Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 23<׳ haltiger Weise crlinltcnd und aufbaucud wirken kotmte, weil ihm, wie fast allen Männern der Auf• Uärung für das Judenproblcm, die von uns beute für richtig erfundene Betrachtungsweise abging, und weil — und das ist das Wichtigere — hier gesetz* inäßigc Entwicklungen vorliegcn, die über Hinsicht und Wollen der Einzclpersönlichkcitcn souverän hin. Weggehen. RUNDSCHAU DER PR6SSQ Neue Freie Presse, Wien Zur Psychologie des Attentäters Ko vacz schreibt das Blatt: .Er hat seinen Revolver dreimal abgc• schossen mit dem Uebercifer eines Mannes, dessen Sehnsucht stets gewesen sein mochte, sich mit der politisch herrschenden Gentry zu verschwistern, zu der er nicht zahlt. Er war vielleicht unbewußt von dem Stachel gequält, in der Klasse, in der er aufgehen wollte, nicht emst genommen zu werden. Er wollte zeigen, daft er noch stärker sei als sic, ein Uebermagyar, der freilich seinen nationalen Anspruch nicht aus den Tagen von Arpad hcrlcitcn Kann. Deshalb bat er geschossen . . . Schade nur, doll die Herren von der ״Neuen Freien Presse“ ihr psychologischer Scharfblick jedes• mal dann verläßt, wenn cs sich um die Beurteilung der zahlreichen dcutschtümcindcn Juden handelt, die ihrem Gesichtskreis doch näher sind, als der Ueber• magyar Kovacz. Ost und West, Berlin In einer Würdigung der ״A g u d a 111 I s r 0 e 1“ schreibt diese vornehm geleitete Wochenschrift: ״. . . . Nun ist cs aber auch nicht zweifelhaft, daß sich diese Schöpfer von gestern und von morgen In ihrer Ungeübtheit und Schüchternheit in den Mit* lein. ganz besonders aber in den Wortführern ver• ^מ0ו)ח haben. Was hat dieses grolle, vergangen• citsstarke und zukunfthergende, schweigsam frucht• bare, entwicklungsfähige Volk mit seinen lebendigen Fehlern und Tugenden mit den paar Herren zu tun, die in jüngster Vergangenheit zu ihm gestoßen sind und schon sich anmaßen, mit ihrer ausspeku• lierten Orthodoxie sein frommes Leben zu leiten? Was hat z. B. der mehr als neunzigjährige naiv-fromme Rabbi von Brisk in Rußland mit dem l)r. Breuer zu schaffen, der ihn partout an Frömmigkeit iiherbictcn will und dessen positive Leistungen einzig und allein darin bestanden, daß er die bedeutendsten jüdischen Organisationen nicht etwa kritisierte, sondern sinnlos beschimpfte. Die Orthodoxie sollte sich hüten, sich so unfruchtbaren Fanatikern anzuvertrmicii, die ihre Interessen nur schädigen können. Es ist übrigens anzuerkennen, daß der größte Teil der Konfercnzbcsuclicr — auch der deutschen, die sielt eines bescheidenen Auftretens beflissen und mit den vorstehenden Worten durchaus nicht mit׳ gemeint sind — für die Auslassungen des Dr. Breuer und einiger Miteiferer wenig Verständnis zeigten.“ e: AUS ALLER WELT־־ Oesterreich ln der Parlamcntssitzung vom 5. Juli wies der bukowinensischc Abgeordnete Grigorovici ein eigenartiges Dokument vor: Ein christliclisozialcs Flugblatt — in hebräischen Lettern. In der erbaulichen Druckschrift, mit welcher die Antisemiten im Drei־Städto-Wah!bczirke der üuko• wina während der letzten Rcichsratsvvahlcn die jiidi• selten Wähler ״bearbeiteten“, heißt cs unter anderem: ״Liebe Bruder aus den drei Städten 1 Wir zittern am ganzen Leibe, wenn wir hören, daß ihr für Luzian Brunner stimmen wollt , . . Wer kann für uns beim Landespräsidenten, beim Minister, mit Erfolg intervenieren? Nur ein Christ!Wenn man uns die Scheiben cinschlagcn wird, wird Brunner in Wien weilen, und wir werden niemanden haben, der uns vertritt . . . Wir sind in einem fremden Lande und dürfen nicht der Regierung zuwidcrhnmlcin, die auf Seite Eduard HeuseUkäs steht . . .“ Mit solchen Mitteln kämpft die christlichsoziale Partei in Oesterreich gegen die ״jüdische Kor• ruption". Der jüdischnationale Abgeordnete Dr. S t r a u c 11 e r griff in die Debatte ein. und wies an der Hand des von ihm gesammelten Tatsachenmaterials nach, daß die Judenschaft der Bukowina durch unerhörte Mach!• Rationen um ihre Vertretung gebracht wurde. Nur durch Terror und Betrug gelang cs, dem Antisemiten Hruschki, der dezidiert erklärt hatte, der christlich• sozialen Partei nicht beizutreten und heute im reiciis• ritlichcn christlichsozialen Klub sitzt, das Mandat in einem Wahlkreise zu sichern, der mehr als 42n,0׳ jüdischer Wählerschaft zählt. In einer Interpellation an den Minister des Aeußern wies Abgeordneter Dr. Straucher darauf hin! daß die nordamerikanische Republik das Zu• sfandekommen ihres neuen Handelsvertrages mit Ruß• land von der liberalen Behandlung Ihrer jüdischen Bürger in der Paß• und Aufcnthaitsfrage abhängig zu machen gesonnen ist. Das Vorgehen Nordamt•, rikns von Oesterreichs auswärtigem Amte zum Anlaß genommen werden, um auch für österreichische jüdische Reisende in Rußland ebenbürtige Behandlung zu erwirken, zumal der gegenwärtige unwürdige Zu• stand die Handelsintcressen des Reiches arg bccin• trächtige. * Die vom Zentralkomitee der galizischen Zionisten cingcleitcte Sammlung zur Schäftung eines Baufomls für das Hebräische Gymnasium In Jerusalem hat im Verlaufe weniger Wochen den Betrag von 2'JOOO Kronen ergeben. Die Sammlungen sollen fortgesetzt werden, bis die Summe von 100 000 Kr. erreicht ist. So hoch werden nämlich die Kosten für den geplanten Schulbau veranschlagt. Man hofft, den erforderlichen Betrag innerhalb Jahresfrist aufbringen zu können. Marokko Herr E1 in a I c I». Leiter der Schule der Alliance Israeiitc Universelle In Fez, der beim Einsturz, eines Hauses im dortigen Mcllah im November 1911 mit eigener Lebensgefahr eine Frau und fünf Kinder vom sicheren Tod errettet hatte, wurde von der Carnegie• Stiftung in Anerkennung seiner mutigen Tat mit einer llroiizciticdalllc und einem Preis von 200 Fr*, bedacht. Femen Der Vertrauensmann des Palästina.Amtes in Jemen hat in Aden einen zionistischen Verein gegründet, dem vorläufig elf angesehene Personen bei• getreten 6ind. Die jüdische Gemeinde in Aden zählt cu. 3000 Seelen, worunter sich viele Wohlhabende befinden. Zu besonders großem Vermögen ist der Jemenite Benun gelangt. Er ist der einzige Multi, ntillionär In Jemen, und uls solcher von großem Einfluß. Früher war er prinzipiell gegen die Einwandcruiig von Jemeniten nach Palästina, der Vertrauern, manu des Palästina-Amtes hat es aber verstanden, ihn dahin zu bringen, daß er die Auswanderung nach Palästina nicht mehr offen bekämpft. Benun ist Vor* steiler der jüdischen Gemeinde und hat liier eine Synagoge für ca. 100 000 Fres. erbaut. In letzter Zelt hat er auch mit dem Bau einer Schule begonnen. Der neubegründete Verein hat sich dem Misrachi {!!!geschlossen. PALAE5TINA-RUNDSCHAU Der Bischof von London, das Haupt der luden• mission, sprach vor einigen Tagen in der ,white, chnpclcr Jitdcnmission“ über die Aussichten der Mis- 81011 im Orient und speziell in Jerusalem, wo er sich jüngst eine längere Zeit aufgchaltcn hatte. Er he. klagte sich bitterlich über den im Orient jetzt wüten, den jüdischen Patriotismus, der alle Bemühungen der Mission zuschanden mache. Die Mission, so meinte der Bischof, sehe jetzt sehr schlechte Tage. Gegen die alten Juden konnten noch geschickte Mis. sionnre aufkommen, die junge jüdische Generation im Orient und speziell ,in Jerusalem zeige sich hart• näckig und wiese jede bessere Belehrung, die sie zur Seligkeit führen könnte, von sich. Daran sei teil• weise der Zionismus, teilweise die Erstarkung eines unpolitischen jüdischen Nationalismus schuld. Der jüdische Nationalismus bilde die größte Gefahr für die Mission im Orient, weil er mit Argumenten nicht zu bekämpfen sei. Das Christentum habe aber auch eigentlich gar kein Recht, sich dieser neuen Tendenz int orientalischen Judentum entgegcnzustellen, und die Kirche denke nicht daran, patriotisch fühlenden Menschen ihr Teuerstes zu nehmen. Das ver• schlimmere aber noch die Lage der orientalischen Judenmission. Also klagte verzweifelt der Londoner Bischof. Es mag ,noch hinzugefügt werden, daß die Judenmission in London selbst jetzt sehr schlechte Tage sieht. Ihr altes Mittel, armen Juden ärztlich bcizustclicn, will nicht mehr verfangen. Die Ostjuden in der englischen Metropole haben jetzt überall ihre eigenen Polikliniken und ihre eigenen Armenärzte oder sic suchen die großen allgemeinen Krankenhäuser auf. Die Zahl der jüdischen Kranken, die Missionsarzte besuchen, ist in den letzten drei Jahren aut ein Minimum gesunken. Der Missionsarzt war .״'•er immer der eigentliche ״Schadchen“ zwischen dem armen Juden und der ״Mutter Kirche“. Wenn die Londoner jüdische Gemeinde in־ Whitechapel mehr jüdische Lesehallen errichten und die Aermsten der Armen im Winter mit Kohlen versorgen würde, da• mit sic auf die Hilfe der Mission nicht angewiesen seien, könnte die Londoner Judenmission morgen ihre Anstalten in Whitechapel schließen. Anläßlich des 25 jährigen Dienstjubiläums, das der Direktor der Lümcl-Scliule In Jerusalem, Herr E. Cohn, vor einiger Zeit feierte,;»endet der Korrc• spondent der ״Deutschen Levante-Zeitung“ seinem Ilatt einen interessanten Bericht über das Aufblühen encr deutschen Schule, die aus kleinen Anfängen ternus ein mächtiges, ganz Palästina umspannendes loliwerk des Deutschtums geworden ist. Am 18. August 1885 stiftete Frau Elise Herz von Lümcl zum Andenken an ihren Vater 50 000 Gulden für ein Werk, .,das wirkt, bildet und edel macht“. Im Aufträge des Wiener jüdischen Kultus• Vereins wurde dann aus du>vn Mitteln im Juni die Lämcl-Schiik in Jerusalem gegründet; 1887 winde sie mit der gleichfalls e.st ganz kur/. I vsU!••׳mlcii Schule des deutsch-jüdischen Waisenhauses verbanden, und der jetzige Direktor wurde zur Organit atioii und Leitung der vereinigten Schulen berufen. Zu• nächst zählte sie nur 28 Zöglinge. Aber bald begann eine rasche Entwicklung aufwärts, 1903 könnt•.׳ die Schule ihr eigenes stattliches I leint beziehen. Schon im Jahre 1902 hatte •ie durch den f lilisverein der deutschen Juden ihren t hik rb.iti in einem Kinder* garten erhalten, zu dem spater noch zwei witeic solche hin/iikaiiieii. 1901 wurde als OI1erb.1t• < .11 Lehrerseminar zur Ausbildung von l.climn fm »|,c jüdischen Kolonien in Palästina hiiizugcfugi. Daran schloß sich bald eine llaitdclsrealschule. 1905 wurde als Parallel.instalt zur Läutcl-Schulc eine Mädchen* schule errichtet, an «he sich I91H eine Kindergarliic* rinncnschule aiisehloß sämtlich Anstalten des Hilfs* Vereins, der seit 1910 midi die Fortführung der Lämel-Schule übernommen hatte. Hand in Hand da* mit ging die Begründung von Schulen und Kinder* gärten im übrigen Palästina, namentlich in den jü* dischen Kolonien. Die Gesamtzahl aller vom Hilfsverein unterhaltenen Schulen in Palästina betragt jetzt 19, an denen rund 10f> Lehrer und Lehrerinnen wirken, mit einem Jahresbudget von insgesamt fasi 210 (KM» Fr. Man sicht, es ist eia großes Kiillurvvcrk, »las hier entstanden ist. Den Wert desselben und die ' Summe von Energie und Arbeit, die dazu gehört hat,!wird freilich nur der voll bemessen können, der weiß, wie es vorher im Lande aussah, wie alles das in fortwährendem Kampfe mit den zahlreichen bildimgsfcindlichcn Elementen hier geschaffen werden mußte. Dem Manne, der das geleistet hat, wird man mit Recht höclisle Anerkennung zollen. Wir Deutsche haben allen Grund, auf dieses Werk stolz zu sein. Nicht nur sind es im wesentlichen deutsche Mittel und deutsche Kräfte, die es geschaffen haben, sondern vor allem ist es deutsche Kultur und deutsche Sprache, die dadurch ihre Ver* hrcitiing und Pflege in einem ־ weiten Kreise des Orients findet, natürlich unter vollster Ihriickmhti• gung der lokalen Bedürfnisse und der religiösen Eigenart der jüdischen Ansiedler in Palästina. TURtieM 5.SPORT Die ״Jcvvish Atldctic Association“ in England, über deren segensreiche erzieherische Wirksamkeit und respektable sportlichen Leistungen in diesen Blättern bereits mehrfach berichtet wurde, unterstellt nicht der offiziellen englischen Sport Behörde, der ,,Amateur Atldctic Association“, Da die englischen Sportgesetze außerordentlich streng gcliandhabt werden, ist damit jeder sportliche Verkehr /wischen den Mitgliedern beider Organisationen unterbunden- Da auch in der A. A. A. zahlreiche und sportlich tüch• tige Juden Mitglieder sind, so erwachsen der J. A. A. aus ihrer Sonderstellung erhebliche Nachteile, und cs ist doppelt anzuerkennen, daß sie sich trotzdem zu ihrer heutigen sportlichen und numerischen Stärke entwickelt hat. Der Grund dafür, daß der Anschluß der ״J. A. A “ an die mächtige A. A. A. nicht zustände komnft, liegt nicht etwa in irgendwelchen prinzipiellen Bedenken, die aus dem Tendenz• oder Aufnalimeparagraphen des einen der Verbände rcsul• ticren könnten, sondern einfach darin, »laß nach den Bestimmungen der A.A, A., die Veranstaltung von Meetings am Sonntag verboten ist und der jüdische Verband auf diese Termine niciit verzichten kann, da für ihn der Sonnabend, der englische Sportlag, in Fortfall kommt. Die J. A. A. aber wurde sieh selbst den Boden abgraben, wollte sie aiifluiren, auf das jüdische Empfinden der Mehrzahl ihrer Mitglieder, die dem europäischen Osten entstammen, Rücksicht zu nehmen. * In Alexandrien ist vor etwa fünf Monaten ein nationaljüdisclier Turnverein gegründet worden, der heute bereits 150 Mitglieder umfaßt. Der Vizepra• sident des Vereins, Herr U. Taragan, sandle Herrn Abraliainowitz, dem Vorsitzenden des ״Maccabi" in KowiGnUvwipd, ein herzliches Schreiben, in dein er auf die gemeinsamen Ziele und die gemeinsame nationale Basis der beiden Organisationen hinweist. Es ist zu hoffen, daß der Verein in Alexandrien bald dem neuzugründenden Orientkreis der umfassenden ״Jüdischen Turnerschaft“ beitreten wird. Der ״Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport“ ist in den deutschen Kreis der ,,Jüdischen Turnerschaft“ niifgcnommci, worden. CTisflSöie celec’jkcj Die Agitation ln den «ßadcortcn um die sich einzelne unserer Gesinnungsgenossen sowohl wie die Leitung der Landsmannschaft schon in früheren Jahren mit Erfolg bemüht haben, soll und hiuß in diesem Jahre systematisch ausgebaut werden. Wir dürfen wohl von einem jeden Zionisten, der in der Lage ist, eine Badereise zu unternehmen,