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Jüdische Rundschau · 1912-08-02 · Heft 31 (2.8.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Adresse für Geldsendungen: Zionistische Ver* elnlgung für Deutschland, ucrlin W. 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Ucrlin, Unter den Unden 59. . Vorläufer Man hat'dic Hcrzlschc Epoche das Heroen• Zeitalter des Zionismus genannt. Diese erste Zeitspanne in der Entsvicklung des Zionismus hat wirklich trotz, ihrer zeitlichen Nähe zu uns In־• rcits den Charakter eines geschichtlich abgcschlosscncn Zeitraumes. Das hängt mit der Fort• bildung des zionistischen Gedankens und vor allem mit der radikalen Wandlung der zionisti• sehen Politik zusammen. Wenn jene Zeit uns wie ein Heldengedicht anmutet, so wissen wir, welche Gestalt ihr das glanzvolle Gepräge und den heroischen Zug gegeben hat, und wir Gegenwärtigen lechzen nach dem Lichte, das von dieser Gestalt nusgegangen ist und das seine Strahlen weithin in die Zukunft gesandt hat. Können wir im Hinblick auf jene ersten Jahre mit einigem Rechte und mit einem gewissen Stolze von einer bereits jetzt geschichtlich wertbaren zionistischen Vergangenheit sprechen, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß wir in einem Punkte, in dem allcrwichtigsten Punkte, von jener ersten Zeit durch keinerlei historische Betrachtung getrennt werden können. Wir stehen noch jetzt Im Anfang der Dinge. Das will nicht nur sagen, daß das gleiche Volks• sehnen unsere Schwingen beflügelt und uns die Kraft gibt, an dem großen Volkswerke mit/.uarbeiten, Wir ersten Generationen sehen das Land der Zukunft vor Augen, ohne es betreten zu dürfen. Wir sind die Vorbereiter des Weges und haben als solche besondere Aufgaben zu er• füllen, deren Lösung noch nicht sehr weit vorgeschritten, deren Schwierigkeit nicht zu unter* schätzen tmd deren Erfüllung Lohn für jede Mühe ist. Unser Geschlecht ist ein Produkt des Golus. Die Assimilation der letzten jüdischen Geschichts- Periode hat besonders uns Juden des Westens in hohem Grade gekennzeichnet. Der lange Prozeß der Entnationalisierung hat zerstörend auf uns .eingewirkt, hat uns viel von unserem jüdischen Inhalt genommen, hat unsere Eigenart geschwächt. Die Erkenntnis, daß diese Entwicklung zum Abgrund führt, daß die Zukunft eines jeden einzelnen von uns nur auf die Zukunft des jüdischen Volkes gegründet sein kann, die Ueberzeugung von der Notwendigkeit und Möglichkcit der Erneuerung unserer jüdischen Art ist nicht das Werk einer plötzlichen Eingebung I״Dor 2!0a!r,:r.Ka ernirobt für das Jü i!״;r!10 Volfr. d*3 ßcfcnffunjj einer öi'.'cnt« ilcI’.-rec^.C T vli jyc.7!shertön Ilelrar.tntlo in **** ״*"“ ■““* Eos 0102■ Programm. r ~ , m!Mira1■ riiTi i 1!r׳■ gewesen. Die Ausrodung des unsere Persönlichkeit überwuchernden assimilatorischen Unkrauts, die Uckcrwiiiduug der absterbenden Gcschlechtern eigenen und auch in uns aufgeziiehteten Resignation und das Emporsteigen zu artbcjahendem tatkräftigen Wollen — alles dies kann nur der Erfolg einer allmählichen inneren Wandlung sein. Wir können schließlich nur Vorläufer sein jener Juden, die kommen sollen und unser Volkstum in Palästina zu repräsentieren berufen sind. Sie werden gewiß anders sein als die jetzt durch die Diaspora zerriebene Judenheit. Wir haben die Pflicht, diese Entwicklung anzubahnen. Deshalb ist unsere große Sorge die kommende jüdische Generation. An ihr soll die Emporentwicklung jüdischer Wesensart bereits sichtbar in die Erscheinung treten. Hier soll bereits eine Stufe unserer Aufwärtsbewegung festgestellt werden können. Die beste Arbeit, die jede Oe Iteration leisten kann und leisten muß, wenn sie ihrer Erzieh ungs- Verpflichtung gegenüber dem kommenden Geschlecht gerecht werden will, ist die Arbeit an sich selbst. Es wäre die *Schlimmste Unterlassung, die sich bitter rächen würde, wenn wir uns mit der Not der Gegenwart abfinden und uns mit der Hoffnung auf die kommende Oene* ration begnügen wollten. Die beste Garantie für den Erfolg eines Erziehungswerks ist das persönliche Vorbild. Wie unheilvoll schlechte jüdische Vorbilder gewirkt haben und noch wirkeil, können wir an den Früchten erkennen. Die kommende Generation muß sich an uns orien• tiereu können; wie wir uns an den Männern aus den Anfängen unserer Bewegung orientieren konnten. Wie ihr Beispiel uns angefeuert hat, so muß unsere Generation vorbildlich sein für die kommende. Das kommende Geschlecht muß sich bereits als den Erben fühlen von jüdischen Werten, die wir uns schrittweise mühevoll erarbeitet haben und noch erarbeiten müssen; und es muß auf der Grundlage der übernommenen Werte weiterbaucn können. Dieses Problem der Selbsterzielumg hat der jüngste Delegiertentag der deutschen Landes• Organisation klar erkannt und den Ernst und die Bedeutung der Frage durch sehr bemerkens• werte Beschlüsse zum Ausdruck gebracht. Jene Beschlüsse gehen davon aus, daß wir nur dann die wirklichen Wegzeiger und Vorläufer des zukünftigen Judentums sind, wenn wir uns nicht ausschaltcn aus der ersehnten Entwicklung. Es genügt nicht, daß wir das Wiederaufleben einer hebräischen Kultur auf dem Boden Palästinas ersehnen, wir müssen vielmehr jene altneue Sprache uns wieder zu eigen machen, deren Lebendig:,ein wir ja immer betonen. Erst dann werden wir von der notgedrungen passiven Beobachtung zu wirklicher Anteilnahme an der schon sichtbaren Entwicklung gelangen. Ebenso notwendig ist cs für uns, aus dem Stadium pas* siver Beobachtung hernuszukommen, wenn wir von Palästina sprechen, dem Lande unserer Zukunft. Die Frage, wie das jüdische Individuum seine Beziehungen zu Palästina einzurichten hat, kann mir dann für die kommende Generation be* deutungsvoll werden, wenn bereits die Gegenwart eine Antwort darauf gefunden hat. Wenn der Delegiertentag es als Pflicht jedes Zionisten hinstcllt, nach Möglichkeit Palästina aus eigener Anschauung kennen zu lernen, und wenn er den Willen kundgegeben hat, daß durch geeignete Mittel die Vornahme von Palästinareisen erleichtert werden solle, so läßt sich ja die Bedeutung eines solchen Beschlusses nicht verkennen. G.oß ist der Wert eines Palästinabesuehes für den Glücklichen, der das Land betreten darf. Er hat nicht nur das Glück, mit eigenen Augen zu sehen, wie dort gesundes Judentum wächst und wird; es werden auch zweifellos die Beziehungen zum Lande durch die Berührung mit der Erde inniger und sachlicher. Solche Reisen haben Wert für die Gesamtheit. Denn durch dieses Hingchcn und Zurückkommcn wird zwischen uns und jenen drüben eine Brücke geschlagen, die man nicht nur als eine geistige zu bezeichnen braucht. Aber damit ist noch keine befriedigende Antwort auf die Frage unserer Palüstinabczichungen gegeben. Daß diese Antwort nicht cinheitlieh erfolgen kann, hat der Delegiertcntag erkannt tmd deshalb gleichzeitig Höchst- und Mindestforderungen aufgestellt. Eine Höchstforderung ist das an die Zionisten gestellte Verlangen, die Uebersiediung nach Palästina in ihr Lebensprograiutn nufzunehinen. Von einer Forderung dieses Grades au die Gesamtheit kann schon um deswillen nicht die Rede sein, weil die Lebensarbeit von Geschlechtern wohl noch erforderlich sein wird für die Nationalisierungsarbeit in der Diaspora. Aber cs ist auch heute schon von großer Bedeutung für das palästinensische Judentum, daß cs dauernd Verstärkung erhält aus der Diaspora und besonders auch aus den Kreisen des westlichen Judentums. Ge- Tatle die Besten sind dort erwünscht. Und wir können Beispiele genug aufzählen aus den letzten Jahren, daß diese lL-stcu als Pioniere hinübergegangen sind. Weil ein Volk eine solche höchste Pflicht des einzelnen aufstcllcn darf — die Pioiiierpflicht —deshalb hat der Delegiertcntag mit Recht jene Höchstforderung ausgesprochen. Für den Augenblick wichtiger ist aber die Mindestforderung, die der Delegiertcntag an die Oesamtheit richtet und so formuliert: ״In jedem Falle sollte jeder Zionist für sich persönliche Interessen in Palästina schaffen." Diese Schaffung von persönlichen Interessen im Lande ist auf die mannigfaltigste Weise möglich — durch Landerwerb, durch Unternehmungen iin Lande, Beteiligung an unser!! Landgcsellschaften, an un* sern Bankinstituten usw. Unsere Institutionen sind so aufgebaut, daß auch der Gcringbcmittelte die Möglichkeit hat, sich persönliche Interessen zu schaffen und sie von *Jahr zu Jahr zu verstärken. Die Erfüllung dieser Mindestforderung wäre' von großer Tragweite. Denn das würde einen Aufschwung der kolonisatorischen Arbeiten bedeuten, wie er erwünscht ist; cs würde vor allem bedeuten, daß der einzelne Zionist und die Gesamtheit sich zu tatkräftiger Gesinnung cinporgeschwungen hätten. Das ist ein sehr hohes Ziel. Und es müssen alle Anstrengungen gemacht werden, diese Aktivität in uns zu wecken und großzuzichcn. Dadurch gewinnen wir uns erst seihst als Zionisten. Diese Tatkraft muß uns, die Vorläufer, auszeichnen, und wir brauchen keine Sorge zu haben um den Nach* wuchs für die Arbeit zur Verwirklichung unserer Idee — um die kommende Generation. Dr. Weinberg, Dortmund.

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