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Jüdische Rundschau · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Organisation ,und wird es auf lange Zeit hinaus in Deutschland noch bleiben müssen. Er hat anzuklinipfen gegen eine Welt von Vorurteilen, gegen satte Bequemlichkeit und die Nachwelten einer laugen Zeit der Unfreiheit. Mit schüchternen Lispellautcn hätten wir niemals das deutsche Judentum aufgerfiUolt und zur Stellungnahme zu den grollen Prägen unseres Volkes gezwungen. Wenn wir heute in der Form weniger scharf zu sein brauchen, so hat das zwei (iriinde: Einmal sind wir schon in der Lage, auf unsere l.et* stungen hinzuweisen, die für uns werben, dann aber — und das ist das wichtigste hat die Polemik unserer Gegner anständigere Formen angenommen als ehedem, und cs würde Beispiels• weise wahrhaftig schwer fallen, gegen die sanften Töne des ’Herrn Dr. Samuel schweres Ge• schütz aufzufahren. Dann muH wiederum eine Behauptung her• halten, die zu den Tatsachen im krassesten Gegensatz steht, um die Beweisführung unseres liebenswürdigen Gegners zu stützen. Es lieiiit da: ״Gegenwärtig stellt sich der Zionismus nur noch als Retter der gehetzten, heimatlosen Juden des Ostens dar.“ Hier fällt es schwer, au die Gutgläubigkeit des Verfassers zu glauben, wenn man nicht annelimen will, daß er sich lange Zeit hindurch mit unserer Bewegung überhaupt nicht beschäftigt hat. Jedenfalls hätte er gut getan, Leo M o t z k i n s Posener Referat nicht zu er• wähnen. Denn dort wurden gerade diese An• sichten, die mit hartnäckiger Beharrlichkeit immer wieder laut wurden, iiirückgewiescn. Auch die einmütige Annahme der Resolution Zlocisti- Ester mann dürfte nicht gerade für Dr. Sa* muels Ansicht von der ״tatkräftigen Rettungsgesellschaft“ sprechen. Man weise uns diese An* sichten doch einmal quellenmüllig aus irgendeiner Rede unserer Agitatoren oder aus unseren Verlautbarungen in der Presse nach. Dadurch, dall sic uns mit heuchlerischen Lobspriiclicn vorgetragen werden, werden diese Behauptungen noch längst nicht zutreffend. . Viel Verkehrtes und manches Zutreffende wird in dem Artikel noch über den Zionismus gesagt, und es unterläuft dabei manches Wort ehrlicher Anerkennung unserer Leistungen. Sic zeugen davon, dall sich in den Anschauungen unserer Gegner vieles gewandelt hat, und wir nehmen davon mit unverhohlener Genugtuung Kenntnis. Das hindert uns aber nicht, immer wieder mit Nachdruck zu betonen, dall der Zio* nismus nie und nimmer von seinen grmullcgen• den nationalen Forderungen ablassen wird und dall wir unsere Anhängerschaft werben, indem wir Grolles von ihr fordern und Grolles zu geben vermögen. Die Sireiientöuc unserer Gegner locken uns nicht. Wir erstreben nicht eine Vor• sti ndigung, sondern wir wollen überzeugen. Wir wollen nicht bloß Mitglieder werben, sondern ganze Menschen gewinnen. Gerade diese Dinge ff1■■—■ 1—11י■. —— — .. .... Das Lied der Lieder Im Glieder wird die Bibel in eigenartiger Weise übersetzt und erklärt. Es ist eine Wortübersct/ung und Wortcrklärung, die durch Generationen schon mit ihrem einförmigen Singsang die Kinder begleitet. Uralte, nicht mehr verstandene Worte, hat in ihr wiires Geflecht die Tradition liineingewebt, Worte, welche die Entwicklung der Volkssprache hinter sieh Uctt und die hier wie Grabsteine aulragen. Grab• stvme eines Rhythmus sind cs, den jedes Volk braucht, um zu leben, mag er dem ,,fortschreitenden Gedanken" noch so ״überholt" erscheinen, noch so alt und häßlich klingen. Er kann sich allem Denken zum Trotz immer wieder mit neuer Klangfülle sätti• gen, und muH leben, solange das Volk lebt. Wo er starrer Stein wird, dort wellt die Kälte des Volks• winters. Weh*, wenn das Eis nicht brechen kann t In diesem Clicder-Singsang lautet die ״lieber• Setzung" des Titels ״Schir-ha*schirim" ungefähr so: ״Sdiir-tm-schirim. — Dies ist das Lied alter Lieder. De m alles, was sonst gesungen wird, sind nur Lieder. Dies aber ist das Lied der Lieder. Die sonst Lieder singen, sind wohl auch Könige. Dies Lied aber sarg ein König über Könige." Ob diese ״Ucbcrsct/ung" besonders treffend ist und die Bedeutung des Titels erschöpft, über den schon viel gestritten wurde, das will ich nicht mit voller Sicherheit behaupten. Aber in den Worten: ״Dies Lied sang ein König über Könige", höre ich den Rhythmus eines lebenden Volkes. Wenn es wahr ist, daß dieses Lied ein König dichtete, dann — dann besonders deutlich betont zu haben, ist e iu Hauptverdienst unseres letzten Dclegiertenlagcs. Wir kennen jetzt die neueste laktik unserer Gegner, und cs wird uns gelingen, sic zu durchkreuzen, wie wir alle früheren Angriffe vereitelt haben. Wir sind gewarnt! Unsere Palastinapolilik Referat von L. Motzkin, gehalten auf dem Delegiertentagc der deutschen Zionisten. VI. Von der Idee, dall der Zionismus sich auf die Schaffung eines geschlossenen geistigen Zentrums in Palästina zu beschränken habe, führt in weiterer Konsequenz der Resignationsstimimingen cm gerader Weg zum Gedankengang, dall wir mit Rücksicht mit die unbezwiiiglichcn Hindernisse auch den Glauben an ein geistiges Zentrum aiilgeben müssen und uns mit dem Streben nach Schaffung mehrerer kleiner Zentren begnügen sollen. Die Anhänger dieser Auf• fnsMing geben von vornherein zu, dall sie das zio• uisthehe Ideal damit eineiigen, aber sie ziehen kleine Idealitäten grollen Utopien vor. Es waren oft prächtige Zionisten, die zu solch verzweifelter Ideologie licrabglitten, die sich an sie aiiklnmmcrteu, um den Kern des Zionismus in Mi• iiiatm formen zu retten, ohne dall sic merkten, dall sie den Zionismus mit der neuen Konstruktion cigcnt• lieh schon aufgegeben hatten und nur noch seinem Schatten itachficfeii. Da fühlt man nur noch Reflexe des zionistischen Ideals, während Herz, und Gehirn der zionistischen Bewegung damit abgestorben sind. . Für diese Kategorie von Zionisten wurde mich das einheitliche geistige Zentrum iu seiner Groll• zügigkeit ein utopisches Streben. Denn die Kritik, welche diese letztere Ideologie am I leiittstäUen-Zio. nismus geübt hatte, inullte sieh schließlich gegen sic seihst wenden und mit derselben Entschiedenheit die Idee des geistigen Zentrums zertrümmern. Der radikalste Vertreter des geistigen Zentrums hat erst vor kurzem selber seine Idee dahin kommentiert» dall er mir noch vom Streben nach einer Anzahl von geistigen Zentren iu Palästina spricht: die kleinen Oasen sollen iu ihrer Gesamtheit das Judentum he• emfhisseii. Wie diese Oasen dann das geistige Jtidcutuiu repräsentieren und den Ideengehalt des jiidi. sehen Volkes gestalten sollen, bleibt ein Rätsel. Viel* leicht noch präziser war derselbe Gednnkengang in einer Smnmelschrift ״Land und Volk", die in der jüdischen Volkssprache erschienen Ist, zum Ausdruck gekommen. Nicht ohne Erschütterung habe ich die Grenzbestimmimg, welche ein altbewährter Gcsin• utiugsgenossc nach längerem Aufenthalt in Palästina dem Zionismus gibt, gelesen. Wenn ein Mann, der jalir• zclintelang den Zionismus propagiert und selbst ein offizielles zionistisches Blatt geleitet hat, mir noch von der Möglichkeit, einige kleine jüdische National• Zentren in Palästina zu schaffen, spricht, welche Schwierigkeiten, empfand ich, müssen da unserem Ideal entgegeustehen! Mit nüchterner Klarheit setzt der genannte Verlasser auseinander, daß die Aiaber, die an Palästina hängen, uns nimmermehr die Möglichkeit gewähren werden, im Laude zu einer Majorität zu werden. Ein sehr einleuchtender Oinwnnul Der Fehler an dieser Behauptung bestellt aber nur darin, daß ein für den Moment teilweise richtiges Argument ver• allgcmcincrt und zu einem ewigen Grundsatz erhoben wird. Wenn wir schon die Zukunft voraussagen wollen, dann dürfen wir nicht eine einzige reale Tatsache dieser Voraussagung zugrunde legen. Ge• will kann es nicht geleugnet werden, daß das orgasehe ich ihn vor mir, einen König, der so frei war, wie sein Volk, weil er keine Diener beherrschte, der freieste aller Könige. Denn er beherrschte den großen Sinn, der ihn mul sein Volk band: die Tat. Nicht Menschen waren seine Untertanen. Und iu iliiicu, wie in ihrem Könige lebte das tausendstimmige Ur• wort der Welt: Schöpfung. Das ist mir der königliche Dichter — er dichtete die Tat, und die Tat iu der Schöpfung ist Liebe, ist -- Gott, Der Gott seines Volkes. Der Phythmus des Volkslebens. Vielleicht aber schuf das Volk dieses Lied seinen Festen, den Tagen, da die Tat übermächlig ist im Volke, und nannte in ruhigem freiem Stotz, sein eigenes Diehtcrwerk ein königliches, das Lied der Lieder. Daun hat es sich darin erfüllt, seine Seliöpfungstat, seiner Liebe Wesen, seines Landes Saat mul Lrnte, seiner Tage Werk mul seines Gottes Gewalt, wie seiner Satzung Anfang und Ende. Aber nicht lange kann das Lied geklungen haben iu den Mündern mul Merzen der Menschen. Denn bald konnte Sieb das Volk nicht mehr erfüllen, sondern mußte sielt aufheben. Rein, im starken Rhythmus, tönte es nur, wenn die kamen, die im Geiste erfüllen wollten, den Rhythmus wciicr/ubaucn sieh vermaßen. Groß ist die Zahl, klein ihr Werk, und es barg immer einen Fluch für das Volk iu sich, von Nazareth bis Smyrna und Kaziinierz Podolski und Micdzibrodz. Der Fluch liegt im Wesen des Geistes, der nicht allein erfüllen kann, wenn ihn die Erde nicht segnet und ihm die Tat verleiht. Das Volk mußte seine Tat Aufheben, und der Rhythmus des herrlichsten Liebesliedes, das Men• * nisieitc Widerstreben der Araber gegen eine Nieder• lassuug von Jmlyiunassen in Palästina ein ungeheurer icalcr Maclitiaktor sein wurde, aller mit ebensolcher Bestimmtheit würde der (ies.mitwille des organisier• teil jüdischen Volkes als ein nicht geringerer Macht, faktnr in die Wagselmle fallen. Wer wollte da die geschichtliche Zukunft so berechnen und klar \or. anssagc»'.' Ich halte nämlich jedes Prnplicteiitiiin ober die Grenzen miseics Könnens fnr gänzlich uripinplu-lKcli. Die Geschichte des Zionismus hat uns selber Be• weise dafür erbracht, wie leicht diesbezügliche Prophezeiungen zunichte werden, die guten wie die sehlvih• teil. Noch ganz kurze Zeit vor (lern ersten Zionisten• kongreß hatten nur wenige ״glaubensstarke" oder ״ulopistisclie" Zionisten daran geglaubt, daß ihre Idee so große Jiuleiuiiassen aufwuhlen würde, und all jene, die selber die Differenz zwischen l$G und, sagen wir, KSD8 nach ihren eigenen Erfahrungen iin Geiste passieren lassen werden, dürften sieh des Wunders erinnern, das aller Vorausberechnung llolin sprach. Melir noch aber als dies: wer von den Ost• europäischen Zionisten halte es voi Ij Jahren für möglich gehalten, daß sogar in Deutschland ein so ansehnlicher Bruchteil von Juden dem Zionismus sich nnschlicßcii würde? Audi hier wurde aul pv. dialogischen Tatsachen gebaut, auch hier wurde \ <ז• ansgesagt. daß die deutschen Juden samt und soiid.ie ihrem Volkstum verloren seien. Unermüdliche Arbeit hat das Gegenteil walirgeinadit, 11.1t wenigstens dis psychologische llimlcrms weggeschafft. Gewiß, der Zionismus in Deutschland ist nicht zu einer solchen Macht cmporgcwachscn, wie sie für die Entschei• dtuig über das Schicksal einer ganzen Nation not• wendig ist, aber schon durch den Anfang einer sol• dien geistigen Revolution ist scheinbar Unmögliches möglich geworden. Denn fast unmöglich schien es, daß die n.ilionaljiidisdu• Idee dort, wo ihr Genera• tionen hindurch jede konkrete Grundlage genommen war, aus reiner Logik einen Sieg nach dem anderen erfechten wurde. Wenn es heutzutage Tausende deutscher Juden gibt, deren das natioiialjüdischc Ideal sich bemächtigt bat, trotz des Fehlens einer jüdischen Masse, trotz, des Mangels eines jüdischen Milieus und einer jüdischen Erziehung, ungeachtet des Feh• lens jedweder jüdischer Formen, wenn diese Tau• sende iu ihren gedanklichen um) seelischen Tendenzen eine solche Umwertung aller Werte vornehmen, ist es nicht, rückwärts gedacht, die Verwirklichung einer Utopie? Und hat es nicht seinerzeit solche Zionisten gegeben, die jede Propagierung des Zionismus unter deutschen Juden als Utopie proklamiert und damit den Willen dazu vielfach untergrahen haben? Nun wird man mir sagen: Bei den angeführten Beispielen handelte es sich um Beibringung einer bestimmten Lehre, die schließlich von jenen Eleincn• teil, die tms übcih.mpt haben anhören ,vollen, aut• genommen werden konnte, während dort reale Um• Stände uns ciitgcgeutrcteii, die außerhalb unserer UcIk rzeuguiigsiiiaciit sind. Ztmäch.d sei noch einmal daraut liiiigcwicscn, daß wir nicht berechtigt wären, ein so endgültiges Urteil über die Zukunft unserer zionistischen Plane zu fallen, seihst wenn cs fest• stünde, daß die Interessen der Araber den uiisrigen widcisprechen: die Geschichte Palästinas hat so viele Metamorphosen diirehgcuiacht, daß cs lächerlich wäre, gerade die letzte Metamorphose als eine uniniistöß• liehe anziierkeiuieii. Allein dies mir nebenbei. Wie sehr ändert sich nämlich das Bild, sobald wir lins dessen entsinnen, welche positiven Werte wir den Arabern für das, was sie verlieren, bringen. Ob wir eine solche Absicht haben oder nicht, tafsächlich sind wir für sie die Hebel zur Mcuscnhcitskultur, zur modernen technischen und wirtschaftlichen Entwick• hing, tatsächlich kommt ihnen das, was wir an Ile• sitz, Wissen mul Energie ins Land bringen, in 1111• sehensimieii je entquollen, erstarrte. Was von dem Lied der Lieder im Volke lebt, ist ein Grabstein' seines eigenen LcheusrhyUinins, wie jener Chcdcrton, der die Ucbcrset/img des Titels einleitet; und m!r von fern klingt uiaticlimal ein vergess'ner verwehter Ton herüber, wie der Sang der Mciimonssaiilc, wenn die Sonne aufgelil oder sinkt. Und was im Volke vom Lied der Lieder blieb, ist ein sklavisches Gottes• liebegleichnis, oder höchstens die ilüstcrloheiulc Brunst einer GoUheitsz.cuginig zur Vollkommenheit, ent• stammelt den heißen Lippen einer erilensclimachtcn• den, erdenferiicn Inbrunst, geschaut von den neid• gierigen Blicken derer, die Gott zu sich herabgezogen, weil die Seliöpfungstat sie nicht mehr zu ihm empor• führt. Die Liehe ist versunken und Gott — schweigt. Auch er ist erstarrt. Grauenvolles Sdi'cksal der rein• steil Dichtung! •־ — — — Aber in anderen Völkern, anderen Zungen hebt das unfaßbare Staunen vor der Urgewalt des Liedes der Lieder in Dichtung, Lied mul Kunst. Aber den wahren Rhythmus des Sanges, des freiesten, befrei• endsten, der je den Menschen geschenkt ward, kennt keiner von den Großen der Erde. Oft und oft wird er zum Totentanz, dem Symbol jenes anderen Rhyth• mus. Seihst, wenn er in Frau Isots und Herrn Tristans wundersam-kühlem Feuer aufflammt, das sich zu reinster Kunst ־ eines der stärksten Dichter der letzten Jahre mit den Worten des Hohen Licdci entzündet, ist cs nicht das, was in dem Liede lebt, nicht das, was wir brauchen, was wir suchen. Ja, wir suchen, wir, die Erben des Liede» der Lieder, suchen oft In Quai da» verborgene Erbe,

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