Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 291 Icndcr Stern den ganzen künftigen Lebensweg für einen Augenblick hell zu beleuchten, so dal* er weilt, wohin er geht und wozu er sich abmüht“. Hat jedoch das Endiücal diesen Zweck erfüllt, daun soll man cs in Latenz treten lassen; eine andauernde innere Beschäftigt!ng mit ihm wäre nur vom Hebel. Denn» sobald inan mit seiner Verwirklichung beginnt, wird sein Übergroller "Abstand von der gegebenen Wirklichkeit kenntlich, und die ständige Vergeben• wärtigimg des all/.ufernen Ideals muH bewirken, •lall die praktische Kvalisicntngsnrhcit, die naturgcmiil! immer nur in geringem' Malle den Abstand vermindern kann, zuletzt aussichtslos erscheint .und ganz auf. hört. So empfiehlt es sich für den Erlebenden, in der durch das Eudideal vorgezcichneteu Richtung einen Punkt zu wählen, welcher ihm vorläufig gerade noch als erreichbar zu gelten vermag, und von dem aus er nachher. Hach seiner Erreichung, in derselben Weise fortschrcitct. Auf solche Art entsteht jeweils ein Oegcn wart s ideal, das stets gewisser• maßen eine Station auf dem Wege zum Endideal bildet. Oenau im Sinne dieser Theorie ist nun die Kon• zeption des ״geistigen Zentrums“ gehalten. Sehr unmißverständlich wiederholt Achad lluam fortwähread die wahre Meinung. Begnügen wir uns mit ganz wenigen Stellen. Besonders eingehend wird das Thema in ״Dr. Pinsker umachbarto“ behandelt.Was uns vor allem fehlt“, heißt cs hier einmal, ,,dies ist ein fester Ort als geistig nationales Zentrum, welcher eine ״gesicherte Heimstätte“ . . . für das Juden, t u in . . . sein soll, an dessen Ausgestaltung sich alle Juden in allen Ländern der Diaspora beteiligen sollen“. Nachdem auf solchem Wege deren gegen• seifige geistige Annäherung erfolgt ist, wird durch die gemeinsame Arbeit und späler mich ״durch die Einwirkung des Zentrums auf sämtliche I*unkte der Peripherie in allen Herzen eine Wiederverjüngung des nationalen Geistes und die Wiedercrstarkung des Gefühls der nationalen Einheit sich vollziehen". Frei• lieh wäre es viel besser, wenn in Palästina mit der Juden t u in s frage zugleich die J u d e 11 frage ihre Lösung finden könnte. Aber ״mit tiefem Schmerze müssen wir konstatieren, daß für diese Lösung die Stunde noch nicht gekommen ist“. Und deshalb, weil ״die Stunde n o c 11 nicht g e k o m in e n ist“, müssen wir die Präge: ״Palästina für das Judentum oder für die Judenheit?“ also beantwor• ten: ״Zuerst für das J 11 d e n t u in, u 11 d die Judenheit wird n a c 11 ko in in e 11״).“ Aelin• licltes lesen wir in ״Tcchijath Harunch“. Weshalb, -״fragt Achad Haam, nimmt der neue (Hcrzlschc) Ziu• nisinus das Beiwort ״politisch" au? ,,Auch vorher war ja der Zionismus als ferne Zukimftshoffnung seinem Wesen nach ״politisch“, insofern diese Hoff• mmg, nämlich im Laufe der Zeit in Palästina zu voller Freiheit hinsichtlich der nationalen Lebens• fülmmg zu gelangen, dem Zionismus notwendig von Anfang an zugrunde liegen muß als eine Bedingung, ohne welche die freie und vollständige Entwicke• lutig des nationalen Wesens überhaupt nicht vor• gestellt werden kann“1 * *׳). Ebenso lautet eine Stelle in ״Hakongress hazioui hurischon“. Der Zionismus hat hiernach vorläufig nur ein moralisches Ziel: die innere Befreiung von der Assimilation, die Stär, kling des nationalen Ziisaiiimeiigehörigkcitshcwußt• sein» usw.» ״bis wir geeignet und vorbereitet sind, ein Leben in Ehre und Freiheit zu führen — in der Zukunft“f•). Derselbe Grundgedanke findet sich — in dein ״HasclsiIoach“-Artikcl selbst, welcher die ganze Anklage gegen Achad Haam hervorgerufen hat. Dort stoßen wir auf Acußerungen folgender Art: ״Die Hoffnung aut die /.ukünftlge Erlösung (Gctilah) ist eine dauernde, nationale Hoffnung, welche mich jetzt noch Im Herzen eines jeden nationalgesinnten Juden lebt, sei cs in religiöser oder in irgendeiner anderen Form, in welcher Weise sic sielt verwirk• liehen wird, mag sich jeder nach Belieben verstellen, ohne daß er sich dabei um die gegenwärtige Wirk• lichkcit viel zu kümmern braucht. Wer kann wissen, was im Schoß der fernen Zukunft schlummert?“ Wer dagegen praktisch arbeiten will, muß mit den vorliegenden Tatsachen rechnen und sich klarmachen, in welchem Verhältnis seine Arbeit zu dem beab״ sichtigten Zwecke steht. Betrachtet man in diesem Sinne die heutige Palästinaarbeit, so findet man, daß sie zur Schaffung eines geistigen Zentrums führen kann, das jetzt schon in seinen ersten Anfängen emporwächst. ״So nimmt dann der Gedanke der Gctilah den ihm gebührenden Platz ein: er rückt an die Stelle einer Li cbli ugsho f { nung, für die noch nicht die Zeit gekommen ist, in welcher sic als p r a k t i 8 c It e 8 T ä 11 g k e i t s z i c I zu gelten vermöchte“״). Am Schlüsse des Artikels wird aber• ntals gesagt: Die Frage nach dem ״Später“, nach dem, was dann geschehen werde, wenn das in seiner Verwirklichung seihst noch recht ferne Ziel eines geistigen Zentrums erreicht sei, braucht uns vorerst nicht zu beschäftigen. Die ״später“ lebende Qcne• ration wird die ihr gestellte Aufgabe zu lösen wissen. Aus alledem gewinnt man den Eindruck, daß die erste der. oben formulierten Bedingungen, unter denen die ״Utopie" Achad Hiiains beschränkt-kleinbürgerlich wäre, nicht erfüllt ist. Das geistige Zentrum bc• deutet ilun nicht das nationale Emlidcal, sondern ein für absehbare Zeit gültiges Gegenwartsidcal; die nächste, aber immer noch sehr ferne Station auf dem Wege zum letzten Ziel: der ״Geulnh“. Wie sieht es mit der zweiten Bedingung aus? Bestimmt sieh für Achad Haam in Wahrheit die Zukunft allein aus der Clegeiiwariswirklichkeit? Die Frage kann in doppeltem Sinuc verstanden werden. Sie kann meinen: Ist das nationalistische Ideal Achad Haams an der gegebenen Wirklichkeit orientiert? Oder sie bedeutet: Ist das Urteil Achad Haams über die unmittelbaren Erg e b n i s in ö g I i c h k e i t e n der gegenwärtigen prak• tischen Pulästirinarheit an der gegebenen Wirklichkeit orientiert? In ihrer letzten Bedeutung ist die Frage tatsächlieh zu bejahen. Der ganze, oft erwähnte ״Ha• schilonch“-Artikel will lediglich das Urteil zuin Aus• druck bringen, welches sielt Achad Haam über die wahrscheinlichen unmittelbaren Ergebnisse der gegen• wärtigen und in absehbarer Zeit allein möglichen zionistischen und sonstigen PaListiuaarbeit im Lande gebildet hat, und zwar auf Grund der dort von ilun׳ beobachteten Tatsachen und Vorgänge. Worin bc• stellt aber die Unrichtigkeit eines derartigen Ver״ haltens? Auch mir scheint, daß man die Erfolgs• möglichkcitcn eines Unternehmens vor allem nur aus dem Wesen des Unternehmens selbst unter gleich• zeitiger Berücksichtigung der entsprechenden realen, es begünstigenden oder hemmenden Faktoren bcura) Vgl. auch AI par. der. II. S. 28/20. «) A. a. O., S. H3. kennen sie nicht, wie sie den Hai* nicht kennen. Alle wissen ihnen Leben zu gehen. Doch Selmit/ler weiß, daß er hier nicht alle finden kann; — und die Novelle bricht ab. Dort, wo der heutige Jude immer zweifelnd enden muß, der statt der Liehe höchstens die Begeisterung oder die Humanität sich erworben hat; und statt des Hasses — den Spott. Und Schnitzlers Ahnen in dieser schönsten Novelle seines neuen Buches, in dem soviel Schönheit dunkelt, ist vereinsamt. ״Der Mörder“ und ״Die Hirtenflöte", das eine Werk vom .Geist des lieben• den Lehens geformt, das andere das Lehen des liebenden Geistes verbildlichend, beide sind Lieder, die im dunklen Wald erst liehen bekommen oder dort, wo sic. wirklich ihre Wunder dartun — am Ziel des Lebens in der Einheit, in allen. Und so gleichen jene Perlen des neuen Schnitzlcrbuchcs den dunklen Augen, die sich in uralten Adclsgcschlcchtern vererben und von alten Zeiten erzählen. Der ״graziöse“ Dichter ist eigentlich — und dies neue Buch zeigt cs — ein Wissender, der nicht spielerisch tändelt, sondern mehr, weit mehr; er erlebt. Was? Vielleicht die Einheit, die er verlor . . . Schalom Asch») baut die Einheit mit. kimlhnftcr Fröhlichkeit aus den uralten Geheimnissen des ״Städtchens“, aus dem Raunen der Bäume und dem Rauschen der Weichsel, das er — dank seines 8) S c h a I o ttt Asch: Die J ü n g Roman. — S. Fischer Verlag, Berlin. — 1 s t e u. — 012., 6) A. a. 0. III, S. 53. ") ״I laschiloach“ 1012, Nr. 3, S. 286/87. Sinnes Gnade — immer neu hört. Und legt sie in die Seelen mit wunderbarer Einfachheit. Sein neuestes I3ucl1 spinnt ein Geschehnis — ein großes Geschehnis, den alten Eiuhcitstraum, den Juden so lange träumen und tun den sie der Tag stets noch getrogen — aus einfachen Scclcnfädcn der Zartesten, der ״Jüngsten". Halbe Kinder sind es, die im Werke ihr Wesen enthüllen. Und mit ihnen rauscht die lebendige Flut des Flusses und braust das Gewitter einer Volkserhebung und Welten wanken, Himmel heben. Und doch ist alles still mul klar, kiudhatt einfach, kimlliaft träumend. Doch icli erschrak, als feit diese Stille empfand: Da lauert hinter der Laut• losigkeit etwas Unheimliches — die Resignation. Und da wo Kowalski und das Mädchen, das er lieht, und dessen Seele ihm angehört, wortlos voneinander scheiden, gellte mir ein Schrei in die Seele. Diese unsere ״Jüngsten“ finden das Wort nicht mehr, das Wort, E<as der Stille die Größe gibt und dem Lärm — selbst dem Petersburger Revoltcnlärm — die Ruhe. Sie sind müde. Und alles zieht an ihnen vorüber, wie im Tramm Diese — so scheint es mir — perspektivische Stille, die der Dichter hier in seinem Roman geformt hat, ist etwas geradezu unheimlich Anziehendes. Nie war Asch so reich an Nüauccn1) und nie — so arm an Freude. Auf den l) Nie habe Ich die Mängel der vorliegenden Ucbersctzung so störend empfunden, wie bei diesem Roman. Ucbersctzung darf nicht bloßes Handwerk teilen kann, wofern mau die allgemeine Gültigkeit des Kausalitätsgcsctzes anerkennt. Anders stellt es mit der Frage in ihrer ersten Bedeutung, ob das nationalistische Ideal Achad Haams an der Wirklichkeit orientiert sei. Schon ein einziger seiner Aufsätze gibt hinlänglich Aufschluß: ״Koben weuabi.“ Das universal-ethische Ideal der Propheten, dessen ״dauernder besonderer Träger“ das jiid'jdic Volk als Ganzes sein soll, bildet das echte jüdische Nationalideal. Es verlangt ״die fortwährende Ilinlciikung des praktischen Lebens nach der Seite der absoluten Gerechtigkeit, ohne jede Möglichkeit, jemals zum vollständigen Sieg zu gelangen.“ Aber seihst diese relative Realisierung kann nur durch eine wenigstens partielle Vereinigung und Zen• tralisation der Kräfte des jüdischen Volkes an einem Orte vor sieh gehen, wo das letztere ein seiner Eigen• nrt entsprechende» 1.Leben zu ]führen!vermag•7). Gerade als Gegensatz zur Wirklichkeit stellt sich so• mit dieses U 11 e n d I i c 11 k e i t 8 i d e a I, wie wir uns kurz nusdrücken wollen, dar; gerade durch die imperativische Forderung (ilun gemäß sogar im Bewußtscin, niemals zum vollen Sieg zu gelangen), die Gegenwartswirklichkeit umzugcstaltcn, wird sein Wesen initbestimmt! An dem so erkannten historisch-nationalen ״End• ideal“ des jüdischen Volkes gewinnt mm Aclud Haam zu einem Teil die Orientierung für sein ״Gegenwartsideal“, welches freilich eben als solches, als niiclistrealisierbarcs Strchcnszicl, zum anderen Teil die Berücksichtigung der gegebenen Wirklichkeit not• wendig verlangt. Betrachten wir den kurzen Aufsatz: ״Hakongress lia/ioni harischon.“ Achad Haam macht ein schweres Bedenken gegen die rasche Erriehüing einer ״Heimstätte" für das jüdische Volk gellend. Er fürchtet, ״das nationale Ideal" möchte, seihst wenn sonst alles gut ginge, auf diesem Wege!lieht erreicht werden. ״Unmöglich kann sich das jüdische Volk damit /ufriedengeben, daß cs zu guter Letzt, nach Jahrtausenden voll unsagbarer Leiden und Unbilden, auf die Stufe eines kleinen niedrigen Volkchens gelangt,“ dessen politischer Bestand auf dem unsicheren Grunde diplomatischer Kunststücke beruht und von dem wechselnden Wohlwollen der Großen abhängt. ״Unmöglich kann sich das uralte Volk, welches das Licht der Völker war, an so Kleinem genügen lassen.“ Sein historisches Nationalideal ent• hält als wesentlichen Bestandteil den Gedanken der a 11 m e n s e h I i c h e n sittlichen Vollkommenheit; und ihm gemäß kann Israel auch in der allcrgesichersten eigenen Heimstätte erst dann endgültig Ruhe finden, ״wenn die ewige Gerechtigkeit den Thron bestiegen hat und das Lehen der Völker und Staaten beherrscht“. Infolgedessen muß unser Bestreben vor allem dahin gehen, unser verlorenes nationales Einhcitsbewußtsoin zu wecken und zu stärken, uns auf ein freies, ehrenvolles Eigenleben durch innere Sclbstbefreiung vorzubereiten, das historische Nationalideal wieder in uns zu belebenא). Zu diesem Zwecke brauchen wir,*' wie Achad Haam an verschiedenen Stellen immer wieder erklärt 9), die Schaffung eines geistigen Zentrums in unserer, historischen Volkshcimat. Zugleich der leiblichen Judcmiot eine wesentliche Abhilfe zu bringen, vermag cs vorläufig freilich nicht. Ist aber einmal die Judentumsnot behoben, dann wird es an der Zeit sein, das nächste ״Gegenwartsideal“ aufmstellcn. 7) AI par. der. I, S. 184. 'Vgl. auch ״Schinuj Haarachfn" a. a. O. II, und ״Mosclieh“ a. a. O. III. «) AI p. d. III, S. 51. kindhaften Ruf seiner Kunst, der so laut das Helle, Befreiende, Einheitliche selbst im wirrsten Hasten der Ghettotage formte, hallte keine Antwort wieder oder eine zu schwache. Und Aschs Kraft wurde durch das Denken gehemmt. So entstand einmal ״Sahhatai Zwi“, der denkende Ruf nach der Einlieit; ״-• das Werk mißlang. Und jetzt die Stille der ״Jüngsten". Der Zweifel an der Einheit. Der Roman ist das Schönste, was Asch schrieb. Aber das Beklemmendste. Die Erzählung ist herrlich in ihrem Aufbau und ihrer konzisen Art — ein Fortschritt des Dichters gegenüber seinem Roman ״Amerika". - Docli ihr Sinn ist zerrissen. Ist es die Zerrissenheit des Dichters, dem das Denken stets ein Fallstrick war und der ain reinsten im Fühlen schafft? Oder ist cs unsere Zerrissenheit, die ihn zum Denken dieses Kiiulcrtraumcs trieb? Ich glaube cs fest und wollte, dal* wir Asch, den reinen Erfülder, in uns nufnehmeu könnten, doch so ganz, daß wir ihm ebensoviel gehen wie uns: die Einheit. *Sie ist die Freude und die Wahrheit seiner grollen Kunst. Gerade dort, wo das Beginnende, das Neue sich künstlerisch gestaltet, muß es sich aus der Wahrheit gestalten. Und das ist unsere Tragik, daß wir jetzt sein 1 Der einzige Aseh-Uebersetzer, der Aschs Kunst nachformeii kann, Hugo Ziickermanngkann nicht zur Geltung kommen. Und Aschs schönste Schönheit, seine Kunst der Form, wird am wenigsten deutlich, Beati possidentes! . . .