Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 242 JUED1SCHE RUNDSCHAU N2 .׳ö Die Memoiren einer Nationalfonds-Biiclise > Die nachfolgenden Memoiren sind mir von N. I•'. ü. Nr. K, 3'5!״() zur Veröffentlichung überleben »vor• (len. Das Manuskript trägt die Widmung; ״Uuserein iiiiermüdlieben Förderer Nathan Gross in Köln 11. Kl», zu einen." 1.0111h l.ewin. Mit einer Anzahl Schwestern wurde ich von der Laiidcssaminelstelle nach einer gröberen Stadt verschickt mul kam dort durch den Nationalfomls-Kom• missiir in die Münde eines jungen Mannes. Er hing mich über seinem Schreibtisch auf und iüiirte mir {leidig Kupfermünzen zu - sein Prinzip war; jeden Tag 2 Pfennige in die Büchse zu tun. Da sein Zimmer indes mir selten von anderen Leuten betreten wurde, gestaltete sich mein Dasein ziemlich einförmig, bis meinem Gönner der Einfall kam, mich in dys Wulm• ziinmer, dem Haupttimniiclplatz der Familie, zu ver• scl/cn. Zunächst wurde mir der Aufenthalt in diesem Raume strengstens untersagt, denn mein junger Freund war der einzige Zionist im Hause. Durch gut• liebes Reden war nichts zu erreichen; so hing mich mein Freund ־• ohne weiter zu fragen — an einem vorteilhaften Platz, des Wohnzimmers auf. Man regle sieh über mein Eindringen auf, man sah mich mit wütenden Aiigeii an. Was mir das schon aiisinachtc! 01» meine Gegenwart störte oder nicht, war mir gleichgültig. Ich erreichte jedenfalls durch meine Anwesenheit, dait man sich sehr oft mit mir beschäftigte, besonders auch, wenn Itesiuh da war. Ich hot stets erwünscht oder nicht -- Stoff zum Gespräch, welches dann meist mit einer Debatte über das zionistische Problem endigte. leb werde mich durchsetzen. Davon war ich über• zeugt, und behielt recht. Allmählich hörte man nam• lieh auf, sieh über inieli zu ärgern. Atan war müde geworden oder hatte sielt au meinen Anblick gewöhnt. Da geschah einmal etwas Merkwürdiges, Die Haus• frau feierte Geburtstag, und als sic in ihrer freudig• erregten Stimmung auch mich gewahrte, kam sie auf mich zu und schenkte mir einige Münzen, ״Soll sie auch mal 'neu guten Tag", sagte der Vater und tat das gleiche, ״Was sagst du daz*, Willy?" wandte er sich an iiieiiien jungen Freund. Der lächelte zwar glücklich, erwiderte aber selbstsicher: ״lluh ich’s euch nicht vonmsgesagt?" Ich fürchtete schon, das mühsam erworbene billchen Gunst durch diese ge• wagten Worte wieder eiiiziibübeu, aber meine Mcfiirch• hingen waren iiuniit/. Im Gegenteil. Man begann, mir jetzt öfters Aufmerksamkeiten zu bezeigen, man inleressierte sieh, was mit dem Geld geschähe, das mau mir anvertraule, die ganze Familie war sclilielllieh um den Tisch herum, wenn am Clia 111 hamoed Sukkaiis und Pessaelt die Leerung vorgeiiommen wurde. Mau wollte auch lesen, wo die betrüge atisgewiesen waren, und so wunderte die zionistisehe Zeitung eben• falls aus dem Ziinmer des jungen Mannes in da•• Fa• milieuwolmziniuier. Anfangs beschränkte sieh das all• gemeine Interesse nur auf den Nationnlfnnds-Auswcis, bald aber las man das ganze Blatt, und olt diskutierte man seinen Inhalt, - Eines Tages besuchte ein ehrwürdiger alter Rah• bincr den Hausherrn. Er wies Empfehlungen vor, die seine Beziehungen zu den reichsten und vornehmsten Kreisen, beglaubigten. Er sprach eine Weile mit dem Hausherrn, legte eine kleine Sammelbüchse auf den Tisch und empfahl sieh mit Segenswünschen. Man hing die Derutsgciiossin neben mich. I loch• mutig und steif guckte das kleine rote Ding in die Welt und hielt es nicht einmal für nötig, sieh vor* zustellcu. ״Oho,“ dachte ich, ״was soll das Be• nehmen?" und wandte mich höflieh an die Kollegin: ״Für wen arbeiten Sie bitte, wenn ich fragen darf?" ״Für die Chalukah," kam es kurz zurück, Mir ging ein Licht auf. ״Und Sie hoffen liier Hinnahme• »luellcu zu haben?" ״tiewili, die Clialnkah findet überall speudenwilligc Hände!" ״Bei Zionisten wohl weniger," warf ich ein, ״denn d i e innchcu einen Unterschied •/wischen \VohUäVigke'ü und organisierter Zukuuftsarbcit. Für letztere bin ich tätig." ״Ich tnerke, Sic sind vom NationaUomls; aber m i r können Sie nicht imponieren. Sie speichern ja Ihr Geld nur auf, ohne Zweck lind Ziel!" ״Sie sind da entschieden schlecht unterrichtet, Kollegin," entgegnete ich etwas gereizt, ״sonst mühten Sie wissen, dall heilte bereits über ()()״'« des Kapitals in Pa• last in a investiert ist." ״Und dennoch ge• winnen wir leichter Vertrauen," ״Bei den Gleichgültigen," gab ich zurück, ״die nicht wissen, wofür sie gehen." Damit war unsere erste Unterhaltung beendet. In der ersten Zeit war die Chalukahkollcgiu sehr erstaunt, als sie merken muhte, dall sieh nie• maiid um sie kümmerte, ich hingegen mit der ganzen Familie ständig in Kontakt war. Nur der Hausherr führte der Chalukalibiichse gelegentlich einige Min»• zen zu. ״Es tut mir leid, Kollegin," sagte ich einmal, ״aber Sie sehen, diese Leute denken bereits anders über Ihre Sammlungen. Es hat sieh die Anschauung hier ebenfalls durchgesetzt, welche die Lösung des jüdischen Problems als eine gewaltige Arbeit bc• trachtet, die nicht mit Pfliistereheu zu überwinden ist, sondern die grolSziigig ausgeführt werden uiult, und an der jeder für sein Teil mllarbeilen in 11 li, auch ohne gleich durch sichtbare Erfolge entschädigt zu werden. Dieses Hewulltsein helfe ich durch meine Wirksamkeit entfachen und kräftigen; und dadurch bringe ich, wo ich liinkoinme, jüdisches Leben ins I Luis,“ Die Kollegin blieb auf diese Worte stumm. Au einem Wintcrnachmittag erschien der Bote der Gcineimlcgewnltigen, um die Clinliikalibiichse zu leeren. Der Hausherr fügte den wenigen Pfennigen noch eine Summe aus seiner Börse hinzu, gab aber dem Boten gleichzeitig die Büchse zurück mit den Worten: ,,Bestellen Sie bitte, dall sich die Büchse bei uns nicht bewährt.“ Ein Geschäftsfreund des Hausherrn, der gerade anwesend war, fragte verwundert: ״Sie haben doch aber noch eine Büchse hängen. Bewährt sieh die denn besser?" ״Und oh, Vcrclirtcstcr," war die Antwort, ״Hie N. F. Ihichse gibt tms recht viel, sie hat uns ein ganz nettes jüdisches Interesse gebracht. Und weil sie gibt, versieht sie auch zu 11 e h in e 11. Sie sollten die Kur auch mal 'versuchen. Nehmen Sie das Zaiiherdinglein mit, ich lasse mir rasch eine andere Büchse schicken,“ Sprach's, nahm mich vom Nagel mul schob mich dem anderen in die Hock• tasehe. Der lächelte zwar ungläubig, doch da er einen grollen AbsehliilJ vorliatte, fügte er sieh und trottete mit mir heim. Zu Hanse imgelangl, zeigte er mich sofort seiner I ran, ״Um Gottes willen“, schlug diese die Hände über dem Kopfe zusammen, ״eine zionistische ItniliKe! Wie kannst du mir so'was ins Haus bringen!“ Nach* dem sie über den Hergang aufgeklärt war, beruhigte sie sieh etwas: ״Aber draiillen hängen darf mir die Büchse auf Keinen Fall!" Damit rauschte sie aus dem Ziinmer, Ich bekam keinen gelinden Schrecken, aber ehe ich mich erhöhe, war die Weisung schon befolgt. Ich fand mich in einer dunklen Schublade, wo ein paar Zigaretten, ein Kueifcielui mul einige bejahrte Kravatten meine einzigen Gesellschafter waren. Da halte ich nun reichlich Zeit, über die ineiisch• liehe Niedertracht naeliziidenken, die mir völlig jede Arbcitscnlfaltmig nahm. Was sollte ich tun? Es blieb mir nichts anderes übrig, als in Geduld atisziibarrcu. Es mochte ein halbes Jahr vergangen sein, als sich eines Tages die Tore meines Gefängnisses öffneten. Der Hausherr nahm mich heraus und stellte mich auf den Tisch, neben welchem ein junger Mann ausgerüstet mit Geldsäekchen, Schlüssel, <0״illungsbueh mul Verselilullstreifen stand, um die Leerung vorzmtehmen, Ruhig und gar nicht he• schämt sah der Hausherr zu, wie der junge Mann M, 0,01) in das (,»mltniigsbuch vermerkte. Seinen Namen hierunter zu setzen, sträubte er sieh zwar anfangs, tat's aber sclilielllieh doch. ״Ls kommt hei uns nichts herein," meckerte er, ״wir haben so selten Besuch; und dann kann mau allen Leuten die Büchse auch nicht gleich vors Gesiebt halten. Kommen Sie nach ein paar Wochen wieder, vielleicht wird daun etwas drin sein!“ ״Tja," sagte der junge Mann, ״dem Ucbelstniule könnten Sie leicht abbellea!" ״Uewill, da haben Sie recht; aber man gibt schon so viel, selilielilieh weil! mau gar nicht, wo man zuerst geben soll," Ich!nullte wieder in mein dunkles Verheil wandern. Nachdem sieh das erwähnte Schauspiel bei der nächsten Leerung wiederholt halte, erhielt der Herr von dem N.!•’.•Kommissär einen Brief des Inhalts, ״dall es nicht für zweckdienlich gehalten werde., die Büchse länger in seinem Besilz. zu lassen." Freudestrahlend händigte mich der Hausherr der jungen Dame ein, welche nach einigen Tagei» vor• sprach, um mich in Empfang zu nehmen. Die aber sagte keck: ״Sie treue»» sich, dall Sie die N.F.* Buchse nicht länger behalten dürfen? Wenn mir das passierte, würde ich mich furchtbar schämen müssen!" Das Mädchen kniste zierlich und empfahl sieh. Der Hausherr aber machte ein wenig■ schlaues Gesicht, denn d i e Worte waren ihm nicht klar gewesen. Nach einem kurzen Aufenthalt in dem Depot des N, I*',•Kommissärs kam ich in das Zimmer einer jungen Dame, die unlängst Zionistin geworden war, Der Aufenthalt gefiel mir, obwohl ich lieber in einem Raum hänge, der von vielen Leute!» passiert wird. Ich hatte meine Freude an dem Eifer der jungen Dame; emsig shidierte sie Werke über Judentum und über Zionismus, die sie aus der Ortsgruppen• bibliothek in, bestimmter Folge empfing. Oefters besuchten sie‘ihre Freundinnen, und dann gab es stets ausgedehnte Disputationen. Einmal verfocht meine junge Freundin einen Standpunkt, der mich ängstlich aufhorehen liell. Ihre Eltern hatten bis dahin einen Wcilmachtsbaum ange/iindel, und die Freundinnen neckten und scherzten, ob der Ba»m» jn diesem Jahre ebenfalls angesteckt würde, ״Sclbstver• stündlich,“ bekräftigte meine junge Freundin. Mir wurde bei den» Gedanken etwas schwül zu Mute. Ich dachte anfangs, das Fräulein wolle ihre I min• (linnen zum besten hallen, aber immer ernster ver• focht sie ihre Sache. Die Freundinnen waren andere׳ Meinung. Das Fräulein blich dabei, sie würde an den» Weijiiiaehtshaurn den gleichen Gefallen haben wie früher, Und so theorisierte sie weiter , , . Weihnachten kam heran, und man brachte einen mächtigen Tnnnenbaum ins Haus. Im Ziinmer nebenan wurde er aiifgestellt. Auch meine junge Freundin half heim Schmücken, aber die Arbeit ging ihr nicht vorwärts, und ich konnte bemerken, wie sie bemüht war, eine Millstimmimg zu unterdrücken. A111 ״Fleiligenabeml" prangte der Baum in strah• lemlcr Ker/cufülle. Die Familie war rundherum wr• sammelt. Lieder wurden nicht gesungen, und alles kümmerte sich eigentlich mehr tun die Geschenke wie um den Baum selber. Nur meine junge Freundin warf ah mul zu einen Blick auf den Baum, aber die Blicke waren verstohlen, und kein Lächeln w.ir dabei in ihren Zügen. Da kam sie plötzlich in ihr Zimmer, setzte sich auf einen Schemel und sandte mir eine»» laugen, wie um Verzeihung bittenden Blick ans ihren schonen dtmkUn Augen. Sie hatte wohl gemerkt, dal! Weih• nachtsbaum und N. F. •Büchse niemals den gleichen Menschen zum Freund haben können. Und sie hatte gewählt. Anderen Tags kamen die Freundinnen. Denen legte das Fräulein ein Geständnis ab: ״Ich halte doch keine I reuile mehr am Weilmachtshaum h.duu können," sagte sie nachdenklich, lebhaft hi11/u(0g»ml: ״Und willt Ihr auch, wer das bewirkt bat?" Da• mit hüpfte sie heilende zu mir herüber, imIiiii muh von der Wand iititl streichelte mich liebkosend: ״Hier, dies Diuglein hat mich so vorwurfsvoll angesehen, dall es nicht lange dauerte, bis ich zur rechten Ile־ sinunng kam," — Nach diesem schönen Erlebnis habe ich nicht mehr lauge in Tätigkeit bleiben dürfen. Durch Un• Vorsichtigkeit heim Leeren erhielt ich einen Fehler, der mich zur weiteren Arbeit untauglich machte. Freunde, die Ihr meine Memoiren gelesen habt, ich richte an Euch eine Bitte :Werft ein Scherf• lein, das in c i 11 e 111 A 1» d e n k e 11 geweiht ist, in Eure N. F. B ti eh s 0! Dann werde ich unserer Sache noch zu einem letzten Male gedient haben. T u t * s aber gleich, sonst vergeht 11» r' s. Nochmals: Die finanziellen Leistungen unserer Ortsgruppen Unter der Uebeisclniit: Lin ״Merkblatt" bespricht unser bekannter Gesinnungsgenosse• Herr llug״ Schachtel tlic materiellen Leistungen unserer Ortsgruppen auf Grund der vom Zeiitralburenii ausgc arbeiteten alphabetischen Zusammenstellung, die er nach der Hohe der Eingänge tmigruppiert. Ich miichtc hier /ui.äehst die für Stettin angegebenen Zahlen berichtigen. Die Lamlesheiträge haben nicht, wie vermutlich infolge eines Druckfehlers angegeh. a ist, bä, sondern 103 M. heJrageu. Es sind aullerdeia für Schekel und N.-E. die Eingänge aus unserem Nachbarorte Lücknilz hiii/uzurcclincu, der zur Stettiner Ortsgruppe gehört. Danach muH es heilten: Stettin Schekel 100, ,'Lamlesheiträge 103,- , N.-l . usw. r u 11 d 100, . Nael! der von Herrn Schachtel anfgeslelllcii 1.1• holle lädt sieh ja allerdings vergleichen, was in jcd< 1־ Ortsgruppe für die angegebenen Zwecke aufgebracht worden ist. Das ist insofern von Interesse,;.ls siel, daraus das Verhältnis der Seliekel/aliler zur Landes• Organisation annähernd berechnen lätH, Wem» alte Seliekel/aliler der I audesorgamsatio:! angeboren wiuden, so mültteu die Laiuiesheiträgc das dreifache der Schekel betragen. Das trifft aber nur für wenige Ortsgruppen zu (/. B. iur Lübeck), für die meisten Gruppen ist das Verhältnis aullcrordentlieli »erschieden. Völlig entgegengesetzt verhalten siel! ('In׳ in• nitz und Künigshüttc. In Chemnitz betragen die Lamlesheiträge fast das siebenfache der Schekel, während in Kö11ig־shütte gar keine Lamlesheiträge ge• zahlt sein sollen, (?) Eiir eine Abwägung der Leistungen unserer Orts• gruppen untereinander ist die Gruppierung des Hern» Schachtel leider nicht verwendbar, da sie etwas sehr Wesentliches, nämlich die Bevölkerungsziffer, unbe• rücksiehtigt |ii(lt. Man kann doch nicht so glatt• weg den Eingängen aus Berlin mit seinen Mt) 000 Juden etwa Kiel mit rund •100 gcgcnübcrstcllcn. Ich habe in der nachstehenden Tabelle die jüdische Bevölkerung für 33 deutsche Städte nach dem Jahrbuche des D. J. Gemeindcbmnlcs zusanimeugcstellt