jener jüdischen Cienieinde sind, die im fünften vorchristlichen Jahrhundert im äußersten Süden Aegyptens bestanden 11:1t. 111 der Sammlung biblischer Zeit- und Streitfragen, die durch den Professor «ler Theologie Kropatschcck in Breslau heratisgegeheti wird, erzählt Dr. A. Jirku kurz, in leiehtfalllielier Form von der jüdischen Gemcindo auf Elephantine und legt «labei besonderen Wert auf die ihvieluingcn, in «lenen die neuen Ur- Scii dall ii'.ic Seil ' reg■ ' in ־ ‘ l |ia. . Itol ' lieh •.־ ״Sa ־ ein ‘ ah\'. ilvii , v.'o: 4 ein' ein« 1;׳1:11 «lau tili . * 1 i alle ) r.t י Pn1 1lc1'v k'V die t, Re ״U 1 ncl V' dii '• iVy da r ob '; W! eie .׳ei |; 'äs V Pr . De.. ue wi V, 1 '•׳ no; •di: 1 W. ZI de I m f sei ח zic ( ddii 11 ve u re C se t sc R« I f ZI ־־ f 1 R. 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