Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JUEDiSCHE RUNDSCHAU Seite 283 Panik, ilaft 8er Betrieb der ärztlichen Praxis vollkommen stockt, weil es bei jeder Krankheit denkt, sic könnte vom Arzt als Cholera erklärt werden, und dann all die Pollen eintreten, die dadurch mich wirlsehaltlich entstehen. Das Verfahren der Bevölkerung ist ein recht drastisches. Hier isoliert man die Kranken, dort die Gesunden. An dem Tage, wo wir in Haifa die ersten sechs Fälle sichcrgcstclit hatten, begann um 6 Uhr morgens eine wahre Völkerwanderung, und bereits um II Uhr hatten Tausende die Stadt ver. lassen. Die Stadtbewohner fliehen in die umliegen, den Dörfer, ins Gebirge usw., mul die Folge ist, daII auch dorthin verschleppte Fälle auftreten. Zuweilen wird der Kranke rücksichtslos im Stich ge. lassen und bleibt als Leiche tagelang in dein ver. lassenen Hause liegen. Immerhin, wenn Iriili/eitig genug die Fälle bekannt werden, so killt sich mit dieser Methode noch vieles machen. Man sollte meiner Meinung nach nichts tun, die Araber au der Flucht zu verhindern. Eine andere Krankheit, die relativ häufig zu sehen ist, ist die epidemische Genickstarre. In Jerusalem allein mit seinen 90000 Einwohnern waren unter ungefähr '00000 Juden etwa 300 Fälle von Genickstarre innerhalb von drei Jahren, also eine erhebliche Zahl. Die Mortalität bewegt sich zwischen 12 bis 20״/״, ist also relativ günstig. Im großen und ganzen ist der Verlauf nicht ein so schwerer wie in Deutschland. Die Nacbcrkrankungcn finden sich in derselben Weise, wie hier bekannt. Immerhin habe ich bei der Epidemie in Jerusalem, wo zuin größten Teil die jüdischen Viertel befallen waren, doch gesehen, daß zu erreichen ist, daß die weitaus grollte Zahl der Fälle in Hospitäler eingclicfcrt wird. Eine Epidemie, die vor zwei Jahren fast keinen Einwohner von Palästina verschont hat, ist das Denguefieber, das mit Exanthem und besonders mit rheumatoiden Beschwerden auftritt, außer bei ganz jungen und alten Individuen zwaf günstig verläuft, das aber fast alle Einwohner eine Zeitlang auf das Krankenlager warf. Es scheint aber, daß mit der einmaligen Durchseuchung der Bevölkerung die Kraft der Epidemie gebrochen war. Dann gibt es eine ganze Anzahl von Infektion», kränklichen, die nicht näher zu bc/cichcncn sind. Wir stehen viellach noch in den Anfängen ihrer Erforscliung. Man kann sagen, daß die Länder des vor. deren Orients darin ungünstiger dasteheu als die rein tropischen. Hier ist eine systematische und von allerersten Kräften geleitete Erforschung im Qimge, In Palästina aber gibt es eigentlich keine zentrale Institution, welche sich der Erforschung dieser etwas seltener vorkomtnemkn Erkrankungen widmet. So laufen außerordentlich viel Fälle unter der Di. agnose Malaria, die sicherlich damit gar nichts zu tun haben, oder unter Typhus. Dieser ist in Pa. tastinn seltener und verläuft öfter gutartig. Dagegen finden wir eine ganze Reihe von Er. krankungen, die ein Kranklieitsbild gehen, das Ülm. wie Typlius nussieht, die also mit einem Fieber von bestimmter Zeitdauer, meistens von 7 bis 11 Tagen, manchmal auch 14 Tagen cinhcrgchcn und die immer m derselben Weise wieder auftreten, manchmal auch mit etwas Milzschwcllimgcn usw. Im allgemeinen verlaufen auch diese Fälle günstig. Diese Erkran. kungen sind bis jetzt unbekannt. Es sind Krank. Politik, Wirtschaft und Sitte der Mittclmecrvölkcr findet. So ist er z. B. nichts weniger als ein Freund der von Davis Trietsch und dem Freiherm von Marschall verfolgten deutsch-türkischen Bi'uidnispolitik. Seine Betrachtungen über Palästina sind feinsinnig und unsere zionistische Arbeit für die kulturelle und wirtschaftliche Neubclebung des Landes findet Worte warmer Anerkennung. So kann das Buch jedem Oe- »innungsgenossen, der sich bemüht, wenigstens mit dem geistigen Auge im Süden heimisch zu werden, nur warm empfohlen werden. Dr. H e y in a n n. % Die Hygiene der Juden. Im Anschluß an die Hygiene - Ausstellung Dresden herausgegeben von Dr. Max O r u n w a I d. Es sei gleich vorweg betont, daß das vor- Hegende Werk zu einem Neuland überleitet, in ein Ocbict, das die Zionisten instinktiv ahnten, als sie den Worten Nordaus und Mandelstamms, ein Muskeljudentum, ein körperlich regeneriertes jüdisches Volk zu erziehen, zujubelten. Es wäre vieles am Rande zu dem Buche zu bemerken, aber wozu hier bemängeln, wo wir mit Freude wieder ein an und für sich ziemlich gut geratenes Werk über eine Seite unseres Judentums, die bisher stiefmütterlich behandelt war, bemerken. Was man früher nur etwa an einzelnen versteckten Stellen großer Werke angcdeutet fand, ist nunmehr hier zusammengetragen: die grandiose Bedeutung der Hygiene der Juden. Die Aufsätze über die Hygiene der Bibel, des Talmud, des Schulchan Aruch usw. sind Fundgruben der Er• bauung für jeden, der nur etwas Interesse an Fragen hcitsbildcr von denen man. sagen kann, cs ist die und die Kränklich, die ich gesehen habe, die ich aber mit den jetzigen wissenschaftlichen Hilfsmitteln nicht genauer klassifizieren kann. Nun einiges am der Volksmedizin. Fs gibt einen Zweig der medizinischen Tätigkeit, der bis heute nur In Städten und nur teilweise den curopäischcn Acrzten zugänglich ist, das ist die Behandlung von Knocheiihrüchen und Verrenkungen. Dafür gibt cs in Palästina Spezialisten im Volk. Das sind Laien, die zuweilen über respektables Können verfügen, das sie im Laufe der Jahre erworben haben. Ein Araber wird nicht gleich zum studierten Arzt gehen, sondern er geht zuerst zu dem arabischen Knochenarzt. Man findet Verbände von großer Geschicklichkeit, allerdings auch gröbste Verstöße, die zu schweren Folgeerscheinungen füllreu, und hei denen mau daun als zweite Instanz nach Wochen den europäischen Arzt liin/11/ielit. Eine fernere Methode, die der Bevölkerung hei der Behandlung von Krankheiten eigeiitündieli ist, ist das Setzen künstlicher Verbrennungen und Abszessc. Das erinnert an vieles, was in der deutschen medizinischen Literatur bekannt ist. Z. B. findet man sehr häufig, daß bei Darmhcscliwcrdcn eine künstliche Brandwunde im Epigastrium angelegt wird, dann wird eine Erbse hineingelegt und durch eine Verband fcstgelialten. Dieser Verband bleibt monatc* * lang liegen. Aclmlich wird bei Asthmncrkranktingcn und bei Erkrankung der Brustorgaue vorgegangen. Hier werden ebensolche Brandwunden am Oberarm angelegt. Man hat dann oft genug Gelegenheit, die unaiigcnehmen Folgczuständc, die in der Haut und der Umgebung auftreten, nachträglich zu behandeln. Die Leute sind gewöhnlich sehr entrüstet, setzen auch nicht selten Widerstand entgegen, wenn man sic veranlaßt, den Fremdkörper wieder zu entfernen. Aber gewöhnlich lassen sic sich dann doch zureden. Ich möchte auch noch kurz auf die Versorgung der Kranken cingchcn. Diese ist nur in größeren Städten in ausreichendem Maße gegeben, meist in Missionshospitälcrn, die in allen größeren Städten, auch denen mit wenig europäischer Bevölkerung, zu finden sind, in erster Linie stehen die englischen Hospitäler. In Jerusalem, wo die Juden die llmipt- Bevölkerung bilden, gibt cs fünf jüdische Hospitäler. Diese werden im allgemeinen von europäischen Acrzten geleitet, und haben, soweit cs möglich, alle Einrichtungen, die notwendig sind. Bezeichnenderweise gibt cs im ganzen Lande kein einziges staatliches Hospital, wenn man nbsehen will von einigen sehr schlecht geleiteten Militär- und Eiscnbnluiln/nrcttcn. Man sieht, daß der Staat ahsolut indifferent ist, ebenso die Kommunen. Ich möchte nun noch ein paar Worte über die Acrztc in Palästina sagen. Außer den europäischen Acrzten, die kürzere oder längere Zeit Im Lande praktizieren, gibt es eine ganze Reihe von einlicimiselten Acrzten. Es sind gewöhnlich christliche Araber, die in Beirut nusgebildct werden. Dort gibt cs zwei Hochschulen, welche Acrztc ausbilden, allerdings nicht ganz in europäischem Sinne. Die Aushildung ist lückenhaft, weil nicht genügend klinische Institute vorhanden sind und auch die Zeitdauer der Ausbildung zu kurz ist, so daß die Acrztc, die die Hochschule verlassen, nur für innere Erkrankungen einigermaßen ausgcbildet sind. Diese Verdes Volkstums hat, Interessant sind besonders die Arbeiten Friedbergers über die Taubstummenfürsorge in jüdischer Vorzeit, Fleischers über die Wasser- Versorgung im alten Jerusalem, Weisscnbcrgs über Hygiene in Sitte und Brauch usw. Wie das Nosslg* sehe Werk ״Die Statistik“ die Grundlage zur Bewegung für die Statistik der Juden wurde, so wäre cs gut, wenn dieses Standard work auch eine Weiterbearbeitung dieses wichtigen Gebietes fände. Allerdings in objektivster Form. Es ist bcdauerlich, daß z. B. in einem Aufsatz Zirkcrs über ״Die jüdische Turnbcwegung“, die Er• klärungen, welche Beziehungen die Turncrscliaft zur luUonukn Tendenz hegt, als zu gefährlich gestrichen wurden. Golusblütc ״Arztwaisc, 25 Jahre, freidenkende Jüdin, die Qyntnasialbildung bis Oberprima und christlichen Religioimmterricht genossen hat, sucht zum 1. August Stellung als Gesellschafterin oder Relscbegleitcrin.“ Diese. Notiz findet man nicht etwa in der Fnscliingsnummer der ״Münchener Neuesten Nachrichten“, sondern in der Nr. 28 der ״Aerztlichcn Mittcilungcn“. Man wäre versucht zu lachen, wenn nicht durch solche Zeilen bUtzlichtnrtig die Situation, in welcher sich breite Schichten unserer Westjuden bclindcn, beleuchtet svürdc. Der prächtige Sonntagsjunge Bodo Horst Wilhelm, das gesunde Weihnaclitsmädcl Carmen Anita, der Landrichter, der plötzlich sein Dissidcntcnherz entdeckt, zu ihnen hat *ich als neueste Errungenschaft die .freideukende liältiiissc sind für die europäischen Aer/te sein wichtig, weil die arabischen Aer/te sehr unangenehme Konkurrenten sind. Man kann nicht sagen Kollege, sondern Konkurrent, der den Standpunkt aller Araber gegenüber dem cuiwp.ii allen Ar/I cünnniin(, (i.inilich den Oesel1äftsstand|M1nkl. Jeder Kniff ist eilaiibt Ausgezeichnet ist die Versorgung der jüdischen Kolonien, die fast alle europäische Aerzte haben. Nun will ich noch einen Ausblick für die Zukunft nnscldielleii. Wann man die Entwicklung *ler letzten 30 Jalue genauer betrachtet, so sieht inan eine deutliche Aufwärtsheweguug. Natürlich läßt sich das, was wir Orient nennen, nicht mit einem Schlage beseitigen. Weil die Bevölkerung nicht an seihständiges' Denken gewöhnt ist und alle staatlichen Einrichtungen fehlen, so kann mau nicht erwarten, dall sobald eine größere Umwälzung cintrilt. Wir sehen aber eine Besserung durch l.inwirkung der eiiropäiMlieii Kultur und der Juden. Sie Italien ftir Verbesserung der hygienischen Verhältnisse außerordentlich viel getan, und man kann sagen, daß die sanitären Zustande, wie sic in deutschen und jüdisehen Kolonien vorhanden sind, im allgemeinen dem guten Uurclischnitt der europäischen entsprechen. Es ist auch nur von dieser Seite etwas für die , Zukunft zu erwarten. Ich glaube nicht, daß man sich damit vertrösten soll, daß die politischen Zustände eine Wendung zum Besseren bringen werden. Wir hoffen, daß das jungtürkische Element die Oberhand behält. Die Schwierigkeiten, die dem junglürkisclien Regime entstellen, sind außerordentlich große, und die Zeit, bis cs zu hygienischen Maßregeln kommt, vor allen Dingen in den Außenbezirken, die nicht an Konstantinopel grenzen, wird doch recht lange dauern. Alles, was an hygienischen Maßnahmen vorhanden ist, ist nur privater Initiative ztmischrcihen. Ich habe bereits erwähnt, daß die Missionsgescllscliaftcn viel getan haben, ebenso verschiedene Philanthropen. Diese haben besonders unter der jüdischen Bevölkc* rung ein großes Tätigkeitsgebiet. Und cs bleibt noch viel zu tun übrig, so die Einrichtung von weiteren Hospitälern, ferner Anlage von Polikliniken zur Bchandlung und Bekämpfung des Trachoms, der Malaria usw., Verbreitung von Flugschriften in arabischer Sprache oder Aufklärung mit andern Methoden, weil die grolle Mehrzahl der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann. Hier ist vor allen Dingen eine Ausbreitung der Schulen und die Anstellung von Schulärzten erforderlich. Ich glaube, wenn man all diese Dinge in Angriff nimmt, man viel wird tun können nicht nur zur Hebung der gesundheitlichen Zustände, sondern auch zur Erziehung der Bevölkerung zu liygicui- 8111cm Denken, Weiter ist dringend erforderlich ein Institut, we|. clies die Erforschung und Bekämpfung der ende* mischen Krankheiten in Palästina in sachgemäßer Weise praktisch und wissenschaftlich in Angriff nimmt. Ein solches existiert in Palästina nicht. Es bedarf aber besonderer Institute, die sich dieser Aufgäbe widmen. In diesem Sinne hat kürzlich Wassermann eine Aufforderung an die jüdische Philantropiv gerichtet, tun zur Schaffung eines derartigen Institut• anzuregen. Jüdin gesellt, die den christlichen Religionsunterricht, den sic — den braven Eltern, die so treu gesorgt haben, sci's gedankt — genossen hat, nunmehr praktisclt verwerten will. Für christliche Kinder Christlieber Eltern die jüdische Freidenkerin, die den Kindern christliche Weltanschauung vermittelt I Vieil Glück zu dein Beginnen! Ob’s gelingt? Ich wage daran zu zweifeln. Aber viellcidit reicht die verdünnte Mixtur für kleine Judeukindcr, um sie aufs Christentum vorzubereiteu. Und deren gibt'• genug. Heil euch, Satirendichter! Aphorismen Das 31. Heft der jetzt von Alfred Kcrr herausgegebenen Berliner Wochenschrift ״Pan“ bringt unter der Aufschrift ״Juden“ mit ״R.“ (Theodor Reik) gezeichnete Aphorismen, in denen cs auch heißt: ״Die Judcnfragc besteht darin, daß alle unmöglichen Leute Antwort geben auf Fragen, die sic sich nie vorgclcgt haben. Was wäre sic, wenn sic nichts wäre als eine Frage der Juden, eine der tausend Nationalitäten- und Länderfragen? Sic ist aber die Frage des Forilcbens einer Denkform und Weltanschauung.“ — ״Toleranz ist beschämender als Haß und Feindschaft.“ — ״Bei Pogroms werden die Juden zu Hunderten totgesclilagcn. Hierzulande wird ihnen bloß unter die Nase gerieben, daß sic Gäste sind. Ein zivilisiertes, unausgesetztes Memento Moritz.“ — ״Auch der Antisemitismus hat sein Qu!cs. Er bc* wahrt die Juden vor Verblödung: zu Staatsnihc• posten werden sic nicht zugclasscn.“ k.