Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Seite 281 JUEDISCHE RUNDSCHAU dern Aber die breiten, (lachen Straften, an( denen die Massen zu uns kommen. Wir limfttcn sic bauen; müssen heute noch, Immer wirksamer - auf den ersten Schlag Aber• *engend unsere Werbemittel, ihren gesamten, komplizierten Apparat nusgestalten. Wollten wir warten, bis ganz Israel nur aus Erleben!, aus charaktervollen Persönlichkeiten he• stellt, denen der Zionismus die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung bedeutet, denen er so• Zusagen das erlösende Wort für ihr inneres Hingen, wurde ״• wir würden keine der vielen realen Aufgaben, deren zähe Durchführung uns unser Ideal zur!*flicht macht, bewältigen. Wir müssen uns auf die Massen stützen, müssen Ihnen die breiten Straften bauen, müssen die drohende Gefahr der Verflachung auf uns nehmen, die mit der Gewinnung der Massen natiirnotwcndig über uns kommt. Denn den Massen ist das Bekenntnis zum Zio• nisntus noch ein erstes, ein leichtes Wort. Das, was die glühenden Seelen seiner ersten Verkünder und Kämpfer geboren, übernahmen sie ohne die ehrfürchtigen Schütter des eigenen Er• kiimpfens; übernahmen cs bet|11em, faßlich, wollige* ordnet in luuidert Broschüren, Leitartikeln, Heden. S<> kamen sie zu leicht, zu kampflos zu ihrem Zio• nisntus. -- ״Zu ihrem.״ — Diese Scheidung zwischen dem Zionismus der Vielen und dem der Wenigen muh gemacht werden. Auf die Gefahr hin, dnft sie hei manchen Hochmut und imberechtigte Selbstzufriedenheit hervorruft, statt sie an ihre Pflichten diesen Vielen gegenüber zu malmen. — Also: ״zu ihrem Zionismus.״ Denn cs ist nicht zu leugnen: Im Munde der Massen mul) das Wort noch arm sein — oft nichts mehr als eine Quittung über einen Beitrag, ein Geld, das man zahlt wie vieles andere: nüchtern, intcr* cssclos; ■— sein reichster Inhalt muß ihnen noch fehlen, weil der nur errungen, nicht erkauft werden kann. Der Zionismus der Massen kann ja noch wenig erzählen von innerem Kampf und endlichem Sieg über die Krankheit der Entwurzelten, vom Frei• werden, der Wiedergeburt ihrer eigenen jüdischen Seele. Und weil das Wort in ihrem Munde noch nicht zurückweisen kann auf Erlebtes, kann es noch weniger hiucinwciscn in Zukunftsland. Es ward ihnen nicht zu einem persönlichen Programm; kein Gelöbnis, keine stete Mahnung zur Vollendung ihres jüdischen lchs. Noch kann es ihren Taten keinen jüdischen ln• Kalt geben; in ihnen nicht erzeugen die jüdische Geste — den stolzen Nacken •— das furchtlose Wort — die bewußte jüdische Ehrfurcht in allem Tun. Und auch nicht jette stete Bereitschaft zu allen Opfern an Zeit, Energie und Oeld, die not tun, um das Ideal zu verwirklichen, die sieh nicht, niemals durch irgendwelche fixierte Bcitrugsnormen fest• stellen lassen. Nocif klingt zu wenig Zukuuftston in ihrem Zionismus; er ist noch kein Lied der Sehnsucht, kein Wille zu neuer, wurzelstarker Jüdisehkeit: in den eigenen Kindern das neue Makkabäertmn — eine aufrechte Schar jüdischer Menschen groftzw/iclicn. — So konnte er ihnen nicht wertten zu111_ aus• druck einer keuschen, ׳unerschütterlichen Ließe, die ausstrahleml über alles I landein und Sinnen gewaltige Ulut wirft. Wir wissen <111.0, warum die Massen, die zu uns kommen auf den breiten Straften, die die Pro• pagandateclinilc ihnen haute, warum sie solchen Inhalt ihrem Zionismus noch nicht gehen können. — Es ging ihnen wie den Menschen der Neuzeit mit der neuen Verkchrstcclmik. Die wirtschaftliche Entwicklung zwang sie, sich die breiten geraden Geleise der Eisenbahnen zu hauen; aber wie die den Menschen wohl schnell; rasend schnell durchs Land führen, ihn aber nichts mehr schauen lassen von den Wundern und Schönbeiten der einsamen Wege. — So wirkten und wirken auch die breiten Straften, die wir — bei aller Sehnsucht: Realpolitiker, Zweck• menscheu mit dem Willen zur Macht, zum realen• Erfolg — den Massen bauten: von nun an war das einsame Erlebnis nicht mehr der einzige Weg zum Zionismus; er wird kaum mehr beschriften, seitdem die breiten .bequemen Straßen die Massen von Ihm fortlocken und sic zur Verflachung verführen. Es ist mm ein Glück, daß wir Zionisten, die ernsten unter uns, nie die Bewegung, das unauflialtsam Weitcrflieftende: das Ideal über der Partei vergaßen. Nie, wie die ״Nurpartcicn", die satten, platten Inlercssengemciiischnfleu in Israel, unsere Stärke nach unserer Kopfzahl mafteu. Daß wir stolz waren, -uns als die Gesunden, dfe Sieger in der heutigen Judenbeit fühlten; daß eine überscliäumende Kraft in uns schlummert, die des Arztes, des Meilers. Denn so werden ,wir ,uns nicht mit der Fest• Stellung bescheiden, daß die geschilderte Tendenz zur Verflachung allen Kulttirbewcgungcn gemein, also etwas wie ein Naturgesetz ist, und daß die Kopfzahl unserer .Anhänger Hauptsache ist, nicht ihre ethische, persönliche Qualität. Zu solch platter Resignation sind wir zu stolz. Und unser ,Blick ist viel zu scharf, erkennt viel zu klar, wie singulär, wie einzig dastehend in der Geschichte unser Kämpfen; und daß es nur zu Ende geführt werden kann von einer Schar, einem. Volk von Edelmenschen — daß alles ankommt auf die• Qualität, die Jüdisehkeit unserer Anhänger. Wir werden nicht so der Gefahr, auswciclicn, daß wir den Massen die Brücken zu uns sperren. Im Gegenteil: immer planmäßiger ausgcstaltcn werden wir unsere Wcrheicehnik; nicht schnell und mühelos genug können wir die Massen zu uns herüberleiten. Und wären wir bescheiden und weniger stolz und zukiutftsfruh, weniger erfüllt von der Sehn* sticht nach starker jüdischer Männlichkeit — cs würde uns schon das eine genügen, diese Massen dem *demoralisierenden, verspießernden Einfluß des ״israelitischen KrscrvcIciitnnnMdnlx“ entrissen, ihnen dafür einen, wenn auch oberflächlichen Zionismus überliefert zu haben. Aber unsere Sehnsucht geht weiter und überwindet alle Resignation. Wir werfen das alte Vor• urteil, daß mit der erfolgreichen Werbearbeit, dem Beitritt der Massen unsere, vor allem der Ortsgruppen Arbeit vorüber, daß die, die jetzt den Namen tragen, wirklich schon Zionisten sind, — radikal werfen wir dieses äußerliche Vorteil von uns, etwa vor den Nathan Bim b a tt m s zu setzen gewesen. — Das sind Fehler des Zufalls, . . . Darum wäre doch dem Buche, das wieder ein• mal die neue Stärke unseres Denkens zeigt, eine bessere Einleitung zu gönnen, als die, welche es jetzt hat, jenes seltsame Gemisch von Waschzettel und Sunday>scrmon. Weder das ״jüdische Heim״ ist der Sinn jener Aufsätze, noch ,,beleuchten kun• dige Hände״ ״dunkle Punkte unserer Geschichte״. Aus ihnen spricht, mögen sie Historie oder Tagesfragen, die Gesamtheit oder die Persönlichkeiten, die Seelen oder die Körper des Juden behandeln, weit mehr. Das, wus — utn die starken Worte Bubers noch• mals zu zitieren — ״Die wahre Treue ist, wie sie dem Nachgeborenen ziemt, der nicht zu wiederholen, sondern fcstzusctz.cn hat, und der nicht einer frühe* ren Zeit, sondern aller Zeit hotmiiliig zu sein ver• suchen muß״. Die hier schrieben, versuchen cs, das ist ihre Heimkehr, unsere Heimkehr. So gestaltet sich in den schlichten, wahr-reinen Worten Ernst Müllers das ״Problem desOolus״ für die Gesamtheit derer, die cs fühlend überwinden müssen. Und doch daran gebannt sind, durch die Kontinuität der Zeiten, die wir fühlen. Es ist schade, daß der enge Raum eines Aufsatzes — auch• einer der Zufälle, an denen ein Sammclbuch krankt — das Konzisc, Abschließende diesem Aufsätze Müllers genommen hat. Denn gerade die große Frage vom Bewußtsein des Oolusschaffcns braucht Klärung, um vielleicht in uns selbst das Oolus zu lösen, — wenn es möglich ist. Qcradc in diesem Punkte mm offen* bart sich die Schwäche der Deduktion D. P a s in a יי״י י ..... ■111< .. ״ ״»■■״'■יי.י״■""... n i k 8 in der mehr polternden als hltinnicrndcn Rede von den ״Sichen Lügen des heutigen Judentums״. Wäre das Oolusschnffcn eine Lüge — seihst das litc* rarischste des Journalistenjudentums in frenulgepiitz* teilt Gewände muß liier berücksichtigt werden —, dann wäre, ebenso wie die Phänomene Assimilation, Kosmopolitismus usw., etwas ganz außer uns Liegen* des vorhanden, das uns vernichtet, nie erheben kann. Aher gerade auf einigen dieser ״Lügen" baut sich Wahrheit und Klarheit unseres Lebens. Denn diese Lügen sind Relationen, denen das Dingliche gesucht werden muß. Und da ergibt sich eben jene Art des Aiiknüpfcns, jene Kontinuität, die uns die Anfänge und Ende« scheu läßt, auch der ״Lügen״. Diese Kontinuität und ihre Notwendigkeit er* weist Nathan Birnbaum mit Btnrkein Sinn in seinem Essay ״Einsichten und Ausblicke״. Denn das Verwehen van Intelligenz, und Massen In ein Eins, durch das ein steter Strom, aus der Masse des Volkes in seine Intelligenz mündend, fließt —, das ist die erste Tat, welche jene Kontinuität des Volksscins schafft. Denn das Volk ist der Herrscher seiner Zeiten, seine Intelligenz ihr Verkünder, ihr Erfüllen das Genie. Diesem selmsüchtct unsere Zeit entgegen, die Zeit, die sich erneut im Erleben unserer Persönlichkeit — und unserer Persönlichkeiten. In uns werden , die Persönlichkeiten. Werden mit uns verknüpft. Lange schon war cs nicht so. Wie stark das Erfühlen der Persönlichkeiten hervorbricht, zeigt die tiefgründige Analyse der Persönlichkeit Achnd Haotns durch Sa J o* in 0 n Schiller. Und was das Empfinden über Max Nordaus Wesen — Ich möchte cs als das Wort Wir wissen ja jetzt, daß erst mit dem Erfolg der Werbearbeit unsere stolzeste, schönste ־-- eine ricNcnschWcrv Aufgabe beginnt, daß sie darin bc* steht, die gewonnenen Massen zu jtidaisicren, sie zu Zionisten zu erziehen. Wir wissen, daß nur die Stärksten, die Besten, die Jüdischsten unter uns sie restlos erfüllen können. Möglich -- ich sagte es schon — daß diese Erkenntnis diesen oder jenen, der trotz allem Durch* denken, allem Wissen der zionistischen Probleme die Goluthkrankheit noch in sich trägt, zum hoch* mütigcn Parnesbcwußtsein, zutn Siclibesserdüiikcn verführt; wir werden mit denen schon fertig werden. Aber den Besten unter uns wird diese klare' Erkenntnis ihrer Aufgaben, ihrer Pflichten ein Gefühl der Verantwortlichkeit cinflößen, das sie nicht mehr verläßt, sie zwingt auf den Posten, die sie ein* nehmen müssen, auszuliarreii. Vorerst aber haben sie diese Posten noch gar nicht besetzt. Vorerst •können wir noch die Orts* gruppen, in denen der klaren Erkenntnis ihrer dop• pclten Aufgaben genügt wird, in systematischer Ar• beit, uns an den Fingern!!erzählen. Worauf sich heute die Haupieiiergie der Orts• gruppenlciter und der vielen Helfer konzentriert, das ist -- abgesehen von den verschiedenen Sauunclarbeiten für unsere Fonds — erst Vorarbeit: man bleibt bei der mehr oder weniger gut durchgeführten Ausnutzung der Werbeiuöglichkciteu stehen. Wo aber ist bisher die Jiulaisierung der Massen, ihre energische, stete Bearbeitung systematisch in die Wege geleitet worden? Nicht an Persönlichkeiten fehlt es, die dieser Aufgabe gewachsen sind. Und wer einmal erfahren hat, daß die Persönlichkeit wächst, breiter wird an ihren Aufgaben, der kann mir nicht mit dem Einwurf begegnen: es seien noch zu wenig, die ge• eignet seien zu Erziehern zur Jüdisehkeit. Die Werdenden, Suchenden sind cs sogar noch mehr als die Fertigen, denen nichts mehr Problem; denn über die Suchenden kommt nicht die Ueber• hebung; und ihr Drang nach Wahrheit, nach Jüdisch* keit wirkt stets erzieherisch aui die Umgebung. Nein -־ an Verantvvortiiclikeitsgefühl fehlte cs unter uns. Besonders bei den Intelligenten, den Neun* malweisen. — Und es fehlte und fehlt an der jiidi* sehen Brüderlichkeit. Wir haben eine Schar Edelmenschen sein wollen, sprachen viel davon, daß der Glaube an das ge•’ mcinsame Ideal allen Kastuugeist, Kastenhoclunut — allen ironischen, geistreichclndeu Ton der Ghetto• knechte, das Chuvcdchapperuim hinwegfegen würde wie ein frischer Wind, der •aus Osten zu uns wellt, Von unseren Giganten: den Propheten, den Kichtcrn, den Gottesstreitern sprachen wir; von deren starkem Menschentum, das den Geist der Brüderlich• keit, des Gemeiiigefühls mit aller jüdischen Krea• für atmete. Und viele von uns waren eitel genug, ihr schwaches Menschentum an literarischen Stamm• tischen mit solch tönenden Worten aufzuput/eu. — Nun ist cs Zeit zum Handeln. — Jetzt verlangen cs die Not der Zeit und ihre Ocfahren, daß die Wissenden und Starken unter 1ms ziisaniiiieiistehen Schulter au Schulter, daß alle Ver• Hchicdcnhcitcu der Kaste, des Temperaments, des Charakters, sogar des Geldbeutels und des Hechts auf Cliowed - - die nur ein krankhaft übertreibender Individualismus als Schranken zwischen den jiidi• im Raume bezeichnen — sagen kann, hat Adolf Stands Aufsatz über Nordau gesagt. Unwillkürlich zieht sich der Gedanke zu Herzl, der nicht nur formte und nicht zerstörte, sondern kraftvoll formte. Denn für ilm gab es nichts, was so ist und anders sein soll, sondern er war das Muß. Das Muß aber ist die Kraft des Genies. Die Selbstverständlich* keit der Phänomene ohne Erklärung und Entwick• hmg, das ist das Elementare, das Volk und Genie gemeinsam haben. Das ist cs auch, was Herzl fand, nicht vor fand, woraus er wurde — denn jedes Genie wird aus dem Elementaren des Volkes — und was er wiederschuf. Nicht das allmähliche Reifen eines Planes Land Herz! vor, sondern ein Reifsein des Volkes^ für einen großen Umschwung, der sein mußt e. So schuf ihn Herzl. Das wäre das jüdische Problem Herzl für uns, die wir allen Zeiten und Ge* stslten unseres Volkes Leben in uns zu geben be* ginnen. Ein gewaltiger Gegensatz der Gigantengestalt des Formers zu der mächtigen Figur Achad-Haams, des erneuenden Zerstörers unserer Tradition. Diese Wertung Herzls fehlt dem Buche. In Leon Keil* n e r s ״Was Hcrzl vorfand״ ist nichts davon zu linden. Der Aufsatz endet dort, wo er beginnen könnte. Das übrige ist Miszelle. — — Wie die einzelnen, die Kulturen und die Per* sonen, so werden auch die Zeiten in uns lebendig: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Sie bauen siel» in uns neu. Nicht als Politik, Historie und Aus* blick, sondern als stetes Geschehen und notwendiger Sinn. Das ist der Segen unserer Heimkehr. Und manches verspürt man in diesem Buche davon. Unsere