Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 240 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 26 zionistische Arbeiten in neutsclii.nul doch keinen Zweck hätte. Andere sind so vornehm, dalJ sic unvornehm werden, wenn man sic schonend daran erinnert, daß ihre (iahen in keinem Verhältnis zu ihren Mitteln ständen und verbitten sich inquisitorische Einmischungen in ihre Privat• Verhältnisse. Eine besonders liebe Spccies sind die, welche aus prinzipiellen Gründen für alle Paläsiinauntcrnehmungen nichts geben, aber auch glatt bei jeder anderen Gelegenheit rofusieren. Endlich gibt es Leute, die so durchgeistigt und zartbescclt sind, daß sic sich nur um allgemeine I ragen kümmern können, aber nicht imstande s׳ud, das vor ihrer Nase liegende zu tun und ihre Ortsgruppe in Ordnung zu halten. Mit einem Wort: ״Es ist eine Lust, zu leben.“ In unserer Organisation wird noch viel zu v.el in ״Seele“ gemacht — obwohl es schon viel besser geworden ist, und die uns anf.ing־ lieh zugelaufene Schaar der Wiedertäufer, unverstandenen Frauen und ungedruekten Lyriker sich andere Tummelplätze ausgesucht hat — und viel zu wenig positiv geleistet, ge• arbeitet und gegeben. Der Zionismus ist keine Sammlung schöner Redensarten, sondern die Lebens- oder Todesfrage unseres jüdischen Volkes. Vorwärts kommen wir nur, wenn sich jeder von uns mit allen Zähnen in seine Arbeit hincinbeißt, sich Scheuklappen vorbindet, um nur sein Ziel und nicht rechts noch links zu sehen und wirklich alles, aber auch das letzte leistet, was er kann. Darum: weniger Seele und mehr Portemonnaie. Dr. H. G. H e y m a n •1. Eine kalifornische Kolonisations-Methode Von Davis T r i c t s c h , Berlin.*) Die grüßte von all den zahlreichen Schwierig* keiten, unter denen die jüdischen Kolonisationsvcrsuehc bisher zu leiden hatten, lag in dem Mangel an einer geeigneten Methode. Wurde eine Anzahl von Juden irgendwo angesicdelt, so hatte man meist nichts anderes dabei im Auge, als die Kolonie so schnell als möglich in ertragsfähigen Zustand zu setzen, und man war befriedigt, wenn dies sich in nicht allzu langer Zeit ermöglichen ließ. Man nannte das dann einen Erfolg, ohne sich zu vergegenwärtigen, daß seihst eine noch so große Anzahl solcher ״Erfolge“ im besten Falle nur den wenigen Kolonisten geholfen hatte, und zwar meistens mit ganz unvcrhältnismäßigen Geldopfern. Eine Kolonisation, bei der jede neue Gruppe aufs neue von vorn »nzttfangen hat, kann bei der Un* gewöhnlich landwirtschaftlicher Arbeiten und bei den sonst■ recht reichlichen Schwierigkeiten zu einer großen Abhilfe durch,ans nicht genügen. Auch deshalb nicht, weil zur Anssendung stets neuer Gruppen Geldmittel gehören würden, wie sie tatsächlich nicht flüssig ge• macht werden können. Die ganze Sache wird viel zu sehr von Fall zu Fall behandelt. Hat man sich gegenüber irgendeiner Notlage einmal zu einer ״Tat“ aufgerafft — und zwar selbstverständlich zu einer unzulänglichen —, so ist man befriedigt und ״wartet“ eben auf den nächsten derartigen Fall, um wieder ״etwas zu tun". Eine Abhilfe ist hier dringend notwendig. Will man kolonisatorisch auch mir Nennenswertes vollbringen, so muß System in die Sache gebracht werden. Sons: sind wirkliche Erfolge — bei der Neuheit land• wirtsi haftlicher Beschäftigung für die Juden — selde. hterdings unmöglich.**) I.n folgenden soll eine Kolonisationsmethodc ski/.zi!1t werden, die in Kalifornien mit schönem Er• folge angcwemlet wird, und die mir, unseren Ver* hältuusen angepaßt, sehr aussichtsreich erscheint. *> Dieser Artikel erschien zum erstenmal in der ״Wcl ‘ (Juni 1890), und /.war auf Iler/Is Ersuchen, dem ch die Sache als geeigneten Modus für /io־ nistisihe Kolonisation auseinandergesetzt halle. Dänin-!} hat die Anregung keinerlei praktische Folgen gehab,. Möglich, daß dies auch noch für «len heutig;•n •Wiederamlruck des Artikels zutrifft. Jedenfalls :ei hiermit das Thema nochmals zur Diskussk i gestellt. *‘t An in. d. R e d. Diese einleitenden Säl/e dürften in der allgemeinen Form, in der sie vorgebracht sind, heute bereits als veraltet gelten. Denn daß bestimmte Methoden in unserer kolonisatori• scheu Arbeit befolgt werden, muß heute wollt auch von denen anerkannt werden, die noch neue Vor• schlüge vorztthringen haben oder einzelne der bishörigen Maßnahmen nicht billigen können. Fraglos erinncit auch dieser alte und doch sehr aktuelle Vorschlag unseres Freundes Trietsch an manche unserer lieutc geübten Methoden. 23« .... ...... ״, . ... , . . .. v) *י ״ - *" "-■••£ Zahlreichen Wünschen entsprechend, die uns vor allem aus studentischen Kreisen geäußert wurden, haben wir uns cnti.chlosscn, neben der bisher üblichen Zustcllungswcisc unserer Zeitschrift ein Abonnement mit direktem cinzuführen. Dieses Abonnement empfiehlt sich für alle, die mehrmals im Laufe eines Quartals ihren Wohnsitz wechseln, da cs dann nur einer Mit* tcilung an unsere Expedition bedarf, um die Zustellung an eine neue Adresse zu veranlassen und weitere Kosten nicht erwachsen. Bei der gebräuchlichen Zustcllungswcisc sind für jedesmalige Änderung 50 Pfennige an die Post zu entrichten. Bei der Zustellung durch Kreuzband sind wir gezwungen, einen Teil der Mehrkosten dem Abonnementspreis zuzuschlagcn, sodaß sich der Preis für das Quartal, das an jedem beliebigen Monatsersten beginnen darf, auf 1. 1,80 stellt. Außerdem führen wir ein Monatsabonnement ׳ zum Preise von Eli. -,65 ein. Wir hoffen, daß diese Erleichterung von unseren Freunden durch rege Propaganda für ihr Blatt ausgenutzt werden wird, so daß sich die erheblichen Kosten und Mühen, die uns dieser neue Modus verursacht, durch Anwachsen unseres Abonnentenstammes wenigstens teil• weise ausglcichcn. Verlag der Jüdischen Rundschau Berlin W15, Sächsische Str. 8. Das System ist nußerortlentlich einfach. Eine Gesellschaft übernimmt ein größeres Stück l.aml, parzelliert cs 11111I bietet die Parzellen zum Kaufe au. Aber nicht das Land wie es ist — für solches fänden sich wenige Käufer. Die Gesellschaft übernimmt es, das Land in — sagen wir — fünf Jahren in ertragsfähigen Zustand zu versetzen (in Kalifornien handelt cs sich meist um Bnumkuitur) und offeriert ihre Parzellen vollständig hergeriehtet und bepflanzt, so daß der Käufer, der fünf Jahre Zeit hatte, die Kaufsumme in Raten zu bezahlen, nach Ablauf dieser Zeit sieh im Besitze eines ertragsfälligen Laudslückcs befindet. tu dieser Weise könnten Kallfleute oder Hand• werker Landwirte werden, ohne durch ihre Unkenntnis der Landwirtschaft sehr behindert zu sein, da die Itaum ernte vevUtÖUwmväbig geringe Schwierig• keiten bietet. Einen Pflamneubamn zu schütteln ist sozusagen keine Kunst. Die Gesellschaft geht aber noch einen Schritt weiter. Es handelt sieh ja auch darum, für die Pro• duktc einen Markt zu finden. Zu diesem Zwecke ist eine Organisation vorhanden, bestehend aus den Kolonisten, die für ihre Mitgliedschaft einen be• stimmten Beitrag zu entrichten haben, und geleitet von Eachlcuten und gewählten Vertretern der Mit• glieder. So kann der Besitzer einer Parzelle an seinem hi«!;erigen Wohnorte bleiben und seiner bisherigen Be- Schädigung naeligehen, so lange er will. Er bezahlt für die Arbeit, die auf seinem Stück Laude getan wird, er entrichtet seinen Beitrag an die Verkaufs- Organisation und steckt den Ucbersämß in die Tasche. Ein derartiger Verkauf der Produkte sichert nicht allein die Erzielung der höchsten erhältlichen!,reise, es wird auch dadurch einer Konkurrenz, innerhalb der Kolonie vorgcbcvgt. Zu räncr präziseren Vorstellung von dieser Methode dürfte cs vielleicht dienlich sein, einige nähere Au. gaben mit Ziffern mit/utcilen, die für unsere Ver• hältnissc zwar keineswegs maßgebend sein werden, immerhin aber einen illustrativen Wert haben. Der Käufer einer Parzelle in Maywood Colony (Kalifornien) bezahlt im ersten Jahre 35 Dollars per Acre für Pflügen und Bepflanzung. Gepflanzt werden zweijährige Mandel•, Feigen־, Pfirsich•, Aprikosen-, Birnbäume ttsw. (Bei Olivcnpflanzuugcu ist der Preis 10 Dollars per Acre.) Im zweiten und jedem folgenden Jahre s!!1׳i 12' a Dollars per Acre zu entrichten fiir die votlstaiul ge Pflege der Bäume durch Arbeiter, die unter facti, inännisdier Leitung stehen. Auf diese Weise kostet z. U. eine Parzelle von 10 Acres (I Hektar): 500 Dollars für das Land, 100 Dollars für 000 Olivcnbäiimc inklusive Pflanzung und Pflege im ersten Jahre und 375 Dollars für die Pflege der Bäume in den drei folgenden Jahren. Diese Zahlungen - im gan/en 1275 Dollars bringen die ,flan/ung in tragenden Zustand, und eine vorsichtige, mäßige Schätzung spricht von einem Reinerträge (nach dein vierten Jahre) von 500 bis 5000 Dollars pvr Jahr. Dies wären 2000 bis 20 000 Mark per Jahr von einer Knpitalsanlage von 5100 Mark. Ich habe oben erwähnt, daß ich die Ziffern nicht als maßgebend hinstellen möchte. Um zu zeigen, wieviel Spielraum einer mehr pessimistischen An• schaumig gelassen werden kann, dürfte es genügen, an folgendes zu erinnern: Eine kürzlich erschienene Statistik über die algerischen Juden gibt als ״wohl• habend“ diejenigen Familien an, deren Ernähr.*r 1 Francs und mehr per Tag verdient - davon kaut eben im Orient eine Familie leben! (Aber auch der Jaffacr jüdische ״Mittelstand" osteuropäischer Her• kunft hat meist kein größeres Einkommen als J000 bis 1200 M.) Es erübrigt sich noch, über die Anpassung der geschilderten Methode für unseren Fall einige Worte zu sagen. Der kolonisierende Faktor erwirbt ein Stück Land, ausreichend, sagen wir, fiir 1000 Familien und ent* sprechend in 1000 Par/ellcn geteilt, die /tun Kaufe angeboten werden. Der Erwerb von Par/ellcn durch Ratenzahlungen wird weiteren Kreisen ermöglicht werden können, da die Ah/ahluugsdauer ja keine be• stimmte sein wird. Wir mögen aiinehmin, daß es sich meist nur um 5 bis 15 Jahre bandeln dürfte, doch ist auch eine bedeutend längere Dauer durchaus nicht ausgeschlossen. Diese Ratenzahlungen, die ja vom ersten Jahre an einlaiifeu, ermöglichen der Gesellschaft sofort eine genügend große Anzahl von Arbeitern zu kolonisieren, die die ganze Strecke von 1000 Parzellen gleichmäßig in Arbeit nimmt. Diese Arhcitcrkolonistcn — nehmen wir an 200 — bezahlen sozusagen ihre Raten in Arbeit, die selbstverständlich wohlgeleitet sein wird. Ich betone nochmals, daß ich die Ziffern nicht als maßgebend auuehme. Aber wenn man sielt vergegenwärtig!, daß diese 200 Familien im Orient für ihren Unterhalt hochgcreclmct hunderttausend Francs benötigen, Jiml daß dieser Unterhalt teilweise aus eigener Produktion gewonnen wird, so dürfte cs klar sein, daß die Ratenzahlungen der Landkäufer in jedem Falle, d. h. auch bei Annahme eines anderen Ziffern• vcrhältn'sscs für den Unterhalt der Arbeiterkolonisten atisreicben werden. Die Gleichmäßigkeit der Bearbeitmig selbstverständlich mir soweit die Boden• art »sw. eine solche gestatten — kann zum Beispiel dadurch gesichert werden, daß den Arbeitern erst nach etwa 5 Jahren ihre eigenen Parzellen zugewiesen werden. War die Bearbeitung nicht gleichmäßig, so erhalten die Arbeiter schlechtere Stücke Landes. Auf diese Weise kann ein Anfang ziemlich großen Stiles gemacht werden, ohne große Geldmittel und mit sofortiger Arbeitsgelegenheit für die ersten An- Siedler. Auf diese Weise wird aber auch das Be• denken der jüdischen Kaiiflcuto und Handwerker be• seitigt, denen heute der Uebcrgnng zur Landwirtschaft mindestens als ein gewagtes Experiment erscheint. Der jüdische Kaufmann und Handwerker, der sich eine ruhige Zukunft schaffen will, wird sich einen Termin von einigen Jahren setzen, innerhalb welcher Zeit er seine Geschäfte weiterführt und all• mählich abwickelt und seine Parzelle ganz oder teil• weise abbezahlt. Unter Umständen kann ihm sein Stück Land schon Nutzen tragen, noch bevor er dahin geht, Eignet er sielt zu keiner Art landwirtschaftlicher Arbeit, so wird er sie stets von Arhcitcrkolonistcn geleistet bekommen können. Weitere Einzelheiten dürften kaum nötig sein, und so will ich zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren und resümieren: Eine derartige Methode bietet eine gründliche Abhilfe, bricht mit dem dcmoralisierenden Wohltätigkcitssystcm und geht in ihrer Wir• kling weit I1inr.us über die bisherige ״VomFall*/u־FnlLMethode",