Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 230 J ÜEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 2!i Gischiiftllmberci erscheint. Um so »»ehr »mit lu•• tont werden, daß unsere Freunde zum schärfsten Widerstand alle Veranlasmmg hatte», nicht mir wegen der sachlich durchaus uii/ureicheiide» Ergebnisse, s״n• dern vor allem midi wegen der gerade/» provo/ieren• den, alle freilieilliehen Anschauungen mit I*üHcii tretenden Form, in der die Majorität ihren Willen durch setzen wollte. Zwei!hinkte waren es, die unseren Freunden von prinzipieller Wichtigkeit waren: 1. Die versuchte Beschränkung des passiven Wahl• rechts der Gemeinden, 2. die Nichtberücksichtigung der Minoritäten hei den Wahlen zum Ausschiill. In beiden Punkten wurde ein prinzipieller Erfolg nicht erzielt. Wenn aiteli die, schließlich .iiigenomme• neu Anträge einige erhebliche Milderungen mdweiseii, so ist doch die bisherige Norm, wonach die Ge• mcinden in der Auswahl der M.,inner ihres Verhaltens, völlig unbeschränkt ,waren, grundsätzlich beseitigt. Die Berücksichtigung der Minoritäten im Ausschult hätte sich mit Leichtigkeit durch ein Proportionalwnhlrecht fctUegcn lassen, das sich Imndertfach bewährt hat. Es ist eine Impotenzerklärung schlimmster Art, wenn der Referent, Herr Dr. Salomo 11, betonte, daII eine ״brauchbare juristische Formulierung sehr sclnvie* riß4* ist. Statt dessen bat man zwar die Zuwahl von Vertretern aller Richtungen in Aussicht gestellt, aber cs ist doch ein erheblicher Unterschied, ob eine solche als ein Akt der Großmut der Mehrheit oder auf Grund eines statutarischen Rechts erfolgt. Vdn der ״Großmut der Majorität“ ist ja ohnehin jetzt sc'on mehr als genug die Rede. Diese Haltung gegenüber dem gerechtesten aller Wahlsysteme, der offiziellen Forderung des politischen Liberalismus, ist überhaupt das Charakteristischste an den Verband* lungen des Gcuieindetnges, weil es die Chamäleon• nalur unserer ״liberalen4* Juden so recht beleuchtet. ״Theoretisch44 hält auch der Referent der» Proporz, für da> ״richtige System״, aber-Und mm kommen ei».י Reihe von Entwänden so schwächlicher, für den Gc ncindclibcralisintis so kompromittierender Natur, da! auch dem (Blindesten •das ״liberale44 Prinzip zur Erkerntnis kommen muß: ״Sei im Besitze und du bist im Recht.44 Nun wird j» allerdings eine ״gemischte Ko Emission44 die Frage der Verhältniswahl ״studie tn", aber die bisherige Haltung der liberalen Gemeinde-Machthaber berechtigt der Einsetzung dieser ״gemischten Kommission44 gegenüber nur zu einer ״gemischten Freude". Viel schlimmer und provozierender aber als dieses reaktionäre Gebaren war die Form, in der die Mehr• bei» ihren Willen diireh/tipeitselien suchte. Nicht gen 1g damit, daß der Ausschuß eine seinen Wünschen passende ״Walilprüfungskoinmission44 eingesetzt, daß er ::ich seihst schon monatelang vorher als ״Wahlbccinflussungskommissiou44 konstituiert batte, daß er nicht davor zurückschrccktc, die Gemeinden durch die Drohung mit Entziehung der Subvention cinzuschiichtern I Als alle diese Mittel nicht verfingen, da kam man auf den verblüffend einfachen Gedanken, 160 Mardatc der Opposition zu kassieren, um auf diese Weise sich eine Zweidrittelmehrheit zu schaffen. In der Tat, ,verblüffend einfach I So einfach,« daß man sich verwundert fragt, warum nicht auch die deutsche Rcichsregierung den 110 Sozialdemokraten den Eintritt in den Reichstag verweigert hat; daun wäre es doch bei der Präsidentenwahl ganz anders gekommen. Aber man^ vergißt, daß die Rcichsregierung doch nicht die Skrupellosigkeit ״liberaler (icinciudchnudshon/cii4* besitzt. Die Mehrheit war so schreibt das ״Pa• milicnblatt“ — ״gut diszipliniert44. So gut diszipliniert, daß sie sogar falsch stimmte, wenn zufällig ein Antrag nicht in der vorher festgesetzten Reihenfolge zur Ab- Stimmung kam. Nur durch einen solchen Irrtum ist — wie verlautet — der Antrag Kolleuscher auf Ein- Setzung einer Waldprüfungskommission’ überhaupt zur Annahme gelaugt. Und weiter! Als der erste /ionistischc Redner, Dr. Klee, in der Generaldebatte zu Wort kommen sollte, wurde ihm dieses durch einen SchlußanUag ahgescbmUen. Zwei wehere Zionisten, Dr. Zwirn und Dr. W i» k 0 w s k i, wurden von der so wohlerzogenen Mehrheit einfach »icdcrgcbriilJt, und nach Ansicht der Mehrheit mit Recht, denn (so führte ein Rabbiner, der — nach einem auf dem Gcmcindetag gefallenen hübsche» Wort - ebenso liberal wie orthodox sein will, aus): ״Da kommen zwei junge Herren (!) und sagen, ich muH euch noch etwas Unangenehme« sagen. Das ist aber nicht die Art, wie man eine solche Versammlung absehließt.44 Und der Vorsitzende stellte den lapidaren Leitsatz, auf: ״Wenn die Versammlung einen Redner durchaus nicht hören will, so kann ich das nicht ändern.“ Diese Entgleisung, die ollen parlamentarischen Formen geradezu ins. Gesicht schlägt, ist selbstverständlich von der ״gutgesinnten" Presse schamhaft vcrschwiegen worden. Angesichts dieser schamlosen Vergewaltigungsver• suche war selbstverständlich schärfste Abwehr geboten und der ,wuchtige Protest unseres Freundes Dr. Kollenschcr verfehlte denn auch seinen Eindruck An unsere׳ Leser! Es ist das Verdienst des XIH. Dclcgicrlentagcs, wieder einmal mit voller Deutlichkcit seinen Willen kundgetan zu haben, unsere Partei presse mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern. Da ist cs denn wohl am Platze, heute darauf hinzuweisen! daß die ״Jüdische Rundschau" mit der nächsten Nummer das zweite Quartal ihres XVII. Jahrganges beschließt und daß daher gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen ist, diesen beinahe einmütigen Willen der deutschen Zionisten in die Tat umzusetze n. Die Arbeit innerhalb der Ortsgruppen wird zumeist der Durchführung des vom Delegicrtentage beschlossenen Pflicht-Abonnements zu gelten haben. Jedem einzelnen unserer Freunde aber sollte es gelingen, außerhalb unseres Kreises der ״Rundschau" wenigstens einen neuen Leser zu gewinnen. Schon das würde unserer Sache einen guten Dienst leisten. Auch Adressen, an die wir mit einiger Aussicht auf Erfolg Probenummern unseres Blattes senden können, sind uns willkommen. Zur Bequemlichkeit unserer Abonnenten haben wir dieser Nummer Postscheckformulare beigelegt, mittelst derer die Einzahlung des Abonnementsbetrages ohne beson* dere Kosten erfolgen kann. Diejenigen unserer Abonnenten, die ihr Blatt bei der Post bestellt haben, wollen um umgehende Erneuerung ihres Abonnements besorgt sein. Redaktion und Verlag der ״Jüdischen Rundschau“. nicht. Mit ruhiger Würde erklärte Dr. Kollenschcr, ungeachtet allen Drängens ‘kr Mehrheit und einiger berufsmäßiger, Scholmmi-Politikcr, daß er aus dem Protest zwar keine Konsequenzen ziehen, ilm aber nicht ztirück/ielicit wolle, da die Tatsachen, gegen die der Protest sich richte, wenigstens als unrechtmäßig gekennzeichnet bleiben »mißten, zinnal er sieb davon eine erzieherische Wirkung auf den D. J, G. B. ver* spräche. Wenn Geigers l.cibblatt über den ״Präzeptor des Genieindct.iges44 s|kittell, so inag’s drum sein; die Vorgänge auf den» Gcineindetng habe» unwiderleglich erwiesen, daß dein jüdischen Gcinciiulelibcralismus ein Präzeptor für die Fächer Freiheit und Gerechtig• keit bitter nottut. Was vcrsdilägl’s, wenn darob die ganze liberale Preßmeute — bis zu dem Straßburger Blättchen herunter — sich auf die Zionisten stürzt, wenn sie von einer ״liamllung gegen Treu und Glau• bei»4', von der ״Erregung physischen Unbehagens** spricht, wenn sie eigens für diesen Zweck einen neuen ״ismus“ — den ״Intransigcntisimis44 — erfindet, oder wen» gar das Organ des ״Präceptor üermauiae44 versichert, daß sieh die Abneigung gegen die Zionisten verstärkt habe. Mehr denn je giß von diesen Organen des ״gebildeten deutschen Judentums“ das Wort: Und ihres BcIIais lauter Schall Beweist nur, daß wir reiten. Wie morsch und faul muß es um den jüdischen Ocmcindcliber.disiiitis stehen, Wenn er mir mit solchen Mitteln seine schwindende Herrschaft zu stützen vermag, und welch bezeichnendes Licht auf seine Verfcchter wirft es, wenn die aufrechte Verteidigung demokratischer Freiheit solche Wutausbrüche hervor* znrufeu imstande ist. Inmitten dieser Molhiskcimature» den Schild der Demokratie blank und rein erhalten zu haben ist der Stolz der Zionisten, und daß er nicht schwächlich nachgab, sondern auf den» Schein gc• set/lidicr Ordnung und liberaler Gerechtigkeit u». nachgiebig bestand, sei Dr. Kollenschcr als be• solideres Verdienst iingcrcclmct. Karcski. Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland Indes seit kurzem draußen die alte, die neue brennende Jiidenlragc, in Vortrag und Schrift viel• faltig durchwuhlt, selten nur von fähiger Hand ge. meistert, vielen daher schon zum Uebcrdruß, die jüdischen Geister beschäftigt und erregt, hat üie.r einen nicht eben »inwesentlichen Teil des Problems in stiller (״No qualifizierter) Arbeit ein junger Gclehrter ein Standardwerk geschaffen, dessen er und seine Wissenschaft sich wahrlich nicht zu schämen haben. Dr. öcpubl. Jakob Scgall, dessen Name in der jüdischen Statistik (sic!) bereits guten Klang hat, schrieb, auf SO Seiten, in denen er Umsicht mit Gründlichkeit paarte und Stof fülle mit Urteil, über: ״Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland*4 (bei Max Schildherger, Inh. Arthur Schlesinger, wurde die Abhandlung, die mit 2,•10 M. gewiß nicht zu teuer bezahlt wird, in diesem Jahr verlegt; und ist das neunte Heft der Veröffentlichungen des fleißigen Bureaus für Statistik der Juden). Wenn zur• deutschen Judenfrage ein Buch geschrieben werden durfte, mußte, war’s dieses; wenn einer sich daran wagen konnte, war’s Scgall. (Ich weiß, das wird den bescheidenen Mann zu viel des Guten dünke», soll aber doch io gesagt sein.) Nicht als ob die Resultate in all und jedem überraschend wären: vieles haben wir gewußt, manches unbewußt geahnt; daß cs trotzdem an reichlich Ncium nicht fehlt, wird den in die Fragen Vertieften nicht Wunder nehmen. Wovon handelt das Buch, das kein jüdisches Bureau, aber auch kein!lolitisehcr Verein, überhaupt kein Söldner des öffentlichen Lebens wird entbehren dürfe!»? Im ersten Kapitel von der Bevölkern n g (mit Beiträgen zur l'rnclitbarkeitsstatistik)! im zweiten von der erwerbstätigcn Bevölkerung; im dritten von deren beruflicher Gliederung; von der sozialen Schichtung und den Ein ko nin e n s v c r h ä 11 n i s s c n im vierten und noch o n F r a u c n e r w erb im letzten. Ein •.reiches Pr! ־• grainrn! Hier nun kiir/gelaßt die Hauptergebnisse und was im einzelnen etwa zu sagen ist. (Zuvor noch für den nicht mit statistischer Weisheit G1> tränkten dies zu kurzer Orientierung: Volkszählungen finden seit 1871 alle 5 Jahre statt; Berufs, und Ile» triebs/iihluugeii hatte» wir 3 in Deutschland, U82, 1803, 1607; bei der amtliche» Bearbeitung der ersten ״Inventur des Erwerbs• und Wirtschaftslebens4‘ sind die konfessionellen Verhältnisse der Rcicksbcvölkcruug leider nicht berücksichtigt worden.) Als wertvollste Lehre für die Methodologie der jüdischen Statistik bleibt auch nach Segalls Forschling bestehen: daß man die jüdische und die n i c I« t j ü d i s c h c Masse in Deutscniand (und nicht nur liier) nicht ohne Zurückhaltung statistisch vergleichen d a r f, da beide, nach gesells c h a 111 i c h c m Aufbau und beruflichem Charakter, einfach inkommensurable Größen sind: quod est demonstrandum. 11» einzelnen: 1. Bevölkerung: der prozentuale Anteil der Juden au der (icsaiuthcvölkenmg sinkt ständig. Auf Stand und Bewegung 41er deutschen Juden sind, seit Gründung des Reichs, zwei Erscheinungen von bc* deutendem Einfluß gewesen: einmal die Abwandc• rnng in den Sücr Jahren (Ursachen: allgemeiner Wirtschaftsnicdergang, Ausweisungen und Antisemi* tisinus; Folge: ständige Ahn ah nie der Gcburlenrate) lind zweitens der Zustrom in den letzten fünfzehn Jahren (Ursache: Judenverfolgungen im Oster — Rußland —). Gewonnen hat die deutsche Juden-!nasse durch die Zuwanderungen in erster Reihe geschlechtlich unproduktiver Elemente, die die Gcburtempioten nicht steigern; verloren — naturgemäß — wichtige Fortpflauzungsfaktorcn, mit ihnen deren Nacnwijchs. So würde (für Deutschland! Ganz anders z. B. stelit's mit den Vereinigten Staaten von Amerika) seihst eine aktive Wauderuiigshilauz nicht Kompensation der Ah• durch die Zuwamleruu• gen bedeuten I — Doch auch die vor etwa einem Meiisclieualter einsetzenden starken Binnenwanderim* gen, die, analog den Vorgängen in der Gcsamtbcvül• keiutig, auch die Juden gewaltig vom Osten nach der Mitte und gen Wcntcn schoben lind, was sozio* logisch folgenreicher ist, vom Lande in die (Groß•) Städte, hat die Reproduktionstätigkeit der deutschen Jude» stark geschwächt. Was mm die jüdische Fruchtbnrkcit in Deutschland angeht, so bemerkt Scgall zu Recht, daß über sie schwer Zuverlässiges zu sagen ist: dem» die natürliche Zunahme (die ja bekaimt ist) ist nicht identisch mit Fruchtbarkeit; auch kann sie mit der der Gesamtbevölkerung׳ nirßit olme weiteres verglichen (siche Absatz 3 dieser Bcsprccliung), mithin auch nicht bewertet werden: denn ״die Fruchtbarkeit der Juden ist die spezifische Frucht-