Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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i Seite 262 »eins ist.“ Und was er aus diesem Doku* * aiu'iil? Unter Drehlingen und Wendungen, unter ein• «eilenden Ausführungen 1111er Geschlecht Kprnhleum und was in der Thora damit Zusammenhang(, kommt er in seiner Einleitung zu einer Sdiildeniu!: eines Llclieslcbeiis, wie es ein Roman neuester Richtung nicht besser zu leisten vermag. Er l.'iilt Salomo ״mit den heiligsten Empfindungen eines von Gott erfüllten Sängers die leidensehafllielien Immgen eines jugendliclieu Paares bekämpfen“ und schildert so das Hohelied als ein Gedieht, welches eine ahschreckende Tendenz verfolgen soll. Hat je.ein noch so freidenkender Erklärer ein Werk der heiligen Schriften so blollzustellen versucht? Was soll man dazu sagen, wenn ein strenggläubiger Rabbiner uns sagt, dall ״«las Hohelied uns in die geheimsten Kam• nu'ru jugendlicher Seelen cinführt und uns in der zusnmmenhätigenden Folge seiner dramatischen Milder den erwachenden Eros zeigt, wie er gleich einer züngelnden Flamme hervurbrichf, um zwei von Natur aus edle Menschen schonungslos zu verzehren.“ Und so geht cs in den 22 Seiten der Einleitung fort. Nur noch wenige Beispiele: ״Ohne Schlaf zil finden, Hegt Sulamiiiith auf ihrem Lager. Da klopft es draullcii, Der Geliebte ist’s, der Einfalt begehrt. Eine Weile gefällt sie sieh in der Rolle der Spröden. Dann steht sie auf, um zu offnen. Als sie öffnet, ist er verschwunden nsw.“ (Seite 17.) ״Mit dein ganzen Raffinement weiblicher Seelen bringen die Töchter Jerusalems der stutzig gewordenen öeschlechtsgeuossin hei, wie unverantwortlich und gedankenlos ein Miidehen handle, das eine solche Fülle von Schönheit, wie Sulniiiinith sie besitzt, aus linlfloscu Gründen verkümmern lallt" nsw. (Seile 19.) ״Jüngling, der die stürmische Gärung ries erwachenden Frühlings noch nicht überwunden hat“. (Seite 19.) Und nun erst die Erklärungen zu der lieber• * setzuug. Zu Kap. 1 Vers 2 lautet die Uebcrselziiiig: ״Er küsse mich mit seines Mundes Küssen, denn köstlicher sind dein« Liebkosungen als Wein.“ K 0 ttt m e n t a r: Nicht alle seine Kiisso möchte ich haben. So anspruchsvoll bin ich gar nicht. Weil! ich doch, daß noch andere nach ihm schmachten. Schon einer genügt mir. Kap. 1 Vers 7: ״Sage mir doch, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du lagern lassest am Mittag.“ Kommentar: ״Nicht mir der blass« Mond, auch die Mittagsglut der Sonne vermag einem Schäfer- Stündchen intimen Reiz. zu geben.“ Im selben Verse: ״Sulammith gibt dem Geliebten zu verstehen: Willst du cs aufs äußerste aiikomiiicn lassen? . . . Sagst du mir nicht, wo du zu finden bist, 80 muß ich wie eine feile Dirne umherstreifen, bis ich diel» gefunden habe Auch einen Rat weiß der Herr Kommentator zu geben. Zu Vers 8 läßt er den Jüngling der Sulammith raten, als Hirtin den Spuren der Schafe naehz.uz.ichcn, dam» wird es niemand auffällig finden, sie bei den Wohnungen der Hirten zu treffen, »isw. Kap, 2 Vers •I lautet: ״Er hat mich ins Weinhaus gebracht und sein Panier über mir ist Liehe,“ Hier ist der Kommentar köstlich: ״Eine Liebess7.cnc in 3 Bildern. Z»1crst wird die Jungfrau in das dabei nicht ohne Entgleisungen abgeht, — ich denke an das etwas karikaturistische Sprachbild ״In die Anne . . . drück* mich busenwärts!" —, ist verzcihlich und begreiflich. Oft wird die Form herrschsüchtig. In der Bearbeitung — für sie war wohl der liedhafte Charakter der einzelnen Teile maßgebend, und sic ist ein Auflösen in Einzcllicdcr — ist manche iiinig-licrrliciic Stelle fast ganz geschwunden, svic etwa das wunderschöne: ״Der Freund ist mein, und ich hin sein, itn Duft der Rosen weidend.“ Doch, was der Bearbeitung ihre Stimmung verleiht, das ist jenes freie, unnachdenkliche Erfassen der Farbe des Gedichtes, der vollen vom Aren» der fruehtbar-sehöpferischen Erde duvcWv.mcMen Farben des Orients, die in Klang und Sang zittern. Für sie ist die deutsche Sprache nicht reif. Damm ist Luthers Uehersetz.img des Hohen Liedes ein beschauliches Vcrspiellbürgcrn des Werkes. Etwcs von Jenen» erdhaften Atem zittert eben nur in dem Deutsch eines Juden, der da sucht — den Rhythmus seines Volkes. Auch hier hat jenes Suchen die Stimmung bauen geholfen. Und das ist das Lob der Ucbcrsetzung, Freilich, das Verlorene, das wir finden wollen, das wird uns ganz nicht einmal zuteil in dem Lesen des Vortextes des Liedes der Lieder, ehe uns nicht eines, etwas Unsagbares wird, das uns lehrt, das Lied ganz in uns aufzimchmcn. Was das wohl ist? Lafcadio Hcarn erzählt in einem seiner herrlichen Büciicr über Japan folgendes: ״In Kyoto wurde vor nicht langer Zeit ein Buddha-Tempel eröffnet, welchcn das arbeitende Volk Japans dem Lande ge- JUCDISCHE RUNDSCHAU Hau» des Weines geführt, dann wird getäfelt und zum Schluß tritt die l iehe In ihr Recht." Nach sulche״ Beispielen Ist es auch für den Kritiker dieses ,,I lohen l.kdes" /.eit zum Schluß, Mehr als 30 Stelle»» hatten wir noch augczcichnet, welche die ״Heiligkeit“ des Buches, im Sinne des Kommentators, beweisen •־• wir erlassen es uns, obwohl e's sehr nahe läge, wenigstens noch auf Kap, 5 Vers •1 z.tirück/ukoiiniieu: Hier ist von einer bayerischeu Spezialität, dem ־!״eusterl'ii“, die Rede. Doch dies und manches andere läßt sieh nicht im Rahmen einer Besprechung erwähnen. Alles in allem: Rabbiner Roth sei, And. ist tausendfach gerächt. Juri. Etwas zur Würdigung Moses Mendelssohns Von Jacob S 011. Friedrich der Große, über dessen Jinlenpolitik mau so oft mit abfälligem Urteil uml mit Kopfseilut* iclu sieh geäußert hat, hat, wie fast überall in seiner Regieriuigs- und Vcrwaltuugspraxis, so doch wohl eben, auch hier, sieh von unhistorischen Sprüngen zuriiekgv- Italien, und hat vor allem nie beansprucht, in Urteil und Einrichtung seine Wellanschauung zur Fasson der Allgemeinheit zu 'machen, ln ganz anderem Maße ist sein ״Schüler", der heißblütige Joseph II., in solchen Felder verfallen, vor allem aber Friedrichs beriilini- »oster jüdischer Zeitgenosse — Moses Mendelssohn. Fs ist eine der Emuigenscliafteu der tiiihaiiuhoivigcn liisloiisdieii Kritik, daß Wir neuerdings von der ganz in Verehrung getauchten Uehersehülzung Moses Mendclssohns »!)gekommen und zu der Anschauung gelangt sind, daß nicht so sehr der Berliner Sokrates, als vielmehr der allgemeine Gang der Geschichte die Juden aus dem Ghetto geführt hat. Ja, für die Oeschichte des jüdischen Volkes ist Moses Mendelssohu letzten Endes weniger ein produktives, sondern eher ein anflösemfcs und in gewissem Sinne retardicrcmlcs Element ,geworden. Von der Schilderung .seiner anziehenden milden Persönlichkeit mul seiner heute vielleicht wieder zu sehr unterschätzten wissensehaftlichen Bedeutung, als wohl des fruchtbarsten Popuiarisators der Wölfischen Philosophie, kam» ich liier füglich nhschen, es kommt mir hier mir darauf an, seine Stellung innerhalb der Wandlung des J11deittums kurz nimidcuteii lind ahzugronzeu. Moses Mendelssohn ging von der Annahme aus, daß das Judentum ein geoffenbartes Nationalgesetz sei, dem jeder im Judentum Geborene sieh mibedingt und so lange unterwerfen müsse, bis Gott seihst durch eine neue Offenbarung diese, von Mendeissolm doch teilweise seihst für vermenschlicht erklärten Verordnungen »!»geändert hätte. Innerhalb der Zäune dieser Satzungen aber sei völlige Gednnkenfreiheit möglich und vonnöten. Diesem seinem tiefinnerlichst aus seiner harmonischen Persönlichkeit Uerausgcarbciteten Programm lebte er nach, in Frieden mit siel», in Frieden mit der christlichen Welt seines Verkehrs und schließlich doch auch in Frieden resp. Waffenstillstand mit den Rahbincn. So hat dem» ein trotz seine{ Bescheidenheit auf weithin sichtbarem Platze stehender jüdischer Groller durch Lehen mul Philosophie die Vereinbarkeit jiidischer Lebenshaltung und allgemeiner Bildung schein- ד.- / ...־־־־"־.'■׳■.״"".״־'"־.1 schenkt hatte. Die mächtigen Dachbalken des Teinpels waren nach Kyoto von den Berghäng'.'i» herabgewunden worden mit Seilen, die man aus dem Haar der buddhistischen Frauen mul Mädchen gedreht hatte. Eines dieser Seile ist 300 Fuß laug und mißt 3 Zoll im Durchmesser. Es ist im Tempel aufbewahrt.“ Ein ähnliches Bild webt mir jene Zeit, da sich in uns der Rhythmus wicdcrfiiutcn wird, der Rhytliinns, den das Volk Lied der Lieder nannte. Für jetzt aber Dank denen, die uns ein Hobes Lied gaben, das .ihnen läßt, daß die Zeit kommen muß. Und dort, wo man sie wahrhaft ernsthaft ruft, muß man sich dieses Buches (reuen und iihiüicher, die lins gegeben werden sollen aus gleichem Sinn. Wir nehmen sic gern . . . Wien. Siegfried Schmitz. Bücher und Zeitschriften The Zionist Movement, its Ahns and Acbicvcment. By Israel Cohen, Published on bclinlf of Ric Zionist Central Office, Berlin. 32 Seiten 8°. Unser Agitatiousmalerial in englischer Sprache hat durch diese kleine Schrift, die den Leiter der englischen Abteilung unseres Zentralburcniis zum Verfasser hat, eine sehr wertvolle Bereicherung erfahren. Die politischen mul kolonisatorischen Ziele der Bewegung, ihre nationale Grundlage und unsere Aussichten in der neuen Türkei werden in der dem Engländer eigenen knappet» uml klaren Form vor- ___Nr. 28 bar bewiesen und einer glatten verlustlosen, In j(|,(. seit•» hrfiieiligendcn VersiInnel/iiiig beider Knlhifin scheinbar vorgearbeitet. Alle die, die auch heutu noch die geistige Seile der Judeiifrage glaubet!!1,,. durch lösen zu können, daß sie die Möglichkeit ן)ן<ןן Notwendigkeit einer lückenlosen Anfeü1a11(lerlr,;111K■ uml Vernietung der beiden Kulliirsiiüchtcii pretligi!,' und für diese ihre Ansicht Mendelssohn ״!> Krön* zeugen hciaii/iclien, übersehen in mehr oder tm11t|CI jesuitischem Selbstbetrug׳•, wie Mendelssohn kt ine all. gemeingültige Harmonie hergestellt uml gefunden, wjc er Inkongruentes eben mir scheinbar geeint l:at, M, r1. (lelssoluis jüdische Grund,luffassimg war rein ptiMiii. liebes Erlebnis, nicht absolut zwingende Nun״; sie konnte 'das einmal aufgetmichlc jüdische 11״.)ו0ו|!!ו problem mir verdunkeln und in konstruierender Ver. allgemeinerung gewiß kein Wegweiser für das teil!! plötzlich in die europäische Well liinausgezeirte Ju. dentum sein, fis ist ja auch recht bezeichnend, d,|} von Mendelssolnts direktem Schülerkreis fast Ivimr diese Ansicht des Weisen teilte und weitergab, im ltlall alle seine Kinder .schließlich vollkommen entgv׳!׳, setzte Wege einschlugen. Nicht also von seinen n׳. ligioiispliilosophischen Aufstellungen ist Mendel*׳,׳!)ms unzweifelhaft refurinatomchi: Wirkung ausgegtangen sondern — wenn wir liier von den Anregung״/abl sehen, die die politischen Ernauzipalioiisbestr •Inmgvn in Christian Wilhelm Dohm und David Frie Ikuiiihr mittelbar durch ihn empfingen von se iki 111• spriinglich sogar mir für seinen Sohn Iu־rg1:sl1 Ilten Peiitateuchiihciset/img. *An diesem Werke wurde die Ürüclüghcil von Mendelssohns harmonisierender Theorie klar, und zeigte cs siel», wohin die חין!. Wicklung gravitierte. Die Memlelssohnsehe dein.׳ he Bibel tmg, wenn mail einmal die Hypothese von dem bequemen Inciiiamlei'gicifeu traditiouell-jüdiseaer und europäischer Denkweise unterstellt, die bequemsten Austauselunügiiclikeiten in sieh, sie hot jüdischen Inhalt und deutsche, europäische Form. Gewiß wollte Mendelssohn, als er sein Werk luuausliell, nicht nur die reine deutsche, volksannähernde Sprache und die ungekriimmte Einfachheit der Gedanken unter den Juden verbreiten, wie dies ja unbedingt auf der Linie der Aufkläruiigsepoche lag; er wollte sie Zweifellos auch zum Verständnis ihres Nationalgeset/es hin• leiten und ihnen eine veredelte spezifisch-jüdische Lebenshaltung vermitteln. Aber einem grundlegenden Anpassuiigsgesetz folgend, griffen die Massen nur nach der Form, die ja auch ohne den bestimmten 115• halt einen hohen Eigenwert repräsentierte »uni an sich die Möglichkeit variabelster Füllung gewälirte. Die nachfolgenden Generationen, die Besten und die große Menge, gaben sic’1 denn auch auf Grund dieser formalen Errungenschaften mit unbekümmerter Ent. schlossenheit »md Konsequenz, an die nivellierende allgemein-europäische Gedankenrichtung, mochte sie nun das Gewand des Rationalismus oder das der Romnntik tragen, und kamen vielfach zu jener eigentümliehen Auffassung, die das Judentum absolut von außen her betrachtete und den einzelnen mindestens gedanklich von der jüdischen Gesamtheit loslüstc. Wir aber, die wir endlich in einer Distanz von mehr denn einem Säkulmn und durch eine ganz anders zupackende Geschichtsbetrachtung dem Verstäudnis der Mciidelssolinschcn Epoche uähergekommen zu sein glauben, dürfen ohne jede überhebliche — und uulüstoriscUe — Vcrkleinerungssueht feststellen, daß Mendelssohn deswegen nicht in nachgetragen. Die Darstellung wirkt durch ihre schlichte Sachlichkeit überzeugend und dürfte unserer Werbearbeit hei den englisch sprechenden Juden vor/üg* liehe Dienste leisten. 1:1110 ähnliche Arbeit in deutscher Sprache oder eine Uchcrtraguiig der vorliegenden Schrift würde »1. a. 11 e b e 11 L i c I» 111 z i m s und A11 c rbachs Broschüren ihren besonderen Zweck erfüll! n können. * Felix Perlcs: Jüdische Skizzen. Leipzig, Verlag vor» G. Engel. 1912 (Preis 5 Mark). Der Köm'gsbergcr Rabbiner hat iu deuv vodwgsw* den Werke seine zerstreut erschienenen Abhandlungen iu einem stattlichen Band gesammelt erscheinen lassen. Wir begegnen hier Würdigungen jüdischer Charakterköpfe (Maimonidcs, Frankel, Geiger), Re* zensionen verschiedener Werke (Die Tcxthibcl von Kautzsch, Bachers Agada-Werk, Wünschcs Ueber- Setzung der kleinen Midraschim, Schürers Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter’Christi) und vielen anderen hauptsächlich kritischen Abhandlungen, Perles hat ganz Recht, wenn er glaubt, den Gebildeten eine verständliche Darstellung von den wichtigsten Seiten des Judentums gegeben zu haben. Wenn ein Rah״ biner sein Streben daransetzt, weile Kreise, die heute kein Interesse für die jüdische Wissenschaft an den 1 ag legen, die eigenartige Gedankenwelt des Judentums zu beleuchten, so Ist diese Aufgabe lebhaft zu begrüßen und seinen» Unternehmen Olück zu wünschen. י 1 I! * 1 \ f