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Jüdische Rundschau · 1912-08-02 · Heft 31 (2.8.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 200 J l! 1-1)1 SC II r RUNDSCHAU N31 .׳ Dieses und Jenes Von H. 0. II. ErotlMClier Sozialismus. Wir deutschen Zionisten glauben, dal» wir muh• gerade Meiner der Propaganda uml Organisation geworden sind; nher die Sozialdemokraten, mit denen wir so oft in Parallele gestellt weiden, sind uns doch noch über. Da gibt einer -- dem Namen und der Art zu schreiben nach ein mehr oder weniger verirrter Stammesbruder — seit Jahren imge/alillo Uroßißiaitbände historischer Erotik heraus, /u Preisen, die den Ankauf dem ״klassenbewuiStcn Pro• Ictariat" von vornherein unmöglich machen, ge• schmückt mit den Kopien der ausschweifendsten Kunstwerke aller Jahrhunderte, als Inhalt den entsprechenden Text der zeitgenössischen Dichter und Schriftsteller — das ganze umrahmt von lang, atiiiigen, marxistischen Theorien, strotzend von! Zitaten aus Kautsky und Mehring, aus denen, mitten im Dekollete mul Ketrousse, der Schritt der Arbeiter• batailloiie dumpf heraiiftlrölmt. Das können wir der Konkurrenz nicht nach• machen; da kommen wir nicht'mit. So die ״reine Lehre" in angenehm ״imvcrhülltcstcr“ Törin dem Gegner sanft einzuträufein, das hat seihst Nossig mit der Aiko nicht verstanden. Da sind wir Stümper. Schiller scheint den Mann vorgeahnt zu haben, als er schrieb: ״Willst Du den Kindern der Welt und auch den Trommcn gefallen, Male die Wollust, jedoch setze den Teufel dabei." Christlicher Rilualmord. Wir wollen nicht davon sprechen, dal! die Saite• tissima Ecclesia und ihre fischblütigere Konkurrenz. Millionen von Menschen, darunter ungezählte unserer Brüder, zu rituellen Zwecken und höherem Ruhme Gottes gefoltert und gemordet hat; das sind olle Kamellen, wenn auch unsere Konti noch nicht sal• diert sind. Wir wollen auch nicht daran denken, dali die alten Römer mul die neuen Chinesen den Christen seihst den rituellen Kiudcrmord vorge• warfen und in ihren Uericlitsakten auch sicherlich nachgewiesen haben;'denn das ist verleumderischer Unsinn, würdig der russischen Justiz. Doch gegenwärtig, zum zwanzigsten Gedenk• tage von ,Xanten und in den Tagen des Ücilis• pro/esses, ist es gut, in die Welt zu rufen, dali tatsächlich von christlichen Priestern in ‘den Orgien der schwarzen Messen neugeborene Kinder rituell geschlachtet worden sind, dali tatsächlich ihr Blut nicht in Törin von Maz/es, aber in der von Hostien von pervertierten Fanatikern genossen wurde. So geschah es im Trankreich des H. Ludwigs und wohl früher und spater auch. Also nicht bei uns, so»• dern jenseits des Taufwassers hat die ritualmordende Sekte wirklich existiert. Wir sind nicht die, die sich zu schämen haben, wenn das Wort Rituaimord fällt. Die Satire im Nationalitütcnkampf. Der Jude ist bei den europäischen Völkern, und besonders in Deutschland, seit ahersher der Gegen• stand der Verspottung wegen seiner geistigen und körperlichen Eigenschaften. Wir können keine Niun• mer auch der liberalen Witzblätter öffnen, ohne jüdische Karikaturen zu finden und sogenannte jüdisclie Witze, deren tieferen Sinn der nicht jüdische Leser doch* nicht begreift und die ilnn mir als Vetliöliiiuiii; des Judentums erscheinen. Sogar manche Juden halicii in der l ichcrliehiiiadiuug ihres eigenen Volkes ein giilgehrmle'i Geschäft entdeckt bis herah zu den sogenannten Itiidapeslcrn, und die meisten Juden «allen dieser Satire in aller Harmlosigkeit zu. Aneli der Deutsche Ist oft verhöhnt worden; mau gedenke nur der Witze des Heinrich Heine und der Karikaturen dos Thomas Theodor I leine. Aber 4h־r Dichter der Loreley und seihst der hestgehalite Simpli• zissinuis haben doch .immer zum Deutschtum gehört, ihre Angriffe sollten nur das Dumme mul Paule;iiismci/cn. Uanz anders aller die Karikatur des Toiudes. Da ist jetzt in Paris von einem Elsässer ein Buch .«rsiliieiH'ii: ״Die ausgewählten Werke des Pro• le-sois Kudsdike; in einem T'ran/ösisch, dail gott* erbarm, das in der Sprache schon in jedem Wort eine Verholmung der französisch sprechenden und schreibenden Deutschen ist. Die Satire ist glanzend, wenn auch zu ••.roh und nicht gelingend ahwedis• |t111gsreiel1, alter jeder Hieb sitzt. Das Studenten• tum, die r.iiniliciisimpelei, die Prüderie, die Eli• und Trinklust, die (ieseluuaeklosigkeit in Staat mul Volk, die im Eisall begangenen T'ehlcr, alles verfällt der wohlverdienten Lächerlichkeit. Aber - zuerst habe ich über die guten Witze gelacht, dann habe ich mir gedacht, denen ist’s ge• siiiul, wenn sie es auch einmal ahhcknuimcii, mul zum SeliluII habe ich das Huch als bösartigen Au• griff gegen alles Deutsche empfunden und mich als guter, deutscher Staatsbürger schwer geärgert. Denn cs will nicht bessern, sondern verhetzen. Und da ich gewohnt hin, mir aus allem meinen jüdischen Vers zu machen, so habe ich gelernt, dali es ein anderes ist, wenn wir lins unter 1ms unsere Witze erzählen, oder wenn wir sie dem Nichtjuden erzählen oder sie gar in die allgemeine!1resse brin• gen, mögen sie auch noch so gut und noch so harmlos sein. Nicht mir die Mcrrcnfelds sind ge• fälirlicli - dali wullten wir schon lange —, mich der kleine Moritz der ״Pliegenden" ist ein nicht zu unterschätzender Peiml. Aulierhalb des jü• disclten Kreises degeneriert der jüdische Witz. Er wird aus 41er Peitsche des Narren zur Geiltet des Pharao, die unserem Namen und unserem Ansehen blutige Wunden schlägt. Ein Volksfeind Aeliad llaam bleibt allezeit der Manu des Streites und 4les Zaukes. Als er vor Jahren seht i mute Kunde aus Palästina brachte, da erschien er als ein I eiml des Volkes und Störer des Werkes der natio• naleu Wiedergeburt. Jetzt bringt er frohe Bot• scltatl aus item Lande der Väter ־— und wieder hören wir den Ruf: Aehad llaam gehört zu unseren Fein• den! Arltud llaam gefährdet unser hohes Zukunfts• ideal mul schwächt den Mut der Schaffenden ,)I Es ist notwendig, die Anklagen, welche der• gestait neuerdings gegen Aehad llaam erhöhen wei• den, auf ihre Berechtigung hin genauer naclizuprüfen. Und /war deshalb, weil ״in den zionistischen Reihen ziemlich viel Kleinbürger vorhanden sind, die in ihrer Gobis-Psychologie" Aehad llaams ״Utopie", mit welcher ״wir sicher zugrur.de" gehen, ״ernst nehmen" iiihI von denen /n befürchten stellt, dali ') I). Pasiiianik, Staatsinännische und klein• bürgerliche Utopien. ״Die Well" Nr. 21. sie Ihren ״volksfeindlichen Standpunkt" er«d daun zu verlassen geneigt sein mochten, wenn ihnen jene ,,Utopie »ler liescliiäiiMliei!" als verhängnisvoller Iir* tum und schwere nationale Gefahr unwiderleglich I)e w i e s e 11 ist. * Achatl llaam, so lautet die erste Beschuldigung, sucht die gewaltige ״slaatsiuämiisclic Utopie" Her/Is durch eine beschränkt ״kleinbürgerliche" zu ersetzen. Ilerzl schuf 4״lie Utopie von 41er raschen Re• geueratioii des jüdischen Volkes im Lande der Väter": ein Ziel, das vielleicht niemals ganz, sondern stets nur aiuialterml erreicht wmlcn kann, dessen Grolle .aber gerade darin bestellt, 41.111 es, aul die feinste Zukunft gelichtet, jeder beliebigen tiegenwart ihc weitere Eidwieklimgsbaliii vor/.eicluiet. Demgegen• über bildet nun Acli.ul I In aut 4lie ״Utopie von eine in geistigen Volks/cutium", welches ״die zerstreuten Teile unseres Volkes geistig /iis.imuieiikiUen mal dem judisclmationaleii Lehen wieiler Zufuhren" soll. Tm solches /.entmin ״hcsil/cu wir schon jetzt in 1 *al.istina*• nach dein Eindruck, 41111 Aeliad Ha.uii soeben im Lamle gewonnen hat, und liamit begnügt er sich. Seine Utopie ״kennt nur die Gegenwart, 111)11 will ans ihr die ganze Zukunft bestimmen". Unter zwei Bedingungen wäre die ״Utopie" Aehad I laams zweifellos ״kleinbürgerlich" mul Ire• schränkt: wenn sic in Wahrheit als allerletztes I ■141• ziel der jüdisehnalionalcii Ncgeiicratioiisbewcgung vci« kündet würde, und wenn sie itt Wahrheit die ganze Zukunft mir au der Gegenwart orientiert hätte. Um über den ersten Punkt Klarheit zu gewinnen, erscheint cs ratsam, zunächst die grundlegende Auf• fassung Aeltatl llaams vom Wesen des Ideals ti he r 11 a 11 p t in Betracht zu nehmen •). Zwei hiealerlebnisse will er unterschieden wissen: das Endiileal (ideal kizom) uiui!las provisorische oder Gegen w a r t s i 41 e a I (ideal semaiti). I >.<s Endideal ist ״ein in weiter l erne vor uns licgciulcs Ziel, dem wir ziistreben, dessen Realisierung jedoch für die Gegenwart unsere Kräfte übersteigt". Es ist eine notwendige Bedingung für die geistige Entwick• liuig 4lcs Menselten, insofern cs ju ihm 4lvn Will cn wacliruft, unablässig und unermüdlich immer höher eniporzusteigeu. Seine praktische lialetiUmg bestellt darin, seinem Träger ״wie ein von weitem her slrah• A 11 tu. der Red. Der Artikel ״Kleinbürgerliche und staatsmimuisehe Utopien" von Ur, Pasmanik, den wir kürzlich in unserer Beilage veröffeiit• liehlen, war zuerst in der ״Welt" erschienen. Au dieser Stelle wurtlcn attelt die vorstehenden Alts• fühiuugen abgedmekt, deren Verfasser uns bittet, ihnen auch in der ״Jüdischen Rundschau" Raum zu gehen. Wir tun 411s um so lieber, als erst unser Delegiertentag in Posen gezeigt hat, wie gr4di das Interesse ist, d.ilt Achat! llaam und seinen Theo• rien in unseren Kreisen entgegeiigehraclit wird. Im übrigen glauben wir, daß Mot/.kins Palästina-Referat und die Diskussion, die sich daran anseltloll, gezeigt haben, dali wir deutschen Zionisten gewillt sind, in Palästina ein Zentrum zu schaffen, das geeignet ist, auch wirtschaftlich und politisch den ganzen Jtitfen zu befreien uml damit tlie ganze jüdische Präge zu lösen. Will Achatl llaam 4las auch, so gehört er in unsere Keilten, mul die Kougrcßtrilnute sowie die zionistische Oeffentlichkeit werilcn ihm eine!nicht• bringemlerc Kritik ermöglichen, als noch so wohl• gemeinte Angriffe von nullen her. So weit scheint allerdings die Annäherung noch nicht gedielten, und Achatl I Inniii schein( auch 11ns noch immer einem ״kleineren" und tiupraktischcii Ziele z.n/iistreheii. ־) AI paraschath derakltim II, S. <)/lt). Belletristik Daß so viele Bücher geschrieben werden, koniinl wohl daher, daß so wenige Leute sic lesen. Wären Bücher noch immer Gemeingut des Volkes, so gäbe cs viel weniger Bücher, aber die Wirkung ihrer Knust wäre eine viel stärkere, mul 4lic Künstler, die Dichter und Schriftsteller winden nicht der Vcr• Buchung unterliegen, wenn ihre Kunst, die Mengen aufzulöscu, in ihnen mächtig wird, sich vom Ge• danken leiten zu lassen; vom Gedanken, der ihre Kunst des Auflösens betrachtet und ihr deshalb das Ursprüngliche nimmt, das, was jene ins Einzelne aufgelösten Massen, jette für den gewöhnlichen Menschen undifferenzierten Seelen und Werke an eine große Einheit bindet. Viel von jener Einheit geht verloren, weil der Leser nicht mehr das Glied einer Einheit ist, nicht mehr vom Künstler so gedacht ist. Vielleicht ist das 4ler Grund, daß so viele und so schlechte Bücher geschrieben werden. Jeden• falls aber liegt darin der Keim der Irrnis für viele, die begnadet sein könnten, wenn sie den Quell sähen, aus dem sie schöpfen können, und sich — in oll ihrer künstlerischen Ungehtmdcnlicit — an das Eine, Wcrkhcfriichtciulc, Kuiisthcfrcicmli: hält• den, an die Beziehung zwischen Einheit des Schaffens und Einheit derer, zu denen das Geschaffene kommt. Viel tragen zu diesem gefahrvollen Weg 41er Literatur die bei, die losgesprengt sind von der Beziehung de* Buche* zum Volke; gerade 4lie sind es, die dem Volke des Btieltes angeboren. Am schlimmsten aber rächt es sich an ihnen seihst, zu der Zeit, wo 41ns Erwachen des Judentums eine Literatur schafft und wo gerade viele Juden ihr Judentum künstlerisch erleben. Die Reifsten von jenen finden sielt unter den Einsamen, die in anderer Welt gehört, und doch nicht an sie geknüpft sind, 4!ie Kraftvollsten drohen in!lern unsteten Kreislauf, 41er um sie wirrt und weilt, das Große, welches ihre Seele U1UU, jette Huuluug uU die Einheit z.u verlieren, weil sic und das Volk nie stetig miteiii• ander gehen können, und tlie Jüngsten, tlie Be• giniicntieti, haben den Wegweiser nicht, 41er sie führte, mul nehmen tleit Irrweg für den Ziclpfad, die Lupe für die Wahrheit seihst dort, wo ihr Erleben von der Wahrheit ansging. Was nher wundersam lebendig wirkt, ist immer wictler die Urgewalt des Schaffens, die in den Starken mächtig ist und auch für die Schwachen Stütze werden kann, wenn sie rein wird. Von Arthur Schnitzlers Schaffen, von der unbeirrt geraden, guten Linie seines Künstlertums vermöchte i4h nicht mehr zu sagen, als damals, wo sein bO. Geburtstag Anlaß zu eingehender Be• frachtimg gab. An diesem Tage hat lins Schnitzlers Vertag eine Gesamtausgabe «) seiner Werke (zu• *) Art h u r Werke. I. Teil: teil. — •J Hände. Sch intzicrs gesammelte Die erzählenden Schrif. S. Fischer Verlag, Berlin — 1012 erst die erzählenden Schriften) und Schnitzlers Kunst einen neuen Navcllcnhand •) geschenkt. Geruhig gleiten die kleiner Schicksale der altbekannten Helden, wie Leutnant Gustl, Frau Berta Garlau mul *ler anderen Vielen wieder einmal vor uns hin und locken uns sanft in ein naelnleiikliclics Dunkel, das vom Großen spricht; vom Grollen, das im vollen Eileheu liegt, auch im Augenblick der kleinsten Menschen. Ein nachdenkliches Dunkel, *las viele Geheimnisse hiigt, denen der Dichter manchmal über• mutig den Schleier lüpft — und gleich wieiler senkt; als schämte er sielt, sic preis/ugeben vor den Vielen, denen er ja doch nicht gehört. Gerade diese Stirn• nimtg spricht aus 4lcn sah:; Novellen, die ״Masken und Wutitter" heißen. Jener Kuß des Hasses, der die Novelle ״Der tote Gabriel" endet, — er ist tlas Zeichen des kommciulen Wunders, das keiner ahnt von den Vielen, tlas mir tleni Dichter offenbar wird? Jenes Wunders, das aus dem Haß Kinilcr erstellen läßt? Gibt es dieses Wunder? Hinter den Masken der Leut c blüht es wohl nicht. Der Dichter bricht die Novelle liier ah, schalkhaft räsomüerend über Möglichkeiten, die mir alle erfassen können und einer begreifen, 41er ein Dichter unter ihnen allen ist. ״Kinder des Hasses", — 4l.t muß die große Liebe herrschen. Doch die vielen *1 Masken und Wunder. Novellen von Arthur Schnitzler. — S. Fischer Verlag, Berlin. — 1012.

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