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Jüdische Rundschau · 1912-07-26 · Heft 30 (26.7.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 282 ]UEPiSCHE RUNDSCHAU Nr. 30 sehen Menschen «»sehen konnte — «laß all «lies« Nichtigkeiten vergessen werden, wo cs gilt, das grolle Ideal zu erfüllen. Wehe uns, wenn wir noch zu kleiidich — nicht großzügig genug geworden simll Wenn unsere Stärksten, Reifsten noch länger die Masse unserer Anhänger, sicii selbst überlassen. Der Wille zum BesserwenJc», zur restlosen Pflichterfüllung muß hinein in unsere Ortsgruppen. Sonst kann uns die Vertiefung ihrer Persönlichkeit, zu der wir unsere Massen bringen wollten, nicht gelingen. Wc׳l die Masse wieder Glauben gewinnen nmli an jüdisches Manncstum. Wed sie Männer sehen muß, die ihr eine eigene, starke lüdiscbe Männlichkeit Vorleben. Noch «her sind die wenigsten unter uns sieli darüber klar, wie schwer wir daran Iragen, »laß jnhr• zehnlelniig fast alle erzieherischen Faktoren der Judenlu-it völlig versagt haben; daß gerade in der Entmannung der damals rührenden, die Ursache der grenzenlosen Demoralisation und Erstarrung der ji'uii• sehen Massen zu suchen ist. Daß also das Kernproblem der westindische» Re• gencratiou beruht in der Vertiefung, Verinnerlichung des jüdischen Idealismus, also des Zionismus der Massen. Und wir lösen es nicht dtireii technische Mail• nahmen, Hoch durch Parteibeschlüsse. Ich betone das, weil zn viele unter uns hequem geworden sind und ihre eigene Initiative, ihre eigene restlose Pflichterfüllung, ihre Fähigkeit, pro• duktiv zionistisch zu wirken, nn kleinsten Kreis zu tief ciiiseliätzton; weil der bombastische Rausch, der in «len Anfängen die Bewegung beherrschte und sie nn eine rein äußerliche, technische Lösung der Juden״ frage glauben ließ, noch nachwirkt und viele fast Unfähig macht zur eigenen, wenn auch bescheidenen, ober fruchtbaren Tätigkeit im kleinen Kreis. — Aber schon sind neue Anfänge da. Es scheint, als wolle das alte, schöne jüdische Sehiurwescii Wieder .'utilcbcn in einer ganz, weltlichen neuen Form. Und wenn es so weit kommt, daß jeder, der sich ehrlich und stark genug dazu fühlt, einen kleinen Kreis von mitsuchenden, wahrheilsstielicnden Freun• den um ».!cli schart, daß jüdische Männer und I•*raueit allwöchentlich Zusammenkommen zu mehr als halb• reifem literarischem Geplanscht um in eigenem Nach• denken uid Besprechen den Fragen der Zeit ihre Lösung zu suchen vor allem der wichtigsten Frage: wie sic ihre Kinder zu starken aufrechtem Juden erziehen, — wenn es so weit kommt, dann ist die Gefahr der Verflachung überwunden. — — Deut muß aber «lic ethische Gesundung unserer Besten, Reifsten voraiigehen. Sie müssen endlich cinsehen, daß cs mit ihren individuellen schönen Ansichten nicht getan ist, daß sie in die Masse müssen, daß iiir Platz unter dem Volk ist, mitten drin in seinen kleinen Zirkeln und Kreisen. Sie sollen stolz darauf sein, daß im tiefsten Sinne der Erfolg jeder Aktion der Zentralen von ihnen nhliängt; davon, wie sie vorgenrbeilel, die Massen empfänglich, zu wahren Zionisten gemacht haben. Sie müssen die SclüUlen, die das Ghetloknechtstum der früheren Erzielter den Massen geschlagen hat, auslteilen durch intensive Erziehungsarbeit litt kleinsten Kreis. Erst so werden sic eine großzügige zionistisch«: Politik, die getragen ist nicht mehr von Geschichte, auch in detaillierten Ausschnitten^ wie in der bemerkenswerten, die Anschauung Sombarts von dein Ucbcrgcwicht des jüdischen Fcrnbniidels im Westen in direkt widerlegender Untersuchung J. Schippers über den ״Anteil der Juden am euro; päischcn Ciroßhamiei im Orient'1 oder in M. Baluhaus ״Kiakauer jiidiseh-sephardiselie Aer/.le", wird Z.ug um Zug U’bemlig. Durch die Stärke des Sinns hat sie aulgcliört, Archäologie oder höchstens Märtyrerchronuiogie zu sein. Die Zusammenhänge werden klar. In di.ser Hinsicht gibt S. Rnpaport in seiner Untersuch! 11g über die Gründe der Umwandlung des Makkahäci festes in ein Liclitwunderfest ein schönes Beispiel fruchtbarer Geschichtstätigkeit. Und cs gibt viele Zusammenhänge historisch zu ergründen, solche, die bis in die jüngste Gegenwart führen. Und über sie hinaus — in die Dauer, nicht mir Zuk u u f t. . . . So lernen wir dann auch die kiildc, klare Formulierung verstehen, welche in Davis Trictschs ״Umschwung in der Türkei lind die PalästinabiStrebungen" vorlicgl. Ein alter, konse- «IHenter (1<danke an die steten Möglichkeiten — nicht nur des Stiiies, sondern auch der Wirklichkeit. Und der ihn uusführt, ist ein alter Streiter für ihn. Fs mag IniglMi sein, ob jene Ausnutzung der Industrie• mügtichkei cn in der Türkei eine jüdische Konzentration dauerhaft gestaltet (und das tut not), da ja bekannt ich auf die Stetigkeit der Nachschübe von neuen Arb .'itsdementen Rücksicht genommen werden muß (und «In bietet sich keine Gewähr dafür, daß ״ e» stets jndischc Elemente sein werden); aber die Möglichkc, en werden in diesem Aufsatze ruhig und dünnen Säulen, sondern von miichUgcn, innerlich unerschütterlichen Massen, ■möglich machen. Ihr Wenigen, die ihr euch wahre Zionisten nennen dürft, an die ,Arbeit I Daß bald, in unseren Tagen noch, euer Zioms* ums den Zionismus der Massen nblöst. Soziales und Hygienisches aus Palästina Von Dr. Elias Auerbach, Haifa. IV♦). Line zweite sehr wichtige Erkrankung, die für die Mortalität gar nicht in Frage kommt, aber doch .eine große Rolle spielt, ist das Trachom, die ägyp• tische Augeiieutzüiidimg, in Palästina muß man diejenigeu Falle registrieren, die nicht mit Trachom bchaftet sind, selbst bei der städtischen Bevölkerung. In typischer Weise tritt die Infektion häulig schon im frühesten Kindesalter ein, Hs beginnt unter dem Bilde einer akuten eitrigen Bindehautentzündung, ahn• lieh einer gonorrhoischen. Der Verlauf ist etwas weniger stürmisch, und die Erscheinungen klingen unter sachgemäßer Behandlung nach 0 bis 14 Tagen ab. Dieser Zustand geht «laiiil meistens in das Studium des chronischen Trachoms über. Daraus folgt die zweite wichtigste Erscheinung, nämlich, daß sie als Familienerkraiikting auf tritt. Hat man ein Trachom gefunden, wird man meist alle Familienmitglieder mit dem Trachom hchaflct finden. Daraus lassen sieh Fingerzeige hcrlcitcn für die all• gemeine Bekämpfung der Erkrankung. Man wird, scheint mir, die Bekämpfung des Trachoms in Palästina gar nicht anders in Angriff nehmen können als privatim, da eine Inangriffnahme der Behandlung im großen Stil auf behöriiehem Wege nicht zu erwarten ist. Die frischeren. Trachom formen in den ersten Lebensjahren!iahen bei langer und energischer Be• Immllung eine ziemlich gute Prognose. Wenn man viele Monate lang diese Kinder helmndeit, so kann häufig «lieses Trachom klinisch als geheilt gellen. Der einzige Weg, au! dem eine־ Bekämpfung des Trachoms in größerem Umfange möglich sein wird, ist die zwangmäßige. Behandlung aller erkrankten Schulkinder. Ich möchte noch erwähnen, daß das Trachom vielfach nicht als Krankheit betrachtet wird; inan wundert sich gar nicht mehr darüber, wenn einem Kinde die Augen eitern mul Fliegen sieh darauf setzen. Die Leute glauben sogar, das Kind könne sieh besser entwickeln, wenn es kranke Augen hat. I lier kann noch außerordentlich viel durch sachge• mäße Aufklärung geschehen. Als fernere Erkrankung, die eine sehr große Rolle in Palästina spielt, ist die Dysenterie zu nennen. Sic tritt hauptsächlich gegen linde der trockenen Jahres• zeit, hei Beginn des Regens auf, d, 11, vom Scp. tendier his November, Man hat im allgemeinen liier nicht sein• schwere Forme» vor sieh, wenn immerhin auch ein erheblicher Prosentsalz letal verläuft. Die größere Mehrzahl läßt sich zur Heilung bringen, wenn sie frühzeitig zur Behandlung kommt. Von den Komplikationen der Dysenterie ist die *) Vcrgl. Nr. 21 u. d. vorhergehenden. sachlich erwogen, und das Ferne wird iialte. — Eine ebenso klare und vortrefflich heraiisgcarbeitcte Studie — die längste tmd wohl die beste dieses Buches, weil sie am geschlossensten ist — gibt Maltose nfehl über das Problem der ״nationalen Autonomie der Juden in Oesterreich". Es wird der Mühe ver• lohnen, über diesen Aufsatz und die!•*rage, die er behandelt, einmal ausführlich zu sprechen. Heute nur so viel, daß dieser Aufsatz, zeigt, wie weit unsere Ged;inkeii ihre Kreise ziehen, nicht vom Tage fort, sondern au alles anknüpfend, was Tag und Gegen• wart :111 Möglichkeiten gehen für den Juden — und für die 'Gesamtheit. Un«l der Sinn ist immer — Heim• kehr. Zu uns selbst. Das ist mehr als Politik oder Programm. Es ist der Ruf der Wirklichkeit nach Dauer. Die Relationen gelten nicht mehr; auch in der Politik nicht. . . . Das Buch gibt viel und wenig. Viel in seinem Griuulsimi, wenig im zusammeiiliäugeiiden Ausbatien dieses (irmidsinties. Daran sind die Zufälligkeiten schuld, aus denen Werke dieser Art entstehen. Und doch zeigt das, was darin ist, dal! solche Iltieher not• wendig werden, daß die Aufsätze und Betrachtungen weitergedaoht werden müssen. Vom Leser, aber mich vom Betrachter. Aus unserem neuen Sinn — dem Sinn der I teimkehrenden — entstellt eine neue Be* traelituugsweise, neues Wissen, neue Wissenschalt. Sie sollte docli dem Zufall entrückt werden. Stetigkeit hier hervorzurufeii wäre ein würdig Werk. Wir selbst würden überrascht sein, wieviel wir zu geben vermöge״, was wert ist, Wissenschaft, jüdische Wissen• schaft, jüdisches Denken genannt zu werden. häufigste der Lcherabs/cß. Wie oft sieht man ver• nachiässigte Fälle! Ich erinnere mich eines Falles, wo ein Araber kam, der bereits M Tage lang einen Leberabszeß hatte und dann noch einen achtstündigen Ritt machte. Aber er ist durebgekummen. * Eine cphlcmischc Erkrankung, die mit großer Regelmäßigkeit in jedem Jahre auftritt, sind die schwar/cu Pocken. Eine Impfung der ganzen Be• vülkerung läßt sich nicht durchführen. Immerhin aber weiß die Bevölkerung, daß die Impfung das beste Mittel gegen tlie Pocken ist. Sie kommt daher auch in Scharen, um sich impfen zu lassen, doch sehr häufig zu spät. Andererseits alter hat der Arzt sehr selten Ge. legenlieit, einen ausgesprochenen Pockenfall zu bc. handeln; ich werde gleich darauf /unickkniiimen, nuS welchem Grunde das der Fall ist. Ferner möchte ich erwähnen, «laß mit einer ge. wissen Regelmäßigkeit Cholcracpidcmicn auttrcUn, So war eine größere Epidemie vor acht Jahren in Tiberias, bei welcher ungefähr I()״« der ganzen Be. vülkerung starben. Eine kleinere Epidemie hatten wir int vergangenen Jahr in Haifa mul einigen anderen Orten. Sie war eingeseldeppt durch die Pilger/iige, die nach Mekka gehen tinil von dort kommen, In diesen hciiudci( sich jedesmal Humlerttaiisendc vou Pilgern; sie folgen der Iledscliaslialm von Mekka, Die Pilgerzüge bringen aus Mekka gewöhnlich ein• /eine Cliolerafälle mit. Man erzählt, daß in früheren Jahren die Pilgcrstrnßcii mit Leichen Cholerakrankcr förmlich übersät waren. Eine reguläre Quarantäne ist noch nicht ditrchgefiilirt. Die türkische Regierung hat jedoch jetzt veranlaßt, daß energische Maß. regeln ergriffen werden sollen. Alle Pilger sollen fünf Tage in Qiiarauläue bleiben. Es ist dann an• zimchmeii, daß die Seuche nicht mehr regelmäßig auftreten wird. Sic wird sich aber nicht ganz. ver. meiden lassen. ״ Bei der Cholcracpidcmic zeigt sich dieselbe Erscheimmg, wie ich sic bei der Pockcnepidemic er. wähnte. Audi bei der Cholera hat der europäische Arzt sehr selten Gelegenheit, die Erkrankten, hei «lenen die Diagnose sicher ist, zu selten. Solange die Falle noch ungewiß sind, bekommt man sie zu selien; ist aber das Gerücht dnrchgedrungeii, daß die Cholera in einer Stadt nnfgetroten ist, dann bckommt man keinen Kranken mehr zu sehen, weil die Bevölkerung alles daran setzt, die Fälle zu verheim• liehen. Zunächst scheuen sie die Quarantäne. Diese besteht vielfach leider nur pro forma, denn eine wirkliche Isolation läßt sieh unter den heutigen Verliältnisscu gar nicht erreichen. Gewöhnlich wird ein «pnarautäiiepostcn nufgestclit, der am Tage mit großer Energie jeden zurückweist, bei Nacht aber, wenn man einen reichlichen Bakschisch gibt, sich erweichen läßt. Zweitens aber glaubt die Bevölkerung, keinen europäischen Arzt /״lassen zu dürfen, weil er die Kranken vergifte. Sie sagen, wenn man sie aufs (ic* wissen fragt, ganz ehrlich, •daß sie davon überzeugt sind, weil der Art ein Interesse daran hat, die weitere Verseuchung zu verhindern. Also sagt sich der Araber: So sterben öO״;!, wenn aller der Arzt liinziikomint, 100״/o, Man begegnet dieser Schwierigkeit immer wieder. Es ist ein purer Zufall, wenn man einen Cholerafall zu scheu bekommt, weil er von der Bevölkerung für etwas anderes gehalten wurde. Dann aber ergreift das Volk eine solche .... ...I I ... ו .— .. .. -.. in dieser linstet iimschwingcndcn Zeit sei aber auch diesem Buche gedankt. Sein Sinn ist stark — mul malmt zu Neuem, Stetigem, Dauerndem. . . , Wien. Siegfried Schmitz. Führten ins Blaue. Ein Mitlelmeerlmeh von Oskar A. II. Schmitz. (I«)l2־. Georg Müller Verlag, München.) Schmitz, der, wie er in seinem Buche erzählt, von Miilterseitc jüdisches Blut hat, gehört zu den erfreulicherweise langsam zahlreicher werdenden Leuten, die sich ihrer jüdischen Abstammung nicht schämen und sie durch antisetuitiscUcs Getue z.u verdecken bestrebt sind, sondern sich für jüdische Dinge mit Verständnis interessieren und ihre semitische Ab• kunfl als Adelstitel zu empfinden scheinen, immer ein dem Zionismus zu dankender Fortschritt, wem» uns auch das gänzliche Fehlen solcher Zwitterexistenzen, die allerdings im heutigen Deutschland eine große Rolle spielen, ja, ihm vielleicht vom Standpunkte des Geschichtsschreibers aus einmal das eigentliche kui• turelle Cache! verleihen werden, am liebsten wäre. Schmitz, ist intellektueller Globetrotter — eine in Deutsehland rare Spezies -- der schon in seinem Buche über!)Israeli sehr gescheite und damals in der Presse viel besprochene Bemerkungen über englische Politik, jüdische Entwicklung und anderes mehr machte. Sein Mittehneerbueh ist auch ein geistiges Ragout, aber kein Fricassee mit Scl.cminelbeencn wie der ״Ynnkeedoodlc" des seligen Oito Julius Dicrbaum, sondern ein wirkliche». Ragout fin, in dem aucli der Verwöhnte nachdenkliche Anregungen über

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