Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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b.irkeit einer bestimmten Bevölkerungsschicht“; cml. lieh bedeutet starkes Herabsinken der Geburten. Ziffer (d. i. die Reduktion der absoluten Geburten, zahl auf 1000 Personen im Jahre) bei den Juden wtnen ihres abweichenden Altersaufbaues noch nicht ebenso starkes Sinken der Fruchtbarkeit, Bleibt tum auch die natürliche Zunahme (Ueherschuß der hbeudgeburten über die Gestorbenen) bei den preu. Ilischeu, bayrischen, württembergischen und hessi. sehen Juden (für das Reich gibt׳s entsprechende Ziffern nicht) erheblich zurück, so ist doch zu he• denken, daß neben äußeren, vom Willen des ein- 71 Inen unabhängigen Ursachen — überseeische und l'innenwandcrnngen, soziale Umschichtung (Wachsen der .Masse der Angestellten, Verberufllclnmg der Frauen) — als hochwichtiger innerer Grund, ab. gesellen von Taufe und Mischehe, die ganz ander, ordentlich verbreitete'freiwillige Limitierung der Kin. d-rzabl (aus Mangel genügender wirtschaftlicher und sozialer Konsolidierung heraus) in Frage kommt, die nun verwerfen oder verteidigen mag, die aber jeden• fa'ls mit ihrer ganzen reproduktionswidrigen Macht <1 ׳■'teilt. Gelingt es, deren auf rationalistische» Fr. wägungen beruhenden Unterbau zu erschüttern, dann i;t auch die ungünstige Prognose für die Zukunft der deutschen Juden erschüttert. Das Wissenschaft, iuh wertvollste Ergebnis dieses Kapilals ist, daß es d«׳m Verfasser gelungen ist, scharf die äußeren, vom Willen des einzelnen unabhängigen und die inneren Gründe des Geburtenrückganges klarzulcgen. ~ 2. Die erwerbstätige Bevölkerung: nach dem reinen Bevölkerungsprublem das wirtschaftliche mul soziologische. Die gesamte bei der Berufsziih• hmg erfaßte Volksmenge läßt sieh hinsichtlich lirer Stellung zum Beruf in vier grolle Gruppen zerlegen: da׳ erste Stelle nehmen die Erwerbstätigen im Hauptberuf ein (Wirtschaftsträger, die ״nützlich .Ar• luitendcn“). Die zweite Gruppe bilden Dienende für häuslichen Dienst, welche ein Dienstpersonal darstellen, das im Hause des Arbeitgebers lebt. Zur dritten gehört die große Masse der Angehörigen, welche beruflich nach außenhin nicht hervortreten und die Mittel zur Befriedigung׳ ihrer Lebeushcdürf• nissc nicht aus eigenen Kräften sich verschaffen kön• nen, An letzter Stelle stehen die sogenannten he« ruflosen Selbständigen, das sind jene Personen, die zwar nicht erwerbstätig sind, aber auch nicht anderen Personen wirtschaftlich zur Last fallen. Die erwerbs• tätigen Juden haben sich von 1895 bis 1907 nur um 170/״ vermehrt, die erwerbstätige Gesamtbevülkermig uin fast 30««, Woher die Verschiedenheit? Scgall führt sie auf die verschieden geartete Bcrufsgcstaltmig beider Massen zurück. Die Verdrängung der Land- Wirtschaft durch die Industrie und infolgedessen die Ersetzung der in die Industrie abströmenden früher landwirtschaftlich Tätigen (hauptsächlich Männer) durch bisher als Angehörige nur nebenberuflich be• schäftigt gewesene weibliche Personen mußte die Zahl der im Hauptberufe Erwerbstätigen der Gesamtbevölkerung erheblich steigern! Soweit bei den Juden eine, infolge ihrer abweichenden Bcrufsglicdc• rmig beträchtlich geminderte Zunahme stattfindet, ist sie hauptsächlich auf stärkere Beteiligung des weib• liehen Geschlechts am Erwerbsleben zurückzuführen. 0. Berufliche Gliederung. In diesem Kapijel, dem umfangreichsten des ganzen Buches (mehr als die Hälfte), werden Handel und Verkehr, Imtusirie, Handwerk, öffentlicher Dienst und freie Be• rufe, Landwirtschaft, Nebenerwerb, Großstädte, cmllieh Bundesstaaten behandelt. Die bekannten, nicht anders erwarteten Ergebnisse: Handel und Verkehr beschäftigen 1907 über 50״/o der Juden, gegen 560׳,״ in 1895, und nur 11״,,! der Gcsamt.Erwerbstätigcn! Der Anteil der Juden am Handel ist im ganzen, und auch in den einzelnen Berufsklassen, gesunken: weil überhaupt die Daseinsbedingungen des Detailhandels, der chemaligen Hauptdomänc jüdischer Handelstätigkeit, vornehmlich durch die kapitalistischen Großbetriebe (Warenliäuser, Großbanken) mehbUert werden. — Während von der erwerbstätigen Gcsamtbcvölkc• ״mg sich 1907 erheblich mehr als ein Drittel durch Beschäftigung in der Industrie versorgt, sind cs hei den Juden nur wenig mehr als 21«/0 (trotz einiger Steigerung gegen 1895). Von den 63 000 Industrie- Juden waren über 25 000 in ״Bekleidung und Reiuigung/« tätig, die niiehststarke Klasse ist die Industrie der Nahrungs- und Genußmittel; es folgt, in weitem Abstand, die Textilindustrie, dann: Maschinen usw., Metallverarbeitung. Im Vergleich zum Jahre 1895!,at sich der Anteil der Juden an der Gesamtzahl der industriellen Erwerbstätigen ganz besonders gehoben: Bergbau (auf das Zwülffaclie), in ״Bekleidung imd Reinigung« (um 25״/«) und in der ״Lederindustrie״ ״]m mcitr als 20״/״). Was die soziale Stellung anlinRt, so ist der Anteil der jüdischen Unternehmer u״d Geschäftsführer in fast allen Berufsgruppen, be- *anders aber in der chemischen und der Textlündu- *hie gestiegen, der der nicht leitenden Beamten und de» Vcrwaltungancrsonali in den meisten gesunken. ütc allmähliche Eroberung wichtiger Positionen der Industrie durch die ]!:den darf ziffernmäßig er״ wiescnc Tatsache hin;>,e:;01.::.1en werden. ־— Dem H a 11 d w e r k gehdrien F;07 ca. •1000 1׳ erwerhstatige jüdische Pasoucn (d. h. wohl £0 bis 9i)0Ü0 Juden iiisgctami) an, davon in erster Linie als Schneider, dann ab Hcir.eher, Schuhmacher, Bäcker. Fort also mit der Fabel, die Juden verabscheuten das Handwerk. — Ganz besonders interessant ist der Abschnitt, der vom öffentlichen Dienst und den freien Berufen handelt. Die alte Geschichte: der — nicht nur wirtschaftshistorisch begründete — starke, wach• sende Zug der Juden in die ״liberalen Berufe“ hinein. Bemerkenswert, daß der Anteil der Juden an der Kategorie der ״Höheren Reichs• und Staatsbeamten“ 1907 fast 2״f! betragt. (Scgall empfiehlt stärkeres Linströmcn der Juden in die Beamtenkarricre, was mindestens diskutabel ist.) Von besonderer Wichtigkeit sind die Ausführungen über die jüdischen Volks• Schullehrer au öffentlichen Schulen, deren Zahl In Preußen sinkt. — In der Landwirtschaft sind nur 1,30״״ der Juden tätig, dagegen fast 33״,״ aller Erwerbstätigen. Hier sei auf Segalls urteilsvolle Polemik gegen die vielfache Forcierung der Rück(?)!:ehr der Juden zur Landwirtschaft verwiesen. Mit Recht wird betont, den Juden fehle die historische Tradition — und bei dem gegenwärtigen Transitus Deutschlands vom Agrarzum Industrie-Staat die wirtschaftliche Be• rcchtigung — zu so riskanter Derufsiiinsehiehtuiig. — Es folgt eine Erörterung über die Juden in den Großstädten (mit über 100000 Einwohnern), in denen 50״״ von ihnen wohnen, von der Oesnmlbe• völkcrimg dagegen mir 'bl Imlustriell am stärksten durchsetzt sind die Juden in Crefeld (mit fast •10״״), am schwächsten in Braunschweig (11״/״); am Han• de! am intensivsten beteiligt in Plauen (771/jj״;«), sowie in den rheinischen Industrie.Ccntrcn — Bedarfs• dvekung großer Arbcitcrbevölkcriing! —, am gering• steil in Königsberg i. Pr. (27״״). Für den öffent• liehen Dienst und die freien Berufe bildet Kiel das numerische Maximum, jene Industrie• (für die Juden: Handels.) Zentren das Minimum der Erwerbstätig• keit. Das jüdische Pensionopolis (der ״berufslosen Selbständigen“) ist Königsberg i, Pr., wo fast 50״/o dieser beneidenswerten Schicht angehören. ■I. Soziale Schicht u 11 g und Einkorn* m e n s v e r 11 ii i t n i s s c: Gleichzeitig mit den iiuße• reu‘Umwälzungen in der Berufsgliederung bei der ge• samten Rcichshcvölkcrimg und bei den Juden ist eine Umgestaltung der sozialen Schichtung sowohl der Gesaintbevölkerung wie der Juden vor sich gegangen, indem die Zahl der Selbständigen abnalim, die Lohn* arbeiterschicht mächtig wuchs, als Mittelglied zwischen beiden sich ein Stand von Privatbcamtcn bildete und endlich die Frauen als Wirtschaftssiibjckte immer mehr an Bedeutung gewannen. Die Zahl der jüdi* sehen Angestellten hat sich von 1895 bis 1907 nahe* zu verdoppelt (ähnlich wie bei der Rei'chsbevölkcrung), eine Folge der fortschreitenden Betriebskonzentra• tion. Aus dem zu diesem Abschnitt gelieferten Mn• terinl ist zu bemerken, daß der Prozentsatz, der Selb* ständigen bei den Juden doppelt so stark wie bei ,der Gesamtbevölkerung ist, der des Verwaltungs- Personals um mehr als ein Drittel so beträchtlich, da• gegen der der sonstigen Gehilfen weniger als halb so groß. Wenn aber auch im einzelnen, sagt Scgall, zwischen der sozialen Gliederung der Juden und jener der Gesaintbevölkerung ein Unterschied be• steht, so beginnt doch allmählich, wie bei der Be* rufsglicderimg, so auch bei der sozialen Schichtung eine Annäherung an die Gcsamthcvölkcrimg. Hier wie dort sinkt in allen Berufsgruppen der Anteil der Selbständigen, steigt die Schicht der Angestell• teil, sowie der mithelfeiiden Familienangehörigen und Lohnarbeiter bei gleichzeitiger kräftiger Anteilnahme' des weiblichen Geschlechts am Wirtschaftskampfe. — Dies Kapitel enthält einige überaus wahre Berner•' kungen über eine Statistik der Einkcnuncnsvcrhältnisse, wie sie Soulhart, scheinbar cocrccticsimc durch Vergleichung des Anteils der Juden an der Bevölkc• rmig mit ihrem Anteil an der gesamten aufgebrach, ten Steiiersumme, in seinem — sehr geistreichen und lesenswerten — Buch: ״Die Juden und das Wirt• schaftsichen“ (10, IV, Seiten 212—224) aufgcstcllt hat und die erweisen soll, ״daß die Juden allerorts reicher waren, als die sic umgebenden Christen, immer natürlich im grollen Durchschnitt gerechnet“. Scgall zeigt, woran Sombarls Statistik imbedingt krankt: sie wählt in Tabelle 1 nur große Städte ((11»er 50 000 Einwohner), läßt also einmal die vielen kleinen jüdi• sehen Gemeinden außer acht und nndererscilK den kapitalkräftigen nichtjüdischen Großgrundbesitz; nimmt der großen Städte mir eine kleine Zahl (30), noch dazu unter starker Vernachlässigung des Ostens, der für jüdische Verhältnisse immer noch chnrakte. ristisch ist; bedenkt nicht, daß die Juden in den Städten sozial und beruflich :.;uieri geschichtet sind ab ihre Umgehung, ahm äußere Gründe das — am letzten Ende Im Tats.'ichiieiieu nicht nnztizwclfelitdc — Ergebnis völlig hccinflu; x:״; mich bleibt das große nichtjüdische Proletariat unberücksichtigt; ferner darf man, gerade in den rheinischen und oberschlesiseheit Gebieten, für die Steuerstatistik die niehtphysischen Zcnsitcn aus Bergbau und Hüttenbetrieb, deren Ka• pitalicii fast ausschließlich in nicht jüdischen Händen liegen, nicht glatt unter den Tisch fallen lassen^ muß auch, was Soinbart leider nicht getan hat, die Steuer• pflichtigen hach Einkomnieiiklassen sortieren, was für die Großstädte mit den gewaltigen sozialen Unter• schieden sehr wichtig ist. (Zu dieser ganzen ״Sta• tistik“: Huben besitzt I Mark, Simon 499 999; da kann man nicht sagen: Huben und Simon besitzen durchschnittlich jeder 250 000 Mark!) — 5. Fraucnerwcrb: Noch stehen dem Berliner klar vor Augen die Bilder der Fraucn-Aus* Stellung; da ist dieser Abschnitt von erhöhtem In• tcresse. Auch die Juden sind — zeigt Scgall — von der Frauenfrage nicht verschont geblieben; müssen, auch sic ganz wider alle Tradition, Mädclien und Weiber ins Feld der Wirisciiaftskämpfc schicken. Richtiges und Feines über die Ursachen der Wandhing ist im Buche selber zu lesen. In den 25 Jahren von 1882 bis 1907 hat sich im Reiche die Zahl der erwerbstätigen Jüdinnen gedoppelt: fast jede dritte jüdische Person, die im Sinne der Statistik erwerbs• tätig ist, ist heute eine Frau. Mehr als die Hälfte aller im Handel tätig; hier, wie in der Industrie, mit der gekennzeichneten Tendenz starken Anwach, seus in der Ueriifsstelhmg als ״Angestellte“. In der buhistric drängen sich die weiblichen Arbeitskräfte — ein statistischer Beleg für längst gefühlte Tat• saciten — in der Konfektion (ikklcidungs• und Rci• nigungsgcwerbe, Textilindustrie) und in der Nahrungsmittelbranehe zusammen. — - Dies trotz der Länge kurze Referat mag zu• nächst genügen, um für Segalls tüchtige Arbeit ver• dientermaßen zu interessieren. Sie wird ihre An• bänger und auch ihre Gegner finden; wobei nu״, im Interesse der Saeite, zu wünschen ist, daß wissenschaftliche Kritik und Polemik Niveau wahren und sich nach Form und Inhalt auf der Höhe des Buches halten. Dr. Bruno Kirschner. Künsteleien! Vor einer Reihe von Jahren veröffentlichte Herr Dr. Arthur l< a h n in dem offiziellen Organ des Ordens Btiei Beriss einen größeren Artikel: ״Die Wurzeln des Ucbels“, der innerhalb der Logenkreise eine große, teilweise sogar heftige Erregung hervorrief. Dr, Kahn wies an der Hand statistischer Tabellen und unter Heranziehung hervorragender Autor!• täten den gewaltigen zahlenmäßigen Rückgang der deutschen Juden nach und zeigte zuletzt einige Mög• liehkciten, wie diesem Zerfall entgegengearbeitet werden könnte. In die weitere ()Öffentlichkeit drang von diesem Menetekel so gut wie nichts, und man hörte auch nichts davon, ob und welche Folgerungen von den unmittelbar berührten Kreisen daraus gezogen wurden, nichts, ob von den führenden Männern innerhalb der deutschen Juden überhaupt Stellung dazu genommen wurde, inzwischen nahmen die von dem Autor gekennzeichneten Niedergangserscheinungen einen Umfang au, den er wohl selbst nicht vermutet batte. Seine damaligen Angaben über Taufen, Misch, eben, Geburtsrückg.ingo, Selbstmord und Zunahme der Geisteskrankheiten wurden nicht mir in rapidester Weise überholt, auch christliche Gelehrte fingen an, sich eindringlich mit der Judenstatistik zu bcschäf• tigen. Vergebens; diese Tatsachen wurden von den deutschen Juden und ihren geistigen Führern einfach ignoriert, als handele es sich 11m eine ganz, außerhalb der jüdischen Interessensphäre liegende Angelegenheit. Ganz natürlich! ln einer Epoche des gewaltigen gesellschaftlichen Aufstiegs der deutschen Juden, in einer Zeit, in der sieh die Emanzipation zum 100. Male jährt, haben die praktischen Politiker in den jüdischen Logen, Vereinen und Gesellschaften dringenderc Forderungen des Tages zu erfüllen: heute gilt’s: dem nscmitischcn gemeinschaftlichen Reichs• tngskaudidaten Massenmeyer gegen demokratische oder konservative Gelüste zum Siege zu verhelfen oder Herrn Guido Horst Eberhard Roscnthal die Offizicrscpaulettcn zu sichern. Erst als Dr. Th eilhoher sein trotz aller den Kern nicht berührender Einwände im Grunde starkes Buch: ״Der Untergang der deutschen Juden“ in die Welt schickte und wenigstens einen Teil der Juden nufrüttclte, begann man in jüdischen resp. israelitischen Blättern das Problem zu erörtern. Es war psychologisch außerordentlich inter• essant zu beobachten, wie das Problem erörtert wurde. Das Judentum wird da recht praktisch wie ein Zahlen• komplex behandelt. Multiplizieren, dividieren, sub. trnhicrcu — jede mathematische Kunst ist erlaubt. Wie? Dr. Thcilluiher rechnet mit 0,7״/«? Ich, Herr Scgall, rechne nur 0,6״/« heraus, und ich, Herr Wasser• mann, mindestens 0,8״/«. Aeuiierst diplomatisch verfuhr der ״Israelit“. Um die schließlich mich ihm nicht angenehme Aussicht, daß das deutsche Juden• tum bereits im Anfaiigsstadium der Agonie sich be-